Interview & Porträt

Soundtrack einer Kindheit

Von
Mirjam Schadendorf
Erschienen in der Printausgabe im
Oktober 2022
Lesezeit ca.
…
Minuten
Dass der Komponist, Bandleader und Dirigent Muthspiel auch am Klavier trittfest ist, versteht sich.
Dass der Komponist, Bandleader und Dirigent Muthspiel auch am Klavier trittfest ist, versteht sich.

Was macht einer, dessen Kindheit und Jugend voller Volksmusik, Tanz und Liedern war? Dessen erste 16 Jahre quasi durchtränkt waren vom Erbe der Jugendmusikbewegung, von der alpenländischen Tradition des Jodelns und des vierstimmigen Improvisierens. Im Falle von Christian Muthspiel ist diese Frage scheinbar ganz einfach zu beantworten: Er wird selbst Musiker.

Schaut man genauer hin, wird es komplizierter. Denn Christian, ältestes von vier Kindern des Chorleiters Kurt Muthspiel, tritt nicht einfach dessen Erbe an. Eher könnte man sagen, dass er sein ganzes Erwachsenenleben damit beschäftigt ist, sein Erbe aufzuarbeiten. So ist der Posaunist, Komponist und Dirigent schwerlich als reiner Jazzer zu bezeichnen. Zwar ist die improvisierte Musik die erste, der er sich bewusst zugewandt hat. Doch das, was ihm in die Wiege gelegt wurde, ist immer Bestandteil seines Schaffens.

In all seiner Radikalität zeigt sich das in den Alben „May“ und „ Huljo“. Hier verbindet der Mann aus der Steiermark die traditionellen Jodler der Bergbewohner mit dem Jazz. Aufgenommen hat er die erstgenannte CD 2010 in New York. Für ihn ist das jedoch kein Stilbruch. Er hat damit einfach seine vielschichtige musikalische Biografie etwas geglättet. „Die Jodler waren für mich ja viel früher da als der Jazz“, sagt er. „Den Jazz habe ich erst als 17-, 18-Jähriger entdeckt. Die Jodler aber habe ich quasi seit meiner Geburt, die sind einfach da gewesen. Insofern habe ich mir eher den Jazz aneignen müssen als die Jodler und habe jetzt, viele Jahre später, sozusagen eine Kurve geschlagen, zurück zu den Jodlern.“

Die Kindheit von Christian und seinen Brüdern war durchaus keine, wie man sie aus den 1960er-Jahren in Deutschland kennt. Statt Sonntagsausflüge mit dem Auto oder in den Zoo zu unternehmen, stieg Familie Muthspiel auf einen Berg und stimmte dann einen Jodler an. So etwas prägt. Wie sehr, zeigt der Film „Super8Music“ von 2021. 20 Jahre nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters stellten Christian und sein Bruder, der Gitarrist Wolfgang Muthspiel, auf Anregung des Schweizer Fernsehens aus zahlreichen Super-8-Filmen ein Video zusammen: 45 Minuten lang schwarz-weiße, verwackelte Kameraaufnahmen mit planschenden Babys, spielenden Kleinkindern und musizierenden Familienmitgliedern. Der Soundtrack des Films entstand direkt nach dem Tode Muthspiels im Jahr 2001. Den Ausgang für die Improvisationen der Brüder bilden jeweils kurze Passagen aus Plattenaufnahmen des Vaters, der Schnitt des Films folgt dem Rhythmus der Improvisationen. Wiederholen sich Themen, wiederholen sich auch Bildsequenzen. Auf die Frage, warum sie den Film gemacht haben, antwortet Muthspiel schlicht: „Der Film ehrt unseren Vater.“

Mit dem Vorbild eines so allgegenwärtigen Patriarchen im Hinterkopf ist es nur folgerichtig, dass Christian Muthspiel sich zeitlebens neu erfindet. Mit ungeheurer Kreativität zeigt er sich als klassischer Jazzer, etwa mit seinem eigenen Trio, aber auch mit Größen seiner Zeit, von Tomasz Stanko bis Georg Breinschmid und Steve Swallow. Und gleichzeitig treibt seine musikalische Sozialisation immer neue Blüten, so mit dem Projekt „Dancing Dowland“. Hier wird John Dowlands Zyklus „Lachrimae, Or Seaven Teares“ in den Bereich der improvisierten Musik überführt. „Als Sohn eines Musikers, der sich schon ab den 1950er-Jahren intensiv mit Alter Musik beschäftigt hat, gehörte die Musik der Renaissance zum Soundtrack meiner Kindheit.“

