Interview & Porträt

Riesige Entwicklungsbögen

Von
Burkhard Schäfer
Erschienen in der Printausgabe im
Juni 2023
Lesezeit ca.
…
Minuten
Foto: Marco Borggreve
Foto: Marco Borggreve

Herr Trinks, wie kam es zu dieser Weltersteinspielung von Wilhelm Petersens 3. Sinfonie?

Der Vorlauf war ziemlich lang, bis zur Aufnahme sind insgesamt drei Jahre verstrichen. Alles begann damit, dass Matthias Gräff-Schestag, der Vorsitzende der Wilhelm-Petersen-Gesellschaft, auf mich zukam und mich fragte, ob ich mir vorstellen könne, Musik von Petersen zu spielen. Der Name Wilhelm Petersen war mir bis dahin nicht vertraut. Ich habe mir daraufhin eine historische Aufnahme seiner 4. Sinfonie auf YouTube angehört und war von der sehr persönlichen Klangsprache dieses Komponisten sofort beeindruckt.

‍

Was genau war Ihr erster Höreindruck?

Ich war überrascht, wie eigenständig und individuell das klang. Schon beim ersten Hören leicht verständlich, ohne dabei im Geringsten banal oder trivial zu sein. Genau das empfinde ich als eine ganz große Qualität dieser Musik. Und da ich mich schon immer für Repertoire interessiert habe, das zu kurz gekommen oder in Vergessenheit geraten ist, war ich also sehr angetan.

‍

Zu Lebzeiten Wilhelm Petersens wurde das Werk kaum gespielt, richtig?

Das stimmt leider. Nach der Uraufführung 1934 in Darmstadt unter Karl Friderich ist das Werk nur noch ein einziges Mal gespielt worden, das war 1935 in Berlin unter der Leitung von Hermann Abendroth. Anschließend wurde Petersens Musik von den Nazis mit einem Aufführungsverbot belegt, und das war das Ende der Sinfonie. Im selben Jahr erhielt er zwar eine Professur an der neu eröffneten Musikhochschule in Mannheim, aber da er sich mit den Nazis nie gemein gemacht hatte und auf Distanz ging zum Regime, blieb ihm nur der Weg in die Innere Emigration. Nach dem Krieg galt seine Musik dann als anachronistisch und Petersen geriet in Vergessenheit.

‍

Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit mit dem hr-Sinfonieorchester und dem Label Hänssler?

Da Petersen die meiste Zeit seines Lebens in Hessen, vor allem in Darmstadt, verbracht und dort auch unterrichtet hat, lag es nahe, auf den Hessischen Rundfunk zuzugehen und anzufragen. Das Interesse war sofort da, allerdings hat es dann noch lange gedauert, bis wir einen Aufnahme-Termin fanden. Der Kontakt zu Hänssler bestand schon vorher, weil ich bei dem Label schon mehrere CDs veröffentlicht hatte, unter anderem die E-Dur-Sinfonie von Hans Rott.

‍

Wie verlief die Weltersteinspielung von Petersens 3. Sinfonie genau?

Die Zusammenarbeit mit den Musikern vom hr-Orchester war wunderbar, allerdings galten im Herbst 2022 noch Corona-Regeln. Das Orchester war deshalb lockerer aufgestellt, was das Zusammenspiel erschwerte. Aber da der Tonmeister einen tollen Job gemacht hat, hört man das der Aufnahme nicht an. Die Hauptschwierigkeit war die, dass wir vor der Aufnahme keine Konzertwoche gehabt hatten, heißt, vor der ersten Probe kannte keiner der Musiker die Sinfonie, außer vielleicht die Stimme seines jeweiligen Instruments. Man kann so ein Werk aber nicht vom Blatt spielen, sondern muss es gemeinsam erarbeiten. Deshalb war es auch für mich schwer, dieses Werk auf CD zu bannen, ohne eine fertige Idee davon im Kopf zu haben, zumal ja der Anspruch bestand, eine Referenzaufnahme vorzulegen.

‍

Ein Werk einzuüben, das weder die Musiker noch der Dirigent vorher je gehört haben, stelle ich mir ziemlich abenteuerlich vor …

Das war es auch (lacht). Die Hauptschwierigkeit bestand darin, eine Idee von der Form des Ganzen zu entwickeln. Ich hatte deshalb entschieden, am ersten Tag noch gar nicht aufzunehmen, sondern erst einmal mit den Musikern das ganze Werke durchzugehen. Und da haben wir dann gleich ein paar Druckfehler entdeckt. An den weiteren Tagen konnten wir dann satzweise vorgehen. Ich hatte im Vorfeld ein wenig Sorge, ob es uns möglich sein würde, diese riesige Sinfonie innerhalb so kurzer Zeit in den Griff zu bekommen, es ging dann aber alles sehr gut, weil das Orchester so hervorragend ist.

