Interview & Porträt

„Eine sehr persönliche Sache“

Von
Andreas Kunz
Erschienen in der Printausgabe im
April 2023
Lesezeit ca.
…
Minuten
Vielseitige Geigerin: Rahel Rilling
Vielseitige Geigerin: Rahel Rilling

Wie kam es dazu, dass Sie als Geigerin 2006 das „Kammermusik Festival Hohenstaufen“ gründeten, das seither jedes Jahr in Göppingen über die Bühne geht?

Als ich 2005 meine Stelle im heutigen Elbphilharmonie-Orchester Hamburg angenommen hatte, ergriff mich plötzlich Panik, dass ich festgenagelt bin. Gemeinsam mit einer Freundin hatte ich daraufhin die Idee, ein Festival zu gründen. Inspiriert wurde ich von verschiedenen Kammermusikfestivals, bei denen ich aufgetreten war, wie dem „Sarasota Music Festival“ in Florida oder dem „Santander Festival“ in Spanien: Es ist richtig toll, wenn man neue Menschen kennenlernen und mit denen Musik machen kann. Wir überlegten, wo es schön wäre, und haben dann an Hohenstaufen gedacht, wo meine Eltern ein Ferienhaus haben, von dort hat man eine traumhafte Aussicht. Einer unserer Nachbarn, ein pensionierter Arzt aus Göppingen, ist dann als Organisator eingestiegen und hat sich darum gekümmert, Sponsoren zu suchen. So fing das Ganze an.

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Daraus ist noch im gleichen Jahr das „Hohenstaufen Ensemble“ hervorgegangen, dessen Kern aus Ihrer Familie besteht: Cellist Dávid Adorján ist ihr Mann, Bratscherin Sara Rilling Ihre Schwester und Geiger Gabriel Adorján ihr Schwager.

Ich wollte das neue Album deshalb ursprünglich „Family Affair“ nennen, das wäre lustig gewesen, denn ich spielte ja gemeinsam mit Mann, Schwester und Schwager die Musik meines Urgroßvaters. Es gibt aber einen sehr großen Pool an Leuten, die ebenfalls zum Ensemble gehören – wie zum Beispiel Annika Treutler, mit der mein Mann bei der Veranstaltung „Musicians For United Europe“, inszeniert von Alban Gerhard, zusammenspielte, und sie dann festgestellt haben, dass wir Nachbarn in Berlin sind. Daraus hat sich eine Freundschaft entwickelt.

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Macht gegenseitige Vertrautheit das gemeinsame Musizieren einfacher?

Es ist auf jeden Fall schon mal eine sehr gute Basis, wenn man sich kennt und gut versteht. Aber manchmal hat das auch seine Tücken – man kann nicht einfach „Tschüss“ sagen, wenn einem irgendetwas nicht passt oder man sich auf den Schlips getreten fühlt. Wobei es meist um Kleinigkeiten geht: Wer bestimmt, ob wir an einer Stelle einen Aufstrich oder Abstrich machen? Wie lang zieht sich eine Phrase, müssen wir da gemeinsam wechseln oder nicht? Der eine will es dann so und der andere so, und dann muss man halt eine gemeinsame Lösung finden. Im Grunde ist Vertrautheit aber ein totales Privileg.

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Kommen wir zu Robert Kahn: Bereits vor zehn Jahren veröffentlichten Sie ein erstes Album mit den Werken Ihres Urgroßvaters. Was hatte Sie damals motiviert?

Das erste Mal, dass ich mich mit meinem Urgroßvater auseinandergesetzt habe, war zu Beginn meines Studiums in Berlin Ende der 1990er-Jahre. Damals hatten wir sein Haus in der ehemaligen DDR zurückbekommen, das nach dem Krieg eine Jugendherberge geworden war und heute leider leer steht. Ich fand seine Musik einfach wahnsinnig schön und dachte, dass man die unbedingt verbreiten muss. Allerdings wurde 2012 mein Sohn geboren und 2015 meine Tochter, weshalb ich damals auch viel mit meinen Kindern beschäftigt war. Inzwischen habe ich mehr Freiraum, mich damit auseinanderzusetzen, und konnte mir Zeit und Muße nehmen, dieses Thema noch mal richtig aufzuarbeiten.

