Auf Wallfahrt mit Bach durch die Musikepochen
Zum 80. Geburtstag des Dirigenten John Eliot Gardiner.

Über John Eliot Gardiner ist fast alles schon gesagt und geschrieben worden; dass er Pionier der Alte-Musik- Szene sei, dass er sich divenhaft und streitsüchtig gebärde und trotzdem ein freundlicher, humorvoller Mensch sei, dass er nicht nur Musiker, sondern auch Arabist und vor allem leidenschaftlicher Biobauer, dazu ein Arbeitstier ist. Je intensiver man sich freilich mit dieser singulären Figur der internationalen Musikszene beschäftigt, um so rätselhafter wird sie. Wie schafft er dieses gewaltige Arbeitspensum, das er sich auferlegt, wie gelingt es ihm, in den ungezählten Konzerten und Aufnahmen, die er seit 60 Jahren leitet, ein gleichmäßig hohes Niveau zu halten?
Sehr früh schon hat sich Gardiner eigene Klangkörper mit Sängern und Musikern herangezogen, die ihm absolut ergeben sind und die er nach seinem Bilde geformt hat. Als 20–Jähriger, noch während seiner Studentenjahre in Cambridge, gründete er 1964 den Monteverdi-Choir, um Monteverdi seinen Vorstellungen entsprechend aufführen zu können, 1968 kam das Monteverdi Orchestra hinzu, das vom Ende der 1970er–Jahre an unter dem Namen English Baroque Soloists zu einem der führenden Spezialensembles für die frühen Musikepochen wurde und fortan auf Originalen oder Kopien historischer Instrumente spielte. Und als Gardiner Anfang der 1990er–Jahre in spätere Musikepochen vordrang, rief er auch dafür einen eigenen Klangkörper ins Leben: das Orchestre Révolutionnaire et Romantique.
Der Monteverdi-Choir und die beiden Orchester sind Gardiners ureigene „Instrumente“, mit denen er einst die Zeitenwende hin zur historisch informierten Musizierpraxis entscheidend mit vorantrieb und mit denen er noch immer vorrangig seine Projekte umsetzt. Allerdings hat er bald auch damit begonnen, große traditionelle Sinfonieorchester zu dirigieren. Spannend ist noch immer zu beobachten, inwieweit es ihm gelingt, die an den Großsinfonik– Sound der Romantik gewöhnten und auf modernen Instrumenten spielenden Musiker von seinen Erkenntnissen aus der historischen Aufführungspraxis zu überzeugen und sie, soweit möglich, mit ihnen auch umzusetzen.
Es spricht für Gardiner, dass er das nicht zwanghaft versucht und dass ihm vielleicht gerade deswegen zauberhaft e Interpretationen gelingen. Den großen Romantikern, allen voran Brahms oder Schumann, nimmt er die erdrückende Erdenschwere und gestaltet deren Werke federleicht, feinsinnig und klangfarbenreich. Mit seinem Elan und seiner Durchsetzungskraft hat er bei den Klangkörpern, bei denen er gastierte, oft tiefe Spuren hinterlassen. Gardiner gestand aber auch, dass sich vor allem die amerikanischen Orchester hartleibig zeigten und auf ihren eingefahrenen Usancen beharrten.
Es ist ein offenes Geheimnis, dass manche seiner Engagements bei fremden Orchestern im Unfrieden oder gar Streit endeten. Der Grund war zumeist, wie im spektakulären Fall seines Amtes als Chefdirigent des NDR-Sinfonieorchesters Anfang der 1990er–Jahre, dass er wegen seiner vielen anderen Verpflichtungen nur selten auftauchte. In Hamburg brachte ihm das den Vorwurf ein, er nehme seine Verpflichtungen nicht ernst. Er habe sich aber von vornherein nur auf 60 Tage im Jahr für die Arbeit mit dem Orchester festgelegt und sein Vertrag habe keine Verlängerungsoption vorgesehen, konterte er.