‍

Lassen Sie uns über die formalen und geistigen Dimensionen der Sinfonie sprechen. Wo verorten Sie dieses Werk? Was ist seine „Botschaft “?

Trotz ihrer Dreisätzigkeit knüpft die Sinfonie an Mahler und Bruckner an, aber nur hinsichtlich ihrer Dimensionen. Petersen braucht diesen Vergleich nicht zu scheuen, zumal er sein Metier absolut versteht. Was den Inhalt der Musik betrifft , ist es das klassische „Per aspera ad astra“. Ich spüre in der Musik die großen humanistischen Ideale und eine gewisse Spiritualität, die ihn mit Bruckner verbindet, bei Petersen aber anders gelagert ist. Er stand der Anthroposophie nahe und stellt in seiner Sinfonie den Menschen, besser gesagt: das Menschliche per se ins Zentrum. Die Musik ist sehr individuell und harmonisch überaus eigen, sie hat eine gewisse Archaik in der Harmonik und teilweise auch in der Motivik, ohne dabei je epigonal zu sein.

‍

Was waren die besonderen Herausforderungen beim Einstudieren und Einspielen der Sinfonie?

Die größte Herausforderung bestand darin, die riesigen Entwicklungsbögen so zu bauen, dass die Spannung nie abreißt und die Architektur des Werks für den Hörer erfahrbar wird. Spieltechnisch gibt es für die Violinen und Bratschen sehr viele überaus schwere Stellen. Zudem gibt es in der Sinfonie viele anspruchsvolle Bläsersoli, die nur von wirklich exzellenten Solisten bewältigt werden können. Das Werk hat aber auch viele kammermusikalische Momente, die entsprechend gestaltet werden müssen.

‍

Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft im Hinblick auf die Musik von Wilhelm Petersen?

Mein Wunsch ist, alle fünf Sinfonien von ihm einzuspielen, auch wenn ich nicht weiß, ob alle auf dem Niveau der Dritten angesiedelt sind, ich gehe aber davon aus, dass kein schwaches Werk dabei ist. Petersens Violin- und Klavierkonzert aufzunehmen, würde mich auch reizen. Der Pianist Michael Korstick, mit dem ich kürzlich alle Beethoven- Konzerte für cpo gemacht habe, wäre interessiert.

Herr Trinks, wie kam es zu dieser Weltersteinspielung von Wilhelm Petersens 3. Sinfonie?

Der Vorlauf war ziemlich lang, bis zur Aufnahme sind insgesamt drei Jahre verstrichen. Alles begann damit, dass Matthias Gräff-Schestag, der Vorsitzende der Wilhelm-Petersen-Gesellschaft, auf mich zukam und mich fragte, ob ich mir vorstellen könne, Musik von Petersen zu spielen. Der Name Wilhelm Petersen war mir bis dahin nicht vertraut. Ich habe mir daraufhin eine historische Aufnahme seiner 4. Sinfonie auf YouTube angehört und war von der sehr persönlichen Klangsprache dieses Komponisten sofort beeindruckt.

‍

Was genau war Ihr erster Höreindruck?

Ich war überrascht, wie eigenständig und individuell das klang. Schon beim ersten Hören leicht verständlich, ohne dabei im Geringsten banal oder trivial zu sein. Genau das empfinde ich als eine ganz große Qualität dieser Musik. Und da ich mich schon immer für Repertoire interessiert habe, das zu kurz gekommen oder in Vergessenheit geraten ist, war ich also sehr angetan.

‍

Zu Lebzeiten Wilhelm Petersens wurde das Werk kaum gespielt, richtig?

Das stimmt leider. Nach der Uraufführung 1934 in Darmstadt unter Karl Friderich ist das Werk nur noch ein einziges Mal gespielt worden, das war 1935 in Berlin unter der Leitung von Hermann Abendroth. Anschließend wurde Petersens Musik von den Nazis mit einem Aufführungsverbot belegt, und das war das Ende der Sinfonie. Im selben Jahr erhielt er zwar eine Professur an der neu eröffneten Musikhochschule in Mannheim, aber da er sich mit den Nazis nie gemein gemacht hatte und auf Distanz ging zum Regime, blieb ihm nur der Weg in die Innere Emigration. Nach dem Krieg galt seine Musik dann als anachronistisch und Petersen geriet in Vergessenheit.

‍

Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit mit dem hr-Sinfonieorchester und dem Label Hänssler?

