Interview & Porträt

Neue Heimat

Von
Josef Oehrlein
Erschienen in der Printausgabe im
Oktober 2022
Lesezeit ca.
…
Minuten

Cellisten, die durch die Welt fliegen, müssen für ihr wertvolles Instrument in der Regel einen Extraplatz buchen, wenn sie es in die Kabine mitnehmen wollen. Als der Cellist Raimund Trenkler vor Jahren zusammen mit vier Cello-Kollegen von Seoul nach Frankfurt reisen wollte, gab es für die Instrumente keine freien Plätze mehr. Wenn sie zusammen mit ihren Celli mitfliegen dürften, würden sie an Bord das „höchste Konzert aller Zeiten“ geben, versuchten sie, die Kapitänin zu bezirzen. Die ließ sich tatsächlich erweichen, brachte die Musiker in der ersten Klasse unter, und in mehr als zehntausend Meter Höhe griffen sie lustvoll in die Saiten.

Eine hübsche Geschichte, die am Anfang eines außergewöhnlichen Musikprojekts steht. Das himmlische Musizieren muss Raimund Trenkler so viel Spaß gemacht haben, dass er auf Erden nach einem Ort suchte, wo er eine Art Familientreffen für Cellisten ausrichten könnte. Er wurde fündig in dem nobel-beschaulichen Taunusort Kronberg in der Nähe von Frankfurt. Dort gründete er einen Verein und organisierte 1993 ein erstes Cello-Festival, aus dem eine feste Institution hervorgegangen ist, die als „Cello-Akademie Kronberg“ bekannt wurde. „Diesen Namen hat es offiziell aber nie gegeben“, sagt Trenkler. Aus der etwas sperrigen Bezeichnung „Internationale Kammermusik-Akademie Kronberg“ ist schließlich die „Kronberg Academy“ geworden, ein Leuchtturm nicht nur für Cellisten, sondern für Streicher generell, auch wenn der Cello-Grandseigneur Mstislaw Rostropowitsch Kronberg werbewirksam zur Welthauptstadt des Violoncellos erhoben hat.

Krönung des nunmehr fast 30 Jahre alten Projekts, das zahlreichen Musikern den Weg an die Spitze der Streichersolisten geebnet hat, etwa der Geigerin Vilde Frang, dem Bratscher Antoine Tamestit oder dem Cellisten Edgar Moreau, ist die Eröffnung eines einzigartigen Konzert- und Studienzentrums, eines kompletten Campus. Zwar steht ein Kammermusiksaal im Mittelpunkt, in einem eigenen Trakt gibt es zusätzlich jedoch Übe-, Probe- und Prüfungsräume sowie einen zweiten kleineren Konzertsaal. Ein Studentenwohnheim soll später noch hinzukommen, ein Hotel in direkter Nachbarschaft für die Unterbringung von Besuchern und Musikern wie jene des Chamber Orchestra of Europe, das jährlich sieben bis acht Arbeitsphasen in Kronberg absolvieren will, oder der Kremerata Baltica ist bereits seit einiger Zeit in Betrieb.

Das Zentrum, das verschiedene bislang über Kronberg verstreute Stützpunkte der Akademie zusammenführt, ist als „Casals Forum“ eine Hommage an den legendären katalanischen Cellisten Pau (Pablo) Casals. Dessen humanistisches Credo, wonach die Musik in den Dienst an der Menschheit gestellt werden müsse, verstehe man als Verpflichtung für die Arbeit mit den jungen hochtalentierten Musikern, die ihre Ausbildung in Kronberg unter Anleitung international renommierter Musiker höchsten Rangs perfektionieren können, betont Trenkler, der als Intendant die Kronberg Academy leitet.

Zwischen 30 und 40 Absolventen können auf dem Campus nach einem aufwändigen Auswahlverfahren in maßgeschneiderten Studiengängen Bachelor- und Masterabschlüsse erwerben und gegen allzu frühe Ausbeutung auf dem gefräßigen Musikmarkt Widerstandskräfte aufbauen. Nicht alle Mitglieder der Streicherfamilie kommen dabei zum Zuge, so bleibt der Kontrabass außen vor, weil er nicht als vollwertiges Solo-Instrument betrachtet wird, auch die nahen historischen Verwandten der modernen Streichinstrumente, die Gamben, werden im Unterricht nicht berücksichtigt.

Das Klavier allerdings ist als oft unverzichtbarer Streicher-Compagnon hochwillkommen, es wird gar ein eigener Studiengang für Klavier in der Kammermusik angeboten. Die Kronberg Academy pflegt insbesondere zu Bechstein ein intensives Verhältnis, aber auch Pianos der anderen renommierten Marken werden bespielt. Bei den Konzerten und anderen Veranstaltungen dürfen freilich Instrumente jeder Art auftreten, es wird aber keinen permanenten Konzertbetrieb mit Fremdveranstaltern geben, die beiden Konzertsäle sollen vielmehr vor allem als „Werkräume“ für die Musiker dienen.

