Interview & Porträt

Begründer der neuen Sinfonie

Von
Götz Thieme
Erschienen in der Printausgabe im
Dezember 2022
Lesezeit ca.
…
Minuten
Hans Rott nahm Idiome, Ideen und Stimmungen von Mahler vorweg.
Hans Rott nahm Idiome, Ideen und Stimmungen von Mahler vorweg.

Am 21. oder 22. Oktober 1880 kam es in einem aus Wien kommenden Zug kurz vor München zu einem folgenreichen Zwischenfall. Ein Mann, der sich gerade eine Zigarre anzünden wollte, wurde von einem im Abteil Mitreisenden mit einem Revolver bedroht: Der Zug sei voller Dynamit, das Johannes Brahms heimlich eingeschmuggelt habe, um ihn zu töten – ein Funken, und der Waggon würde explodieren. Der Rasende war der junge Komponist Hans Rott, der daraufhin festgesetzt und von Sanitätern am 23. Oktober nach Wien zurückgebracht wurde. Dort wurde Rott wegen Verfolgungswahns und halluzinatorischem Irrsinn in die Psychiatrische Klinik des Allgemeinen Krankenhauses eingeliefert und am 16. Februar 1881 in die Niederösterreichische Landes-Irrenanstalt im IX. Wiener Gemeindebezirk verlegt. Nach einigen Selbstmordversuchen starb Rott am 25. Juni 1884 an Tuberkulose. Er wurde 25 Jahre alt.

Hans Rott besuchte mit dem zwei Jahre jüngeren Gustav Mahler das Wiener Konservatorium, zusammen waren sie von 1876 bis 1878 in der Kompositionsklasse von Franz Krenn eingeschrieben. Dazu studierte Rott bei Anton Bruckner Orgel, auf der er nach dem Urteil der Zeitgenossen brillant zu improvisieren verstand. Bruckner bezeichnete ihn als seinen Lieblingsschüler. Während Mahler zu einem der wichtigsten Sinfoniker der Musikgeschichte wurde, hatte man Rott, der nur wenige Werke hinterließ, bald nach seinem frühen Tod vergessen. Er war allenfalls eine Nebenfigur in der Mahler-Literatur – bis der Musikwissenschaftler Paul Banks die Partitur von Rotts E-Dur-Sinfonie in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek Wien entdeckte und die Uraufführung 1989 in Cincinnati initiierte.

Eine musikwissenschaftliche Sensation, weil das Werk deutlich auf Mahler vorausweist. Die Forscher Helmuth Kreysing und Frank Litterscheid gehen so weit, zu urteilen: „Ohne die Musik Hans Rotts hätte es die Sinfonien Gustav Mahlers in der vorliegenden Weise nicht gegeben.“ Mahler selbst hatte gegenüber der Freundin Natalie Bauer-Lechner über Rott gesagt: „Was die Musik an ihm verloren hat, ist gar nicht zu ermessen: zu solchem Fluge erhebt sich sein Genius schon in dieser ersten Sinfonie, die er als zwanzigjähriger Jüngling schrieb und die ihn – es ist nicht zu viel gesagt – zum Begründer der neuen Sinfonie macht, wie ich sie verstehe.“

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Jakub Hrůša spielte gemeinsam mit den Bamberger Symphonikern Hans Rotts Sinfonie Nr. 1 ein.

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Seither fasziniert das Werk namhafte Dirigenten wie Jesús López Cobos, Leif Segerstam, Marc Minkowski, Neeme und Paavo Järvi, Sebastian Weigle und Alan Gilbert. Und jetzt Jakub Hruša. Der Chefdirigent der Bamberger Symphoniker hat es für die Deutsche Grammophon aufgenommen, nachdem er die Sinfonie in Konzerten und bei Tourneen aufs Programm gesetzt hatte. Am Telefon erzählt Hruša, wie er auf sie aufmerksam geworden ist: „Vor der Einstudierung von Bruckners vierter Sinfonie 2018 habe ich mich näher mit seiner Persönlichkeit beschäftigt und wollte auch wissen, wer zu seinem Schülerkreis gehörte. Da er so ein origineller Komponist gewesen ist, wollte ich wissen, wie die Musik seiner Schüler klingt. Dabei stieß ich auf den Namen Hans Rott – ich hatte vorher nie von ihm gehört. Da Bruckner sehr viel von ihm gehalten hat, sagte ich mir: Das höre dir mal an. Um es kurz zu machen, ich war von dieser Musik total fasziniert.“

