Der Konsultant
Wie der Bassbariton Yannis François Sänger bei der Konzeption ihrer Musikalben berät

Er ist der Mann, dem die Sänger vertrauen. Einige zumindest, und nicht die unbekanntesten. Nein, gemeint ist diesmal kein Lehrer, kein Agent, kein HNO-Arzt und auch kein Psychiater. Obwohl Yannis François im Eifer des Probengefechts bisweilen für Momente wohl auch in diese Rollen wird schlüpfen müssen.
„Lange hielt ich mich selbst für einen Betrüger, weil ich das, was ich mache, nie studiert, sondern mir selbst beigebracht habe“, erzählt der 40-Jährige ganz offen. „Aber seit ich sehe, dass die Konzeptalben der Sänger, mit denen ich bisher zusammengearbeitet habe, eine Vielzahl von Preisen wie enorme Beachtung bekommen und sich zudem auch gut verkauft haben, kenne ich diese Angst nicht mehr.“
Damit beschreibt Yannis François ziemlich genau den weiten Weg, den er als Tänzer, Bassbariton und Musikberater von der Insel Guadelupe ins Herz des europäischen Musikbetriebs zurückgelegt hat. Zuerst war da freilich der kleine Opernliebhaber, „ein Nerd, ein einsames Kind, versunken in seine Bücher, der 1994 in einem karibischen Kino von Gérard Corbiaus opulentem Film ,Farinelli, der Kastrat‘ tief beeindruckt wurde. Männer mit Federkostümen, die unglaublich hoch schwierigste Töne sangen, das wollte ich auch.“
Zunächst kaufte ihm sein Vater die Filmmusik, dann fanden lange Listen von Opern-CDs ihren Weg via Frankreich in die Karibik. „Ich habe die Booklets auswendig gelernt. Mein frühester Berufswunsch war Archäologe, und das waren für mich versunkene Schätze“, erinnert sich François. Realistischer war der Wunsch nach einem Chemiestudium, außerdem hatte er neben seinem Hobbysingen zu tanzen begonnen. Ein Lehrer verschaffte ihm Auditions für Stipendien in Paris und an Maurice Béjarts Rudra-Schule in Lausanne. „Ich entschied mit für Lausanne, weil da auch Singen auf dem Spielplan stand“, sagt Yannis François. Béjart selbst lädt ihn ein, in einer Produktion Mozarts Papageno-Arien zu singen. Eine Inititalzündung.
Yannis François macht 2004 seinen Tänzerabschluss und bewirbt sich an der Musikhochschule in Lausanne. Er wird genommen, ist in einer Klasse mit Benjamin Bernheim, macht die Bekanntschaft des Dirigenten Leonardo García Alarcón. Er ist jetzt Bassbariton, in dem Stimmfach kann er, der Spätberufene, der 2010 mit 30 Jahren seinen Abschluss gemacht hat, noch lange singen. Es sind meist kleinere Rollen, aber an bedeutenden Orten, in Aix, Berlin, Paris. „Ich war immer zu alt und zu spät, aber es gab stets Leute, die an mich geglaubt haben“, so François. 2021 war er unter Philippe Jaroussky bei den Salzburger Pfingstfestspielen ein sinistrer Luzifer im dunklen Brokatanzug in Scarlattis Oratorium „Il primo omicidio“. Er hat mit Sasha Waltz gearbeitet und unter Hervé Niquet. Mit einer Masque von Matthew Locke ist er nächstes Jahr auch in Schwetzingen zu hören.
Seine Karriere läuft solide, gern würde sich Yannis François mehr auch als singender Tänzer einbringen. Doch besonders gefragt sich seine Fähigkeiten als Musikberater. „Es begann 2014, als ich in Gießen bei Telemanns ‚Riccardo Primo‘ einen jungen polnischen Countertenor kennenlernte“, erzählt François. Das war Jakub Józef Orlínski. Man freundete sich über vier Monate Probenzeit an, und als der später das Angebot für ein erstes Album beim Label Erato erhielt, rief er sofort Yannis an, weil er wusste: Der Mann kennt sich mit Stimmen aus und hat die genau passenden, gerne auch unbekannten Arien für diese.