Bauherrin des Casals Forums und Organisatorin des Konzertbetriebs ist die „Gemeinnützige Kronberg Academy Stiftung“. Auch wenn beträchtliche öffentliche Gelder in das Projekt fließen, ist die Kronberg Academy grundsätzlich eine private Einrichtung, die vor allem von Spendern, Stiftern, Sponsoren und Förderern getragen wird. Die Baukosten belaufen sich auf rund 60 Millionen Euro, wobei die öffentliche Hand 60 Prozent übernimmt und die restlichen 40 Prozent von privaten Geldgebern beigesteuert werden.

Von Anfang an hätten Architekten und Akustiker „auf Augenhöhe“ zusammengearbeitet, um vor allem im großen Konzertsaal optimale akustische Bedingungen zu schaffen, die auch den Tonaufnahmen zugutekommen sollen, erläutert Trenkler. Mit dem Deutschlandfunk und dem Hessischen Rundfunk ist ein enger Austausch geplant. Der Saal ist mit hellem Holz ausgekleidet, fasst knapp 600 Besucher und bietet auf dem Podium einem mittelgroßen Orchester bis rund 65 Musikern Platz. Auffällig ist eine Glaswand oberhalb der Bühne, die den Blick auf den benachbarten Victoriapark freigibt, durch die aber auch Passanten in den Konzertsaal hineinsehen können.

Die Einbindung in die natürliche Umgebung ist Teil eines umfänglichen Nachhaltigkeitskonzepts, das den Konzertsaal nach Meinung Trenklers weltweit zur ersten klimaneutral betriebenen Kultureinrichtung dieser Art macht. Die Lage ist optimal, wenige Meter vom Kronberger Bahnhof entfernt, die S-Bahnlinie 4 fährt in 20 Minuten zum Frankfurter Hauptbahnhof und bis hinunter ins Südhessische, auch der Rhein-Main-Flughafen ist schnell mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Es gibt aber auch Parkmöglichkeiten für Fahrzeuge. Die enge Bahn-Anbindung hat übrigens zu einer kleinen Kuriosität geführt: zu „krummen“, an den Fahrplan angepassten Anfangszeiten der Konzerte, wie etwa 17:15, 19:45 oder 21:15 Uhr.

Cellisten, die durch die Welt fliegen, müssen für ihr wertvolles Instrument in der Regel einen Extraplatz buchen, wenn sie es in die Kabine mitnehmen wollen. Als der Cellist Raimund Trenkler vor Jahren zusammen mit vier Cello-Kollegen von Seoul nach Frankfurt reisen wollte, gab es für die Instrumente keine freien Plätze mehr. Wenn sie zusammen mit ihren Celli mitfliegen dürften, würden sie an Bord das „höchste Konzert aller Zeiten“ geben, versuchten sie, die Kapitänin zu bezirzen. Die ließ sich tatsächlich erweichen, brachte die Musiker in der ersten Klasse unter, und in mehr als zehntausend Meter Höhe griffen sie lustvoll in die Saiten.

Eine hübsche Geschichte, die am Anfang eines außergewöhnlichen Musikprojekts steht. Das himmlische Musizieren muss Raimund Trenkler so viel Spaß gemacht haben, dass er auf Erden nach einem Ort suchte, wo er eine Art Familientreffen für Cellisten ausrichten könnte. Er wurde fündig in dem nobel-beschaulichen Taunusort Kronberg in der Nähe von Frankfurt. Dort gründete er einen Verein und organisierte 1993 ein erstes Cello-Festival, aus dem eine feste Institution hervorgegangen ist, die als „Cello-Akademie Kronberg“ bekannt wurde. „Diesen Namen hat es offiziell aber nie gegeben“, sagt Trenkler. Aus der etwas sperrigen Bezeichnung „Internationale Kammermusik-Akademie Kronberg“ ist schließlich die „Kronberg Academy“ geworden, ein Leuchtturm nicht nur für Cellisten, sondern für Streicher generell, auch wenn der Cello-Grandseigneur Mstislaw Rostropowitsch Kronberg werbewirksam zur Welthauptstadt des Violoncellos erhoben hat.

