Interview & Porträt

„Ich bin eine Weltbürgerin“

Von
Dagmar Leischow
Erschienen in der Printausgabe im
November 2022
Lesezeit ca.
…
Minuten
Wanderin zwischen den Welten: Aftab Darvishi
Wanderin zwischen den Welten: Aftab Darvishi

Frauenrechte werden im Iran mit Füßen getreten, immer wieder. Zuweilen müssen sich Frauen auf der Straße von Männern zurechtweisen lassen, weil ihr Mantel angeblich zu kurz ist. In der Öffentlichkeit haben sie ein Kopftuch zu tragen. Wenn sie gegen diesen Zwang verstoßen, reagiert die konservative Regierung mit harten Strafen – manchmal werden aufmüpfige Frauen sogar mehrere Jahre ins Gefängnis gesteckt. In der Berufswelt ist Gleichberechtigung ebenfalls kein Thema, diese Erfahrung machen die Iranerinnen ständig. So auch die Komponistin Aftab Darvishi. Mit 28, erzählt sie im Video-Interview, habe sie begonnen, an der Universität von Teheran zu unterrichten: „Irgendwann wurde ich einfach durch einen Mann ersetzt, der weniger qualifiziert als ich war und auch gar nicht meine Erfahrung hatte.“ Eine Erklärung für ihren Rauswurf bekam sie nicht: „Mir war trotzdem klar, was der Grund war: Ich war eine junge, unverheiratete Frau.“

Inzwischen hat sie einen Mann, die 35-Jährige ist mit einem Cellisten verheiratet. Vor allem aber besitzt sie die niederländische Staatsbürgerschaft, seitdem sie in Amsterdam Filmkomposition und in Den Haag zeitgenössische Komposition studiert hat: „Ich bin jetzt eine Weltbürgerin, die sich frei bewegen kann. Mit einem iranischen Pass wäre das unmöglich gewesen.“ Nun pendelt Aftab Darvishi zwischen dem Iran und den Niederlanden. In Teheran lehrt sie hauptsächlich, ihre kreative Arbeit findet schwerpunktmäßig in Europa statt: „Im Moment ist die zeitgenössische Musikszene im Iran nicht sehr aktiv. Geschuldet ist das in erster Linie den wirtschaftlichen Problemen und den politischen Sanktionen.“

Also reist Aftab Darvishi dauernd gen Westen. Ihr Lebensstil hat sie dazu bewogen, sich intensiv mit dem Begriff Heimat auseinanderzusetzen – als Mensch und als Künstlerin. „Nachdem ich in die Niederlande gezogen war“, grübelt sie, „fühlte ich mich im Iran nicht mehr daheim.“ Genauso wenig können ihr die Niederlande allerdings ein wirkliches Zuhause bieten: „Meine Familie lebt ja im Iran. In diesem Land sind meine Muttersprache und meine Kultur verwurzelt.“ Aus dieser Erkenntnis zog Aftab Darvishi ihre ganz persönlichen Rückschlüsse: „Heimat ist für mich kein geografischer Ort mehr. Ich bin dort zuhause, wo Menschen sind, die ich liebe und mit denen ich interagiere.“

All das hat Einfluss auf ihre Kompositionen. Nicht umsonst heißt ihr Debütalbum „A Thousand Butterflies“. Für das gleichnamige Stück für Klavier und Klarinette gaben Emigration sowie Immigration die Initialzündung. Menschen verlassen einen vertrauten Ort, sie kommen in einer anderen Welt an. „Diese Immigranten sind für mich wie bunte Schmetterlinge in völlig unterschiedlichen Farben“, erläutert Aftab Darvishi. „Auf der Suche nach einem neuen Zuhause flattern sie umher.“ Ihre Träume und ihr Streben nach einer besseren Zukunft spiegeln sich in drei Sätzen wider – teils melancholisch, teils hoffnungsvoll.

Während dieses Werk eher einen Bogen zur westlichen Musik schlägt, oszilliert „Sahar“ zwischen persischen Klängen und Klassik. Inspiriert wurde es von einem morgendlichen Weckruf aus der Region Kermanshah, allerdings schrieb Aftab Darvishi ein Stück für Cello. „Hidden Dream“ hingegen ist für ein Saxofon-Quartett bestimmt. Der Titel lässt nicht den geringsten Zweifel daran, worum es geht – um einen versteckten Traum: „Gerade im Iran ist es nicht unbedingt erlaubt, über seine Träume zu sprechen. Die Menschen müssen ihre Gedanken oft für sich behalten.“ Passend dazu entspinnt sich eine verträumte Melodie. Beim sphärischen „Plutone“ verschmelzen dagegen verschiedene Instrumente mit elektronischen Beats über fast 15 Minuten – wie in einer Endlosschleife.

