Zurück ins Mittelalter
Bisher ist wenig über den Minnesänger Walther von der Vogelweide bekannt. Darum hat sich der amerikanische Sänger und Lautenist Joel Frederiksen auf Spurensuche begeben.

Sie sind Sänger und Lautenist. Warum haben Sie sich gerade für dieses Instrument entschieden?
Ich habe zunächst Gesang studiert, mein zweites Hauptfach war die klassische Gitarre. Mit der Zeit spielte ich allerdings immer mehr Lautenrepertoire auf der Gitarre: Renaissancemusik und John-Dowland-Stücke. Als ich schließlich in Washington einen Lautenspieler hörte, war es endgültig um mich geschehen. Ich sprach den Musiker an. Er erzählte mir, es gebe in der Nähe einen Lautenbauer. Dort habe ich sofort eine Laute bestellt und dann bei Pat O’Brien in New York privat studiert. Später machte ich in Michigan einen Master-Abschluss in Alter Musik, an der ich schon länger interessiert war. Bereits in der High School habe ich in Chören Madrigale gesungen.
Heute gelten Sie als Spezialist für Renaissance und Frühbarock. Weshalb haben Sie nun Walther von der Vogelweides Lieder aufgenommen?
Als ich in Norddeutschland ein Konzert mit Werken aus der Renaissance und dem Frühbarock gab, hat ein Kritiker hinterher geschrieben, ich sei auf der Bühne wie ein moderner Walther von der Vogelweide. Zunächst dachte ich: Dieser Mann kennt offenbar nicht den Unterschied zwischen einer Laute und einem Minnesänger aus dem 11. oder 12. Jahrhundert. Später habe ich ein bisschen gegrübelt. Genau wie Leonard Cohen wurde ich unzählige Male als Trobador bezeichnet. Da könnte man ebenso gut Minnesänger sagen. Denn auch ich habe ein Instrument, ich erzähle Geschichten – nur eben etliche Jahrhunderte später. Auf jeden Fall bekam ich durch diese Kritik und meine Mitarbeiterin den Impuls, in diese Richtung zu gehen. Je tiefer ich recherchierte, desto reizvoller fand ich die Idee.
Minnegesang ist hauptsächlich in Texten erhalten geblieben. Wie schwierig war es für Sie, sich der Musik anzunähern?
Abgesehen von dem, was Walther von der Vogelweide in seinen Liedern selber erzählt, wissen wir praktisch nichts über ihn. Insofern war es eine Detektivarbeit, etwas über ihn und seine Musik herauszufinden. Gott sei Dank gibt es wenigstens ein paar Melodien. Das Münstersche Fragment enthält „Palästinalied“-Noten. Eine weitere Quelle sind die „Carmina Burana“, sie beinhalten Auszüge aus drei Walther-Liedern – jeweils eine Strophe. Diese Strophen wurden mit Neumen versehen, sie sind also nur ganz grobe Indikatoren für den Melodieverlauf. Ansonsten schaut man natürlich nach Kontrafakturen und wird vor allem in Frankreich im Trobador- und Trouvèresrepertoire, wo viele Melodien überliefert sind, fündig. Das Mädchenlied „Under der linden“ hat eine so präzise Kontrafaktur, dass wir eine Melodie wiedergewinnen konnten.
Für Ihre Recherchen haben Sie sich mit dem Musikwissenschaftler Marc Lewon zusammengetan. Welche Rolle hat er bei Ihrem Walther-Projekt gespielt?
Eine essenzielle. Marc Lewon ist Professor an der Schola Cantorum Basiliensis in Basel. Er hat fast alle Lieder rekonstruiert oder zumindest neue Editionen erschaffen. Wenn wir eine Kontrafaktur hatten, überlegten wir: Wie würde das in der mittelhochdeutschen Sprache klingen? Einiges hat Marc selber komponiert. Ohne seine Kompositionen könnten wir die Walther-Lieder gar nicht aufführen.
Walthers Lieder sollen nach seinem Tod zunächst erhalten geblieben sein, bis sie allmählich verschwanden. Woran lag das?
Ich glaube nicht, dass sie wirklich verschwanden. Immerhin wurde um 1300 im Codex Manesse eine umfangreiche Sammlung von Walthers Gedichten festgehalten. Für die Einspielung von „Ich saz ûf einem steine“ haben wir auf die Melodie aus dem Singebuch von Adam Puschmann von 1588 zurückgegriffen – jedoch mit einigen Änderungen. Ganz wichtig für dieses Projekt ist die Dokumentation „Walther – ein Wanderleben", die wir gedreht haben. Wir waren in Lajen in Südtirol, dort wurde Walther vielleicht geboren, besuchten die Wartburg in Eisenach und sprachen mit dem Mediävisten Jens Haustein. Wir waren auch in Würzburg, wo Walther im Lusamgärtchen begraben sein soll. All diese Bemühungen spiegeln sich in unseren Interpretationen von Walthers Liedern wider.