Wie viele andere erstaunte Hruša, dass sich hier „Idiome, Ideen und Stimmungen fanden, die man exklusiv mit den Werken von Mahler verbindet“. Rotts Sinfonie wurde 1880 abgeschlossen und war damit deutlich vor Mahlers erster Sinfonie entstanden, die 1889 in Budapest uraufgeführt wurde. In ihr sind noch keine so deutlichen Spuren von Rotts Werk erkennbar, außer dem ähnlichen Gestus der beiden Scherzi. Hrušas Aufnahme unterstreicht dann jedoch plastisch, wie Rott’sche Tonfälle und Wendungen in Mahlers Sinfonien Nr. 2, 3, 5 und 7 teilweise notengetreu eingegangen sind.

So erstaunlich und originell Rotts Werk wirkt, dass sie nicht perfekt ist, darüber ist sich die Wissenschaft einig. Mahler brachte es auf den Punkt: „Allerdings ist das, was er wollte, noch nicht ganz erreicht. Es ist, wie wenn einer zu weitestem Wurfe ausholt und, noch ungeschickt, nicht völlig ans Ziel hintrifft. Doch ich weiß, wohin er zielt. Ja, er ist meinem Eigensten so verwandt, dass er und ich mir wie zwei Früchte von demselben Baum erscheinen, die derselbe Boden erzeugt, die gleiche Lu  genährt hat. An ihm hätte ich unendlich viel haben können und vielleicht hätten wir zwei zusammen den Inhalt dieser neuen Zeit, die für die Musik anbrach, einigermaßen erschöpft.“

Als diese von der Freundin Natalie Bauer-Lechner notierten Sätze fielen, 1900 in der Sommerfrische in Maiernigg, hatte Mahler Rotts Sinfonie im Gepäck, um sie für eine Aufführung in Wien zu prüfen – es kam nicht dazu. Vielleicht scheute er sich, dass anderen Ähnlichkeiten auffallen könnten. Auch wenn Jakub Hruša meint, dass die Gemeinsamkeiten durchaus einem musikalischen „Zeitgeist“ entspringen könnten: Mahlers zitierter Satz spricht dafür, dass er genau wusste, was er Rott zu verdanken hatte.

Das genialische Moment bei Rott bestreitet keiner – aber aus seiner Unerfahrenheit mit dem Orchestersatz resultieren Rauheiten, Ungeschicklichkeiten. Daraus ergeben sich Aufführungsschwierigkeiten: „Wenn er länger gelebt hätte, davon bin ich überzeugt, hätte Rott die Instrumentation überarbeitet“, sagt Hruša. Trotzdem habe er in seiner Einspielung mit den Bambergern, denen er seit 2016 vorsteht, nichts Wesentliches am Notierten geändert, sondern vor allem auf die Balancen und Dynamik geachtet. „Ich war da in einem Dilemma. Wenn ein Komponist ,sempre fortissimo‘ schreibt, dann ist das sein ausdrücklicher Wille. Aber es ist für die Blechbläser schlicht unmöglich, 20 Partiturseiten lang so laut zu spielen“, erklärt Hruša die aufführungspraktischen Herausforderungen. Bei lang auszuhaltenden Noten, besonders der Holzbläser, hat er einige Zusatzspieler eingesetzt, um die Kontinuität zu wahren. Das sind Stellen, die für Hruša belegen, wie Rott noch manches von den Möglichkeiten der Orgel her gedacht hat.