Bewusst geplant ist das nicht. Beim Komponieren, betont Aftab Darvishi, regiere primär ihr Instinkt. Dabei fließt ihre fundierte Ausbildung – bevor sie in die Niederlande ging, studierte sie in Teheran Klavier – ebenso ein wie traditionelle Musik aus dem Iran. An diese führten ihre Eltern sie heran, insbesondere ihr Vater Mohammad-Reza Darvishi. Er ist selber Komponist und Musiklehrer, seine Leidenschaft waren schon immer folkloristische persische Instrumente. Gewissenhaft erforschte er sie, um eine Enzyklopädie zu schreiben. Dennoch unterrichtete nicht er seine Tochter regelmäßig, sondern seine Frau, die eigentlich Anwältin war. Weil sie jedoch keine Vollzeitstelle bekam, gab sie phasenweise Kindern Musikunterricht. Auch ihrer Tochter, die bereits mit fünf Geige spielte. Später wechselte das Mädchen zum Klavier, parallel dazu beschäftigte es sich mit persischen Instrumenten. Etwa mit der Setar, einer Langhalslaute.

Lange Zeit hielt sich Aftab Darvishi strikt an das althergebrachte Repertoire, erst in Amsterdam kam sie mit zeitgenössischer Musik in Berührung. Ihr Studium in Den Haag war die logische Konsequenz. Ihre Lehrer führten sie an keinen bestimmten Stil heran, sie ließen ihr die Freiheit, ihren eigenen Weg zu gehen. Aftab Darvishi tat sich mit dem Kammerchor Helsinki oder mit dem Kronos Quartet zusammen. Gegenwärtig arbeitet sie mit dem Phion Orchester aus Arnheim: „Ich kooperiere zum ersten Mal mit einem richtigen Sinfonieorchester. Wenn es meine Musik spielt, ist das für mich eine einzigartige Erfahrung.“

Frauenrechte werden im Iran mit Füßen getreten, immer wieder. Zuweilen müssen sich Frauen auf der Straße von Männern zurechtweisen lassen, weil ihr Mantel angeblich zu kurz ist. In der Öffentlichkeit haben sie ein Kopftuch zu tragen. Wenn sie gegen diesen Zwang verstoßen, reagiert die konservative Regierung mit harten Strafen – manchmal werden aufmüpfige Frauen sogar mehrere Jahre ins Gefängnis gesteckt. In der Berufswelt ist Gleichberechtigung ebenfalls kein Thema, diese Erfahrung machen die Iranerinnen ständig. So auch die Komponistin Aftab Darvishi. Mit 28, erzählt sie im Video-Interview, habe sie begonnen, an der Universität von Teheran zu unterrichten: „Irgendwann wurde ich einfach durch einen Mann ersetzt, der weniger qualifiziert als ich war und auch gar nicht meine Erfahrung hatte.“ Eine Erklärung für ihren Rauswurf bekam sie nicht: „Mir war trotzdem klar, was der Grund war: Ich war eine junge, unverheiratete Frau.“

Inzwischen hat sie einen Mann, die 35-Jährige ist mit einem Cellisten verheiratet. Vor allem aber besitzt sie die niederländische Staatsbürgerschaft, seitdem sie in Amsterdam Filmkomposition und in Den Haag zeitgenössische Komposition studiert hat: „Ich bin jetzt eine Weltbürgerin, die sich frei bewegen kann. Mit einem iranischen Pass wäre das unmöglich gewesen.“ Nun pendelt Aftab Darvishi zwischen dem Iran und den Niederlanden. In Teheran lehrt sie hauptsächlich, ihre kreative Arbeit findet schwerpunktmäßig in Europa statt: „Im Moment ist die zeitgenössische Musikszene im Iran nicht sehr aktiv. Geschuldet ist das in erster Linie den wirtschaftlichen Problemen und den politischen Sanktionen.“