Das Schaff en des in England zum Sir geadelten Gardiner ist ungewöhnlich gut und umfangreich auf Tonträgern dokumentiert. Der Versuch, die schiere Masse der unzähligen Tonproduktionen zu durchforsten, ist eine Sisyphusarbeit, die noch dadurch erschwert wird, dass die Aufnahmen in einem Labyrinth von Labeln veröffentlicht wurden. Ein wenig Ordnung in dieses Wirrwarr bringen zwei große Boxen, die zu Gardiners 80. Geburtstag (20. April) angeboten werden: eine von Warner mit den einst von Erato produzierten Aufnahmen auf 64 Compact Discs und eine bereits 2021 von der Deutschen Grammophon herausgebrachte Box mit den Titeln vor allem der Archiv Produktion auf 104 CDs.
Leitgestirn und Kraftquelle des Tausendsassas Gardiner war und ist bei allen Ausflügen in die unterschiedlichsten Musikepochen Johann Sebastian Bach. Das hat er nicht erst mit seinem bis heute ungewöhnlichsten Großprojekt demonstriert, seiner „Wallfahrt zu Bach“ im Bach-Jahr 2000 zum 250. Todestag des Thomaskantors mit der Aufführung sämtlicher Kirchenkantaten an zum Teil sehr ungewöhnlichen Orten. Da keine der renommierten Plattenfirmen bereit war, dieses Unternehmen mit Tonaufnahmen zu dokumentieren, hat Gardiner kurzerhand ein eigenes Label gegründet und taufte es auf das Motto „Soli Deo Gloria“ (Gott allein die Ehre), mit dem Bach seine Kompositionen zu unterschreiben pflegte. Eine SDG-Box mit 56 CDs enthält die Mitschnitte aller Konzerte der „Pilgrimage“.
Von 2014 bis 2018 war Gardiner Präsident des Bach-Archivs in Leipzig. Den Ehrenposten hat er trotz seiner notorischen Zeitnot durchaus angemessen ausgefüllt. Er war zwei- bis dreimal im Jahr in Leipzig, hat mit seinen Ensembles bei den Bachfesten Konzerte gegeben, er hat an den Gremiensitzungen teilgenommen, hat Kontakte angebahnt. Und er hat vom Bach-Archiv profitiert, hat Bach-Handschrift en konsultiert und sich mit Wissenschaft - lern ausgetauscht, wie sich der Direktor des Instituts, Peter Wollny, im Gespräch mit dem FONO FORUM erinnert. Allerdings hat Gardiner das Amt, eben wegen seiner vielen anderen Aktivitäten, nach 2018 nicht fortgeführt.
Wollny kommt rasch auf das wohl größte Verdienst zu sprechen, das sich Gardiner um die Bachstadt Leipzig erworben hat: Mit einer beherzten Initiative habe er maßgeblich zur Rückführung des authentischen Porträts von Bach beigetragen, das der Maler Elias Gottlob Haußmann 1748 erstellt hat. Es war auf abenteuerlichen Wegen in die Vereinigten Staaten gelangt und sehr viel besser erhalten als das zweite, im 19. Jahrhundert von Dilettantenhand verunstaltete Haußmann-Porträt von 1746, das bereits um 1800 nach Leipzig gelangt war.
Der amerikanische Sammler und Bachenthusiast William Scheide hatte Anfang der 1950er-Jahre das wesentlich besser erhaltene Konterfei Bachs von 1748 aus dem Erbteil des Bach-Sohns Carl Philipp Emanuel auf einer Auktion in Deutschland erworben. Seinem Willen gemäß sollte es nach seinem Tod an Leipzig verkauft werden. Doch Gardiner überzeugte die Frau Scheides 2013 bei einem Essen, dass die Bach- Stadt niemals das Geld, sicher einen Millionenbetrag, würde aufbringen können, um das Bild zu erwerben. Sie veranlasste daraufhin ihren 100-jährigen Mann kurz vor dessen Tod, sein Testament zu ändern und das Bachporträt an Leipzig zu vererben, 2015 fand es dann im Leipziger Bach-Museum seinen sicher nun endgültigen Bestimmungsort.
