Klangzauberer zwischen den Stilen
Nur wenige Musiker haben den europäischen Jazz mit ständig neuen Anverwandlungen so markant geprägt wie der Schweizer Komponist Mathias Rüegg, der am 8. Dezember 2022 in dem vom ihm selbst mitbegründeten Wiener Jazzclub „Porgy & Bess“ seinen 70. Geburtstag feierte.

Ein Porträt des gelernten Sonderschullehrers, der mit 21 Jahren in Graz zum Jazzer mutierte, ist ohne das Vienna Art Orchestra (VAO) undenkbar und beginnt deshalb so: Sitzt ein Zürcher Pianist in einer Wiener Jazzkneipe … Was wie der Auftakt zu einem Musikerwitz klingt, ist der Beginn einer unvergleichlichen Erfolgsgeschichte, die erst am 10. Juli 2010 mit den trockenen Worten „game over“ endete.
Denn bei dem eidgenössischen Exilanten, der da jeden Abend in „Jazz Gittis“ Szenelokal die Gäste unterhielt, handelte es sich um niemand anders als Mathias Rüegg. Rasch wurde es dem Mann am Klavier allerdings allein recht fad. „Plötzlich hatte ich das Bedürfnis, im Duo zu spielen und lud Wolfgang Puschnig ein. Bald wurde aus dem Duo ein Trio, dann ein Quartett und so weiter. Jeden Abend ging ich zur Lokalbesitzerin und informierte sie: ,Heute spielen wir im Septett. Heute sind wir zu acht.‘ Eines Tages waren wir 17 Mann. Untertags schrieb ich die Musik, am Nachmittag wurde geprobt, am Abend gab’s dann schon die Aufführung. Das war damals in Wien eine kleine Sensation“, erinnert sich Rüegg an die Anfänge dessen, was bald als Vienna Art Orchestra weltberühmt wurde.
Damals, das war 1977. Ganz dem Zeitgeist entsprechend, feierte der buntgemischte Haufen von Musikern, Literaten, Tänzern und Künstlern unter dem exaltierten Namen „Premier Orchestre d’Art de Vienne“ wilde Happenings, gab Straßenkonzerte oder präsentierte dem staunenden Wiener Publikum eine Komposition mit dem schrägen Titel „Concert For Four Trees, Fireworks, Th e Soldier’s Book, HalfMilitant Children And Orchestra“. Es folgten diverse Multimediaprojekte und ein kaum beachtetes Konzert mit der lokalen Blaskapelle beim ersten Jazzfestival Saalfelden. Doch schon bei der ersten Tournee brach die chaotische Truppe auseinander. Was blieb, waren 14 Musiker (darunter Vokalistin Lauren Newton, Blechbläser Herbert Joos sowie die Saxofonisten Wolfgang Puschnig und Harry Sokal) rund um Mastermind Mathias Rüegg, die fortan als eher seriöses Jazzorchester firmieren wollten und mit dem Studioalbum „Tango From Obango“ ein fabelhaft es Debüt vorlegten.
Doch was heißt schon „seriös“ bei diesem Ensemble? Bereits die Besetzung widersprach allen Regeln klassischer Bigband-Tradition: ein Sopran, ein Alt, ein Tenorsaxofon, zwei Trompeten, Flügelhorn, Posaune, Tuba, Marimba, Klavier, Bass, Schlagzeug und Percussion, dazu die Stimme von Lauren Newton, die „innerhalb von schätzungsweise viereinhalb Oktaven Grenzüberschreitungen vollführt, wie sie sich sonst nur in den (sterileren) Bereichen einer Cathy Berberian finden lassen“, so der Schweizer Publizist Peter Rüedi.
Souverän jagte Rüegg sein gutes Dutzend ausgeprägter Individualisten durch aberwitzige Klangabenteuer, wilderte ebenso hemmungslos wie intelligent in der Jazzhistorie – seine Komposition „Th e World Of BE Band & Big BOP“ stand geradezu leitmotivisch für das mit der Zeit über 500 Stücke umfassende Repertoire des VAO – und legte so den Grundstein für eine beispiellose Erfolgsstory „made in Austria“. Dem VAO zuzuhören, gleicht seit nunmehr 55 Jahren einem Hindernislauf des Gehörs durch unterschiedlichste Epochen.
