„Türen weiter öffnen“
Mit ihrem Chineke! Orchestra, das vor allem Schwarze und Angehörige ethnischer Minderheiten aufnimmt, fördert die Britin Chi-chi Nwanoku Diversität in der Klassik.

Vor ein paar Jahren kam Chi-chi Nwanoku nach einem Treffen mit Ed Vaizey ins Grübeln. Der frühere Kulturminister der Vereinigten Königreichs fragte sie, warum er neben ihr keine anderen schwarzen Instrumentalisten regelmäßig auf der Bühne sehe. Die Stimmführerin der Kontrabassgruppe des Orchestra of the Age of Enlightenment hatte spontan keine Antwort parat. Aber sie beschloss, etwas zu ändern, Schwarze und Angehörige ethnischer Minderheiten ins Rampenlicht zu holen: „Dass es in Orchestern kaum Schwarze gibt, hat nichts mit mangelndem Talent zu tun, sondern mit einem Mangel an Möglichkeiten.“
Den Beweis für diese These lieferte die 1956 in London geborene Kontrabassistin mit dem Chineke! Orchestra, das sie 2015 gründete. Um Instrumentalisten zu finden, schaltete sie weder Anzeigen noch lud sie zum Vorspielen ein. Stattdessen recherchierte Chi-chi Nwanoku sehr gewissenhaft im Internet und ließ sich von Kollegen Musiker empfehlen, die sie dann direkt kontaktierte: „Ich habe mit jedem Einzelnen gesprochen, um etwas über den jeweiligen persönlichen Hintergrund zu erfahren.“
Als die Musiker schließlich in London für Proben zusammenkamen, bat Chi-chi Nwanoku ihre Assistentin, eine große Weltkarte zu kaufen. Dort zeichneten die Eingeladenen die Herkunftsländer ihrer Eltern ein. Es zeigte sich, dass die 62 Instrumentalisten aus 31 verschiedenen Nationen stammten. Im September 2015 trat das Chineke! Orchestra im Southbank Centre erstmals auf.

Wenige Stunden zuvor hatte dort bereits das Chineke! Junior Orchestra, dessen Mitglieder 11 bis 22 Jahre alt sind, debütiert – mit dem damals 16-jährigen Cellisten Sheku Kanneh- Mason, der inzwischen längst einen Plattenvertrag als Solokünstler hat. „Ich habe Shekus Begabung sofort erkannt“, sagt Chi-chi Nwanoku. Er und seine sechs Geschwister seien aber nicht die einzigen schwarzen Nachwuchskünstler, die es in der Welt der Klassik weit bringen könnten: „All meine Junioren sind so gut wie die Kanneh-Masons.“ Zehn von ihnen spielen mittlerweile im National Youth Orchestra of Great Britain. Mit dieser Entwicklung ist Chi-chi Nwanoku mehr als zufrieden: „Bevor es das Chineke! Junior Orchestra gab, waren im National Youth Orchestra unter 165 Jugendlichen vielleicht ein, zwei Schwarze.“
Warum das so war, liegt für die Tochter eines Nigerianers und einer Irin auf der Hand. Ihr Vater, berichtet Chi-chi Nwanoku, habe ihr gepredigt: „Um halb so weit zu kommen wie ein Weißer, musst du doppelt so gut sein.“ Dies erzeugte enormen Druck: „In der Regel haben die Eltern ihre Kinder gar nicht erst ermutigt, sich für ein Orchester zu bewerben – aus Angst, dass ihre Töchter und Söhne dort nicht willkommen sein könnten.“
Dank des Chineke!-Projekts ändern sich die Dinge jedoch gerade, das Selbstbewusstsein ethnischer Minderheiten wächst zusehends: „Heute bewerben sich viermal so viele junge People of Color an den britischen Konservatorien wie früher.“ Mit dem Wissen: Was andere können, können sie auch.