Um 1938 hatte auf der Flucht ein aus Schlesien stammender jüdischer Bekannter der Familie Gardiner das Bild ausgerechnet in deren Obhut gegeben. Auf dem Landgut der Gardiners in der südwestenglischen Grafschaft Dorset hing es an der Wand und begleitete den jungen John Eliot bei seinen ersten Schritten in die Welt der Musik. Bach sei ihm mit der steifen Perücke und den ziemlich kurzsichtigen Augen, die den Betrachter auf merkwürdige Weise anstarren, zunächst gespenstisch vorgekommen, erinnert sich Gardiner. Er fragte sich, wie der Mann mit diesem Blick so fantastische Musik wie die „Brandenburgischen Konzerte“ und die Motetten schreiben konnte, die er gerade zu singen lernte.
Gardiner hat im Lauf der Zeit zu dem Bild ein ungewöhnlich inniges Verhältnis entwickelt, und vielleicht bieten seine emotionalen Betrachtungen zu dem Haußmann-Porträt den Schlüssel, um seiner Person etwas näherzukommen. Neben dem „typischen Kapellmeister“, der aus Bachs Augen schaue, nimmt Gardiner in der unteren Gesichtspartie mit dem ganz zart lächelnden Mund und dem Doppelkinn andere Charaktereigenschaften wahr: die eines Genussmenschen, eines Bonvivants, eines Vaters von 20 Kindern, der Wein, Bier und gutem Essen nicht abhold gewesen sei.
Geradezu obsessiv versucht Gardiner, Details über das nach wie vor weitgehend unbekannte Privatleben Bachs herauszufinden. Das Abbild eines Schöpfers himmlischer Musik und eines zugleich irdischen Freuden zugewandten Menschen inspiriert ihn in seiner Dirigententätigkeit offenbar bis heute. Den „federnden, schwingenden Rhythmus und die tänzerische Leichtigkeit“, die er in vielen Werken Bachs beobachtet hat, überträgt Gardiner mit seinem auf äußerst präzise Zeichengebung, auf Geschmeidigkeit, lichten Klang und straff e Tempi bedachten Dirigierstil konsequent auch auf die Interpretation von Werken aus den übrigen Musikepochen.
Gardiner zieht sich noch immer gern auf den Bio-Bauernhof seiner Eltern zur Zeit der Lämmer und der Ernte zurück und packt tatkräftig in der Landarbeit mit an. Was gerne als Kuriosum im Leben eines Musikers kolportiert wird, ist für ihn eine existenzielle Lebenserfahrung, die seine künstlerische Tätigkeit befruchtet. Das Leben so hautnah in der Natur ist wohl nicht zuletzt für seinen auf natürlichen Fluss und nicht auf effektvolle Extreme bedachten Interpretationsstil mitverantwortlich. Gerade darin unterscheidet sich Gardiner von Nikolaus Harnoncourt, dem anderen bedeutenden Pionier in der Alte-Musik-Bewegung, der oft eine geschärft e, ruppige und schroff e Klanggestaltung bevorzugte.
Wichtige Impulse erhielt Gardiner während seiner Studienjahre von 1967 an bei Nadia Boulanger in Paris, „in der Boulangerie“, wie er in seinem Bach-Buch kokett berichtet. Bei dem damaligen deutschen Bach-Guru Karl Richter hat er beobachtet, wie man Bach nicht interpretieren sollte. Dessen Aufführungen und Spiel auf dem Cembalo empfand er als „düster, trist und seelenlos“. Bach habe, meint Gardiner, Komponisten aller späteren Epochen beeinflusst und über die einzigartige Fähigkeit verfügt, mehr als andere Leute zu erreichen, „die Kummer haben, in Krisen stecken, den Glauben verlieren oder schwere psychologische Probleme haben.“ Bach gelinge es, Trost zu bieten. „Mozart, Haydn und Beethoven schaff en das nicht. Aber Bach schafft es.“ Gardiners Credo.
