„Musik ist meine Insel“
Seit Langem hat sich Antje Weithaas als eine der kreativsten Geigerinnen der Violinszene etabliert. Ein Gespräch über ihr Leben als Musikerin und Fehlentwicklungen des derzeitigen Musikbetriebs.

Sie sind als Geigerin sehr vielseitig unterwegs. Wie verteilen sich Ihre Aktivitäten zwischen Solospiel, Kammermusik und Unterrichten?
Das ist ziemlich ausgewogen – wie schön, dass die Geige so viele Möglichkeiten bietet. Ich brauche und suche immer wieder neue Herausforderungen und möchte mich nicht für das eine oder andere entscheiden müssen. Es macht mir einfach großen Spaß, mich mit Musik zu beschäftigen. Überhaupt empfinde ich den Unterschied zwischen Kammermusik, „Play – Conduct“ und Solokonzerten als gar nicht so groß. Es geht immer um musikalische Kommunikation, darum, eine gemeinsame Idee von einem Stück zu entwickeln und im Konzert zu erleben. Ähnlich wie beim Unterrichten. Ich ermuntere meine Studenten zu eigenständigen Denken und bin dankbar für jede musikalische Diskussion, die sie und mich weiterbringt. Natürlich braucht die Lehrtätigkeit eine gewisse Regelmäßigkeit. Das bedeutet, dass wir alle zeitlich sehr flexibel sein müssen und ich lange Tourneen möglichst in die Semesterferien lege.
Antje Weithaas, Professorin an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin. Ihr Name taucht in vielen Lebensläufen junger Geigerinnen und Geiger auf. Was wollen Sie Ihnen vor allem vermitteln?
Ich habe das große Glück, sehr begabte Studentinnen und Studenten in meiner Klasse zu haben, was das Unterrichten unglaublich spannend macht. Ich versuche, mich auf jeden individuell einzustellen, was sehr viel mit Empathie und manchmal auch mit Psychologie zu tun hat. Viel Wert lege ich auf ein möglichst natürliches Geigenspiel, wie atme ich, wie „benutze“ ich meinen Körper musikalisch, wie finde ich meinen persönlichen, aber wandlungsfähigen Klang. Ideal wäre, wenn sich das Gefühl einstellt, die Geige schwingt wie unsere Stimmbänder. Ansonsten möchte ich sie unterstützen, ein großes Vertrauen in die eigenen Ideen zu entwickeln und ihre persönliche Sprache zu finden. Natürlich, auch wenn es heute fast schon „abgedroschen“ klingt, auf Grundlage des Notentextes und mit Demut gegenüber dem Komponisten. Ich möchte keine Studenten heranbilden, die alle gleich und in allen Stilrichtungen ähnlich klingen. Es gibt heute so viele fantastische Geiger. Allerdings habe ich häufig das Gefühl, dass das reine Geigenspiel Priorität hat und ich nicht verstehe oder fühle, was sie dem Publikum mit dem Stück sagen oder geben möchten.
Noch nie waren so viele gute Geigerinnen und Geiger unterwegs. Es drängen so viele Begabungen auf den „Markt“, aber ist da auch Platz für alle? Bilden die Hochschulen nicht am Bedarf vorbei aus?
Es wird immer schwieriger, daher sind meiner Meinung nach die Hochschulen in der Verantwortung, schon bei den Aufnahmeprüfungen sehr genau hinzuschauen. An der Musikhochschule Hanns Eisler haben wir glücklicherweise ein sehr hohes Niveau und eine ähnliche Qualitätsvorstellung. Es hilft niemandem, Studenten aufzunehmen, bei denen schon in der Aufnahmeprüfung Zweifel bestehen, ob sie für den Musikerberuf geeignet sind. Ich persönlich möchte ein inneres Bedürfnis, sich auszudrücken, hören. Nur mit diesem inneren Willen und der Liebe zur Musik kann man diesen Beruf durchhalten, der traumhafte Erlebnisse, aber auch Zweifel, Ängste, Einsamkeit mit sich bringt.
Es gibt auch mehr Wettbewerbe als je zuvor. Welchen Stellenwert haben sie heute?