Nicht ohne Grund sagte der Wahl-Wiener einst: „Sollte der Kenner Teile, Zitate, Originale oder Bearbeitungen von Bach, Mozart, Bartók, Strawinsky, Tristano oder Monk gehört haben, so hat er sich nicht getäuscht. Versagt sein Gedächtnis aber, so fassen wir das als Kompliment auf: Er hat unsere Individualität erkannt.“
Trotz des „Art“ im Namen des Orchesters ist Rüeggs virtuoses Spiel mit der Musikgeschichte freilich nie „l’art pour l’art“. Setzte doch das VAO eigene Maßstäbe in Sachen Avantgarde und stand für eine Spielhaltung, die neuartige Klangbilder und grandiose Soli aller Musiker in kunstvollen, stets originellen Arrangements gewitzt mit der glorreichen Vergangenheit vereinte. Bis heute verblüfft die Wandlungsfähigkeit dieses Solisten-Ensembles, das sich im Laufe seines Bestehens stetig verjüngte und erneuerte.
Doch weit wichtiger: Auch das Repertoire wurde von Rüegg immer wieder überraschend in alle möglichen Richtungen erweitert. Dazu schöpft e er aus einem immensen Fundus an musikalischem Wissen, das bei den Anfängen des Jazz noch lange nicht Halt machte. Da standen Bearbeitungen klassischer Größen („Blues For Brahms“, 1988) neben einem mit frechem Wortspiel betitelten „Mozart’s Balls“ (1991), zeigte sich Rüeggs unbändiger Humor etwa bei „The Innocence Of Clichés“ (1989). Und natürlich gab es fabelhafte Verbeugungen vor großen Kollegen, seien es die „Nine Immortal Nonevergreens For Eric Dolphy“ (1995) oder „The Original Charts Of Duke Ellington And Charles Mingus“ (1993).
Längst konventionell wie eine klassische Bigband besetzt, was freilich nicht viel zu sagen hat, gelang dem VAO zum Milleniumswechsel ein besonderer Coup. Auf „A Centenary Journey“ (2000) ließ es ein ganzes Jahrhundert Jazzgeschichte voller Aberwitz Revue passieren, was weltweit zu Begeisterungsstürmen führte. Ähnlich erfolgreich präsentierte Rüegg zum 25. Jubiläum 2003 unter dem Titel „Art & Fun“ eine Tour de force durch das riesige Repertoire der Band und versteckte gleich 80 Zitate in einem bunten Reigen, den er – wie stets auf der Höhe der Zeit – dem Gitarristen Martin Koller gar für einen elektrisierenden Remix anvertraute.
Fürs 30. Jubeljahr realisierte er 2007 seine alte Lieblingsidee einer thematisch aufeinander bezogenen Trilogie: „American Dreams/European Visionaries/ Visionaries & Dreams“. In klassischem Bigband-Sound porträtierte er da „13 American Women“, während „13 European Men“ im neutönerischen Duktus der Alten Welt erklang. Dialektik pur dann seine „13 Couples“ als atemberaubende Synthese des zuvor Gehörten. Die spektakuläre Box mit dem schönen Namen „3“, deren erste Auflage innerhalb kürzester Zeit vergriffen war, gilt heute als musikalisches Vermächtnis des Vienna Art Orchestra.
Denn im Herbst 2008 löste Rüegg völlig überraschend den bewährten Klangkörper auf und paarte in einem komplett neu formierten VAO, dem nur noch sein alter Weggefährte Harry Sokal verblieben war, vier Jazzsolisten mit 15 klassischen Musikern, um alle Klischees von Third Stream grandios hinwegzufegen. Hochvital und erfrischend unartifiziell erwies sich „Third Dream“, die 35. und letzte VAO-Scheibe, als souveränes Statement des europäischen Jazz. Zwei Jahre später war das VAO – schmählich im Stich gelassen von österreichischer Politik und Wirtschaft – endgültig Geschichte. Wobei es fast eine Randnotiz ist, dass Rüegg im Lauf der Jahre auch Platten mit Ernst Jandl einspielte, Bühnenmusiken für George Tabori und klassische Werke etwa für die Basel Sinfonietta schrieb.
Nach dem Aus des VAO knüpfte er daran an und erstellte für die Sängerin Lia Pale zunächst ein modernes Arrangement von Schuberts „Winterreise“. Pales vielbeachtetem Debüt „Gone Too Far“ (2013) folgten weitere Kunstlied- Inszenierungen, bei denen Rüegg am Klavier Romantiker wie Schumann oder Brahms jazzig veredelte. Die Zeit der Pandemie nutzte er, um 40 Klavier- Miniaturen zu entwerfen, die auf „Solitude Diaries“ (2020) faszinierend vielseitig schillern. Dass er nun mit „The Blue Piano“ endgültig ganz seiner romantischen Ader frönt, ist da nur eine weitere Facette eines gewaltigen OEuvres, das von wilder Avantgarde über wegweisenden Bigband-Jazz bis zu Kammermusik reicht und den längst zum Wiener assimilierten Mathias Rüegg als imposanten Granden der europäischen Musikgeschichte ausweist. Möge er uns noch lange überraschen.