Über John Eliot Gardiner ist fast alles schon gesagt und geschrieben worden; dass er Pionier der Alte-Musik- Szene sei, dass er sich divenhaft und streitsüchtig gebärde und trotzdem ein freundlicher, humorvoller Mensch sei, dass er nicht nur Musiker, sondern auch Arabist und vor allem leidenschaftlicher Biobauer, dazu ein Arbeitstier ist. Je intensiver man sich freilich mit dieser singulären Figur der internationalen Musikszene beschäftigt, um so rätselhafter wird sie. Wie schafft er dieses gewaltige Arbeitspensum, das er sich auferlegt, wie gelingt es ihm, in den ungezählten Konzerten und Aufnahmen, die er seit 60 Jahren leitet, ein gleichmäßig hohes Niveau zu halten?
Sehr früh schon hat sich Gardiner eigene Klangkörper mit Sängern und Musikern herangezogen, die ihm absolut ergeben sind und die er nach seinem Bilde geformt hat. Als 20–Jähriger, noch während seiner Studentenjahre in Cambridge, gründete er 1964 den Monteverdi-Choir, um Monteverdi seinen Vorstellungen entsprechend aufführen zu können, 1968 kam das Monteverdi Orchestra hinzu, das vom Ende der 1970er–Jahre an unter dem Namen English Baroque Soloists zu einem der führenden Spezialensembles für die frühen Musikepochen wurde und fortan auf Originalen oder Kopien historischer Instrumente spielte. Und als Gardiner Anfang der 1990er–Jahre in spätere Musikepochen vordrang, rief er auch dafür einen eigenen Klangkörper ins Leben: das Orchestre Révolutionnaire et Romantique.
Der Monteverdi-Choir und die beiden Orchester sind Gardiners ureigene „Instrumente“, mit denen er einst die Zeitenwende hin zur historisch informierten Musizierpraxis entscheidend mit vorantrieb und mit denen er noch immer vorrangig seine Projekte umsetzt. Allerdings hat er bald auch damit begonnen, große traditionelle Sinfonieorchester zu dirigieren. Spannend ist noch immer zu beobachten, inwieweit es ihm gelingt, die an den Großsinfonik– Sound der Romantik gewöhnten und auf modernen Instrumenten spielenden Musiker von seinen Erkenntnissen aus der historischen Aufführungspraxis zu überzeugen und sie, soweit möglich, mit ihnen auch umzusetzen.
Es spricht für Gardiner, dass er das nicht zwanghaft versucht und dass ihm vielleicht gerade deswegen zauberhaft e Interpretationen gelingen. Den großen Romantikern, allen voran Brahms oder Schumann, nimmt er die erdrückende Erdenschwere und gestaltet deren Werke federleicht, feinsinnig und klangfarbenreich. Mit seinem Elan und seiner Durchsetzungskraft hat er bei den Klangkörpern, bei denen er gastierte, oft tiefe Spuren hinterlassen. Gardiner gestand aber auch, dass sich vor allem die amerikanischen Orchester hartleibig zeigten und auf ihren eingefahrenen Usancen beharrten.
Es ist ein offenes Geheimnis, dass manche seiner Engagements bei fremden Orchestern im Unfrieden oder gar Streit endeten. Der Grund war zumeist, wie im spektakulären Fall seines Amtes als Chefdirigent des NDR-Sinfonieorchesters Anfang der 1990er–Jahre, dass er wegen seiner vielen anderen Verpflichtungen nur selten auftauchte. In Hamburg brachte ihm das den Vorwurf ein, er nehme seine Verpflichtungen nicht ernst. Er habe sich aber von vornherein nur auf 60 Tage im Jahr für die Arbeit mit dem Orchester festgelegt und sein Vertrag habe keine Verlängerungsoption vorgesehen, konterte er.