Vor dem Zusammenbruch hatte sich Rotts Lage verdüstert. Er hatte dem Dirigenten Hans Richter die Sinfonie auf dem Klavier präsentiert, in der Hoffnung, er würde sie mit den Wiener Philharmonikern aufführen. Aus dem Freundeskreis ist überliefert, dass Richters Urteil anerkennend und ermunternd gewesen sein soll – zur Aufführung hat er das Erstlingswerk nicht angenommen. Rotts wirtschaftliche Lage verschlechterte sich, so dass er schließlich eine Chorleiterstelle in Mulhouse im Elsass akzeptierte, wohin er auf dem Weg war, als es zum Zwischenfall im Zug kam.

Fünf Wochen zuvor war es zu einer traumatischen Begegnung mit Johannes Brahms gekommen, in der viele den Auslöser für Rotts psychische Katastrophe sehen. Er hatte sich für ein Staatsstipendium beworben und besuchte die Mitglieder der Preiskommission, um ihnen die Sinfonie vorzuspielen. Neben Karl Goldmark und Eduard Hanslick gehörte Brahms zur Jury. Bei Rotts Besuch Mitte September 1880 begegnete ihm der Ältere schroff. Einige Forscher gehen davon aus, dass Brahms nicht nur offenkundig von Wagner und Bruckner inspirierte Passagen aufstießen, sondern im Finale thematische Ähnlichkeiten mit seiner eigenen ersten Sinfonie. Nach Brahms Rat, er solle das Komponieren aufgeben, wundert es nicht, dass Rott in privaten Aufzeichnungen konstatierte: „Denn um mich steht es wahrlich bis zum Wahnsinn nicht mehr weit.“

Welchen Weg wäre Rott gegangen, wenn er länger gelebt hätte? Hruša weicht der Spekulation nicht aus, ihm gefallen solche Gedankenspiele: „Ich glaube, Rott wäre immer eine singuläre, originäre Figur geblieben, selbst wenn er Anhänger und Unterstützer gehabt hätte. Seine Werke hätten einen Platz nach Mahler und Bruckner und neben der Zweiten Wiener Schule besetzt – aber auf jeden Fall wäre er ein Antipode von Richard Straus gewesen“. Und Jakub Hruša stellt eine weitere Frage in den Raum: „Hätte sich Mahler mit seinen Sinfonien ohne die Kenntnis von Rotts Werk in die gleiche Richtung entwickelt?“

Am 21. oder 22. Oktober 1880 kam es in einem aus Wien kommenden Zug kurz vor München zu einem folgenreichen Zwischenfall. Ein Mann, der sich gerade eine Zigarre anzünden wollte, wurde von einem im Abteil Mitreisenden mit einem Revolver bedroht: Der Zug sei voller Dynamit, das Johannes Brahms heimlich eingeschmuggelt habe, um ihn zu töten – ein Funken, und der Waggon würde explodieren. Der Rasende war der junge Komponist Hans Rott, der daraufhin festgesetzt und von Sanitätern am 23. Oktober nach Wien zurückgebracht wurde. Dort wurde Rott wegen Verfolgungswahns und halluzinatorischem Irrsinn in die Psychiatrische Klinik des Allgemeinen Krankenhauses eingeliefert und am 16. Februar 1881 in die Niederösterreichische Landes-Irrenanstalt im IX. Wiener Gemeindebezirk verlegt. Nach einigen Selbstmordversuchen starb Rott am 25. Juni 1884 an Tuberkulose. Er wurde 25 Jahre alt.

Hans Rott besuchte mit dem zwei Jahre jüngeren Gustav Mahler das Wiener Konservatorium, zusammen waren sie von 1876 bis 1878 in der Kompositionsklasse von Franz Krenn eingeschrieben. Dazu studierte Rott bei Anton Bruckner Orgel, auf der er nach dem Urteil der Zeitgenossen brillant zu improvisieren verstand. Bruckner bezeichnete ihn als seinen Lieblingsschüler. Während Mahler zu einem der wichtigsten Sinfoniker der Musikgeschichte wurde, hatte man Rott, der nur wenige Werke hinterließ, bald nach seinem frühen Tod vergessen. Er war allenfalls eine Nebenfigur in der Mahler-Literatur – bis der Musikwissenschaftler Paul Banks die Partitur von Rotts E-Dur-Sinfonie in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek Wien entdeckte und die Uraufführung 1989 in Cincinnati initiierte.