Was beeindruckt Sie besonders an ihm?
Sein Talent, seine Poesie, sein Können. Zuerst widmete er sich den Hohen Minneliedern, bis er die Niederen Minnelieder auf Deutsch quasi erfand. „Vil wunder wol gemachet wîp“ hat einen ganz tollen Text – sehr persönlich, teilweise auch erotisch. Walther beobachtete, wie eine wunderschöne Frau aus dem Bad kam. Inhaltlich völlig anders ist der Sangspruch „Ich saz ûf einem steine“. Da erkennt Walter: Es ist einfach nicht möglich, von Ehre über Geld bis zu Gottes Segen alles zu bekommen.
Welche Instrumente standen Ihnen bei der Aufnahme dieser Lieder zur Verfügung?
Eine Fidel, eine Harfe und eine Citole. Sie wurden den Instrumenten aus Walthers Zeit historisch nachgebaut. Ich selbst spiele die viersaitige Citole, die aus einem Stück Holz gefertigt wurde.
Außerdem begleitet Sie die Sängerin Anne Azéma.
Anne ist eine Expertin für die Musik der Trobadore und Trouvères. Sie singt einige der Stücke, die wir als Kontrafakturen verwendet haben, und schlägt damit eine Brücke zu diesem Repertoire. Da es früher eigentlich keine Mehrstimmigkeit gab, singen wir nur „Frô Welt, ir sult dem wirte sagen“ zusammen im Dialog. Frau Welt ist eine faszinierende Figur. Von vorne ist sie zwar eine Schönheit, doch sie hat einen hässlichen Rücken. Walther lässt sich von ihr nicht aufh alten. Er beschließt, sich zurückzuziehen. Weltlichen Ruhm braucht er nicht mehr.
Stichworte
Carmina Burana: Die Anthologie gelten als bedeutendste Sammlung weltlicher mittellateinischer Dichtung aus dem 11. und 12. Jahrhundert sowie mittelhochdeutscher Lyrik. Orff entnahm ihr die Texte für seine gleichnamige szenische Kantate.
Kontrafaktur: Die Musik wird in neue Zusammenhänge gestellt, bestehende Gesänge werden mit neuen Texten versehen.
Trobador/Trouvères:
Dichter, Komponist und Sänger höfi scher mittelalterlicher Lieder
Hohe/Niedere Minnelieder:
In der Hohen Minne wird die Frau idealisiert, bei der Niederen Minne rückt die erotische Intimität in den Vordergrund.
Sie sind Sänger und Lautenist. Warum haben Sie sich gerade für dieses Instrument entschieden?
Ich habe zunächst Gesang studiert, mein zweites Hauptfach war die klassische Gitarre. Mit der Zeit spielte ich allerdings immer mehr Lautenrepertoire auf der Gitarre: Renaissancemusik und John-Dowland-Stücke. Als ich schließlich in Washington einen Lautenspieler hörte, war es endgültig um mich geschehen. Ich sprach den Musiker an. Er erzählte mir, es gebe in der Nähe einen Lautenbauer. Dort habe ich sofort eine Laute bestellt und dann bei Pat O’Brien in New York privat studiert. Später machte ich in Michigan einen Master-Abschluss in Alter Musik, an der ich schon länger interessiert war. Bereits in der High School habe ich in Chören Madrigale gesungen.
Heute gelten Sie als Spezialist für Renaissance und Frühbarock. Weshalb haben Sie nun Walther von der Vogelweides Lieder aufgenommen?
Als ich in Norddeutschland ein Konzert mit Werken aus der Renaissance und dem Frühbarock gab, hat ein Kritiker hinterher geschrieben, ich sei auf der Bühne wie ein moderner Walther von der Vogelweide. Zunächst dachte ich: Dieser Mann kennt offenbar nicht den Unterschied zwischen einer Laute und einem Minnesänger aus dem 11. oder 12. Jahrhundert. Später habe ich ein bisschen gegrübelt. Genau wie Leonard Cohen wurde ich unzählige Male als Trobador bezeichnet. Da könnte man ebenso gut Minnesänger sagen. Denn auch ich habe ein Instrument, ich erzähle Geschichten – nur eben etliche Jahrhunderte später. Auf jeden Fall bekam ich durch diese Kritik und meine Mitarbeiterin den Impuls, in diese Richtung zu gehen. Je tiefer ich recherchierte, desto reizvoller fand ich die Idee.
Minnegesang ist hauptsächlich in Texten erhalten geblieben. Wie schwierig war es für Sie, sich der Musik anzunähern?