Vor drei Jahren hat Christian Muthspiel beschlossen, nur noch als Dirigent und Komponist zu arbeiten. Mit Gründung des 17-köpfigen Ensembles „Orjazztra“ leitete er wieder mal eine neue Ära ein. Auch wenn das Virus aus Wuhan ihm seine Pläne durchkreuzte – inzwischen wurden rund 40 Konzerte gespielt und eine CD aufgenommen. Alle zwölf Tracks auf „Homecoming“ sind vom Gründer komponiert und insofern bemerkenswert, als es sich um kleine Stimmungsbilder handelt. Jeweils ungefähr drei bis vier Minuten lang, sind es musikalische Gesten, die sich hier entfalten und auf die Eigenschaften der jungen Solisten zugeschnitten sind. Der Klang ist schwer zu verorten. Möglicherweise sollte man solch eine Verortung aber gar nicht erst versuchen, sondern sich eher auf das Neue einlassen, das der nun ins Seniorenalter eintretende Muthspiel da geschaffen hat.

Natürlich belässt es dieser musikalische Allrounder nicht bei einer Geburtstagsveröff entlichung. Zeitgleich erscheint eine „Compilation“, die man so nennen könnte, steckte nicht Muthspiel dahinter. Denn mit „Diary“ stellt er zwar Werke aus den letzten 33 Jahren zusammen, doch diese werden nicht einfach noch einmal aufgelegt. Die Doppel-CD ergibt dramaturgisch neuen Sinn, denn hier werden die einzelnen Projekte der vergangenen Jahre gegeneinandergestellt: Dowland – Tradionelles aus Österreich – Jazztrio – Ernst Jandl. So kann man sich als Neuling im Muthspiel-Kosmos durch dessen verschiedene Sprachen hören. Gleichzeitig werden Kenner seine Kompositionen in neuem Licht wahrnehmen können – aus ein biss- chen historischer Distanz, neu bewertet durch die Vielfalt der Stile und Arbeitsweisen. Man lernt noch einmal den Posaunisten Muthspiel kennen, der mutig eine Renaissancemelodie zerlegt. Den umfassend gebildeten Muthspiel, der mit einem Text von Ernst Jandl nicht nur auf den Dadaismus aufmerksam macht, sondern auch auf die Geschichte Österreichs während des Nationalsozialismus. Und natürlich ist da immer der Dramaturg Muthspiel, der Musik aus ihren Schubladen holt, neu zusammenstellt und damit beständig verändert und weiterentwickelt.

Befragt, was wir in den nächsten Jahren von ihm erwarten können, antwortet der Musiker mit einem Hölderlin- Zitat: „Das lasse ich so off en, wie nur möglich. Komm, ins Offene, Freund. Das Konzept, dass man sein ganzes Leben das weitermachen muss, was man einmal begonnen hat, liegt mir nicht wirklich.“

Was macht einer, dessen Kindheit und Jugend voller Volksmusik, Tanz und Liedern war? Dessen erste 16 Jahre quasi durchtränkt waren vom Erbe der Jugendmusikbewegung, von der alpenländischen Tradition des Jodelns und des vierstimmigen Improvisierens. Im Falle von Christian Muthspiel ist diese Frage scheinbar ganz einfach zu beantworten: Er wird selbst Musiker.

Schaut man genauer hin, wird es komplizierter. Denn Christian, ältestes von vier Kindern des Chorleiters Kurt Muthspiel, tritt nicht einfach dessen Erbe an. Eher könnte man sagen, dass er sein ganzes Erwachsenenleben damit beschäftigt ist, sein Erbe aufzuarbeiten. So ist der Posaunist, Komponist und Dirigent schwerlich als reiner Jazzer zu bezeichnen. Zwar ist die improvisierte Musik die erste, der er sich bewusst zugewandt hat. Doch das, was ihm in die Wiege gelegt wurde, ist immer Bestandteil seines Schaffens.

In all seiner Radikalität zeigt sich das in den Alben „May“ und „ Huljo“. Hier verbindet der Mann aus der Steiermark die traditionellen Jodler der Bergbewohner mit dem Jazz. Aufgenommen hat er die erstgenannte CD 2010 in New York. Für ihn ist das jedoch kein Stilbruch. Er hat damit einfach seine vielschichtige musikalische Biografie etwas geglättet. „Die Jodler waren für mich ja viel früher da als der Jazz“, sagt er. „Den Jazz habe ich erst als 17-, 18-Jähriger entdeckt. Die Jodler aber habe ich quasi seit meiner Geburt, die sind einfach da gewesen. Insofern habe ich mir eher den Jazz aneignen müssen als die Jodler und habe jetzt, viele Jahre später, sozusagen eine Kurve geschlagen, zurück zu den Jodlern.“