Ein Porträt des gelernten Sonderschullehrers, der mit 21 Jahren in Graz zum Jazzer mutierte, ist ohne das Vienna Art Orchestra (VAO) undenkbar und beginnt deshalb so: Sitzt ein Zürcher Pianist in einer Wiener Jazzkneipe … Was wie der Auftakt zu einem Musikerwitz klingt, ist der Beginn einer unvergleichlichen Erfolgsgeschichte, die erst am 10. Juli 2010 mit den trockenen Worten „game over“ endete.
Denn bei dem eidgenössischen Exilanten, der da jeden Abend in „Jazz Gittis“ Szenelokal die Gäste unterhielt, handelte es sich um niemand anders als Mathias Rüegg. Rasch wurde es dem Mann am Klavier allerdings allein recht fad. „Plötzlich hatte ich das Bedürfnis, im Duo zu spielen und lud Wolfgang Puschnig ein. Bald wurde aus dem Duo ein Trio, dann ein Quartett und so weiter. Jeden Abend ging ich zur Lokalbesitzerin und informierte sie: ,Heute spielen wir im Septett. Heute sind wir zu acht.‘ Eines Tages waren wir 17 Mann. Untertags schrieb ich die Musik, am Nachmittag wurde geprobt, am Abend gab’s dann schon die Aufführung. Das war damals in Wien eine kleine Sensation“, erinnert sich Rüegg an die Anfänge dessen, was bald als Vienna Art Orchestra weltberühmt wurde.
Damals, das war 1977. Ganz dem Zeitgeist entsprechend, feierte der buntgemischte Haufen von Musikern, Literaten, Tänzern und Künstlern unter dem exaltierten Namen „Premier Orchestre d’Art de Vienne“ wilde Happenings, gab Straßenkonzerte oder präsentierte dem staunenden Wiener Publikum eine Komposition mit dem schrägen Titel „Concert For Four Trees, Fireworks, Th e Soldier’s Book, HalfMilitant Children And Orchestra“. Es folgten diverse Multimediaprojekte und ein kaum beachtetes Konzert mit der lokalen Blaskapelle beim ersten Jazzfestival Saalfelden. Doch schon bei der ersten Tournee brach die chaotische Truppe auseinander. Was blieb, waren 14 Musiker (darunter Vokalistin Lauren Newton, Blechbläser Herbert Joos sowie die Saxofonisten Wolfgang Puschnig und Harry Sokal) rund um Mastermind Mathias Rüegg, die fortan als eher seriöses Jazzorchester firmieren wollten und mit dem Studioalbum „Tango From Obango“ ein fabelhaft es Debüt vorlegten.
Doch was heißt schon „seriös“ bei diesem Ensemble? Bereits die Besetzung widersprach allen Regeln klassischer Bigband-Tradition: ein Sopran, ein Alt, ein Tenorsaxofon, zwei Trompeten, Flügelhorn, Posaune, Tuba, Marimba, Klavier, Bass, Schlagzeug und Percussion, dazu die Stimme von Lauren Newton, die „innerhalb von schätzungsweise viereinhalb Oktaven Grenzüberschreitungen vollführt, wie sie sich sonst nur in den (sterileren) Bereichen einer Cathy Berberian finden lassen“, so der Schweizer Publizist Peter Rüedi.
Souverän jagte Rüegg sein gutes Dutzend ausgeprägter Individualisten durch aberwitzige Klangabenteuer, wilderte ebenso hemmungslos wie intelligent in der Jazzhistorie – seine Komposition „Th e World Of BE Band & Big BOP“ stand geradezu leitmotivisch für das mit der Zeit über 500 Stücke umfassende Repertoire des VAO – und legte so den Grundstein für eine beispiellose Erfolgsstory „made in Austria“. Dem VAO zuzuhören, gleicht seit nunmehr 55 Jahren einem Hindernislauf des Gehörs durch unterschiedlichste Epochen.
Nicht ohne Grund sagte der Wahl-Wiener einst: „Sollte der Kenner Teile, Zitate, Originale oder Bearbeitungen von Bach, Mozart, Bartók, Strawinsky, Tristano oder Monk gehört haben, so hat er sich nicht getäuscht. Versagt sein Gedächtnis aber, so fassen wir das als Kompliment auf: Er hat unsere Individualität erkannt.“
Trotz des „Art“ im Namen des Orchesters ist Rüeggs virtuoses Spiel mit der Musikgeschichte freilich nie „l’art pour l’art“. Setzte doch das VAO eigene Maßstäbe in Sachen Avantgarde und stand für eine Spielhaltung, die neuartige Klangbilder und grandiose Soli aller Musiker in kunstvollen, stets originellen Arrangements gewitzt mit der glorreichen Vergangenheit vereinte. Bis heute verblüfft die Wandlungsfähigkeit dieses Solisten-Ensembles, das sich im Laufe seines Bestehens stetig verjüngte und erneuerte.
