Interview & Porträt

Lob der Ochsentour

Von
Clemens Haustein
Erschienen in der Printausgabe im
Juni 2023
Lesezeit ca.
…
Minuten

Es gibt sie noch, die langsamen, soliden Dirigenten-Karrieren. Auch noch in Zeiten, da der Hunger gewaltig ist nach jungen, jugendlichen Dirigenten und mit Klaus Mäkelä ein 26-Jähriger als zukünftiger Chefdirigent des Amsterdamer Concertgebouworkests ausgerufen wurde, einem der großen, traditionsreichen Orchester der Welt.

Christopher Ward ist 44 Jahre alt, seit 2018 Generalmusikdirektor in Aachen und hat die klassische „Ochsentour“ hinter sich: von unten nach oben über sämtliche Hierarchiestufen eines Opernhauses. Ward wurde in London geboren, studierte in Oxford, war Stipendiat an der Scottish Opera in Glasgow und wagte bald, da war er 24, den Sprung aufs europäische Festland. Auf ein Intermezzo am Opernstudio Zürich folgte eine erste Kapellmeisterstelle am Staatstheater Kassel, vier Jahre später kam der Schritt nach München an die Staatsoper, ebenfalls als Kapellmeister und als Assistent von Kent Nagano. 2013 wurde Ward 1. Kapellmeister in Saarbrücken, fünf Jahre später trat er sein Amt als Generalmusikdirektor in Aachen an. Ein klassischer Weg, über den Ward sagt: „Es war mein Weg und für mich genau richtig. Die Grundkenntnisse der Oper erhält man nur, wenn man den Weg nach oben gründlich und sorgfältig geht.“

Es mag junge Dirigenten geben, die diesen Weg schneller hinter sich bringen, aber seit wann wäre Schnelligkeit eine maßgebliche Kategorie in der künstlerischen Entwicklung? Spricht man mit Christopher Ward im Videointerview, so fällt seine Ruhe auf, die wache Sorgfalt in der Formulierung und eine menschliche Wärme, die nicht selbstverständlich ist unter Dirigenten. Verbindlich ist auch sein Dirigieren: eher auf homogenen Klang gerichtet, weniger auf die Herausstellung akustischer Einzelereignisse bedacht, einen stabilen Energiestrom vorgebend, in dem sich die Orchestermusiker allerdings recht frei bewegen können. Herbert von Karajan und Erich Kleiber nennt er als Dirigenten, deren Aufnahmen ihn als Jugendlichen (nachdem er, aus einem eher musikfernen Haus stammend, im Knabenchor die Klassik lieben lernte) für die Orchestertradition des europäischen Festlandes begeisterten.

Zwei weitere Dirigenten kamen hinzu, deren Arbeit ihn stark prägte: Sir Simon Rattle, das dirigentische Aushängeschild seiner britischen Heimat (welcher britische Dirigent müsste sich nicht in irgendeiner Weise zu Rattle verhalten …) und Kent Nagano. Zwei Musiker, die kaum unterschiedlicher sein könnten: Hier Rattle, der musikalische Kraftmeier und begnadete Kommunikator, der die Karajan-Ästhetik in die Jetzt-Zeit herüberretten möchte, dort Nagano, der Asket, ein Mann der Klarheit und intellektuellen Distanz.

Zu Rattles Proben in seiner Zeit als Chef der Berliner Philharmoniker fuhr Christopher Ward von Kassel aus, so oft es ging. Bei einer Einstudierung von Wagners „Rheingold“ war er sein Assistent. Bis heute schätzt er an Rattle „außer seiner außerordentlichen Musikalität die besondere Art, mit Menschen umzugehen und immer das Beste aus ihnen herauszuholen. Ich habe immer versucht, mich ein Stück weit daran zu orientieren.“ Mit Kent Nagano kam er während der Münchener Zeit in engen Kontakt. Was er von ihm gelernt hat? „Wenn ein Stück mit Disziplin und Fürsorge vorbereitet wird, alles zu katalysieren und dabei etwas wie von selbst entstehen zu lassen.“ In Wards Dirigieren lassen sich beide Seiten ausmachen, die von Rattle und die von Nagano: Mit seinem kräftigen Oberkörper vermag er dem Orchesterklang Nachdruck und Rundung zu verleihen, Rattles Übergriffigkeit auf die Orchestermusiker fehlt jedoch, bei Ward haben die Musiker Raum zum Atmen.