Also reist Aftab Darvishi dauernd gen Westen. Ihr Lebensstil hat sie dazu bewogen, sich intensiv mit dem Begriff Heimat auseinanderzusetzen – als Mensch und als Künstlerin. „Nachdem ich in die Niederlande gezogen war“, grübelt sie, „fühlte ich mich im Iran nicht mehr daheim.“ Genauso wenig können ihr die Niederlande allerdings ein wirkliches Zuhause bieten: „Meine Familie lebt ja im Iran. In diesem Land sind meine Muttersprache und meine Kultur verwurzelt.“ Aus dieser Erkenntnis zog Aftab Darvishi ihre ganz persönlichen Rückschlüsse: „Heimat ist für mich kein geografischer Ort mehr. Ich bin dort zuhause, wo Menschen sind, die ich liebe und mit denen ich interagiere.“

All das hat Einfluss auf ihre Kompositionen. Nicht umsonst heißt ihr Debütalbum „A Thousand Butterflies“. Für das gleichnamige Stück für Klavier und Klarinette gaben Emigration sowie Immigration die Initialzündung. Menschen verlassen einen vertrauten Ort, sie kommen in einer anderen Welt an. „Diese Immigranten sind für mich wie bunte Schmetterlinge in völlig unterschiedlichen Farben“, erläutert Aftab Darvishi. „Auf der Suche nach einem neuen Zuhause flattern sie umher.“ Ihre Träume und ihr Streben nach einer besseren Zukunft spiegeln sich in drei Sätzen wider – teils melancholisch, teils hoffnungsvoll.

Während dieses Werk eher einen Bogen zur westlichen Musik schlägt, oszilliert „Sahar“ zwischen persischen Klängen und Klassik. Inspiriert wurde es von einem morgendlichen Weckruf aus der Region Kermanshah, allerdings schrieb Aftab Darvishi ein Stück für Cello. „Hidden Dream“ hingegen ist für ein Saxofon-Quartett bestimmt. Der Titel lässt nicht den geringsten Zweifel daran, worum es geht – um einen versteckten Traum: „Gerade im Iran ist es nicht unbedingt erlaubt, über seine Träume zu sprechen. Die Menschen müssen ihre Gedanken oft für sich behalten.“ Passend dazu entspinnt sich eine verträumte Melodie. Beim sphärischen „Plutone“ verschmelzen dagegen verschiedene Instrumente mit elektronischen Beats über fast 15 Minuten – wie in einer Endlosschleife.

Bewusst geplant ist das nicht. Beim Komponieren, betont Aftab Darvishi, regiere primär ihr Instinkt. Dabei fließt ihre fundierte Ausbildung – bevor sie in die Niederlande ging, studierte sie in Teheran Klavier – ebenso ein wie traditionelle Musik aus dem Iran. An diese führten ihre Eltern sie heran, insbesondere ihr Vater Mohammad-Reza Darvishi. Er ist selber Komponist und Musiklehrer, seine Leidenschaft waren schon immer folkloristische persische Instrumente. Gewissenhaft erforschte er sie, um eine Enzyklopädie zu schreiben. Dennoch unterrichtete nicht er seine Tochter regelmäßig, sondern seine Frau, die eigentlich Anwältin war. Weil sie jedoch keine Vollzeitstelle bekam, gab sie phasenweise Kindern Musikunterricht. Auch ihrer Tochter, die bereits mit fünf Geige spielte. Später wechselte das Mädchen zum Klavier, parallel dazu beschäftigte es sich mit persischen Instrumenten. Etwa mit der Setar, einer Langhalslaute.

Lange Zeit hielt sich Aftab Darvishi strikt an das althergebrachte Repertoire, erst in Amsterdam kam sie mit zeitgenössischer Musik in Berührung. Ihr Studium in Den Haag war die logische Konsequenz. Ihre Lehrer führten sie an keinen bestimmten Stil heran, sie ließen ihr die Freiheit, ihren eigenen Weg zu gehen. Aftab Darvishi tat sich mit dem Kammerchor Helsinki oder mit dem Kronos Quartet zusammen. Gegenwärtig arbeitet sie mit dem Phion Orchester aus Arnheim: „Ich kooperiere zum ersten Mal mit einem richtigen Sinfonieorchester. Wenn es meine Musik spielt, ist das für mich eine einzigartige Erfahrung.“