„Letztendlich unfassbar“
Dem 20-jährigen Geiger Tassilo Probst gelingt ein kammermusikalischer Sensations-Fund: die zweite Violinsonate von Joseph Achron (1886–1943). Mit seinem Klavierpartner Maxim Lando hat Probst diese Sonate nebst weiteren von Bartók und Enescu auf seinem Debüt-Album eingespielt.

Herr Probst, wie kamen Sie zur Geige?
Über meinen Vater! Er hat bei uns früher zu Weihnachten immer die Geige gespielt, auch mit meinem Bruder. Geigenmusik war bei uns ständig im Haus. Mit vier Jahren habe ich dann selbst ein Instrument bekommen. Am Anfang hat mich mein Vater unterrichtet, mit sechs kam ich zu meiner ersten „richtigen“ Lehrerin. Das Initialerlebnis war, als ich mit 14 David Frühwirth, meinen jetzigen Lehrer, kennenlernte, vorher war das Geigenspiel immer eher so hobbymäßig.
Lassen Sie uns über Ihr Debütalbum „Into Madness“ sprechen. Das Programm ist nicht nur mutig, sondern geradezu spektakulär. Wie kam es dazu?
Letztes Jahr im Sommer habe ich in Bukarest den Enescu-Wettbewerb gespielt, da war eine der drei Enescu- Sonaten das Pflichtstück. Gewählt habe ich die dritte – und die hat mir so fantastisch gut gefallen, dass ich die unbedingt auf CD einspielen wollte. Das Werk ist von der Volksmusik inspiriert, aber nie primitiv geschrieben. Im zweiten Satz gibt es total irreale Klänge zu hören, das ist wie Sphärenharmonie. Dafür gibt es dann im dritten Satz regelrechte Papagallo-Pfiffe auf die Ohren. Mit Enescu begann das Album-Projekt, die andern Stücke kamen dann dazu.
Wie und wo sind Sie auf die frühe Sonate von Béla Bartók gestoßen?
Recherchiert habe ich mit David. Zum Glück hatte er die Bartók-Sonate, von der es gar keine richtigen Noten gibt, irgendwo in seinem Keller vergraben (lacht): das Stück hat mich sofort angesprochen. Bartók war ungefähr so alt wie ich jetzt, als er das schrieb, also noch sehr jung. In meinen Ohren klingt das Werk ein bisschen nach Richard Strauss, der Klaviersatz erinnert an Brahms, im dritten Satz kann man dann den späteren Bartók erahnen. Dann habe ich gegoogelt, was es noch so gibt aus der Zeit Anfang 20. Jahrhundert und der Region Osteuropa.
Erzählen Sie mir jetzt bitte nicht, dass Google Ihnen einen derartig sensationellen Fund wie die zweite Achron-Sonate auf dem Silbertablett präsentiert hat …
Nein, nicht dieses Werk, wohl aber den Namen Joseph Achron. Ganz verschollen ist er ja nicht, man kennt ihn so ein bisschen von seiner „Hebräischen Melodie“ her, und seine erste Violinsonate ist auch nicht völlig unbekannt. Über persönliche Kontakte habe ich dann erfahren, dass es da noch eine zweite Sonate gibt, die niemand kennt, die nie gespielt wird und von der es auch keine Noten gibt. Ich habe mich dann an die Universal-Edition in Wien gewandt, wo Achrons Werke liegen – und die hatten die Sonate tatsächlich im Archiv und haben sie dann eigens für mich gedruckt.
Ich persönlich halte die Entdeckung dieser Sonate für eine der größten kammermusikalischen Sensationen des 21. Jahrhunderts. Was sagen Sie selbst?
Diese Sonate ist – ja, was soll ich sagen? Letztlich unfassbar! Ich verstehe auch nicht, wie so ein Werk bislang nie gespielt werden konnte. Bis zum Zeitpunkt der Aufnahme wussten vielleicht 10 oder höchstens 15 Menschen von der Existenz des Werks. Ich bin unglaublich froh, dass ich die Ehre hatte, die deutsche Uraufführung und Weltersteinspielung davon machen zu dürfen.
Wenn jemand diese unerhörte Musik kennt, dann Sie. Erzählen Sie uns von Ihren Erfahrungen.
Das Werk ist fantastisch geschrieben, hat unglaubliche Harmonien und eine irre rhythmische Dynamik, immer so ein bisschen Klavier und Geige gegeneinander – und dann kommt am Ende doch so eine Art Miteinander dabei heraus. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man das Stück richtig spielt. Es ist einfach wahnsinnig schwer, schwerer als jedes Violinkonzert, und auch im Klavierpart total vertrackt. Mein Klavierpartner und Freund Maxim Lando hat einen fantastischen Job gemacht, wie er die Sonate in ziemlicher kurzer Zeit auf Hochglanz poliert hat.
