Interview & Porträt

Auf den Spuren der Helden

Von
Arnt Cobbers
Erschienen in der Printausgabe im
Mai 2023
Lesezeit ca.
…
Minuten
as Minguet Quartett: Ulrich Isfort, Annette Reisinger, Matthias Diener und Aroa Sorin (von links). Foto: Frank Rossbach
as Minguet Quartett: Ulrich Isfort, Annette Reisinger, Matthias Diener und Aroa Sorin (von links). Foto: Frank Rossbach

Seit 30 Jahren gibt es das Minguet Quartett, doch noch immer – und immer mehr – treibt Ulrich Isfort, Annette Reisinger, Aroa Sorin und Matthias Diener die Neugier nach neuen Werken um: nach frisch komponierter Musik – von Rihm, Ruzicka und Widmann haben sie alle Streichquartette eingespielt –, aber auch nach Entdeckungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Bei cpo erscheint nun in Kooperation mit dem SWR ihre Aufnahme der Quartette von Glenn Gould und Heinrich Kaminski.

„Wir spielen Glenn Goulds Streichquartett schon viele Jahre, hatten aber nun erst die Gelegenheit, es aufzunehmen – im Rosbaud-Studio in Baden-Baden, in dessen 50er-Jahre-Ambiente das Stück perfekt hineinpasst. Es hat eine richtige Kultgemeinde in den USA und Kanada, wir haben es dort mehrfach gespielt. Es trägt die Opuszahl 1, und viel mehr ist danach nicht gekommen.

Dass man Gould nicht als Komponisten kennt, hat schon seine Gründe. Aber es ist ein interessantes Stück. Es ist unheimlich lang, 35 Minuten in einem Satz, und man spürt, dass Gould seinen großen Vorbildern gerecht werden wollte. Es gibt eine Fuge nach der anderen, Bach über Bach, und hinter allen Ecken lugt Richard Strauss hervor. Dann wieder gibt es Momente, die an Schostakowitsch erinnern, und auch Schönberg ist irgendwie präsent. Der Aufbau ist simpel: Es setzt mit einer Fuge ein, wird dichter und dichter, bis nichts mehr geht – und dann beginnt die nächste großangelegte Fuge. Ein Charakteristikum ist, dass die Stimmen sehr eng beieinander liegen, die erste Geige geht selten über die zweite Geige hinaus, und das Cello liegt auch nicht besonders tief.

Wir haben selten in der Probenarbeit so viel diskutiert wie bei diesem Stück – vor allem, weil viele Übergänge holprig und schwer zu bauen sind. Es ist einerseits klar aufgebaut, aber andererseits überschneiden sich ganz viele Dinge. Dann wird es unfassbar dicht, jeder spielt sein eigenes Thema vor sich hin, und das muss man sehr transparent erarbeiten, damit der Hörer noch etwas erkennen und verfolgen kann. Manche Fugen haben mehrere Themen, und dann geht es plötzlich unmittelbar in Richard Strauss über und wird sehr leidenschaftlich und schwelgerisch, aber irgendwo läuft dennoch die Bach’sche Fuge weiter. Zum Teil sind die Tempoangaben völlig unrealistisch. Auch da hat es gedauert, bis uns die Relationen klar waren.

Gerade in den Passagen, die an Richard Strauss erinnern, wird es sehr seelenvoll. Das Stück hat auch einen ganz langen Abgesang. Aber es ist voller Brüche, und deshalb kann man es sicherlich ganz unterschiedlich lesen – zumal es ja keine Aufführungstradition gibt.

Mittlerweile haben wir das Stück intus, und jetzt macht es Spaß zu spielen. Dass Glenn Gould sich in so jungen Jahren an ein Streichquartett gesetzt hat, könnte man überheblich nennen. Aber ich finde, es hat eher etwas Rührendes: Ich sehe darin den Sturm-und-Drang-Wunsch eines jungen Menschen, seinen Helden näher zu kommen. Und darin erinnert er mich an den späten Thomas Mann und seinen ‚Doktor Faustus‘ – beide setzen sich mit der ganzen Musikgeschichte auseinander, indem sie selbst etwas erschaffen.

Gould hatte den Wunsch, die Gattung Streichquartett zu ergründen, indem er den Spuren seiner großen Vorbilder folgt. Und es wirkt, als hätte er hart dafür gearbeitet, er war zwei, drei Jahre mit dem Werk beschäftigt.

Er stellt sich als Komponist nicht in den Vordergrund. Ganz im Gegenteil. Es gibt unheimlich schöne Melodien, aber es klingt so sehr nach Richard Strauss, dass man sich fragt, ob das Goulds eigene Erfindungen sind. Vermutlich sind sie das wirklich, also keine Zitate, sondern nur inspiriert. Und doch wirkt es, als ziehe sich Gould hinter sein Stück zurück, er stellt etwas in den Raum, was mit ihm selbst gar nicht mehr so viel zu tun hat. Der Rückzug, den er später aus der Öffentlichkeit vollzogen hat, ist hier schon zu ahnen, finde ich.

