Interview & Porträt

„Extrem faszinierend“

Von
Burkhard Schäfer
Erschienen in der Printausgabe im
Mai 2023
Lesezeit ca.
…
Minuten

Herr Glassl, Ihr Klavierpartner Oliver Triendl ist in der Klassik- Szene einer der großen Trüffelsucher. Hat er Ihnen Johanna Senfters Musik schmackhaft gemacht?

Tatsächlich geht meine Beschäftigung mit Senfter auf Oliver Triendl zurück. Wenn man ihn besucht, dann stehen zumeist zwei Dinge im Fokus: das gemeinsame Proben – und ein gutes Essen, denn Oliver ist ein fantastischer Hobbykoch (lacht). Bei einer solchen Gelegenheit präsentierte er mir wie nebenbei handschriftliche Noten von Johanna Senfter, und zwar von ihren Bratschenwerken. Ich war nicht wenig überrascht, die zu Gesicht zu bekommen, und dann fragte mich Oliver, ob ich nicht Lust hätte, sie mit ihm aufzunehmen. Ich war zuerst völlig baff, aber auch sehr angetan von dem, was der erste Blick in die Noten mir offenbarte.

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Was waren dann die nächsten Schritte?

Wir haben uns überlegt, wie wir das Projekt angehen, denn aus den Handschrift en heraus sind die Werke nicht zu spielen. Senft er hat erstens nicht sehr klar geschrieben und in den Manuskripten zweitens auch oft viel ausgebessert, sodass man als Interpret sehr genau hinschauen muss: Was meint sie eigentlich? Die Viola-Stiftung Walter Witte hat uns freundlicherweise finanziell unterstützt, sodass wir die Noten, die wir vom Schott-Verlag bekommen hatten, setzen lassen konnten. Ohne die Hilfe von Ulrike Becker, die einen fantastischen Job gemacht hat, hätten wir das kaum geschafft. Als die Reinschrift en dann vor uns lagen, begann für Oliver und mich die eigentliche Arbeit.

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War es Ihnen möglich, sich allein mit Hilfe der Bratschenstimme vorzubereiten?

Aus der Violastimme allein erschließt sich für den Interpreten viel zu wenig. Senft er hat sie zu den meisten ihrer Viola-Werke zwar selbst hergestellt, allerdings habe ich aus diesen Stimmen nicht gespielt, ich habe sie nur zu Rate gezogen, wenn ich unsicher war, ob der Notentext richtig war; ansonsten habe auch ich immer aus der Partitur gespielt. Aber selbst dann lässt sich für den Bratscher zunächst nur schwer vorstellen, was da musikalisch wirklich passiert (lacht). Die Werke erschließen sich nur aus der gemeinsamen Zusammenarbeit, erst dann kann man sich klare Vorstellungen von den harmonischen Entwicklungen machen. Als Bratscher habe ich weit weniger als 50 Prozent in den Noten und das ist auch, was ich auch meinen Studenten immer predige: Schaut in die Partitur! Sonst habt ihr keine Ahnung.

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Johanna Senft er war ja die Meisterschülerin von Max Reger. Ist ihr Notenbild ähnlich komplex wie das ihres Lehrers?

So dicht, wie der erste visuelle Eindruck vermuten lässt, ist die Musik tatsächlich komponiert, was die Sache nicht einfacher macht (lacht). Es ist eine tolle Arbeit und man ist erstaunt, zu welchen Ergebnissen man kommt, wenn man zuerst rumgerätselt hat, was die harmonischen Verwicklungen der Musik betrifft. Irgendwann im Laufe der Arbeit wurde dann alles sehr logisch und man bekommt dann ein Gefühl für die Musik und ihre Schönheiten. Was Senft er mit Reger teilt, ist die Vorliebe für harmonisch komplexe Fügungen, für musikalische Prosa und für die absolute Musik. Die beiden Viola-Sonaten haben kein Programm, und es gibt auch nicht wirklich Melodien, die man nachsingen könnte und im Ohr behält. Gleichwohl ist diese Musik absolut schlüssig und in sich stimmig – und das verbindet Senft er vielleicht am meisten mit Reger.