Krönung des nunmehr fast 30 Jahre alten Projekts, das zahlreichen Musikern den Weg an die Spitze der Streichersolisten geebnet hat, etwa der Geigerin Vilde Frang, dem Bratscher Antoine Tamestit oder dem Cellisten Edgar Moreau, ist die Eröffnung eines einzigartigen Konzert- und Studienzentrums, eines kompletten Campus. Zwar steht ein Kammermusiksaal im Mittelpunkt, in einem eigenen Trakt gibt es zusätzlich jedoch Übe-, Probe- und Prüfungsräume sowie einen zweiten kleineren Konzertsaal. Ein Studentenwohnheim soll später noch hinzukommen, ein Hotel in direkter Nachbarschaft für die Unterbringung von Besuchern und Musikern wie jene des Chamber Orchestra of Europe, das jährlich sieben bis acht Arbeitsphasen in Kronberg absolvieren will, oder der Kremerata Baltica ist bereits seit einiger Zeit in Betrieb.

Das Zentrum, das verschiedene bislang über Kronberg verstreute Stützpunkte der Akademie zusammenführt, ist als „Casals Forum“ eine Hommage an den legendären katalanischen Cellisten Pau (Pablo) Casals. Dessen humanistisches Credo, wonach die Musik in den Dienst an der Menschheit gestellt werden müsse, verstehe man als Verpflichtung für die Arbeit mit den jungen hochtalentierten Musikern, die ihre Ausbildung in Kronberg unter Anleitung international renommierter Musiker höchsten Rangs perfektionieren können, betont Trenkler, der als Intendant die Kronberg Academy leitet.

Zwischen 30 und 40 Absolventen können auf dem Campus nach einem aufwändigen Auswahlverfahren in maßgeschneiderten Studiengängen Bachelor- und Masterabschlüsse erwerben und gegen allzu frühe Ausbeutung auf dem gefräßigen Musikmarkt Widerstandskräfte aufbauen. Nicht alle Mitglieder der Streicherfamilie kommen dabei zum Zuge, so bleibt der Kontrabass außen vor, weil er nicht als vollwertiges Solo-Instrument betrachtet wird, auch die nahen historischen Verwandten der modernen Streichinstrumente, die Gamben, werden im Unterricht nicht berücksichtigt.

Das Klavier allerdings ist als oft unverzichtbarer Streicher-Compagnon hochwillkommen, es wird gar ein eigener Studiengang für Klavier in der Kammermusik angeboten. Die Kronberg Academy pflegt insbesondere zu Bechstein ein intensives Verhältnis, aber auch Pianos der anderen renommierten Marken werden bespielt. Bei den Konzerten und anderen Veranstaltungen dürfen freilich Instrumente jeder Art auftreten, es wird aber keinen permanenten Konzertbetrieb mit Fremdveranstaltern geben, die beiden Konzertsäle sollen vielmehr vor allem als „Werkräume“ für die Musiker dienen.

Bauherrin des Casals Forums und Organisatorin des Konzertbetriebs ist die „Gemeinnützige Kronberg Academy Stiftung“. Auch wenn beträchtliche öffentliche Gelder in das Projekt fließen, ist die Kronberg Academy grundsätzlich eine private Einrichtung, die vor allem von Spendern, Stiftern, Sponsoren und Förderern getragen wird. Die Baukosten belaufen sich auf rund 60 Millionen Euro, wobei die öffentliche Hand 60 Prozent übernimmt und die restlichen 40 Prozent von privaten Geldgebern beigesteuert werden.

Von Anfang an hätten Architekten und Akustiker „auf Augenhöhe“ zusammengearbeitet, um vor allem im großen Konzertsaal optimale akustische Bedingungen zu schaffen, die auch den Tonaufnahmen zugutekommen sollen, erläutert Trenkler. Mit dem Deutschlandfunk und dem Hessischen Rundfunk ist ein enger Austausch geplant. Der Saal ist mit hellem Holz ausgekleidet, fasst knapp 600 Besucher und bietet auf dem Podium einem mittelgroßen Orchester bis rund 65 Musikern Platz. Auffällig ist eine Glaswand oberhalb der Bühne, die den Blick auf den benachbarten Victoriapark freigibt, durch die aber auch Passanten in den Konzertsaal hineinsehen können.

Die Einbindung in die natürliche Umgebung ist Teil eines umfänglichen Nachhaltigkeitskonzepts, das den Konzertsaal nach Meinung Trenklers weltweit zur ersten klimaneutral betriebenen Kultureinrichtung dieser Art macht. Die Lage ist optimal, wenige Meter vom Kronberger Bahnhof entfernt, die S-Bahnlinie 4 fährt in 20 Minuten zum Frankfurter Hauptbahnhof und bis hinunter ins Südhessische, auch der Rhein-Main-Flughafen ist schnell mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Es gibt aber auch Parkmöglichkeiten für Fahrzeuge. Die enge Bahn-Anbindung hat übrigens zu einer kleinen Kuriosität geführt: zu „krummen“, an den Fahrplan angepassten Anfangszeiten der Konzerte, wie etwa 17:15, 19:45 oder 21:15 Uhr.