Interview & Porträt

„Irres Glück“

Von
Burkhard Schäfer
Erschienen in der Printausgabe im
Oktober 2022
Lesezeit ca.
…
Minuten
Foto: Wolfgang Schmidt
Foto: Wolfgang Schmidt

Wie kam es zur Gründung Ihres Ensembles, dem Klaviertrio Hannover?

Eines Tages meldete sich ein Agent bei mir, der sagte, er bräuchte für eine Veranstaltung ein Klaviertrio. Das fand ich spannend und ich habe mir zwei Musikerinnen gesucht. Das war 2013. Fünf Jahre lang waren wir dann ein reines Frauen-Ensemble. Der Agent sagte uns: „Wir leben ja hier in Hannover, dann nennt euch doch auch einfach Klaviertrio Hannover“ – was wir auch getan haben (lacht). Mit der Geigerin Łucja Madziar spiele ich schon von Anfang an, 2018 kam Johannes Krebs als neuer Cellist zu uns. Unser drittes Konzert, das wir gemeinsam gespielt haben, war dann gleich in der Elbphilharmonie.

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Wie sind Sie dann auf Emilie Mayer gestoßen?

Das einzig Schöne am Lockdown war: Ich hatte damals sehr viel Zeit (lacht), auch zum Hören von Musik. Dabei ist mir auch die CD mit den Klavierquartetten von Mayer in die Hände gefallen, die das Mariani Klavierquartett vor ein paar Jahren für cpo eingespielt hat. Beim Anhören habe ich gedacht: Was ist das denn für eine tolle Musik? Warum kenne ich die Komponistin gar nicht? Ab diesem Moment war ich angefixt und wollte wissen, ob sie auch Klaviertrios geschrieben hat.

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Wie sind Sie bei Ihren Mayer-Recherchen vorgegangen? Wo haben Sie überall „angeklopft“?

Wegen Corona konnte ich nirgendwo persönlich anklopfen, ich habe also ganz viel telefoniert und dabei nicht lockergelassen. Irgendwann bekam ich den Tipp: Rufen Sie doch mal die Staatsbibliothek in Berlin an! Mit viel Glück habe ich dann die entscheidende Person aus der Handschriftenabteilung an die Strippe bekommen, die wusste, dass es die Mayer-Manuskripte gibt. Dann habe ich die Rechte daran erkauft und mir die Werke vorgenommen – irres Glück, kann ich nur sagen. Dass dieser Schatz noch nicht geborgen war, konnte ich gar nicht fassen.

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Mit der Vita von Mayer haben Sie sich dann sicher auch beschäftigt …

Aber ja – und die ist spannend! Sie hat nur als Komponistin und Pianistin gelebt, war nicht verheiratet und auch keine Lehrperson. Sie hat wirklich alles daran gesetzt, Musik zu schreiben. Ich wusste lange nicht, wie schwer es Frauen in der Romantik hatten. Deshalb fi nde ich es umso bewundernswerter, was Emilie Mayer in ihrer Zeit erreicht hat. Ich sehe viele Frauen der damaligen Zeit jetzt mit anderen Augen, etwa George Sand oder Clara Schumann, die aber sicher auch längst nicht alles das erreichen konnten, was sie sich vermutlich erträumt hatten.

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Wie haben Sie die Mayer-Klaviertrios mit Ihren beiden Mitstreitern dann einstudiert?

Wir haben uns einfach mit den Handschrift en hingesetzt und die Werke aus den Manuskripten heraus durchgespielt – und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich diesen Moment in meinem ganzen Leben nicht vergessen werde. Wir wussten ja nicht, was auf uns zukommt, haben komplettes Neuland betreten und mehrere Sessions benötigt, um uns die Stücke zu erarbeiten. Das war unglaublich aufregend, zumal die Trios auf einem ganz hohen Niveau angesiedelt sind. Und dann denkt man sich: Wie gerne würde ich Emilie Mayer jetzt anrufen und fragen, wie sie diese oder jene Stelle gemeint hat (lacht).

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Wie original – und originell – ist Mayers Musik?

Wenn man die Trios vier, fünf Mal gespielt hat, fängt man an, nach Hinweisen zu suchen auf Dinge, die man schon kennt: Ach ja, das klingt ja wie Schumann. Und dann merkt man: Nein, das kommt nicht hin, es ist ja Mayer, nicht Schumann. Es hat bei uns eine Zeit gebraucht, bis wir gemerkt und akzeptiert haben, dass das eben Mayers Musiksprache ist. Richtig originell ist sie übrigens in ihren Codas. Normalerweise verarbeiten die Codas vorangegangene Themen, nicht so bei Mayer. Bei ihr geht da immer noch mal eine ganz neue Tür auf.