Da Petersen die meiste Zeit seines Lebens in Hessen, vor allem in Darmstadt, verbracht und dort auch unterrichtet hat, lag es nahe, auf den Hessischen Rundfunk zuzugehen und anzufragen. Das Interesse war sofort da, allerdings hat es dann noch lange gedauert, bis wir einen Aufnahme-Termin fanden. Der Kontakt zu Hänssler bestand schon vorher, weil ich bei dem Label schon mehrere CDs veröffentlicht hatte, unter anderem die E-Dur-Sinfonie von Hans Rott.

‍

Wie verlief die Weltersteinspielung von Petersens 3. Sinfonie genau?

Die Zusammenarbeit mit den Musikern vom hr-Orchester war wunderbar, allerdings galten im Herbst 2022 noch Corona-Regeln. Das Orchester war deshalb lockerer aufgestellt, was das Zusammenspiel erschwerte. Aber da der Tonmeister einen tollen Job gemacht hat, hört man das der Aufnahme nicht an. Die Hauptschwierigkeit war die, dass wir vor der Aufnahme keine Konzertwoche gehabt hatten, heißt, vor der ersten Probe kannte keiner der Musiker die Sinfonie, außer vielleicht die Stimme seines jeweiligen Instruments. Man kann so ein Werk aber nicht vom Blatt spielen, sondern muss es gemeinsam erarbeiten. Deshalb war es auch für mich schwer, dieses Werk auf CD zu bannen, ohne eine fertige Idee davon im Kopf zu haben, zumal ja der Anspruch bestand, eine Referenzaufnahme vorzulegen.

‍

Ein Werk einzuüben, das weder die Musiker noch der Dirigent vorher je gehört haben, stelle ich mir ziemlich abenteuerlich vor …

Das war es auch (lacht). Die Hauptschwierigkeit bestand darin, eine Idee von der Form des Ganzen zu entwickeln. Ich hatte deshalb entschieden, am ersten Tag noch gar nicht aufzunehmen, sondern erst einmal mit den Musikern das ganze Werke durchzugehen. Und da haben wir dann gleich ein paar Druckfehler entdeckt. An den weiteren Tagen konnten wir dann satzweise vorgehen. Ich hatte im Vorfeld ein wenig Sorge, ob es uns möglich sein würde, diese riesige Sinfonie innerhalb so kurzer Zeit in den Griff zu bekommen, es ging dann aber alles sehr gut, weil das Orchester so hervorragend ist.

‍

Lassen Sie uns über die formalen und geistigen Dimensionen der Sinfonie sprechen. Wo verorten Sie dieses Werk? Was ist seine „Botschaft “?

Trotz ihrer Dreisätzigkeit knüpft die Sinfonie an Mahler und Bruckner an, aber nur hinsichtlich ihrer Dimensionen. Petersen braucht diesen Vergleich nicht zu scheuen, zumal er sein Metier absolut versteht. Was den Inhalt der Musik betrifft , ist es das klassische „Per aspera ad astra“. Ich spüre in der Musik die großen humanistischen Ideale und eine gewisse Spiritualität, die ihn mit Bruckner verbindet, bei Petersen aber anders gelagert ist. Er stand der Anthroposophie nahe und stellt in seiner Sinfonie den Menschen, besser gesagt: das Menschliche per se ins Zentrum. Die Musik ist sehr individuell und harmonisch überaus eigen, sie hat eine gewisse Archaik in der Harmonik und teilweise auch in der Motivik, ohne dabei je epigonal zu sein.

‍

Was waren die besonderen Herausforderungen beim Einstudieren und Einspielen der Sinfonie?

Die größte Herausforderung bestand darin, die riesigen Entwicklungsbögen so zu bauen, dass die Spannung nie abreißt und die Architektur des Werks für den Hörer erfahrbar wird. Spieltechnisch gibt es für die Violinen und Bratschen sehr viele überaus schwere Stellen. Zudem gibt es in der Sinfonie viele anspruchsvolle Bläsersoli, die nur von wirklich exzellenten Solisten bewältigt werden können. Das Werk hat aber auch viele kammermusikalische Momente, die entsprechend gestaltet werden müssen.

‍

Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft im Hinblick auf die Musik von Wilhelm Petersen?

Mein Wunsch ist, alle fünf Sinfonien von ihm einzuspielen, auch wenn ich nicht weiß, ob alle auf dem Niveau der Dritten angesiedelt sind, ich gehe aber davon aus, dass kein schwaches Werk dabei ist. Petersens Violin- und Klavierkonzert aufzunehmen, würde mich auch reizen. Der Pianist Michael Korstick, mit dem ich kürzlich alle Beethoven- Konzerte für cpo gemacht habe, wäre interessiert.