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Hat sich Ihr Verständnis vertieft ?

Während der Corona-Zeit habe ich zwei Jahre lang eine Coaching-Ausbildung gemacht. Ich fand es spannend, wie Menschen miteinander kommunizieren, und es erschien mir extrem sinnvoll, mich damit auseinanderzusetzen, wie es Menschen im Nationalsozialismus ergangen ist. Dadurch, dass Robert Kahns Musik in der Zeit nicht mehr aufgeführt wurde und er 1938 emigrieren musste, geriet er in Vergessenheit. Dass man die Musik solcher Menschen wieder an die Oberfläche bringt und sich mit dem Unrecht auseinandersetzt, das den Menschen damals wiederfahren ist, finde ich wichtig – zumal es sich hier ja um meine Familiengeschichte handelt.

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Was gefällt Ihnen an Robert Kahns Werken?

Ich finde seine Musik einfach sehr schön: hochromantisch, sehr tiefgründig, geistreich und auch vielseitig.

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Persönlich spüre ich sehr stark eine Nähe zu Brahms.

Tatsächlich hat er ja von Brahms gelernt. Eines Abends haben sich beide über die Oratorien von Händel unterhalten. Brahms hat wohl gesagt, dass er „Israel in Ägypten“ am schönsten findet, woraufhin Robert Kahn bekannte, dass er das Werk nicht kennen würde. Am nächsten Morgen lag vor seiner Tür eine Partitur von „Israel in Ägypten“ nebst einer Postkarte von Brahms – diese Postkarte haben meine Eltern übrigens von meiner Großmutter zur Hochzeit geschenkt bekommen, die hängt jetzt bei uns zu Hause. Brahms und Kahn ähneln sich auch darin, dass beide Bach sehr verehrt haben. In vielen Stücken von Kahn gibt es Fugen wie zum Beispiel im letzten Satz des „Klaviertrios“, das wir nun aufgenommen haben.

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Liegt es allein an der Nazizeit, dass Robert Kahn in Vergessenheit geraten ist? Oder auch daran, dass er nicht den Idealen der Avantgarde entsprach? Als er die von Ihnen aufgenommenen Werke in den 1920er- und 1930er-Jahren komponierte, waren ja ganz andere ästhetische Strömungen angesagt.

Natürlich ist das eine spätromantische Musik. Aber man spürt durchaus Einflüsse des Jazz, was zum Beispiel manche minimalistischen Rhythmen angeht. Viele Stellen sind verschachtelt und es geht ein wenig in die Schönberg-Richtung. Im Vergleich zu Brahms finde ich ihn schon ein bisschen moderner. Ich komme auch deshalb darauf, weil man die letzten Jahrzehnte offener geworden ist gegenüber Musik, die nicht dem Modernitätsgebot der Adorno-Schule entspricht. Auch Bachs Musik wurde nach seinem Tod ja lange nicht gespielt, was man gar nicht glauben mag. Heute ist das auch deshalb anders, weil man als Musiker wie Zuhörer jederzeit Zugang zu allem hat. Für mich ist das natürlich auch eine sehr persönliche Sache. Als Musikerin fühle ich mich verpflichtet, meinen Urgroßvater zu würdigen. Ich weiß nicht, ob ich mich mit anderen unbekannten Komponisten in der Form auseinandersetzen würde.

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Ich hatte gelesen, dass Sie das gesamte Werk Kahns aufführen wollen.

Das würde ich am liebsten, aber dazu müsste ich erstmal Klavier spielen können (lacht). Ich würde es gerne beauftragen, mal sehen, ob sich das verwirklichen lässt. Allein dieses „Tagebuch in Tönen“, was er im Exil geschrieben hat, beinhaltet ja über 1100 Klavierstücke.