Musiker wie die Kanneh-Masons haben dabei definitiv eine Vorbildfunktion. Zudem ziehen sie ein neues Publikum an. Chi-chi Nwanoku wird nie vergessen, was sie empfunden hatte, als sie beim Chineke!-Orchestra- Live-Debüt ins Auditorium schaute: „Zum ersten Mal repräsentierte das Publikum wirklich London“, saßen im Saal auch viele Nicht-Weiße. Neben Kompositionen von Brahms und Beethoven lauschte das Publikum zur Eröffnung damals einem Stück von Samuel Coleridge-Taylor. Denn das Chineke! Orchestra hat sich zum Ziel gesetzt, Werke schwarzer Komponisten endlich populärer zu machen.
Konsequenterweise widmet sich das Orchester auf seinem ersten Album „Coleridge-Taylor“ hauptsächlich den Werken des Namensgebers. Es interpretiert zum Beispiel dessen „African Suite“ oder die „Othello Suite“. Zudem hat es mit „Sussex Landscape“ ein Stück von Samuel Coleridge-Taylors Tochter Avril ausgewählt – als Ersteinspielung. Für Chi-chi Nwanoku ist diese Musik sehr visuell: „Man hört förmlich, wie die mächtigen Wellen an der Kaimauer brechen.“
Dieses Kopfkino will das Chineke! Orchestra nun Menschen auf der ganzen Welt nahebringen. Im Sommer gastierte es bereits in Städten wie Hamburg und Helsinki und nahm eine Einladung zum Lucerne Festival an, eine US-Tournee soll 2023 folgen. Dafür stehen Chichi Nwanoku, die in ihrer Jugend als 100-Meter- Sprinterin für eine Teilnahme an der Olympiade trainierte, ihre Karriere als Athletin aber wegen einer Verletzung aufgeben musste und sich deswegen ganz auf die Musik konzentrierte, zahlreiche Instrumentalisten aus dem In- und Ausland zur Verfügung. Trotz der Erfolge ist sie noch nicht ganz zufrieden: „Ich will die Türen weiter öffnen für Musiker und Komponisten, die bisher in der Klassik unsichtbar waren.“
Vor ein paar Jahren kam Chi-chi Nwanoku nach einem Treffen mit Ed Vaizey ins Grübeln. Der frühere Kulturminister der Vereinigten Königreichs fragte sie, warum er neben ihr keine anderen schwarzen Instrumentalisten regelmäßig auf der Bühne sehe. Die Stimmführerin der Kontrabassgruppe des Orchestra of the Age of Enlightenment hatte spontan keine Antwort parat. Aber sie beschloss, etwas zu ändern, Schwarze und Angehörige ethnischer Minderheiten ins Rampenlicht zu holen: „Dass es in Orchestern kaum Schwarze gibt, hat nichts mit mangelndem Talent zu tun, sondern mit einem Mangel an Möglichkeiten.“
Den Beweis für diese These lieferte die 1956 in London geborene Kontrabassistin mit dem Chineke! Orchestra, das sie 2015 gründete. Um Instrumentalisten zu finden, schaltete sie weder Anzeigen noch lud sie zum Vorspielen ein. Stattdessen recherchierte Chi-chi Nwanoku sehr gewissenhaft im Internet und ließ sich von Kollegen Musiker empfehlen, die sie dann direkt kontaktierte: „Ich habe mit jedem Einzelnen gesprochen, um etwas über den jeweiligen persönlichen Hintergrund zu erfahren.“
Als die Musiker schließlich in London für Proben zusammenkamen, bat Chi-chi Nwanoku ihre Assistentin, eine große Weltkarte zu kaufen. Dort zeichneten die Eingeladenen die Herkunftsländer ihrer Eltern ein. Es zeigte sich, dass die 62 Instrumentalisten aus 31 verschiedenen Nationen stammten. Im September 2015 trat das Chineke! Orchestra im Southbank Centre erstmals auf.