Abgesehen von dem, was Walther von der Vogelweide in seinen Liedern selber erzählt, wissen wir praktisch nichts über ihn. Insofern war es eine Detektivarbeit, etwas über ihn und seine Musik herauszufinden. Gott sei Dank gibt es wenigstens ein paar Melodien. Das Münstersche Fragment enthält „Palästinalied“-Noten. Eine weitere Quelle sind die „Carmina Burana“, sie beinhalten Auszüge aus drei Walther-Liedern – jeweils eine Strophe. Diese Strophen wurden mit Neumen versehen, sie sind also nur ganz grobe Indikatoren für den Melodieverlauf. Ansonsten schaut man natürlich nach Kontrafakturen und wird vor allem in Frankreich im Trobador- und Trouvèresrepertoire, wo viele Melodien überliefert sind, fündig. Das Mädchenlied „Under der linden“ hat eine so präzise Kontrafaktur, dass wir eine Melodie wiedergewinnen konnten.
Für Ihre Recherchen haben Sie sich mit dem Musikwissenschaftler Marc Lewon zusammengetan. Welche Rolle hat er bei Ihrem Walther-Projekt gespielt?
Eine essenzielle. Marc Lewon ist Professor an der Schola Cantorum Basiliensis in Basel. Er hat fast alle Lieder rekonstruiert oder zumindest neue Editionen erschaffen. Wenn wir eine Kontrafaktur hatten, überlegten wir: Wie würde das in der mittelhochdeutschen Sprache klingen? Einiges hat Marc selber komponiert. Ohne seine Kompositionen könnten wir die Walther-Lieder gar nicht aufführen.
Walthers Lieder sollen nach seinem Tod zunächst erhalten geblieben sein, bis sie allmählich verschwanden. Woran lag das?
Ich glaube nicht, dass sie wirklich verschwanden. Immerhin wurde um 1300 im Codex Manesse eine umfangreiche Sammlung von Walthers Gedichten festgehalten. Für die Einspielung von „Ich saz ûf einem steine“ haben wir auf die Melodie aus dem Singebuch von Adam Puschmann von 1588 zurückgegriffen – jedoch mit einigen Änderungen. Ganz wichtig für dieses Projekt ist die Dokumentation „Walther – ein Wanderleben", die wir gedreht haben. Wir waren in Lajen in Südtirol, dort wurde Walther vielleicht geboren, besuchten die Wartburg in Eisenach und sprachen mit dem Mediävisten Jens Haustein. Wir waren auch in Würzburg, wo Walther im Lusamgärtchen begraben sein soll. All diese Bemühungen spiegeln sich in unseren Interpretationen von Walthers Liedern wider.
Was beeindruckt Sie besonders an ihm?
Sein Talent, seine Poesie, sein Können. Zuerst widmete er sich den Hohen Minneliedern, bis er die Niederen Minnelieder auf Deutsch quasi erfand. „Vil wunder wol gemachet wîp“ hat einen ganz tollen Text – sehr persönlich, teilweise auch erotisch. Walther beobachtete, wie eine wunderschöne Frau aus dem Bad kam. Inhaltlich völlig anders ist der Sangspruch „Ich saz ûf einem steine“. Da erkennt Walter: Es ist einfach nicht möglich, von Ehre über Geld bis zu Gottes Segen alles zu bekommen.
Welche Instrumente standen Ihnen bei der Aufnahme dieser Lieder zur Verfügung?
Eine Fidel, eine Harfe und eine Citole. Sie wurden den Instrumenten aus Walthers Zeit historisch nachgebaut. Ich selbst spiele die viersaitige Citole, die aus einem Stück Holz gefertigt wurde.
Außerdem begleitet Sie die Sängerin Anne Azéma.
Anne ist eine Expertin für die Musik der Trobadore und Trouvères. Sie singt einige der Stücke, die wir als Kontrafakturen verwendet haben, und schlägt damit eine Brücke zu diesem Repertoire. Da es früher eigentlich keine Mehrstimmigkeit gab, singen wir nur „Frô Welt, ir sult dem wirte sagen“ zusammen im Dialog. Frau Welt ist eine faszinierende Figur. Von vorne ist sie zwar eine Schönheit, doch sie hat einen hässlichen Rücken. Walther lässt sich von ihr nicht aufh alten. Er beschließt, sich zurückzuziehen. Weltlichen Ruhm braucht er nicht mehr.
Stichworte
Carmina Burana: Die Anthologie gelten als bedeutendste Sammlung weltlicher mittellateinischer Dichtung aus dem 11. und 12. Jahrhundert sowie mittelhochdeutscher Lyrik. Orff entnahm ihr die Texte für seine gleichnamige szenische Kantate.
Kontrafaktur: Die Musik wird in neue Zusammenhänge gestellt, bestehende Gesänge werden mit neuen Texten versehen.
Trobador/Trouvères:
Dichter, Komponist und Sänger höfi scher mittelalterlicher Lieder
Hohe/Niedere Minnelieder:
In der Hohen Minne wird die Frau idealisiert, bei der Niederen Minne rückt die erotische Intimität in den Vordergrund.