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Es gibt auch Chorwerke …

… ja, und sogar ein paar Orchesterwerke und unendlich viele Lieder. Die sieben Lieder aus „Jungbrunnen“ für Gesang und Klaviertrio, die wir vor gut zehn Jahren aufgenommen haben, sind ganz tolle Werke. Und es gibt noch viel mehr, das man wieder bekannt machen könnte. Ich hatte schon darüber nachgedacht, dass man mal einen Film drehen sollte über die gesamte Kahn-Familie. Da waren lauter interessante Menschen dabei: High Society zu der Zeit. Einer der Brüder von Robert Kahn war Banker in New York und die Vorlage für das „Monopoly- Männchen“ – schon eine illustre Familie (lacht).

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Zum aktuellen Album: Warum musste das D-Dur-Quintett durch den Musikwissenschaftler Steffen Fahl transkribiert werden?

Das gab es zuvor nur als handgeschriebenes Manuskript. Dabei traten immer wieder Fragen auf nach den richtigen Tönen – ein spannender Prozess.

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Lag das an der schwer lesbaren Handschrift?

Ja, ein bisschen, und manches war auch verwischt, da musste man manchmal schon raten, was gemeint war. Selbst die „Serenade“, die schon in der Reinschrift vorlag, war stellenweise schlecht zu lesen, weil zum Beispiel irgendwoher ein schwarzer Fleck dazugekommen war, so dass man die Noten nicht mehr ganz genau erkennen konnte oder bei Taktwechseln die Übergänge. Und das Klavierquintett lag noch nicht einmal in Reinschrift vor, das sah schon ein bisschen krakelig aus.

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Haben Sie durch Ihren Vater Helmuth Rilling einen engen Bezug zu Bach?

Mein Faible für Bach wurde mir quasi in die Wiege gelegt, mit Bach bin ich aufgewachsen und groß geworden. Schon früh habe ich sehr geschätzt, was für ein Privileg es ist, dass man die Kantaten und die großen Oratorien, die h-Moll-Messe und andere Werke so oft gehört oder gespielt hat, auch das Brahms-Requiem oder den „Elias“ von Mendelssohn kenne ich in- und auswendig. Das prägt mich und ist ein Geschenk – eine Basis, die mir mein Leben lang keiner mehr nehmen kann.

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Aber Ihr musikalisches Interesse geht darüber hinaus …

Ich mag es bunt und vielseitig und hatte immer schon einen starken Hang zur Popmusik: Früher wollte ich am liebsten Popstar werden, mein großes Vorbild war Madonna. Auch von Jazz und elektronischer Musik bin ich ein totaler Fan. Letztes Jahr habe ich zum ersten Mal mit einer Jazzband zusammengespielt. Das hat mir soviel Spaß gemacht, dass ich mich noch mehr dahinterklemmen werde. Ich habe auch manchmal als DJ aufgelegt und hätte große Lust, einen spannenden Weg zu finden, wie man Klassik grazil mit elektronischer Musik verbindet – eine große Herausforderung. Mit meinem Streichquartett „Die Nixen“ spiele ich Crossover. Wir haben schon viele Arrangements gemacht und schreiben mittlerweile auch eigene Songs. In den letzten Jahren haben wir für Familien ein Mini-Musical namens „Oceankids“ entwickelt, das sich für den Schutz der Meere einsetzt. Da rappen wir auch und choppen auf unseren Instrumenten wie auf einem Schlagzeug. Das kommt nächstes Jahr als Buch und Hörbuch heraus, gesprochen von Katharina Thalbach. Egal welches Genre: Gute Musik bleibt gut.

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Robert Kahn

Der 1865 in Mannheim geborene Robert Kahn stammt aus einer angesehenen jüdischen Kaufmanns- und Bankiersfamilie. 1882 bis 1885 studierte er Musik an der Königlichen Hochschule für Musik in Berlin, 1894 wurde er dort Dozent und 1903 Professor. Zu seinen Schülern zählten unter anderem Wilhelm Kempff, Arthur Rubinstein, Ferdinand Leitner sowie Nikos Skalkottas. Für den Komponisten Robert Kahn setzten sich Hans von Bülow, Johannes Brahms und Clara Schumann ein, zudem war Kahn als Pianist Liedbegleiter und Kammermusikpartner unter anderem von Joseph Joachim. 1938 musste er nach England emigrieren, wo er 1951 starb.