Das Schaff en des in England zum Sir geadelten Gardiner ist ungewöhnlich gut und umfangreich auf Tonträgern dokumentiert. Der Versuch, die schiere Masse der unzähligen Tonproduktionen zu durchforsten, ist eine Sisyphusarbeit, die noch dadurch erschwert wird, dass die Aufnahmen in einem Labyrinth von Labeln veröffentlicht wurden. Ein wenig Ordnung in dieses Wirrwarr bringen zwei große Boxen, die zu Gardiners 80. Geburtstag (20. April) angeboten werden: eine von Warner mit den einst von Erato produzierten Aufnahmen auf 64 Compact Discs und eine bereits 2021 von der Deutschen Grammophon herausgebrachte Box mit den Titeln vor allem der Archiv Produktion auf 104 CDs.
Leitgestirn und Kraftquelle des Tausendsassas Gardiner war und ist bei allen Ausflügen in die unterschiedlichsten Musikepochen Johann Sebastian Bach. Das hat er nicht erst mit seinem bis heute ungewöhnlichsten Großprojekt demonstriert, seiner „Wallfahrt zu Bach“ im Bach-Jahr 2000 zum 250. Todestag des Thomaskantors mit der Aufführung sämtlicher Kirchenkantaten an zum Teil sehr ungewöhnlichen Orten. Da keine der renommierten Plattenfirmen bereit war, dieses Unternehmen mit Tonaufnahmen zu dokumentieren, hat Gardiner kurzerhand ein eigenes Label gegründet und taufte es auf das Motto „Soli Deo Gloria“ (Gott allein die Ehre), mit dem Bach seine Kompositionen zu unterschreiben pflegte. Eine SDG-Box mit 56 CDs enthält die Mitschnitte aller Konzerte der „Pilgrimage“.
Von 2014 bis 2018 war Gardiner Präsident des Bach-Archivs in Leipzig. Den Ehrenposten hat er trotz seiner notorischen Zeitnot durchaus angemessen ausgefüllt. Er war zwei- bis dreimal im Jahr in Leipzig, hat mit seinen Ensembles bei den Bachfesten Konzerte gegeben, er hat an den Gremiensitzungen teilgenommen, hat Kontakte angebahnt. Und er hat vom Bach-Archiv profitiert, hat Bach-Handschrift en konsultiert und sich mit Wissenschaft - lern ausgetauscht, wie sich der Direktor des Instituts, Peter Wollny, im Gespräch mit dem FONO FORUM erinnert. Allerdings hat Gardiner das Amt, eben wegen seiner vielen anderen Aktivitäten, nach 2018 nicht fortgeführt.
Wollny kommt rasch auf das wohl größte Verdienst zu sprechen, das sich Gardiner um die Bachstadt Leipzig erworben hat: Mit einer beherzten Initiative habe er maßgeblich zur Rückführung des authentischen Porträts von Bach beigetragen, das der Maler Elias Gottlob Haußmann 1748 erstellt hat. Es war auf abenteuerlichen Wegen in die Vereinigten Staaten gelangt und sehr viel besser erhalten als das zweite, im 19. Jahrhundert von Dilettantenhand verunstaltete Haußmann-Porträt von 1746, das bereits um 1800 nach Leipzig gelangt war.
Der amerikanische Sammler und Bachenthusiast William Scheide hatte Anfang der 1950er-Jahre das wesentlich besser erhaltene Konterfei Bachs von 1748 aus dem Erbteil des Bach-Sohns Carl Philipp Emanuel auf einer Auktion in Deutschland erworben. Seinem Willen gemäß sollte es nach seinem Tod an Leipzig verkauft werden. Doch Gardiner überzeugte die Frau Scheides 2013 bei einem Essen, dass die Bach- Stadt niemals das Geld, sicher einen Millionenbetrag, würde aufbringen können, um das Bild zu erwerben. Sie veranlasste daraufhin ihren 100-jährigen Mann kurz vor dessen Tod, sein Testament zu ändern und das Bachporträt an Leipzig zu vererben, 2015 fand es dann im Leipziger Bach-Museum seinen sicher nun endgültigen Bestimmungsort.