Eine musikwissenschaftliche Sensation, weil das Werk deutlich auf Mahler vorausweist. Die Forscher Helmuth Kreysing und Frank Litterscheid gehen so weit, zu urteilen: „Ohne die Musik Hans Rotts hätte es die Sinfonien Gustav Mahlers in der vorliegenden Weise nicht gegeben.“ Mahler selbst hatte gegenüber der Freundin Natalie Bauer-Lechner über Rott gesagt: „Was die Musik an ihm verloren hat, ist gar nicht zu ermessen: zu solchem Fluge erhebt sich sein Genius schon in dieser ersten Sinfonie, die er als zwanzigjähriger Jüngling schrieb und die ihn – es ist nicht zu viel gesagt – zum Begründer der neuen Sinfonie macht, wie ich sie verstehe.“

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Jakub Hrůša spielte gemeinsam mit den Bamberger Symphonikern Hans Rotts Sinfonie Nr. 1 ein.

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Seither fasziniert das Werk namhafte Dirigenten wie Jesús López Cobos, Leif Segerstam, Marc Minkowski, Neeme und Paavo Järvi, Sebastian Weigle und Alan Gilbert. Und jetzt Jakub Hruša. Der Chefdirigent der Bamberger Symphoniker hat es für die Deutsche Grammophon aufgenommen, nachdem er die Sinfonie in Konzerten und bei Tourneen aufs Programm gesetzt hatte. Am Telefon erzählt Hruša, wie er auf sie aufmerksam geworden ist: „Vor der Einstudierung von Bruckners vierter Sinfonie 2018 habe ich mich näher mit seiner Persönlichkeit beschäftigt und wollte auch wissen, wer zu seinem Schülerkreis gehörte. Da er so ein origineller Komponist gewesen ist, wollte ich wissen, wie die Musik seiner Schüler klingt. Dabei stieß ich auf den Namen Hans Rott – ich hatte vorher nie von ihm gehört. Da Bruckner sehr viel von ihm gehalten hat, sagte ich mir: Das höre dir mal an. Um es kurz zu machen, ich war von dieser Musik total fasziniert.“

Wie viele andere erstaunte Hruša, dass sich hier „Idiome, Ideen und Stimmungen fanden, die man exklusiv mit den Werken von Mahler verbindet“. Rotts Sinfonie wurde 1880 abgeschlossen und war damit deutlich vor Mahlers erster Sinfonie entstanden, die 1889 in Budapest uraufgeführt wurde. In ihr sind noch keine so deutlichen Spuren von Rotts Werk erkennbar, außer dem ähnlichen Gestus der beiden Scherzi. Hrušas Aufnahme unterstreicht dann jedoch plastisch, wie Rott’sche Tonfälle und Wendungen in Mahlers Sinfonien Nr. 2, 3, 5 und 7 teilweise notengetreu eingegangen sind.

So erstaunlich und originell Rotts Werk wirkt, dass sie nicht perfekt ist, darüber ist sich die Wissenschaft einig. Mahler brachte es auf den Punkt: „Allerdings ist das, was er wollte, noch nicht ganz erreicht. Es ist, wie wenn einer zu weitestem Wurfe ausholt und, noch ungeschickt, nicht völlig ans Ziel hintrifft. Doch ich weiß, wohin er zielt. Ja, er ist meinem Eigensten so verwandt, dass er und ich mir wie zwei Früchte von demselben Baum erscheinen, die derselbe Boden erzeugt, die gleiche Lu  genährt hat. An ihm hätte ich unendlich viel haben können und vielleicht hätten wir zwei zusammen den Inhalt dieser neuen Zeit, die für die Musik anbrach, einigermaßen erschöpft.“

Als diese von der Freundin Natalie Bauer-Lechner notierten Sätze fielen, 1900 in der Sommerfrische in Maiernigg, hatte Mahler Rotts Sinfonie im Gepäck, um sie für eine Aufführung in Wien zu prüfen – es kam nicht dazu. Vielleicht scheute er sich, dass anderen Ähnlichkeiten auffallen könnten. Auch wenn Jakub Hruša meint, dass die Gemeinsamkeiten durchaus einem musikalischen „Zeitgeist“ entspringen könnten: Mahlers zitierter Satz spricht dafür, dass er genau wusste, was er Rott zu verdanken hatte.