Seit einigen Jahren bin ich ja zusammen mit Oliver Wille selbst künstlerisch verantwortlich für einen internationalen Wettbewerb, den von der Stiftung Niedersachen ausgerichteten „Joseph Joachim Violinwettbewerb“ in Hannover. Mit dem Wettbewerb verbindet mich eine lange Geschichte. 1991 bei der ersten Ausgabe konnte ich den 1. Preis gewinnen, was meiner Karriere damals sehr geholfen hat. Als die Anfrage aus Hannover kam, haben wir lange darüber nachgedacht, ob wir diese Verantwortung übernehmen wollen, sind aber letztlich zur Überzeugung gekommen, dass wir es machen, aber anders. In den letzten Jahrzehnten hat sich ein eigener Wettbewerbsmarkt entwickelt, der immer weniger mit dem eigentlichen Musikmarkt zu tun hat. Es gibt den Typus Wettbewerbsgeiger, der immer ins Finale kommt und meistens einen Preis gewinnt. Allerdings findet man diese Namen nicht oder selten auf den Konzertpodien. Bei vielen Gesprächen mit Veranstaltern kommt immer wieder der Satz: Die Wettbewerbs-Geiger sind austauschbar. Deswegen war unser Ansatz, den erwachsenen Künstler zu suchen und den Wettbewerb in Hannover wieder näher an den Musikmarkt zu bringen, das heisst die Veranstalter mit der Wahl ihrer persönlichen Preisträger mit einzubeziehen,
Seit einigen Jahren ist für Musiker noch ein Wettbewerb der ganz anderen Art hinzugekommen: das Internet mit Social Media, verbunden mit dem Drang und Zwang zur Selbstdarstellung. Eine Gefahr?
Ich bin heilfroh, dass ich heute kein junger Musiker bin. Bis zu einem gewissen Grad müssen sie dieses Spiel natürlich mitspielen. Aber wenn die Anzahl der Klicks über den Erfolg entscheidet, dann hat der Musikmarkt keine große Zukunft. Musik muss die Menschen ergreifen und berühren und das geht nur mit künstlerischer Qualität und nicht mit Klickzahlen. Wenn es den ein oder anderen gibt, der beides hat: wunderbar. Ich sage meinen Studenten immer wieder: „Gebt nur das von euch preis, was ihr wirklich wollt.“ Ich werde nie verstehen, warum es jemanden interessieren sollte, wann und wo ich meinen Kaffee trinke. Daher bin ich weder bei Twitter oder Instagram, Facebook wird von meiner Agentur gepflegt, vor allem für die Veranstalter. Sicherlich gehöre ich zu einer aussterbenden Gattung, aber diese Art von Oberflächlichkeit und sich zur Schau-Stellen passt einfach nicht zu mir. Auf der anderen Seite kann eine professionelle Nutzung sicher sehr sinnvoll sein. Das Live-Erlebnis im Saal, das „sich aufeinander Einlassen“ von Künstler und Publikum kann aber kein digitales Medium nachbilden.
Was stört Sie am derzeitigen Musikbetrieb am meisten?
Es gibt eine unglaubliche Schnelllebigkeit, und das ist sehr schade. Vielleicht gibt es nicht mehr genug Agenturen oder Plattenlabel, die sich die Mühe machen, Karrieren behutsam aufzubauen. Es gibt eine Tendenz, mit jungen Leuten schnell Geld verdienen zu wollen, überall. Ein erfahrener Agent hat einmal gesagt, dass es ihn nicht so sehr interessiert, wie jemand mit 18 spielt, sondern mit 30 oder 40. Man muss die Chance haben, sich zu entwickeln und auch mal zu scheitern. Lernen wir als Künstler nicht gerade aus solchen Situationen? Jeder entwickelt sich in einem anderen Tempo. Wir haben diese Frühbegabungen, ja gut. Aber sind das auch künstlerische Frühbegabungen oder vor allem instrumentale?
Ihre Karriere, Repertoire und Aufnahmetätigkeit inklusive, sind nicht unbedingt „Mainstream“. Gibt es Präferenzen?