Die Kindheit von Christian und seinen Brüdern war durchaus keine, wie man sie aus den 1960er-Jahren in Deutschland kennt. Statt Sonntagsausflüge mit dem Auto oder in den Zoo zu unternehmen, stieg Familie Muthspiel auf einen Berg und stimmte dann einen Jodler an. So etwas prägt. Wie sehr, zeigt der Film „Super8Music“ von 2021. 20 Jahre nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters stellten Christian und sein Bruder, der Gitarrist Wolfgang Muthspiel, auf Anregung des Schweizer Fernsehens aus zahlreichen Super-8-Filmen ein Video zusammen: 45 Minuten lang schwarz-weiße, verwackelte Kameraaufnahmen mit planschenden Babys, spielenden Kleinkindern und musizierenden Familienmitgliedern. Der Soundtrack des Films entstand direkt nach dem Tode Muthspiels im Jahr 2001. Den Ausgang für die Improvisationen der Brüder bilden jeweils kurze Passagen aus Plattenaufnahmen des Vaters, der Schnitt des Films folgt dem Rhythmus der Improvisationen. Wiederholen sich Themen, wiederholen sich auch Bildsequenzen. Auf die Frage, warum sie den Film gemacht haben, antwortet Muthspiel schlicht: „Der Film ehrt unseren Vater.“

Mit dem Vorbild eines so allgegenwärtigen Patriarchen im Hinterkopf ist es nur folgerichtig, dass Christian Muthspiel sich zeitlebens neu erfindet. Mit ungeheurer Kreativität zeigt er sich als klassischer Jazzer, etwa mit seinem eigenen Trio, aber auch mit Größen seiner Zeit, von Tomasz Stanko bis Georg Breinschmid und Steve Swallow. Und gleichzeitig treibt seine musikalische Sozialisation immer neue Blüten, so mit dem Projekt „Dancing Dowland“. Hier wird John Dowlands Zyklus „Lachrimae, Or Seaven Teares“ in den Bereich der improvisierten Musik überführt. „Als Sohn eines Musikers, der sich schon ab den 1950er-Jahren intensiv mit Alter Musik beschäftigt hat, gehörte die Musik der Renaissance zum Soundtrack meiner Kindheit.“

Vor drei Jahren hat Christian Muthspiel beschlossen, nur noch als Dirigent und Komponist zu arbeiten. Mit Gründung des 17-köpfigen Ensembles „Orjazztra“ leitete er wieder mal eine neue Ära ein. Auch wenn das Virus aus Wuhan ihm seine Pläne durchkreuzte – inzwischen wurden rund 40 Konzerte gespielt und eine CD aufgenommen. Alle zwölf Tracks auf „Homecoming“ sind vom Gründer komponiert und insofern bemerkenswert, als es sich um kleine Stimmungsbilder handelt. Jeweils ungefähr drei bis vier Minuten lang, sind es musikalische Gesten, die sich hier entfalten und auf die Eigenschaften der jungen Solisten zugeschnitten sind. Der Klang ist schwer zu verorten. Möglicherweise sollte man solch eine Verortung aber gar nicht erst versuchen, sondern sich eher auf das Neue einlassen, das der nun ins Seniorenalter eintretende Muthspiel da geschaffen hat.

Natürlich belässt es dieser musikalische Allrounder nicht bei einer Geburtstagsveröff entlichung. Zeitgleich erscheint eine „Compilation“, die man so nennen könnte, steckte nicht Muthspiel dahinter. Denn mit „Diary“ stellt er zwar Werke aus den letzten 33 Jahren zusammen, doch diese werden nicht einfach noch einmal aufgelegt. Die Doppel-CD ergibt dramaturgisch neuen Sinn, denn hier werden die einzelnen Projekte der vergangenen Jahre gegeneinandergestellt: Dowland – Tradionelles aus Österreich – Jazztrio – Ernst Jandl. So kann man sich als Neuling im Muthspiel-Kosmos durch dessen verschiedene Sprachen hören. Gleichzeitig werden Kenner seine Kompositionen in neuem Licht wahrnehmen können – aus ein biss- chen historischer Distanz, neu bewertet durch die Vielfalt der Stile und Arbeitsweisen. Man lernt noch einmal den Posaunisten Muthspiel kennen, der mutig eine Renaissancemelodie zerlegt. Den umfassend gebildeten Muthspiel, der mit einem Text von Ernst Jandl nicht nur auf den Dadaismus aufmerksam macht, sondern auch auf die Geschichte Österreichs während des Nationalsozialismus. Und natürlich ist da immer der Dramaturg Muthspiel, der Musik aus ihren Schubladen holt, neu zusammenstellt und damit beständig verändert und weiterentwickelt.

Befragt, was wir in den nächsten Jahren von ihm erwarten können, antwortet der Musiker mit einem Hölderlin- Zitat: „Das lasse ich so off en, wie nur möglich. Komm, ins Offene, Freund. Das Konzept, dass man sein ganzes Leben das weitermachen muss, was man einmal begonnen hat, liegt mir nicht wirklich.“