Doch weit wichtiger: Auch das Repertoire wurde von Rüegg immer wieder überraschend in alle möglichen Richtungen erweitert. Dazu schöpft e er aus einem immensen Fundus an musikalischem Wissen, das bei den Anfängen des Jazz noch lange nicht Halt machte. Da standen Bearbeitungen klassischer Größen („Blues For Brahms“, 1988) neben einem mit frechem Wortspiel betitelten „Mozart’s Balls“ (1991), zeigte sich Rüeggs unbändiger Humor etwa bei „The Innocence Of Clichés“ (1989). Und natürlich gab es fabelhafte Verbeugungen vor großen Kollegen, seien es die „Nine Immortal Nonevergreens For Eric Dolphy“ (1995) oder „The Original Charts Of Duke Ellington And Charles Mingus“ (1993).
Längst konventionell wie eine klassische Bigband besetzt, was freilich nicht viel zu sagen hat, gelang dem VAO zum Milleniumswechsel ein besonderer Coup. Auf „A Centenary Journey“ (2000) ließ es ein ganzes Jahrhundert Jazzgeschichte voller Aberwitz Revue passieren, was weltweit zu Begeisterungsstürmen führte. Ähnlich erfolgreich präsentierte Rüegg zum 25. Jubiläum 2003 unter dem Titel „Art & Fun“ eine Tour de force durch das riesige Repertoire der Band und versteckte gleich 80 Zitate in einem bunten Reigen, den er – wie stets auf der Höhe der Zeit – dem Gitarristen Martin Koller gar für einen elektrisierenden Remix anvertraute.
Fürs 30. Jubeljahr realisierte er 2007 seine alte Lieblingsidee einer thematisch aufeinander bezogenen Trilogie: „American Dreams/European Visionaries/ Visionaries & Dreams“. In klassischem Bigband-Sound porträtierte er da „13 American Women“, während „13 European Men“ im neutönerischen Duktus der Alten Welt erklang. Dialektik pur dann seine „13 Couples“ als atemberaubende Synthese des zuvor Gehörten. Die spektakuläre Box mit dem schönen Namen „3“, deren erste Auflage innerhalb kürzester Zeit vergriffen war, gilt heute als musikalisches Vermächtnis des Vienna Art Orchestra.
Denn im Herbst 2008 löste Rüegg völlig überraschend den bewährten Klangkörper auf und paarte in einem komplett neu formierten VAO, dem nur noch sein alter Weggefährte Harry Sokal verblieben war, vier Jazzsolisten mit 15 klassischen Musikern, um alle Klischees von Third Stream grandios hinwegzufegen. Hochvital und erfrischend unartifiziell erwies sich „Third Dream“, die 35. und letzte VAO-Scheibe, als souveränes Statement des europäischen Jazz. Zwei Jahre später war das VAO – schmählich im Stich gelassen von österreichischer Politik und Wirtschaft – endgültig Geschichte. Wobei es fast eine Randnotiz ist, dass Rüegg im Lauf der Jahre auch Platten mit Ernst Jandl einspielte, Bühnenmusiken für George Tabori und klassische Werke etwa für die Basel Sinfonietta schrieb.
Nach dem Aus des VAO knüpfte er daran an und erstellte für die Sängerin Lia Pale zunächst ein modernes Arrangement von Schuberts „Winterreise“. Pales vielbeachtetem Debüt „Gone Too Far“ (2013) folgten weitere Kunstlied- Inszenierungen, bei denen Rüegg am Klavier Romantiker wie Schumann oder Brahms jazzig veredelte. Die Zeit der Pandemie nutzte er, um 40 Klavier- Miniaturen zu entwerfen, die auf „Solitude Diaries“ (2020) faszinierend vielseitig schillern. Dass er nun mit „The Blue Piano“ endgültig ganz seiner romantischen Ader frönt, ist da nur eine weitere Facette eines gewaltigen OEuvres, das von wilder Avantgarde über wegweisenden Bigband-Jazz bis zu Kammermusik reicht und den längst zum Wiener assimilierten Mathias Rüegg als imposanten Granden der europäischen Musikgeschichte ausweist. Möge er uns noch lange überraschen.
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