Ich habe immer nur das aufgenommen, was ich unbedingt aufnehmen wollte. Und habe mit CAvi-music ein Label gefunden, das mich in dieser Hinsicht unglaublich unterstützt hat. Ein absoluter Luxus. Auch die Kooperationen mit dem Deutschlandfunk über all die Jahre war und ist enorm hilfreich. Die Kombination der Solowerke von Bach und Ysaÿe zum Beispiel: Bei welchem Label hätte ich dieses Projekt realisieren können? Und jetzt die Beethoven-Violinsonaten, ein Herzensprojekt, das man einmal im Leben machen möchte. Da wartet man auch gern auf den „richtigen“ Pianisten. Dénes Várjon und ich haben in den letzten Jahren öft er konzertiert. Von Anfang an fühlten wir eine Art musikalische Seelenverwandtschaft . Es passt einfach. Ich spiele das Standardrepertoire, aber auch Britten, Bartók, die anderen Bruch-Konzerte … Das Schumann-Konzert ist eines meiner Herzensstücke, das „kleine“ Mendelssohn- Konzert in d-Moll finde ich großartig, Hartmanns „Concerto funebre“, Weinbergs Concertino ... Natürlich bleiben für mich als deutsche Geigerin Beethoven und Brahms immer noch die Highlights. Auch zeitgenössischer Musik gegenüber bin ich sehr off en. Nächstes Jahr stehen zum Beispiel das überarbeitete Violinkonzert von Manfred Trojahn und das zweite Violinkonzert von Vasks an. Ich bin überhaupt nicht der Typ, der in einer Saison 20 Mal dasselbe Stück spielen könnte, da ich immer einen frischen emotionalen Zugang brauche. Routine ist für mich ein ganz schrecklicher Zustand.
Gibt es noch weitere Wünsche fürs Aufnahmestudio?
Ein Traum für eine Aufnahme sind die beiden Violinkonzerte von Schostakowitsch, weil ich mich seiner Musik emotional so nahe fühle. Eine CD mit dem Dvořák-Violinkonzert und der Streicherserenade mit der Camerata Bern ohne Dirigent ist in Planung.
Was ist heute Ihr Motiv, Musiker zu sein? Ist es noch dasselbe wie vor Jahrzehnten?
Mit der Zeit ist mir immer klarer geworden, dass Musik die Insel ist, auf der ich durch mein Leben getragen werde, zumindest ein wichtiger Teil davon. Es ist die Art und Weise, wie ich mich ausdrücken will und muss. So kann ich meine Emotionen kanalisieren. Dabei geht es gar nicht primär um die Konzertsituation auf dem Podium, sondern darum zu musizieren. Das hat sich seit meiner Kindheit nicht verändert. Den Musikbetrieb, der wahrlich nicht immer gesund ist, kann ich über die vielen Jahre nur aushalten, weil ich in mir diese unglaubliche Notwendigkeit spüre, Musik zu machen.
Und da ist ja auch noch das Feedback, der Applaus, die Belohnung seitens des Publikums …
Das größte Kompliment ist, wenn ein Mensch hinter die Bühne kommt und Tränen in den Augen hat, wirklich berührt ist. Ein ganz intensives Erlebnis dieser Art hatten wir damals mit dem Arcanto Quartett in Japan, kurz nach der schrecklichen Nuklearkatastrophe von Fukushima. Da kamen die Zuhörer mit Tränen in den Augen, um sich Autogramme zu holen und sagten: „Sie können sich gar nicht vorstellen, was ihr Konzert für uns bedeutet.“ Und die Japaner gehören nicht unbedingt zu denen, die ihr Herz auf der Zunge tragen. Auch nach Corona gab es solche Situationen. Da kam nach einem Konzert ein „Danke“ aus dem Publikum, bevor überhaupt jemand applaudiert hatte. Das sind Momente, die zeigen, dass es sie gibt: diese nicht erklärbare Kraft der Musik. Und wenn man den Entbehrungen der Corona-Pandemie etwas Positives abgewinnen will: Auch sie hat uns gezeigt, wie wichtig und existenziell Musik ist.
Sie sind als Geigerin sehr vielseitig unterwegs. Wie verteilen sich Ihre Aktivitäten zwischen Solospiel, Kammermusik und Unterrichten?
Das ist ziemlich ausgewogen – wie schön, dass die Geige so viele Möglichkeiten bietet. Ich brauche und suche immer wieder neue Herausforderungen und möchte mich nicht für das eine oder andere entscheiden müssen. Es macht mir einfach großen Spaß, mich mit Musik zu beschäftigen. Überhaupt empfinde ich den Unterschied zwischen Kammermusik, „Play – Conduct“ und Solokonzerten als gar nicht so groß. Es geht immer um musikalische Kommunikation, darum, eine gemeinsame Idee von einem Stück zu entwickeln und im Konzert zu erleben. Ähnlich wie beim Unterrichten. Ich ermuntere meine Studenten zu eigenständigen Denken und bin dankbar für jede musikalische Diskussion, die sie und mich weiterbringt. Natürlich braucht die Lehrtätigkeit eine gewisse Regelmäßigkeit. Das bedeutet, dass wir alle zeitlich sehr flexibel sein müssen und ich lange Tourneen möglichst in die Semesterferien lege.