„Ich bin neugierig, habe jahrelang nach barocken Arien für tiefe Stimme gesucht. Dabei bin ich übrigens besonders häufig bei deutschen Komponisten fündig geworden. Telemann verwendet zum Teil vier Bässe, schade, dass diese Musik so selten gespielt wird, da gäbe es noch so viel zu entdecken.“ Entdeckt hat er mit seinem enzyklopädischen Spürsinn vor allem Arien für hohe Stimmen, auf eine gute für Bass kommen mindestens 50 tolle für Sopran. Er hat ellenlange Listen. „Und gerade im italienischen Barock gibt es noch so viel zu finden, an manche Sachen kommt man allerdings einfach nicht heran. Seit zehn Jahren versuche ich es in einem Kloster in Padua, wo ich interessante Kantaten vermute, aber keine Chance! Die lassen dort die Partituren lieber verschimmeln.“
Mit Orlinskis Debütalbum „Anima sacra“, 2018 erschienen, war – inklusive diverser Weltpremieren – ein glorioser Anfang gemacht, „obwohl ich mich erst gegen die Plattenleute durchsetzen musste, die mir misstrauten. Mich kannte keiner, wer ist der Kerl, den Jakub da angeschleppt hat, hieß es. Ich möchte einfach das Beste für den Sänger, weiß genau, welche Sachen zu wem passen, wie hoch ich gehen darf – denn inzwischen habe ich sogar vier Arien gefunden, die noch stratosphärischer trillern als Mozarts ‚Popoli di Tessaglia‘, von dem es immer hieß, es sei das Stück mit dem dreigestrichenen G als höchsten Noten überhaupt. Die Kommerzdinge interessieren mich nicht, das haben inzwischen auch die Plattenfirmen akzeptiert.“
Vor allem deshalb, weil die stimmbandkonformen Yannis-François-Produkte so enorm erfolgreich sind. Zunächst hat er ein reines Zelenka- Konzertprogramm für Max Emanuel Cencic konzipiert, dann kam Orlinski mit seinen diversen Alben. Ihm folgen Julie Fuchs mit „Mademoiselle“ („in französischen Belcanto musste ich mich erst hineinarbeiten“), Jeanine de Bique aus Trinidad („Mirroirs“), Lea Desandre mit „Amazone“ (inklusive eines von ihm gefundenen Duetts für sein Idol Cecilia Bartoli), „eigentlich Unsingbares“ für das nächste Michael-Spyres-Album. Und Philippe Jaroussky („La Vanità del mondo“) und Bruno de Sà („Roma Travestita“). Ein Schneeballsystem.
Inzwischen ist Yannis François arienfi rm von Monteverdi bis Moderne. Ein Wunschtraum? „Ein Album mit deutschen Opernarien der Romantik, da gibt es so Herrliches, was keiner mehr singt.“ Und bald gibt es auch seine eigene Notenedition Charybde & Scylla.
Er ist der Mann, dem die Sänger vertrauen. Einige zumindest, und nicht die unbekanntesten. Nein, gemeint ist diesmal kein Lehrer, kein Agent, kein HNO-Arzt und auch kein Psychiater. Obwohl Yannis François im Eifer des Probengefechts bisweilen für Momente wohl auch in diese Rollen wird schlüpfen müssen.
„Lange hielt ich mich selbst für einen Betrüger, weil ich das, was ich mache, nie studiert, sondern mir selbst beigebracht habe“, erzählt der 40-Jährige ganz offen. „Aber seit ich sehe, dass die Konzeptalben der Sänger, mit denen ich bisher zusammengearbeitet habe, eine Vielzahl von Preisen wie enorme Beachtung bekommen und sich zudem auch gut verkauft haben, kenne ich diese Angst nicht mehr.“
Damit beschreibt Yannis François ziemlich genau den weiten Weg, den er als Tänzer, Bassbariton und Musikberater von der Insel Guadelupe ins Herz des europäischen Musikbetriebs zurückgelegt hat. Zuerst war da freilich der kleine Opernliebhaber, „ein Nerd, ein einsames Kind, versunken in seine Bücher, der 1994 in einem karibischen Kino von Gérard Corbiaus opulentem Film ,Farinelli, der Kastrat‘ tief beeindruckt wurde. Männer mit Federkostümen, die unglaublich hoch schwierigste Töne sangen, das wollte ich auch.“
Zunächst kaufte ihm sein Vater die Filmmusik, dann fanden lange Listen von Opern-CDs ihren Weg via Frankreich in die Karibik. „Ich habe die Booklets auswendig gelernt. Mein frühester Berufswunsch war Archäologe, und das waren für mich versunkene Schätze“, erinnert sich François. Realistischer war der Wunsch nach einem Chemiestudium, außerdem hatte er neben seinem Hobbysingen zu tanzen begonnen. Ein Lehrer verschaffte ihm Auditions für Stipendien in Paris und an Maurice Béjarts Rudra-Schule in Lausanne. „Ich entschied mit für Lausanne, weil da auch Singen auf dem Spielplan stand“, sagt Yannis François. Béjart selbst lädt ihn ein, in einer Produktion Mozarts Papageno-Arien zu singen. Eine Inititalzündung.