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Eine Reger-Epigonin war Senft er aber nie, oder?

Nein, denn sie hat Reger nicht kopiert, sondern seine Tonsprache zu ihrer ureigenen gemacht. Heißt: Die Reger-Nähe ist da, aber man spürt auch sofort die Eigenständigkeit ihrer Musik, die harmonisch manchmal sogar noch einen Schritt weitergeht als die ihres Lehrers. Ich finde die Komponistin wirklich extrem faszinierend und musste bei der Beschäftigung mit ihr oft an einen Satz von Hindemith denken, der einmal gesagt hat: „Reger war der letzte Riese der Musik, ohne ihn bin ich gar nicht zu denken.“ Deshalb sind Hindemith und Senft er aber beileibe keine epigonalen Zwerge.

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Wie bratschenmäßig sind die Werke empfunden, die auf dem Album zu hören sind?

Senft er verstand die Klangfarbe der Bratsche sehr wohl zu benutzen, vielleicht auch deshalb, weil das Instrument ein bisschen zu ihrem Grundcharakter passt. Die Komponistin lebte ja zeitlebens sehr zurückgezogen und war zunehmend verbittert, dass sich nach dem Zweiten Weltkrieg niemand mehr für ihre Musik interessierte. Der dunkle, gedeckte und immer auch leicht erdige Klang der Bratsche passt da sehr gut, zumal er der menschlichen Stimme näher ist als der der Violine. Ein Wesenszug von Senfters Bratschenwerken ist auch, dass sie das Instrument fast nie virtuos behandelt, sodass man als Bratschist zunächst denkt, die Werke seien nicht schwer zu spielen. Aber das stimmt nicht: Die Stücke verlangen einem alles ab.

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Für Ihren Klavierpartner Oliver Triendl war es vermutlich nicht leichter …

Oliver ist ein ganz fantastischer Pianist, der sich selbst schwierigste Stücke in kürzester Zeit aneignet. Wenn so jemand zu dir sagt: „Roland, ich habe gestern fünf Stunden lang Senfter gespielt, aber wenn ich mich heute ans Klavier setze, fühlt es sich an, als hätte ich gar nicht geübt“, dann weiß man, dass es wirklich schwierig ist (lacht). Dabei darf man nicht vergessen, dass wir in Sachen Senfter-Bratschenwerke Pionierarbeit leisten mussten, besser gesagt leisten durften; es gibt ja noch keine Aufführungstradition, die wir hätten fortschreiben oder beerben können. Ich denke, ich kann hier auch im Namen von Oliver sprechen und bekennen: Es war wirklich aufregend, dass wir sozusagen als die ersten Menschen dieses musikalische Bratschen-Neuland betreten durften. Senfter hat übrigens auch ein Bratschenkonzert komponiert, dessen Handschrift mir vorliegt und das sehr lohnend aussieht.

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Haben Sie sich auch mit der Vita von Senfter beschäftigt?

Das habe ich – und ihr Lebenslauf ist spannend, zumal er viel mit deutscher Geschichte zu tun hat. Eine umfassende Biografie über Senfter gibt es meines Wissens noch nicht, hauptsächlich eine biografische Skizze, verfasst von Christiane Mayer, die 1993 in den „Oppenheimer Heften“ erschienen ist. Diese rund 30-seitige Skizze bildet auch die Grundlage der Sendung „Wäre ich keine Frau, hätte ich’s leichter“, die der SWR 1999 zum ersten Mal ausgestrahlt hat und die auch heute noch sehr hörenswert ist. Der Sender SWR2, der ja auch Koproduzent des Albums war, hat die CD kürzlich eine ganze Stunde lang vorgestellt, es gibt heute also glücklicherweise Bestrebungen, den Namen Senfter bekannt zu machen und der Komponistin das zu geben, was ihr zu Lebzeiten verwehrt blieb.