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Haben Sie die Manuskripte dann auch für den Druck bearbeitet?

Haben wir. Und auch das war spannend. Denn wie geht man vor? Gleicht man alles an? Wie hat Mayer ihre Bögen gemeint? Warum schreibt sie mal einen Bogen unter eine Drei-Achtel-Kette und dann wieder nicht? Macht man eine spielpraktische Ausgabe, die von uns kommt? Oder geht man dem Autographen ganz genau nach? Solche Entscheidungen wollen gut überlegt sein. Die Trios werden übrigens am 11. August im Kasseler Furore-Verlag erscheinen, der nur Werke von Komponistinnen druckt. An diesem Tag machen wir dort dann auch das Noten-Release-Konzert.

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Haben Sie bei Ihren Recherchen noch weitere ungehobene Kammermusik- Schätze von Mayer entdeckt?

Und ob! Wir haben noch zwei Klaviertrios in petto; eines, das noch nie gespielt wurde, und ein weiteres, das in zwei Sätzen starke Ähnlichkeiten zu ihrem d-Moll-Trio aufweist, vermutlich handelt es sich um die Frühfassung. Diese Trios würden wir auch gern noch einspielen. Und dann hat Mayer sechs herrliche Sonaten geschrieben, drei für Violine und drei für Cello und Klavier. Das sind große, ausladende Werke mit klassischer Satzabfolge, die zwischen 17 und 30 Minuten lang dauern – Mayer war halt eine echte Romantikerin. In all diesen Sonaten hat sie sich vordergründig an die klassische Form gehalten, dabei aber alles, was ging, gesprengt.

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Werden Sie die Sonaten mit Łucja Madziar und Johannes Krebs auch noch auf CD einspielen?

Pläne dafür gibt es sehr wohl, wir sind aber noch auf der Suche nach Kooperationspartnern. Wir selbst könnten sofort loslegen, haben alles dafür vorbereitet. Ich hoff e sehr, dass es nicht mehr allzu lange dauert, denn die Musikwelt braucht diese Sonaten.

Wie kam es zur Gründung Ihres Ensembles, dem Klaviertrio Hannover?

Eines Tages meldete sich ein Agent bei mir, der sagte, er bräuchte für eine Veranstaltung ein Klaviertrio. Das fand ich spannend und ich habe mir zwei Musikerinnen gesucht. Das war 2013. Fünf Jahre lang waren wir dann ein reines Frauen-Ensemble. Der Agent sagte uns: „Wir leben ja hier in Hannover, dann nennt euch doch auch einfach Klaviertrio Hannover“ – was wir auch getan haben (lacht). Mit der Geigerin Łucja Madziar spiele ich schon von Anfang an, 2018 kam Johannes Krebs als neuer Cellist zu uns. Unser drittes Konzert, das wir gemeinsam gespielt haben, war dann gleich in der Elbphilharmonie.

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Wie sind Sie dann auf Emilie Mayer gestoßen?

Das einzig Schöne am Lockdown war: Ich hatte damals sehr viel Zeit (lacht), auch zum Hören von Musik. Dabei ist mir auch die CD mit den Klavierquartetten von Mayer in die Hände gefallen, die das Mariani Klavierquartett vor ein paar Jahren für cpo eingespielt hat. Beim Anhören habe ich gedacht: Was ist das denn für eine tolle Musik? Warum kenne ich die Komponistin gar nicht? Ab diesem Moment war ich angefixt und wollte wissen, ob sie auch Klaviertrios geschrieben hat.

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Wie sind Sie bei Ihren Mayer-Recherchen vorgegangen? Wo haben Sie überall „angeklopft“?

Wegen Corona konnte ich nirgendwo persönlich anklopfen, ich habe also ganz viel telefoniert und dabei nicht lockergelassen. Irgendwann bekam ich den Tipp: Rufen Sie doch mal die Staatsbibliothek in Berlin an! Mit viel Glück habe ich dann die entscheidende Person aus der Handschriftenabteilung an die Strippe bekommen, die wusste, dass es die Mayer-Manuskripte gibt. Dann habe ich die Rechte daran erkauft und mir die Werke vorgenommen – irres Glück, kann ich nur sagen. Dass dieser Schatz noch nicht geborgen war, konnte ich gar nicht fassen.