Yannis François macht 2004 seinen Tänzerabschluss und bewirbt sich an der Musikhochschule in Lausanne. Er wird genommen, ist in einer Klasse mit Benjamin Bernheim, macht die Bekanntschaft des Dirigenten Leonardo García Alarcón. Er ist jetzt Bassbariton, in dem Stimmfach kann er, der Spätberufene, der 2010 mit 30 Jahren seinen Abschluss gemacht hat, noch lange singen. Es sind meist kleinere Rollen, aber an bedeutenden Orten, in Aix, Berlin, Paris. „Ich war immer zu alt und zu spät, aber es gab stets Leute, die an mich geglaubt haben“, so François. 2021 war er unter Philippe Jaroussky bei den Salzburger Pfingstfestspielen ein sinistrer Luzifer im dunklen Brokatanzug in Scarlattis Oratorium „Il primo omicidio“. Er hat mit Sasha Waltz gearbeitet und unter Hervé Niquet. Mit einer Masque von Matthew Locke ist er nächstes Jahr auch in Schwetzingen zu hören.
Seine Karriere läuft solide, gern würde sich Yannis François mehr auch als singender Tänzer einbringen. Doch besonders gefragt sich seine Fähigkeiten als Musikberater. „Es begann 2014, als ich in Gießen bei Telemanns ‚Riccardo Primo‘ einen jungen polnischen Countertenor kennenlernte“, erzählt François. Das war Jakub Józef Orlínski. Man freundete sich über vier Monate Probenzeit an, und als der später das Angebot für ein erstes Album beim Label Erato erhielt, rief er sofort Yannis an, weil er wusste: Der Mann kennt sich mit Stimmen aus und hat die genau passenden, gerne auch unbekannten Arien für diese.
„Ich bin neugierig, habe jahrelang nach barocken Arien für tiefe Stimme gesucht. Dabei bin ich übrigens besonders häufig bei deutschen Komponisten fündig geworden. Telemann verwendet zum Teil vier Bässe, schade, dass diese Musik so selten gespielt wird, da gäbe es noch so viel zu entdecken.“ Entdeckt hat er mit seinem enzyklopädischen Spürsinn vor allem Arien für hohe Stimmen, auf eine gute für Bass kommen mindestens 50 tolle für Sopran. Er hat ellenlange Listen. „Und gerade im italienischen Barock gibt es noch so viel zu finden, an manche Sachen kommt man allerdings einfach nicht heran. Seit zehn Jahren versuche ich es in einem Kloster in Padua, wo ich interessante Kantaten vermute, aber keine Chance! Die lassen dort die Partituren lieber verschimmeln.“
Mit Orlinskis Debütalbum „Anima sacra“, 2018 erschienen, war – inklusive diverser Weltpremieren – ein glorioser Anfang gemacht, „obwohl ich mich erst gegen die Plattenleute durchsetzen musste, die mir misstrauten. Mich kannte keiner, wer ist der Kerl, den Jakub da angeschleppt hat, hieß es. Ich möchte einfach das Beste für den Sänger, weiß genau, welche Sachen zu wem passen, wie hoch ich gehen darf – denn inzwischen habe ich sogar vier Arien gefunden, die noch stratosphärischer trillern als Mozarts ‚Popoli di Tessaglia‘, von dem es immer hieß, es sei das Stück mit dem dreigestrichenen G als höchsten Noten überhaupt. Die Kommerzdinge interessieren mich nicht, das haben inzwischen auch die Plattenfirmen akzeptiert.“
Vor allem deshalb, weil die stimmbandkonformen Yannis-François-Produkte so enorm erfolgreich sind. Zunächst hat er ein reines Zelenka- Konzertprogramm für Max Emanuel Cencic konzipiert, dann kam Orlinski mit seinen diversen Alben. Ihm folgen Julie Fuchs mit „Mademoiselle“ („in französischen Belcanto musste ich mich erst hineinarbeiten“), Jeanine de Bique aus Trinidad („Mirroirs“), Lea Desandre mit „Amazone“ (inklusive eines von ihm gefundenen Duetts für sein Idol Cecilia Bartoli), „eigentlich Unsingbares“ für das nächste Michael-Spyres-Album. Und Philippe Jaroussky („La Vanità del mondo“) und Bruno de Sà („Roma Travestita“). Ein Schneeballsystem.
Inzwischen ist Yannis François arienfi rm von Monteverdi bis Moderne. Ein Wunschtraum? „Ein Album mit deutschen Opernarien der Romantik, da gibt es so Herrliches, was keiner mehr singt.“ Und bald gibt es auch seine eigene Notenedition Charybde & Scylla.
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