Wir haben das Stück mehrfach in Hommage-Konzerten an Gould gespielt, zusammen mit der ‚Kunst der Fuge‘ oder einem Bach-Klavierkonzerte funktioniert es gut – vielleicht auch weil die Leute von vornherein auf ‚Kult‘ eingestellt sind. Für ein ,normales‘ Konzert ist es doch zu heftig. Es ist sehr trocken, allein schon die Länge von 35 Minuten macht es vielen Zuhörern schwer. Da spielt man lieber einen Bartók.

Auf der CD wollten wir es ursprünglich kombinieren mit George Antheil, aber von dem gibt es drei Streichquartette: Alle drei hätten nicht gepasst, eines wäre zu wenig gewesen. Und so sind wir auf die beiden Werke für Streichquartett von Heinrich Kaminski gekommen. Die haben wir mal für eine Kaminski-Retrospektive in Speyer einstudiert, und 2020 werden wir sie auch einige Male spielen. Sie sind tonal, aber nicht mehr klassisch-romantisch und trotzdem Gema-frei – ideal für viele Veranstalter.

Direkte biografische Verbindungen zwischen Gould und Kaminski gibt es nicht. Aber auch Kaminski hat sich irgendwann zurückgezogen, freiwillig, noch vor dem Dritten Reich, und beide hatten eine Nähe zu Schönberg, der Kaminski wohl geschätzt hat. Auch vom Tonmaterial und der Tonsprache her passt es gut. Das eine Stück heißt Präludium und Fuge, und auch das Streichquartett F-Dur ist fugiert.

Dieses Streichquartett ist 1913 entstanden und klassisch in vier Sätzen aufgebaut, wobei sich das Motiv einer großen Terz durch alle Sätze zieht. Es beginnt mit einem langsamen Satz, der sehr schön und lyrisch ist. Der zweite Satz ist eher vertikal und schnell angelegt, dann kommt wieder ein schwelgerischer langsamer Satz, und über dem letzten Satz steht: ‚Immer gut im Takt.‘ Das Präludium stammt aus den späten 20er-Jahren und ist – ziemlich wirr, würde ich sagen, zum Teil sehr dick und dicht gesetzt, mit vielen Überlagerungen. Aber toll! Und es endet mit einer schnellen Fuge ziemlich monströs. Ich habe die Stücke noch nicht hintereinander gehört, aber ich denke, Kaminski funktioniert gut mit Gould.“

Seit 30 Jahren gibt es das Minguet Quartett, doch noch immer – und immer mehr – treibt Ulrich Isfort, Annette Reisinger, Aroa Sorin und Matthias Diener die Neugier nach neuen Werken um: nach frisch komponierter Musik – von Rihm, Ruzicka und Widmann haben sie alle Streichquartette eingespielt –, aber auch nach Entdeckungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Bei cpo erscheint nun in Kooperation mit dem SWR ihre Aufnahme der Quartette von Glenn Gould und Heinrich Kaminski.

„Wir spielen Glenn Goulds Streichquartett schon viele Jahre, hatten aber nun erst die Gelegenheit, es aufzunehmen – im Rosbaud-Studio in Baden-Baden, in dessen 50er-Jahre-Ambiente das Stück perfekt hineinpasst. Es hat eine richtige Kultgemeinde in den USA und Kanada, wir haben es dort mehrfach gespielt. Es trägt die Opuszahl 1, und viel mehr ist danach nicht gekommen.

Dass man Gould nicht als Komponisten kennt, hat schon seine Gründe. Aber es ist ein interessantes Stück. Es ist unheimlich lang, 35 Minuten in einem Satz, und man spürt, dass Gould seinen großen Vorbildern gerecht werden wollte. Es gibt eine Fuge nach der anderen, Bach über Bach, und hinter allen Ecken lugt Richard Strauss hervor. Dann wieder gibt es Momente, die an Schostakowitsch erinnern, und auch Schönberg ist irgendwie präsent. Der Aufbau ist simpel: Es setzt mit einer Fuge ein, wird dichter und dichter, bis nichts mehr geht – und dann beginnt die nächste großangelegte Fuge. Ein Charakteristikum ist, dass die Stimmen sehr eng beieinander liegen, die erste Geige geht selten über die zweite Geige hinaus, und das Cello liegt auch nicht besonders tief.