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Lassen Sie uns noch über die anderen Werke sprechen, die auf dem Album zu hören sind, vor allem über die „Fünf Stücke“, op. 76, und die „Veränderungen“, op. 94. Mit den „Fünf Stücken“ verlässt Senfter ja den absoluten Musikpfad, oder?

Tatsächlich schlägt sie mit den „Fünf Stücken“ einen anderen zugänglicheren Ton an als in den Sonaten. Es handelt sich hier um einen Zyklus, der am Kirchenjahr entlang komponiert ist und von „Weihnachten“ über „Karfreitag“, „Auferstehungsfeier“ und „Himmelfahrt“ bis „Zum Totensonntag“ führt. Senfter gibt uns mit diesen Titeln zwar Assoziationen an die Hand, gleichwohl ist die Musik trotz ihres romantischen Tonfalls alles andere als plakativ, sondern von einer Tiefe, die Gänsehaut erzeugt. Und die „Veränderungen“ mit ihrer extrem schwierigen Schlussfuge sind in bester Reger’scher Manier komponiert, aber von melancholischem Duktus, der typisch ist für Senfters nach innen gekehrte Musiksprache.

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Was denken Sie: Hat Senfter eine Chance im heutigen Musik- und Konzertleben?

Neben dem Bemühen, die auf der CD veröffentlichten Werke selbst öfters im Konzert zu spielen und damit andere für diese Musik begeistern zu können, möchte ich Senfter auch meinen Studierenden gerne ans Herz legen. Vielleicht hilft unsere Aufnahme ja, schneller einen Zugang zu ihren Bratschenwerken zu bekommen. Es ist halt so komponiert, dass man die Stücke nicht schnell in den Kopf und die Hände bekommt. Wenn man es schaffen würde, Senfters Violawerke ins erweiterte Repertoire zu integrieren, dann wäre es etwas anderes. So weit sind wir aber noch nicht. Leider.

Herr Glassl, Ihr Klavierpartner Oliver Triendl ist in der Klassik- Szene einer der großen Trüffelsucher. Hat er Ihnen Johanna Senfters Musik schmackhaft gemacht?

Tatsächlich geht meine Beschäftigung mit Senfter auf Oliver Triendl zurück. Wenn man ihn besucht, dann stehen zumeist zwei Dinge im Fokus: das gemeinsame Proben – und ein gutes Essen, denn Oliver ist ein fantastischer Hobbykoch (lacht). Bei einer solchen Gelegenheit präsentierte er mir wie nebenbei handschriftliche Noten von Johanna Senfter, und zwar von ihren Bratschenwerken. Ich war nicht wenig überrascht, die zu Gesicht zu bekommen, und dann fragte mich Oliver, ob ich nicht Lust hätte, sie mit ihm aufzunehmen. Ich war zuerst völlig baff, aber auch sehr angetan von dem, was der erste Blick in die Noten mir offenbarte.

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Was waren dann die nächsten Schritte?

Wir haben uns überlegt, wie wir das Projekt angehen, denn aus den Handschrift en heraus sind die Werke nicht zu spielen. Senft er hat erstens nicht sehr klar geschrieben und in den Manuskripten zweitens auch oft viel ausgebessert, sodass man als Interpret sehr genau hinschauen muss: Was meint sie eigentlich? Die Viola-Stiftung Walter Witte hat uns freundlicherweise finanziell unterstützt, sodass wir die Noten, die wir vom Schott-Verlag bekommen hatten, setzen lassen konnten. Ohne die Hilfe von Ulrike Becker, die einen fantastischen Job gemacht hat, hätten wir das kaum geschafft. Als die Reinschrift en dann vor uns lagen, begann für Oliver und mich die eigentliche Arbeit.

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War es Ihnen möglich, sich allein mit Hilfe der Bratschenstimme vorzubereiten?