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Mit der Vita von Mayer haben Sie sich dann sicher auch beschäftigt …

Aber ja – und die ist spannend! Sie hat nur als Komponistin und Pianistin gelebt, war nicht verheiratet und auch keine Lehrperson. Sie hat wirklich alles daran gesetzt, Musik zu schreiben. Ich wusste lange nicht, wie schwer es Frauen in der Romantik hatten. Deshalb fi nde ich es umso bewundernswerter, was Emilie Mayer in ihrer Zeit erreicht hat. Ich sehe viele Frauen der damaligen Zeit jetzt mit anderen Augen, etwa George Sand oder Clara Schumann, die aber sicher auch längst nicht alles das erreichen konnten, was sie sich vermutlich erträumt hatten.

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Wie haben Sie die Mayer-Klaviertrios mit Ihren beiden Mitstreitern dann einstudiert?

Wir haben uns einfach mit den Handschrift en hingesetzt und die Werke aus den Manuskripten heraus durchgespielt – und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich diesen Moment in meinem ganzen Leben nicht vergessen werde. Wir wussten ja nicht, was auf uns zukommt, haben komplettes Neuland betreten und mehrere Sessions benötigt, um uns die Stücke zu erarbeiten. Das war unglaublich aufregend, zumal die Trios auf einem ganz hohen Niveau angesiedelt sind. Und dann denkt man sich: Wie gerne würde ich Emilie Mayer jetzt anrufen und fragen, wie sie diese oder jene Stelle gemeint hat (lacht).

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Wie original – und originell – ist Mayers Musik?

Wenn man die Trios vier, fünf Mal gespielt hat, fängt man an, nach Hinweisen zu suchen auf Dinge, die man schon kennt: Ach ja, das klingt ja wie Schumann. Und dann merkt man: Nein, das kommt nicht hin, es ist ja Mayer, nicht Schumann. Es hat bei uns eine Zeit gebraucht, bis wir gemerkt und akzeptiert haben, dass das eben Mayers Musiksprache ist. Richtig originell ist sie übrigens in ihren Codas. Normalerweise verarbeiten die Codas vorangegangene Themen, nicht so bei Mayer. Bei ihr geht da immer noch mal eine ganz neue Tür auf.

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Haben Sie die Manuskripte dann auch für den Druck bearbeitet?

Haben wir. Und auch das war spannend. Denn wie geht man vor? Gleicht man alles an? Wie hat Mayer ihre Bögen gemeint? Warum schreibt sie mal einen Bogen unter eine Drei-Achtel-Kette und dann wieder nicht? Macht man eine spielpraktische Ausgabe, die von uns kommt? Oder geht man dem Autographen ganz genau nach? Solche Entscheidungen wollen gut überlegt sein. Die Trios werden übrigens am 11. August im Kasseler Furore-Verlag erscheinen, der nur Werke von Komponistinnen druckt. An diesem Tag machen wir dort dann auch das Noten-Release-Konzert.

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Haben Sie bei Ihren Recherchen noch weitere ungehobene Kammermusik- Schätze von Mayer entdeckt?

Und ob! Wir haben noch zwei Klaviertrios in petto; eines, das noch nie gespielt wurde, und ein weiteres, das in zwei Sätzen starke Ähnlichkeiten zu ihrem d-Moll-Trio aufweist, vermutlich handelt es sich um die Frühfassung. Diese Trios würden wir auch gern noch einspielen. Und dann hat Mayer sechs herrliche Sonaten geschrieben, drei für Violine und drei für Cello und Klavier. Das sind große, ausladende Werke mit klassischer Satzabfolge, die zwischen 17 und 30 Minuten lang dauern – Mayer war halt eine echte Romantikerin. In all diesen Sonaten hat sie sich vordergründig an die klassische Form gehalten, dabei aber alles, was ging, gesprengt.

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Werden Sie die Sonaten mit Łucja Madziar und Johannes Krebs auch noch auf CD einspielen?

Pläne dafür gibt es sehr wohl, wir sind aber noch auf der Suche nach Kooperationspartnern. Wir selbst könnten sofort loslegen, haben alles dafür vorbereitet. Ich hoff e sehr, dass es nicht mehr allzu lange dauert, denn die Musikwelt braucht diese Sonaten.