Wir haben selten in der Probenarbeit so viel diskutiert wie bei diesem Stück – vor allem, weil viele Übergänge holprig und schwer zu bauen sind. Es ist einerseits klar aufgebaut, aber andererseits überschneiden sich ganz viele Dinge. Dann wird es unfassbar dicht, jeder spielt sein eigenes Thema vor sich hin, und das muss man sehr transparent erarbeiten, damit der Hörer noch etwas erkennen und verfolgen kann. Manche Fugen haben mehrere Themen, und dann geht es plötzlich unmittelbar in Richard Strauss über und wird sehr leidenschaftlich und schwelgerisch, aber irgendwo läuft dennoch die Bach’sche Fuge weiter. Zum Teil sind die Tempoangaben völlig unrealistisch. Auch da hat es gedauert, bis uns die Relationen klar waren.

Gerade in den Passagen, die an Richard Strauss erinnern, wird es sehr seelenvoll. Das Stück hat auch einen ganz langen Abgesang. Aber es ist voller Brüche, und deshalb kann man es sicherlich ganz unterschiedlich lesen – zumal es ja keine Aufführungstradition gibt.

Mittlerweile haben wir das Stück intus, und jetzt macht es Spaß zu spielen. Dass Glenn Gould sich in so jungen Jahren an ein Streichquartett gesetzt hat, könnte man überheblich nennen. Aber ich finde, es hat eher etwas Rührendes: Ich sehe darin den Sturm-und-Drang-Wunsch eines jungen Menschen, seinen Helden näher zu kommen. Und darin erinnert er mich an den späten Thomas Mann und seinen ‚Doktor Faustus‘ – beide setzen sich mit der ganzen Musikgeschichte auseinander, indem sie selbst etwas erschaffen.

Gould hatte den Wunsch, die Gattung Streichquartett zu ergründen, indem er den Spuren seiner großen Vorbilder folgt. Und es wirkt, als hätte er hart dafür gearbeitet, er war zwei, drei Jahre mit dem Werk beschäftigt.

Er stellt sich als Komponist nicht in den Vordergrund. Ganz im Gegenteil. Es gibt unheimlich schöne Melodien, aber es klingt so sehr nach Richard Strauss, dass man sich fragt, ob das Goulds eigene Erfindungen sind. Vermutlich sind sie das wirklich, also keine Zitate, sondern nur inspiriert. Und doch wirkt es, als ziehe sich Gould hinter sein Stück zurück, er stellt etwas in den Raum, was mit ihm selbst gar nicht mehr so viel zu tun hat. Der Rückzug, den er später aus der Öffentlichkeit vollzogen hat, ist hier schon zu ahnen, finde ich.

Wir haben das Stück mehrfach in Hommage-Konzerten an Gould gespielt, zusammen mit der ‚Kunst der Fuge‘ oder einem Bach-Klavierkonzerte funktioniert es gut – vielleicht auch weil die Leute von vornherein auf ‚Kult‘ eingestellt sind. Für ein ,normales‘ Konzert ist es doch zu heftig. Es ist sehr trocken, allein schon die Länge von 35 Minuten macht es vielen Zuhörern schwer. Da spielt man lieber einen Bartók.

Auf der CD wollten wir es ursprünglich kombinieren mit George Antheil, aber von dem gibt es drei Streichquartette: Alle drei hätten nicht gepasst, eines wäre zu wenig gewesen. Und so sind wir auf die beiden Werke für Streichquartett von Heinrich Kaminski gekommen. Die haben wir mal für eine Kaminski-Retrospektive in Speyer einstudiert, und 2020 werden wir sie auch einige Male spielen. Sie sind tonal, aber nicht mehr klassisch-romantisch und trotzdem Gema-frei – ideal für viele Veranstalter.

Direkte biografische Verbindungen zwischen Gould und Kaminski gibt es nicht. Aber auch Kaminski hat sich irgendwann zurückgezogen, freiwillig, noch vor dem Dritten Reich, und beide hatten eine Nähe zu Schönberg, der Kaminski wohl geschätzt hat. Auch vom Tonmaterial und der Tonsprache her passt es gut. Das eine Stück heißt Präludium und Fuge, und auch das Streichquartett F-Dur ist fugiert.

Dieses Streichquartett ist 1913 entstanden und klassisch in vier Sätzen aufgebaut, wobei sich das Motiv einer großen Terz durch alle Sätze zieht. Es beginnt mit einem langsamen Satz, der sehr schön und lyrisch ist. Der zweite Satz ist eher vertikal und schnell angelegt, dann kommt wieder ein schwelgerischer langsamer Satz, und über dem letzten Satz steht: ‚Immer gut im Takt.‘ Das Präludium stammt aus den späten 20er-Jahren und ist – ziemlich wirr, würde ich sagen, zum Teil sehr dick und dicht gesetzt, mit vielen Überlagerungen. Aber toll! Und es endet mit einer schnellen Fuge ziemlich monströs. Ich habe die Stücke noch nicht hintereinander gehört, aber ich denke, Kaminski funktioniert gut mit Gould.“