Aus der Violastimme allein erschließt sich für den Interpreten viel zu wenig. Senft er hat sie zu den meisten ihrer Viola-Werke zwar selbst hergestellt, allerdings habe ich aus diesen Stimmen nicht gespielt, ich habe sie nur zu Rate gezogen, wenn ich unsicher war, ob der Notentext richtig war; ansonsten habe auch ich immer aus der Partitur gespielt. Aber selbst dann lässt sich für den Bratscher zunächst nur schwer vorstellen, was da musikalisch wirklich passiert (lacht). Die Werke erschließen sich nur aus der gemeinsamen Zusammenarbeit, erst dann kann man sich klare Vorstellungen von den harmonischen Entwicklungen machen. Als Bratscher habe ich weit weniger als 50 Prozent in den Noten und das ist auch, was ich auch meinen Studenten immer predige: Schaut in die Partitur! Sonst habt ihr keine Ahnung.

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Johanna Senft er war ja die Meisterschülerin von Max Reger. Ist ihr Notenbild ähnlich komplex wie das ihres Lehrers?

So dicht, wie der erste visuelle Eindruck vermuten lässt, ist die Musik tatsächlich komponiert, was die Sache nicht einfacher macht (lacht). Es ist eine tolle Arbeit und man ist erstaunt, zu welchen Ergebnissen man kommt, wenn man zuerst rumgerätselt hat, was die harmonischen Verwicklungen der Musik betrifft. Irgendwann im Laufe der Arbeit wurde dann alles sehr logisch und man bekommt dann ein Gefühl für die Musik und ihre Schönheiten. Was Senft er mit Reger teilt, ist die Vorliebe für harmonisch komplexe Fügungen, für musikalische Prosa und für die absolute Musik. Die beiden Viola-Sonaten haben kein Programm, und es gibt auch nicht wirklich Melodien, die man nachsingen könnte und im Ohr behält. Gleichwohl ist diese Musik absolut schlüssig und in sich stimmig – und das verbindet Senft er vielleicht am meisten mit Reger.

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Eine Reger-Epigonin war Senft er aber nie, oder?

Nein, denn sie hat Reger nicht kopiert, sondern seine Tonsprache zu ihrer ureigenen gemacht. Heißt: Die Reger-Nähe ist da, aber man spürt auch sofort die Eigenständigkeit ihrer Musik, die harmonisch manchmal sogar noch einen Schritt weitergeht als die ihres Lehrers. Ich finde die Komponistin wirklich extrem faszinierend und musste bei der Beschäftigung mit ihr oft an einen Satz von Hindemith denken, der einmal gesagt hat: „Reger war der letzte Riese der Musik, ohne ihn bin ich gar nicht zu denken.“ Deshalb sind Hindemith und Senft er aber beileibe keine epigonalen Zwerge.

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Wie bratschenmäßig sind die Werke empfunden, die auf dem Album zu hören sind?

Senft er verstand die Klangfarbe der Bratsche sehr wohl zu benutzen, vielleicht auch deshalb, weil das Instrument ein bisschen zu ihrem Grundcharakter passt. Die Komponistin lebte ja zeitlebens sehr zurückgezogen und war zunehmend verbittert, dass sich nach dem Zweiten Weltkrieg niemand mehr für ihre Musik interessierte. Der dunkle, gedeckte und immer auch leicht erdige Klang der Bratsche passt da sehr gut, zumal er der menschlichen Stimme näher ist als der der Violine. Ein Wesenszug von Senfters Bratschenwerken ist auch, dass sie das Instrument fast nie virtuos behandelt, sodass man als Bratschist zunächst denkt, die Werke seien nicht schwer zu spielen. Aber das stimmt nicht: Die Stücke verlangen einem alles ab.