Wenige Stunden zuvor hatte dort bereits das Chineke! Junior Orchestra, dessen Mitglieder 11 bis 22 Jahre alt sind, debütiert – mit dem damals 16-jährigen Cellisten Sheku Kanneh- Mason, der inzwischen längst einen Plattenvertrag als Solokünstler hat. „Ich habe Shekus Begabung sofort erkannt“, sagt Chi-chi Nwanoku. Er und seine sechs Geschwister seien aber nicht die einzigen schwarzen Nachwuchskünstler, die es in der Welt der Klassik weit bringen könnten: „All meine Junioren sind so gut wie die Kanneh-Masons.“ Zehn von ihnen spielen mittlerweile im National Youth Orchestra of Great Britain. Mit dieser Entwicklung ist Chi-chi Nwanoku mehr als zufrieden: „Bevor es das Chineke! Junior Orchestra gab, waren im National Youth Orchestra unter 165 Jugendlichen vielleicht ein, zwei Schwarze.“
Warum das so war, liegt für die Tochter eines Nigerianers und einer Irin auf der Hand. Ihr Vater, berichtet Chi-chi Nwanoku, habe ihr gepredigt: „Um halb so weit zu kommen wie ein Weißer, musst du doppelt so gut sein.“ Dies erzeugte enormen Druck: „In der Regel haben die Eltern ihre Kinder gar nicht erst ermutigt, sich für ein Orchester zu bewerben – aus Angst, dass ihre Töchter und Söhne dort nicht willkommen sein könnten.“
Dank des Chineke!-Projekts ändern sich die Dinge jedoch gerade, das Selbstbewusstsein ethnischer Minderheiten wächst zusehends: „Heute bewerben sich viermal so viele junge People of Color an den britischen Konservatorien wie früher.“ Mit dem Wissen: Was andere können, können sie auch.
Musiker wie die Kanneh-Masons haben dabei definitiv eine Vorbildfunktion. Zudem ziehen sie ein neues Publikum an. Chi-chi Nwanoku wird nie vergessen, was sie empfunden hatte, als sie beim Chineke!-Orchestra- Live-Debüt ins Auditorium schaute: „Zum ersten Mal repräsentierte das Publikum wirklich London“, saßen im Saal auch viele Nicht-Weiße. Neben Kompositionen von Brahms und Beethoven lauschte das Publikum zur Eröffnung damals einem Stück von Samuel Coleridge-Taylor. Denn das Chineke! Orchestra hat sich zum Ziel gesetzt, Werke schwarzer Komponisten endlich populärer zu machen.
Konsequenterweise widmet sich das Orchester auf seinem ersten Album „Coleridge-Taylor“ hauptsächlich den Werken des Namensgebers. Es interpretiert zum Beispiel dessen „African Suite“ oder die „Othello Suite“. Zudem hat es mit „Sussex Landscape“ ein Stück von Samuel Coleridge-Taylors Tochter Avril ausgewählt – als Ersteinspielung. Für Chi-chi Nwanoku ist diese Musik sehr visuell: „Man hört förmlich, wie die mächtigen Wellen an der Kaimauer brechen.“
Dieses Kopfkino will das Chineke! Orchestra nun Menschen auf der ganzen Welt nahebringen. Im Sommer gastierte es bereits in Städten wie Hamburg und Helsinki und nahm eine Einladung zum Lucerne Festival an, eine US-Tournee soll 2023 folgen. Dafür stehen Chichi Nwanoku, die in ihrer Jugend als 100-Meter- Sprinterin für eine Teilnahme an der Olympiade trainierte, ihre Karriere als Athletin aber wegen einer Verletzung aufgeben musste und sich deswegen ganz auf die Musik konzentrierte, zahlreiche Instrumentalisten aus dem In- und Ausland zur Verfügung. Trotz der Erfolge ist sie noch nicht ganz zufrieden: „Ich will die Türen weiter öffnen für Musiker und Komponisten, die bisher in der Klassik unsichtbar waren.“
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