Wie kam es dazu, dass Sie als Geigerin 2006 das „Kammermusik Festival Hohenstaufen“ gründeten, das seither jedes Jahr in Göppingen über die Bühne geht?

Als ich 2005 meine Stelle im heutigen Elbphilharmonie-Orchester Hamburg angenommen hatte, ergriff mich plötzlich Panik, dass ich festgenagelt bin. Gemeinsam mit einer Freundin hatte ich daraufhin die Idee, ein Festival zu gründen. Inspiriert wurde ich von verschiedenen Kammermusikfestivals, bei denen ich aufgetreten war, wie dem „Sarasota Music Festival“ in Florida oder dem „Santander Festival“ in Spanien: Es ist richtig toll, wenn man neue Menschen kennenlernen und mit denen Musik machen kann. Wir überlegten, wo es schön wäre, und haben dann an Hohenstaufen gedacht, wo meine Eltern ein Ferienhaus haben, von dort hat man eine traumhafte Aussicht. Einer unserer Nachbarn, ein pensionierter Arzt aus Göppingen, ist dann als Organisator eingestiegen und hat sich darum gekümmert, Sponsoren zu suchen. So fing das Ganze an.

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Daraus ist noch im gleichen Jahr das „Hohenstaufen Ensemble“ hervorgegangen, dessen Kern aus Ihrer Familie besteht: Cellist Dávid Adorján ist ihr Mann, Bratscherin Sara Rilling Ihre Schwester und Geiger Gabriel Adorján ihr Schwager.

Ich wollte das neue Album deshalb ursprünglich „Family Affair“ nennen, das wäre lustig gewesen, denn ich spielte ja gemeinsam mit Mann, Schwester und Schwager die Musik meines Urgroßvaters. Es gibt aber einen sehr großen Pool an Leuten, die ebenfalls zum Ensemble gehören – wie zum Beispiel Annika Treutler, mit der mein Mann bei der Veranstaltung „Musicians For United Europe“, inszeniert von Alban Gerhard, zusammenspielte, und sie dann festgestellt haben, dass wir Nachbarn in Berlin sind. Daraus hat sich eine Freundschaft entwickelt.

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Macht gegenseitige Vertrautheit das gemeinsame Musizieren einfacher?

Es ist auf jeden Fall schon mal eine sehr gute Basis, wenn man sich kennt und gut versteht. Aber manchmal hat das auch seine Tücken – man kann nicht einfach „Tschüss“ sagen, wenn einem irgendetwas nicht passt oder man sich auf den Schlips getreten fühlt. Wobei es meist um Kleinigkeiten geht: Wer bestimmt, ob wir an einer Stelle einen Aufstrich oder Abstrich machen? Wie lang zieht sich eine Phrase, müssen wir da gemeinsam wechseln oder nicht? Der eine will es dann so und der andere so, und dann muss man halt eine gemeinsame Lösung finden. Im Grunde ist Vertrautheit aber ein totales Privileg.

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Kommen wir zu Robert Kahn: Bereits vor zehn Jahren veröffentlichten Sie ein erstes Album mit den Werken Ihres Urgroßvaters. Was hatte Sie damals motiviert?

Das erste Mal, dass ich mich mit meinem Urgroßvater auseinandergesetzt habe, war zu Beginn meines Studiums in Berlin Ende der 1990er-Jahre. Damals hatten wir sein Haus in der ehemaligen DDR zurückbekommen, das nach dem Krieg eine Jugendherberge geworden war und heute leider leer steht. Ich fand seine Musik einfach wahnsinnig schön und dachte, dass man die unbedingt verbreiten muss. Allerdings wurde 2012 mein Sohn geboren und 2015 meine Tochter, weshalb ich damals auch viel mit meinen Kindern beschäftigt war. Inzwischen habe ich mehr Freiraum, mich damit auseinanderzusetzen, und konnte mir Zeit und Muße nehmen, dieses Thema noch mal richtig aufzuarbeiten.