Was ist denn die „Botschaft“ dieses Werkes?
Eine wirkliche Antwort kann ich darauf nicht geben – und den Komponisten kann ich dazu leider auch nicht mehr befragen (lacht). Auf jeden Fall ist das purer musikalischer Irrsinn, ein extremer Wahnwitz, der vielleicht auch in Achrons zerrissener Psyche begründet liegt, ich weiß es nicht. Was ich aber weiß, ist, dass eine ungeheure Spannung über dieser Musik liegt. Als Interpret muss man sich da ganz tief hineinbegeben – und dann kann man auf der Bühne alles rauslassen, was man emotional in sich hat – weil auch alles in dieser Musik vorkommt. Bei aller „Madness“ sind die Dissonanzen der Sonate dabei aber nicht so konzipiert, dass sie unangenehm zu hören sind.
Gibt es Notizen oder Briefe von Achron, die uns wenigstens etwas über das Stück verraten?
Leider nein. Es scheint, diese Sonate soll nur für sich selber sprechen. Das Spannende daran ist, dass sie eben nicht erklärbar ist. Auf jeden Fall spielt aber die jüdische Perspektive in die Musik hinein. 1911 ist Achron in St. Petersburg in die „Gesellschaft für jüdische Volksmusik“ eingetreten, 1918 hat er die Sonate geschrieben, in der viel Volksmusik zu hören ist. Aber dann gibt es da eben auch Passagen, in denen er, ich sag es mal ganz drastisch, die Zuhörer regelrecht verarscht, weil manche Rhythmen so komplett durcheinandergehen, dass man beim ersten Hören glaubt, es passt hinten und vorne nicht zusammen. Tut es dann aber doch, wenn man sich ganz intensiv damit befasst.
Nach so viel „Madness“: Was sind denn Ihre nächsten „unverrückten“ Ziele?
Kurzfristig steht für mich im Oktober erst einmal der Wieniawski- Wettbewerb an, wo ich als Teilnehmer angenommen wurde. Da will ich möglichst gut abschneiden. Dann geht es anschließend nach Singapur zum nächsten Wettbewerb. Mein langfristiges Ziel ist auf jeden Fall, Solist zu werden.
Sind Sie ein „Wettbewerbsjunkie“?
Ja, ich bin sehr competitiv unterwegs. Und ich will immer Erster sein, deshalb bin ich mit dem zweiten Platz alles andere als zufrieden (lacht).
Herr Probst, wie kamen Sie zur Geige?
Über meinen Vater! Er hat bei uns früher zu Weihnachten immer die Geige gespielt, auch mit meinem Bruder. Geigenmusik war bei uns ständig im Haus. Mit vier Jahren habe ich dann selbst ein Instrument bekommen. Am Anfang hat mich mein Vater unterrichtet, mit sechs kam ich zu meiner ersten „richtigen“ Lehrerin. Das Initialerlebnis war, als ich mit 14 David Frühwirth, meinen jetzigen Lehrer, kennenlernte, vorher war das Geigenspiel immer eher so hobbymäßig.
Lassen Sie uns über Ihr Debütalbum „Into Madness“ sprechen. Das Programm ist nicht nur mutig, sondern geradezu spektakulär. Wie kam es dazu?
Letztes Jahr im Sommer habe ich in Bukarest den Enescu-Wettbewerb gespielt, da war eine der drei Enescu- Sonaten das Pflichtstück. Gewählt habe ich die dritte – und die hat mir so fantastisch gut gefallen, dass ich die unbedingt auf CD einspielen wollte. Das Werk ist von der Volksmusik inspiriert, aber nie primitiv geschrieben. Im zweiten Satz gibt es total irreale Klänge zu hören, das ist wie Sphärenharmonie. Dafür gibt es dann im dritten Satz regelrechte Papagallo-Pfiffe auf die Ohren. Mit Enescu begann das Album-Projekt, die andern Stücke kamen dann dazu.
Wie und wo sind Sie auf die frühe Sonate von Béla Bartók gestoßen?
Recherchiert habe ich mit David. Zum Glück hatte er die Bartók-Sonate, von der es gar keine richtigen Noten gibt, irgendwo in seinem Keller vergraben (lacht): das Stück hat mich sofort angesprochen. Bartók war ungefähr so alt wie ich jetzt, als er das schrieb, also noch sehr jung. In meinen Ohren klingt das Werk ein bisschen nach Richard Strauss, der Klaviersatz erinnert an Brahms, im dritten Satz kann man dann den späteren Bartók erahnen. Dann habe ich gegoogelt, was es noch so gibt aus der Zeit Anfang 20. Jahrhundert und der Region Osteuropa.