Um 1938 hatte auf der Flucht ein aus Schlesien stammender jüdischer Bekannter der Familie Gardiner das Bild ausgerechnet in deren Obhut gegeben. Auf dem Landgut der Gardiners in der südwestenglischen Grafschaft Dorset hing es an der Wand und begleitete den jungen John Eliot bei seinen ersten Schritten in die Welt der Musik. Bach sei ihm mit der steifen Perücke und den ziemlich kurzsichtigen Augen, die den Betrachter auf merkwürdige Weise anstarren, zunächst gespenstisch vorgekommen, erinnert sich Gardiner. Er fragte sich, wie der Mann mit diesem Blick so fantastische Musik wie die „Brandenburgischen Konzerte“ und die Motetten schreiben konnte, die er gerade zu singen lernte.
Gardiner hat im Lauf der Zeit zu dem Bild ein ungewöhnlich inniges Verhältnis entwickelt, und vielleicht bieten seine emotionalen Betrachtungen zu dem Haußmann-Porträt den Schlüssel, um seiner Person etwas näherzukommen. Neben dem „typischen Kapellmeister“, der aus Bachs Augen schaue, nimmt Gardiner in der unteren Gesichtspartie mit dem ganz zart lächelnden Mund und dem Doppelkinn andere Charaktereigenschaften wahr: die eines Genussmenschen, eines Bonvivants, eines Vaters von 20 Kindern, der Wein, Bier und gutem Essen nicht abhold gewesen sei.
Geradezu obsessiv versucht Gardiner, Details über das nach wie vor weitgehend unbekannte Privatleben Bachs herauszufinden. Das Abbild eines Schöpfers himmlischer Musik und eines zugleich irdischen Freuden zugewandten Menschen inspiriert ihn in seiner Dirigententätigkeit offenbar bis heute. Den „federnden, schwingenden Rhythmus und die tänzerische Leichtigkeit“, die er in vielen Werken Bachs beobachtet hat, überträgt Gardiner mit seinem auf äußerst präzise Zeichengebung, auf Geschmeidigkeit, lichten Klang und straff e Tempi bedachten Dirigierstil konsequent auch auf die Interpretation von Werken aus den übrigen Musikepochen.
Gardiner zieht sich noch immer gern auf den Bio-Bauernhof seiner Eltern zur Zeit der Lämmer und der Ernte zurück und packt tatkräftig in der Landarbeit mit an. Was gerne als Kuriosum im Leben eines Musikers kolportiert wird, ist für ihn eine existenzielle Lebenserfahrung, die seine künstlerische Tätigkeit befruchtet. Das Leben so hautnah in der Natur ist wohl nicht zuletzt für seinen auf natürlichen Fluss und nicht auf effektvolle Extreme bedachten Interpretationsstil mitverantwortlich. Gerade darin unterscheidet sich Gardiner von Nikolaus Harnoncourt, dem anderen bedeutenden Pionier in der Alte-Musik-Bewegung, der oft eine geschärft e, ruppige und schroff e Klanggestaltung bevorzugte.
Wichtige Impulse erhielt Gardiner während seiner Studienjahre von 1967 an bei Nadia Boulanger in Paris, „in der Boulangerie“, wie er in seinem Bach-Buch kokett berichtet. Bei dem damaligen deutschen Bach-Guru Karl Richter hat er beobachtet, wie man Bach nicht interpretieren sollte. Dessen Aufführungen und Spiel auf dem Cembalo empfand er als „düster, trist und seelenlos“. Bach habe, meint Gardiner, Komponisten aller späteren Epochen beeinflusst und über die einzigartige Fähigkeit verfügt, mehr als andere Leute zu erreichen, „die Kummer haben, in Krisen stecken, den Glauben verlieren oder schwere psychologische Probleme haben.“ Bach gelinge es, Trost zu bieten. „Mozart, Haydn und Beethoven schaff en das nicht. Aber Bach schafft es.“ Gardiners Credo.