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Hat sich Ihr Verständnis vertieft ?

Während der Corona-Zeit habe ich zwei Jahre lang eine Coaching-Ausbildung gemacht. Ich fand es spannend, wie Menschen miteinander kommunizieren, und es erschien mir extrem sinnvoll, mich damit auseinanderzusetzen, wie es Menschen im Nationalsozialismus ergangen ist. Dadurch, dass Robert Kahns Musik in der Zeit nicht mehr aufgeführt wurde und er 1938 emigrieren musste, geriet er in Vergessenheit. Dass man die Musik solcher Menschen wieder an die Oberfläche bringt und sich mit dem Unrecht auseinandersetzt, das den Menschen damals wiederfahren ist, finde ich wichtig – zumal es sich hier ja um meine Familiengeschichte handelt.

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Was gefällt Ihnen an Robert Kahns Werken?

Ich finde seine Musik einfach sehr schön: hochromantisch, sehr tiefgründig, geistreich und auch vielseitig.

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Persönlich spüre ich sehr stark eine Nähe zu Brahms.

Tatsächlich hat er ja von Brahms gelernt. Eines Abends haben sich beide über die Oratorien von Händel unterhalten. Brahms hat wohl gesagt, dass er „Israel in Ägypten“ am schönsten findet, woraufhin Robert Kahn bekannte, dass er das Werk nicht kennen würde. Am nächsten Morgen lag vor seiner Tür eine Partitur von „Israel in Ägypten“ nebst einer Postkarte von Brahms – diese Postkarte haben meine Eltern übrigens von meiner Großmutter zur Hochzeit geschenkt bekommen, die hängt jetzt bei uns zu Hause. Brahms und Kahn ähneln sich auch darin, dass beide Bach sehr verehrt haben. In vielen Stücken von Kahn gibt es Fugen wie zum Beispiel im letzten Satz des „Klaviertrios“, das wir nun aufgenommen haben.

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Liegt es allein an der Nazizeit, dass Robert Kahn in Vergessenheit geraten ist? Oder auch daran, dass er nicht den Idealen der Avantgarde entsprach? Als er die von Ihnen aufgenommenen Werke in den 1920er- und 1930er-Jahren komponierte, waren ja ganz andere ästhetische Strömungen angesagt.

Natürlich ist das eine spätromantische Musik. Aber man spürt durchaus Einflüsse des Jazz, was zum Beispiel manche minimalistischen Rhythmen angeht. Viele Stellen sind verschachtelt und es geht ein wenig in die Schönberg-Richtung. Im Vergleich zu Brahms finde ich ihn schon ein bisschen moderner. Ich komme auch deshalb darauf, weil man die letzten Jahrzehnte offener geworden ist gegenüber Musik, die nicht dem Modernitätsgebot der Adorno-Schule entspricht. Auch Bachs Musik wurde nach seinem Tod ja lange nicht gespielt, was man gar nicht glauben mag. Heute ist das auch deshalb anders, weil man als Musiker wie Zuhörer jederzeit Zugang zu allem hat. Für mich ist das natürlich auch eine sehr persönliche Sache. Als Musikerin fühle ich mich verpflichtet, meinen Urgroßvater zu würdigen. Ich weiß nicht, ob ich mich mit anderen unbekannten Komponisten in der Form auseinandersetzen würde.

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Ich hatte gelesen, dass Sie das gesamte Werk Kahns aufführen wollen.

Das würde ich am liebsten, aber dazu müsste ich erstmal Klavier spielen können (lacht). Ich würde es gerne beauftragen, mal sehen, ob sich das verwirklichen lässt. Allein dieses „Tagebuch in Tönen“, was er im Exil geschrieben hat, beinhaltet ja über 1100 Klavierstücke.