Erzählen Sie mir jetzt bitte nicht, dass Google Ihnen einen derartig sensationellen Fund wie die zweite Achron-Sonate auf dem Silbertablett präsentiert hat …
Nein, nicht dieses Werk, wohl aber den Namen Joseph Achron. Ganz verschollen ist er ja nicht, man kennt ihn so ein bisschen von seiner „Hebräischen Melodie“ her, und seine erste Violinsonate ist auch nicht völlig unbekannt. Über persönliche Kontakte habe ich dann erfahren, dass es da noch eine zweite Sonate gibt, die niemand kennt, die nie gespielt wird und von der es auch keine Noten gibt. Ich habe mich dann an die Universal-Edition in Wien gewandt, wo Achrons Werke liegen – und die hatten die Sonate tatsächlich im Archiv und haben sie dann eigens für mich gedruckt.
Ich persönlich halte die Entdeckung dieser Sonate für eine der größten kammermusikalischen Sensationen des 21. Jahrhunderts. Was sagen Sie selbst?
Diese Sonate ist – ja, was soll ich sagen? Letztlich unfassbar! Ich verstehe auch nicht, wie so ein Werk bislang nie gespielt werden konnte. Bis zum Zeitpunkt der Aufnahme wussten vielleicht 10 oder höchstens 15 Menschen von der Existenz des Werks. Ich bin unglaublich froh, dass ich die Ehre hatte, die deutsche Uraufführung und Weltersteinspielung davon machen zu dürfen.
Wenn jemand diese unerhörte Musik kennt, dann Sie. Erzählen Sie uns von Ihren Erfahrungen.
Das Werk ist fantastisch geschrieben, hat unglaubliche Harmonien und eine irre rhythmische Dynamik, immer so ein bisschen Klavier und Geige gegeneinander – und dann kommt am Ende doch so eine Art Miteinander dabei heraus. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man das Stück richtig spielt. Es ist einfach wahnsinnig schwer, schwerer als jedes Violinkonzert, und auch im Klavierpart total vertrackt. Mein Klavierpartner und Freund Maxim Lando hat einen fantastischen Job gemacht, wie er die Sonate in ziemlicher kurzer Zeit auf Hochglanz poliert hat.
Was ist denn die „Botschaft“ dieses Werkes?
Eine wirkliche Antwort kann ich darauf nicht geben – und den Komponisten kann ich dazu leider auch nicht mehr befragen (lacht). Auf jeden Fall ist das purer musikalischer Irrsinn, ein extremer Wahnwitz, der vielleicht auch in Achrons zerrissener Psyche begründet liegt, ich weiß es nicht. Was ich aber weiß, ist, dass eine ungeheure Spannung über dieser Musik liegt. Als Interpret muss man sich da ganz tief hineinbegeben – und dann kann man auf der Bühne alles rauslassen, was man emotional in sich hat – weil auch alles in dieser Musik vorkommt. Bei aller „Madness“ sind die Dissonanzen der Sonate dabei aber nicht so konzipiert, dass sie unangenehm zu hören sind.
Gibt es Notizen oder Briefe von Achron, die uns wenigstens etwas über das Stück verraten?
Leider nein. Es scheint, diese Sonate soll nur für sich selber sprechen. Das Spannende daran ist, dass sie eben nicht erklärbar ist. Auf jeden Fall spielt aber die jüdische Perspektive in die Musik hinein. 1911 ist Achron in St. Petersburg in die „Gesellschaft für jüdische Volksmusik“ eingetreten, 1918 hat er die Sonate geschrieben, in der viel Volksmusik zu hören ist. Aber dann gibt es da eben auch Passagen, in denen er, ich sag es mal ganz drastisch, die Zuhörer regelrecht verarscht, weil manche Rhythmen so komplett durcheinandergehen, dass man beim ersten Hören glaubt, es passt hinten und vorne nicht zusammen. Tut es dann aber doch, wenn man sich ganz intensiv damit befasst.
Nach so viel „Madness“: Was sind denn Ihre nächsten „unverrückten“ Ziele?
Kurzfristig steht für mich im Oktober erst einmal der Wieniawski- Wettbewerb an, wo ich als Teilnehmer angenommen wurde. Da will ich möglichst gut abschneiden. Dann geht es anschließend nach Singapur zum nächsten Wettbewerb. Mein langfristiges Ziel ist auf jeden Fall, Solist zu werden.
Sind Sie ein „Wettbewerbsjunkie“?
Ja, ich bin sehr competitiv unterwegs. Und ich will immer Erster sein, deshalb bin ich mit dem zweiten Platz alles andere als zufrieden (lacht).
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