Wenig verwunderlich, dass Ward immer wieder von „Schönheit“ spricht im Zusammenhang mit dem Klange eines Orchesters. Mit solch besonderer Sensorik für klangliche Ästhetik hat er für das Label „Capriccio“ selten gespielte Werke des langen 19. Jahrhunderts aufgenommen: gemeinsam mit dem Kölner Gürzenich-Orchester etwa das Orchestergesamtwerk des Gustav-Mahler- Vorläufers Hans Rott oder Werke von Leo Blech, wie dessen Oper „Alpenkönig und Menschenfeind“. Das hat nun wiederum mit Christopher Wards Aachener Station zu tun: Leo Blech (1871–1958), den eine große Dirigentenkarriere nach Berlin trug unter anderem als Generalmusikdirektor an der Hofoper, stammte aus Aachen. Dort erinnert man nun verstärkt an den Dirigenten und Komponisten, der wegen seiner jüdischen Herkunft aus dem nationalsozialistischen Deutschland vertrieben wurde.

Wards Liebe zur Musik des 19. Jahrhunderts (im Juni dirigiert er in Aachen Edward Elgars Riesenoratorium „The Dream Of Gerontius“) schließt Interesse und Engagement für die neueste Musik nicht aus: In München arbeitete er mit dem Ensemble Modern zusammen und dirigierte Peter Eötvös’ Oper „Die Tragödie des Teufels“. An der Berliner Staatsoper Unter den Linden übernahm er 2019 als Einspringer für Daniel Barenboim die Uraufführung der Neufassung von Jörg Widmanns „Babylon“- Oper. Die Urfassung des Stückes hatte er in München miteinstudiert. In Aachen folgt in dieser Spielzeit Alban Bergs „Wozzeck“, in der kommenden Spielzeit wird Ward auch eine Barockoper dirigieren. Die Musiker des Sinfonieorchesters Aachen spielen dann auf Originalinstrumenten.

Derweil arbeitet der britische Dirigent an der internationalen Breite seiner Karriere, künftige Debüts führen ihn nach Japan zum NHK Symphony Orchestra, ans Gran Teatre del Liceu in Barcelona und in seine britische Heimat. Es scheint solide und stetig weiterzugehen für Christopher Ward, man darf gespannt sein, was die Zukunft weiter bringt.

Es gibt sie noch, die langsamen, soliden Dirigenten-Karrieren. Auch noch in Zeiten, da der Hunger gewaltig ist nach jungen, jugendlichen Dirigenten und mit Klaus Mäkelä ein 26-Jähriger als zukünftiger Chefdirigent des Amsterdamer Concertgebouworkests ausgerufen wurde, einem der großen, traditionsreichen Orchester der Welt.

Christopher Ward ist 44 Jahre alt, seit 2018 Generalmusikdirektor in Aachen und hat die klassische „Ochsentour“ hinter sich: von unten nach oben über sämtliche Hierarchiestufen eines Opernhauses. Ward wurde in London geboren, studierte in Oxford, war Stipendiat an der Scottish Opera in Glasgow und wagte bald, da war er 24, den Sprung aufs europäische Festland. Auf ein Intermezzo am Opernstudio Zürich folgte eine erste Kapellmeisterstelle am Staatstheater Kassel, vier Jahre später kam der Schritt nach München an die Staatsoper, ebenfalls als Kapellmeister und als Assistent von Kent Nagano. 2013 wurde Ward 1. Kapellmeister in Saarbrücken, fünf Jahre später trat er sein Amt als Generalmusikdirektor in Aachen an. Ein klassischer Weg, über den Ward sagt: „Es war mein Weg und für mich genau richtig. Die Grundkenntnisse der Oper erhält man nur, wenn man den Weg nach oben gründlich und sorgfältig geht.“

Es mag junge Dirigenten geben, die diesen Weg schneller hinter sich bringen, aber seit wann wäre Schnelligkeit eine maßgebliche Kategorie in der künstlerischen Entwicklung? Spricht man mit Christopher Ward im Videointerview, so fällt seine Ruhe auf, die wache Sorgfalt in der Formulierung und eine menschliche Wärme, die nicht selbstverständlich ist unter Dirigenten. Verbindlich ist auch sein Dirigieren: eher auf homogenen Klang gerichtet, weniger auf die Herausstellung akustischer Einzelereignisse bedacht, einen stabilen Energiestrom vorgebend, in dem sich die Orchestermusiker allerdings recht frei bewegen können. Herbert von Karajan und Erich Kleiber nennt er als Dirigenten, deren Aufnahmen ihn als Jugendlichen (nachdem er, aus einem eher musikfernen Haus stammend, im Knabenchor die Klassik lieben lernte) für die Orchestertradition des europäischen Festlandes begeisterten.