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Es gibt auch Chorwerke …

… ja, und sogar ein paar Orchesterwerke und unendlich viele Lieder. Die sieben Lieder aus „Jungbrunnen“ für Gesang und Klaviertrio, die wir vor gut zehn Jahren aufgenommen haben, sind ganz tolle Werke. Und es gibt noch viel mehr, das man wieder bekannt machen könnte. Ich hatte schon darüber nachgedacht, dass man mal einen Film drehen sollte über die gesamte Kahn-Familie. Da waren lauter interessante Menschen dabei: High Society zu der Zeit. Einer der Brüder von Robert Kahn war Banker in New York und die Vorlage für das „Monopoly- Männchen“ – schon eine illustre Familie (lacht).

‍

Zum aktuellen Album: Warum musste das D-Dur-Quintett durch den Musikwissenschaftler Steffen Fahl transkribiert werden?

Das gab es zuvor nur als handgeschriebenes Manuskript. Dabei traten immer wieder Fragen auf nach den richtigen Tönen – ein spannender Prozess.

‍

Lag das an der schwer lesbaren Handschrift?

Ja, ein bisschen, und manches war auch verwischt, da musste man manchmal schon raten, was gemeint war. Selbst die „Serenade“, die schon in der Reinschrift vorlag, war stellenweise schlecht zu lesen, weil zum Beispiel irgendwoher ein schwarzer Fleck dazugekommen war, so dass man die Noten nicht mehr ganz genau erkennen konnte oder bei Taktwechseln die Übergänge. Und das Klavierquintett lag noch nicht einmal in Reinschrift vor, das sah schon ein bisschen krakelig aus.

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Haben Sie durch Ihren Vater Helmuth Rilling einen engen Bezug zu Bach?

Mein Faible für Bach wurde mir quasi in die Wiege gelegt, mit Bach bin ich aufgewachsen und groß geworden. Schon früh habe ich sehr geschätzt, was für ein Privileg es ist, dass man die Kantaten und die großen Oratorien, die h-Moll-Messe und andere Werke so oft gehört oder gespielt hat, auch das Brahms-Requiem oder den „Elias“ von Mendelssohn kenne ich in- und auswendig. Das prägt mich und ist ein Geschenk – eine Basis, die mir mein Leben lang keiner mehr nehmen kann.

‍

Aber Ihr musikalisches Interesse geht darüber hinaus …

Ich mag es bunt und vielseitig und hatte immer schon einen starken Hang zur Popmusik: Früher wollte ich am liebsten Popstar werden, mein großes Vorbild war Madonna. Auch von Jazz und elektronischer Musik bin ich ein totaler Fan. Letztes Jahr habe ich zum ersten Mal mit einer Jazzband zusammengespielt. Das hat mir soviel Spaß gemacht, dass ich mich noch mehr dahinterklemmen werde. Ich habe auch manchmal als DJ aufgelegt und hätte große Lust, einen spannenden Weg zu finden, wie man Klassik grazil mit elektronischer Musik verbindet – eine große Herausforderung. Mit meinem Streichquartett „Die Nixen“ spiele ich Crossover. Wir haben schon viele Arrangements gemacht und schreiben mittlerweile auch eigene Songs. In den letzten Jahren haben wir für Familien ein Mini-Musical namens „Oceankids“ entwickelt, das sich für den Schutz der Meere einsetzt. Da rappen wir auch und choppen auf unseren Instrumenten wie auf einem Schlagzeug. Das kommt nächstes Jahr als Buch und Hörbuch heraus, gesprochen von Katharina Thalbach. Egal welches Genre: Gute Musik bleibt gut.

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Robert Kahn

Der 1865 in Mannheim geborene Robert Kahn stammt aus einer angesehenen jüdischen Kaufmanns- und Bankiersfamilie. 1882 bis 1885 studierte er Musik an der Königlichen Hochschule für Musik in Berlin, 1894 wurde er dort Dozent und 1903 Professor. Zu seinen Schülern zählten unter anderem Wilhelm Kempff, Arthur Rubinstein, Ferdinand Leitner sowie Nikos Skalkottas. Für den Komponisten Robert Kahn setzten sich Hans von Bülow, Johannes Brahms und Clara Schumann ein, zudem war Kahn als Pianist Liedbegleiter und Kammermusikpartner unter anderem von Joseph Joachim. 1938 musste er nach England emigrieren, wo er 1951 starb.