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Für Ihren Klavierpartner Oliver Triendl war es vermutlich nicht leichter …

Oliver ist ein ganz fantastischer Pianist, der sich selbst schwierigste Stücke in kürzester Zeit aneignet. Wenn so jemand zu dir sagt: „Roland, ich habe gestern fünf Stunden lang Senfter gespielt, aber wenn ich mich heute ans Klavier setze, fühlt es sich an, als hätte ich gar nicht geübt“, dann weiß man, dass es wirklich schwierig ist (lacht). Dabei darf man nicht vergessen, dass wir in Sachen Senfter-Bratschenwerke Pionierarbeit leisten mussten, besser gesagt leisten durften; es gibt ja noch keine Aufführungstradition, die wir hätten fortschreiben oder beerben können. Ich denke, ich kann hier auch im Namen von Oliver sprechen und bekennen: Es war wirklich aufregend, dass wir sozusagen als die ersten Menschen dieses musikalische Bratschen-Neuland betreten durften. Senfter hat übrigens auch ein Bratschenkonzert komponiert, dessen Handschrift mir vorliegt und das sehr lohnend aussieht.

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Haben Sie sich auch mit der Vita von Senfter beschäftigt?

Das habe ich – und ihr Lebenslauf ist spannend, zumal er viel mit deutscher Geschichte zu tun hat. Eine umfassende Biografie über Senfter gibt es meines Wissens noch nicht, hauptsächlich eine biografische Skizze, verfasst von Christiane Mayer, die 1993 in den „Oppenheimer Heften“ erschienen ist. Diese rund 30-seitige Skizze bildet auch die Grundlage der Sendung „Wäre ich keine Frau, hätte ich’s leichter“, die der SWR 1999 zum ersten Mal ausgestrahlt hat und die auch heute noch sehr hörenswert ist. Der Sender SWR2, der ja auch Koproduzent des Albums war, hat die CD kürzlich eine ganze Stunde lang vorgestellt, es gibt heute also glücklicherweise Bestrebungen, den Namen Senfter bekannt zu machen und der Komponistin das zu geben, was ihr zu Lebzeiten verwehrt blieb.

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Lassen Sie uns noch über die anderen Werke sprechen, die auf dem Album zu hören sind, vor allem über die „Fünf Stücke“, op. 76, und die „Veränderungen“, op. 94. Mit den „Fünf Stücken“ verlässt Senfter ja den absoluten Musikpfad, oder?

Tatsächlich schlägt sie mit den „Fünf Stücken“ einen anderen zugänglicheren Ton an als in den Sonaten. Es handelt sich hier um einen Zyklus, der am Kirchenjahr entlang komponiert ist und von „Weihnachten“ über „Karfreitag“, „Auferstehungsfeier“ und „Himmelfahrt“ bis „Zum Totensonntag“ führt. Senfter gibt uns mit diesen Titeln zwar Assoziationen an die Hand, gleichwohl ist die Musik trotz ihres romantischen Tonfalls alles andere als plakativ, sondern von einer Tiefe, die Gänsehaut erzeugt. Und die „Veränderungen“ mit ihrer extrem schwierigen Schlussfuge sind in bester Reger’scher Manier komponiert, aber von melancholischem Duktus, der typisch ist für Senfters nach innen gekehrte Musiksprache.

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Was denken Sie: Hat Senfter eine Chance im heutigen Musik- und Konzertleben?

Neben dem Bemühen, die auf der CD veröffentlichten Werke selbst öfters im Konzert zu spielen und damit andere für diese Musik begeistern zu können, möchte ich Senfter auch meinen Studierenden gerne ans Herz legen. Vielleicht hilft unsere Aufnahme ja, schneller einen Zugang zu ihren Bratschenwerken zu bekommen. Es ist halt so komponiert, dass man die Stücke nicht schnell in den Kopf und die Hände bekommt. Wenn man es schaffen würde, Senfters Violawerke ins erweiterte Repertoire zu integrieren, dann wäre es etwas anderes. So weit sind wir aber noch nicht. Leider.