Das genialische Moment bei Rott bestreitet keiner – aber aus seiner Unerfahrenheit mit dem Orchestersatz resultieren Rauheiten, Ungeschicklichkeiten. Daraus ergeben sich Aufführungsschwierigkeiten: „Wenn er länger gelebt hätte, davon bin ich überzeugt, hätte Rott die Instrumentation überarbeitet“, sagt Hruša. Trotzdem habe er in seiner Einspielung mit den Bambergern, denen er seit 2016 vorsteht, nichts Wesentliches am Notierten geändert, sondern vor allem auf die Balancen und Dynamik geachtet. „Ich war da in einem Dilemma. Wenn ein Komponist ,sempre fortissimo‘ schreibt, dann ist das sein ausdrücklicher Wille. Aber es ist für die Blechbläser schlicht unmöglich, 20 Partiturseiten lang so laut zu spielen“, erklärt Hruša die aufführungspraktischen Herausforderungen. Bei lang auszuhaltenden Noten, besonders der Holzbläser, hat er einige Zusatzspieler eingesetzt, um die Kontinuität zu wahren. Das sind Stellen, die für Hruša belegen, wie Rott noch manches von den Möglichkeiten der Orgel her gedacht hat.

Vor dem Zusammenbruch hatte sich Rotts Lage verdüstert. Er hatte dem Dirigenten Hans Richter die Sinfonie auf dem Klavier präsentiert, in der Hoffnung, er würde sie mit den Wiener Philharmonikern aufführen. Aus dem Freundeskreis ist überliefert, dass Richters Urteil anerkennend und ermunternd gewesen sein soll – zur Aufführung hat er das Erstlingswerk nicht angenommen. Rotts wirtschaftliche Lage verschlechterte sich, so dass er schließlich eine Chorleiterstelle in Mulhouse im Elsass akzeptierte, wohin er auf dem Weg war, als es zum Zwischenfall im Zug kam.

Fünf Wochen zuvor war es zu einer traumatischen Begegnung mit Johannes Brahms gekommen, in der viele den Auslöser für Rotts psychische Katastrophe sehen. Er hatte sich für ein Staatsstipendium beworben und besuchte die Mitglieder der Preiskommission, um ihnen die Sinfonie vorzuspielen. Neben Karl Goldmark und Eduard Hanslick gehörte Brahms zur Jury. Bei Rotts Besuch Mitte September 1880 begegnete ihm der Ältere schroff. Einige Forscher gehen davon aus, dass Brahms nicht nur offenkundig von Wagner und Bruckner inspirierte Passagen aufstießen, sondern im Finale thematische Ähnlichkeiten mit seiner eigenen ersten Sinfonie. Nach Brahms Rat, er solle das Komponieren aufgeben, wundert es nicht, dass Rott in privaten Aufzeichnungen konstatierte: „Denn um mich steht es wahrlich bis zum Wahnsinn nicht mehr weit.“

Welchen Weg wäre Rott gegangen, wenn er länger gelebt hätte? Hruša weicht der Spekulation nicht aus, ihm gefallen solche Gedankenspiele: „Ich glaube, Rott wäre immer eine singuläre, originäre Figur geblieben, selbst wenn er Anhänger und Unterstützer gehabt hätte. Seine Werke hätten einen Platz nach Mahler und Bruckner und neben der Zweiten Wiener Schule besetzt – aber auf jeden Fall wäre er ein Antipode von Richard Straus gewesen“. Und Jakub Hruša stellt eine weitere Frage in den Raum: „Hätte sich Mahler mit seinen Sinfonien ohne die Kenntnis von Rotts Werk in die gleiche Richtung entwickelt?“