Zwei weitere Dirigenten kamen hinzu, deren Arbeit ihn stark prägte: Sir Simon Rattle, das dirigentische Aushängeschild seiner britischen Heimat (welcher britische Dirigent müsste sich nicht in irgendeiner Weise zu Rattle verhalten …) und Kent Nagano. Zwei Musiker, die kaum unterschiedlicher sein könnten: Hier Rattle, der musikalische Kraftmeier und begnadete Kommunikator, der die Karajan-Ästhetik in die Jetzt-Zeit herüberretten möchte, dort Nagano, der Asket, ein Mann der Klarheit und intellektuellen Distanz.

Zu Rattles Proben in seiner Zeit als Chef der Berliner Philharmoniker fuhr Christopher Ward von Kassel aus, so oft es ging. Bei einer Einstudierung von Wagners „Rheingold“ war er sein Assistent. Bis heute schätzt er an Rattle „außer seiner außerordentlichen Musikalität die besondere Art, mit Menschen umzugehen und immer das Beste aus ihnen herauszuholen. Ich habe immer versucht, mich ein Stück weit daran zu orientieren.“ Mit Kent Nagano kam er während der Münchener Zeit in engen Kontakt. Was er von ihm gelernt hat? „Wenn ein Stück mit Disziplin und Fürsorge vorbereitet wird, alles zu katalysieren und dabei etwas wie von selbst entstehen zu lassen.“ In Wards Dirigieren lassen sich beide Seiten ausmachen, die von Rattle und die von Nagano: Mit seinem kräftigen Oberkörper vermag er dem Orchesterklang Nachdruck und Rundung zu verleihen, Rattles Übergriffigkeit auf die Orchestermusiker fehlt jedoch, bei Ward haben die Musiker Raum zum Atmen.

Wenig verwunderlich, dass Ward immer wieder von „Schönheit“ spricht im Zusammenhang mit dem Klange eines Orchesters. Mit solch besonderer Sensorik für klangliche Ästhetik hat er für das Label „Capriccio“ selten gespielte Werke des langen 19. Jahrhunderts aufgenommen: gemeinsam mit dem Kölner Gürzenich-Orchester etwa das Orchestergesamtwerk des Gustav-Mahler- Vorläufers Hans Rott oder Werke von Leo Blech, wie dessen Oper „Alpenkönig und Menschenfeind“. Das hat nun wiederum mit Christopher Wards Aachener Station zu tun: Leo Blech (1871–1958), den eine große Dirigentenkarriere nach Berlin trug unter anderem als Generalmusikdirektor an der Hofoper, stammte aus Aachen. Dort erinnert man nun verstärkt an den Dirigenten und Komponisten, der wegen seiner jüdischen Herkunft aus dem nationalsozialistischen Deutschland vertrieben wurde.

Wards Liebe zur Musik des 19. Jahrhunderts (im Juni dirigiert er in Aachen Edward Elgars Riesenoratorium „The Dream Of Gerontius“) schließt Interesse und Engagement für die neueste Musik nicht aus: In München arbeitete er mit dem Ensemble Modern zusammen und dirigierte Peter Eötvös’ Oper „Die Tragödie des Teufels“. An der Berliner Staatsoper Unter den Linden übernahm er 2019 als Einspringer für Daniel Barenboim die Uraufführung der Neufassung von Jörg Widmanns „Babylon“- Oper. Die Urfassung des Stückes hatte er in München miteinstudiert. In Aachen folgt in dieser Spielzeit Alban Bergs „Wozzeck“, in der kommenden Spielzeit wird Ward auch eine Barockoper dirigieren. Die Musiker des Sinfonieorchesters Aachen spielen dann auf Originalinstrumenten.

Derweil arbeitet der britische Dirigent an der internationalen Breite seiner Karriere, künftige Debüts führen ihn nach Japan zum NHK Symphony Orchestra, ans Gran Teatre del Liceu in Barcelona und in seine britische Heimat. Es scheint solide und stetig weiterzugehen für Christopher Ward, man darf gespannt sein, was die Zukunft weiter bringt.