Antje Weithaas, Professorin an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin. Ihr Name taucht in vielen Lebensläufen junger Geigerinnen und Geiger auf. Was wollen Sie Ihnen vor allem vermitteln?
Ich habe das große Glück, sehr begabte Studentinnen und Studenten in meiner Klasse zu haben, was das Unterrichten unglaublich spannend macht. Ich versuche, mich auf jeden individuell einzustellen, was sehr viel mit Empathie und manchmal auch mit Psychologie zu tun hat. Viel Wert lege ich auf ein möglichst natürliches Geigenspiel, wie atme ich, wie „benutze“ ich meinen Körper musikalisch, wie finde ich meinen persönlichen, aber wandlungsfähigen Klang. Ideal wäre, wenn sich das Gefühl einstellt, die Geige schwingt wie unsere Stimmbänder. Ansonsten möchte ich sie unterstützen, ein großes Vertrauen in die eigenen Ideen zu entwickeln und ihre persönliche Sprache zu finden. Natürlich, auch wenn es heute fast schon „abgedroschen“ klingt, auf Grundlage des Notentextes und mit Demut gegenüber dem Komponisten. Ich möchte keine Studenten heranbilden, die alle gleich und in allen Stilrichtungen ähnlich klingen. Es gibt heute so viele fantastische Geiger. Allerdings habe ich häufig das Gefühl, dass das reine Geigenspiel Priorität hat und ich nicht verstehe oder fühle, was sie dem Publikum mit dem Stück sagen oder geben möchten.
Noch nie waren so viele gute Geigerinnen und Geiger unterwegs. Es drängen so viele Begabungen auf den „Markt“, aber ist da auch Platz für alle? Bilden die Hochschulen nicht am Bedarf vorbei aus?
Es wird immer schwieriger, daher sind meiner Meinung nach die Hochschulen in der Verantwortung, schon bei den Aufnahmeprüfungen sehr genau hinzuschauen. An der Musikhochschule Hanns Eisler haben wir glücklicherweise ein sehr hohes Niveau und eine ähnliche Qualitätsvorstellung. Es hilft niemandem, Studenten aufzunehmen, bei denen schon in der Aufnahmeprüfung Zweifel bestehen, ob sie für den Musikerberuf geeignet sind. Ich persönlich möchte ein inneres Bedürfnis, sich auszudrücken, hören. Nur mit diesem inneren Willen und der Liebe zur Musik kann man diesen Beruf durchhalten, der traumhafte Erlebnisse, aber auch Zweifel, Ängste, Einsamkeit mit sich bringt.
Es gibt auch mehr Wettbewerbe als je zuvor. Welchen Stellenwert haben sie heute?
Seit einigen Jahren bin ich ja zusammen mit Oliver Wille selbst künstlerisch verantwortlich für einen internationalen Wettbewerb, den von der Stiftung Niedersachen ausgerichteten „Joseph Joachim Violinwettbewerb“ in Hannover. Mit dem Wettbewerb verbindet mich eine lange Geschichte. 1991 bei der ersten Ausgabe konnte ich den 1. Preis gewinnen, was meiner Karriere damals sehr geholfen hat. Als die Anfrage aus Hannover kam, haben wir lange darüber nachgedacht, ob wir diese Verantwortung übernehmen wollen, sind aber letztlich zur Überzeugung gekommen, dass wir es machen, aber anders. In den letzten Jahrzehnten hat sich ein eigener Wettbewerbsmarkt entwickelt, der immer weniger mit dem eigentlichen Musikmarkt zu tun hat. Es gibt den Typus Wettbewerbsgeiger, der immer ins Finale kommt und meistens einen Preis gewinnt. Allerdings findet man diese Namen nicht oder selten auf den Konzertpodien. Bei vielen Gesprächen mit Veranstaltern kommt immer wieder der Satz: Die Wettbewerbs-Geiger sind austauschbar. Deswegen war unser Ansatz, den erwachsenen Künstler zu suchen und den Wettbewerb in Hannover wieder näher an den Musikmarkt zu bringen, das heisst die Veranstalter mit der Wahl ihrer persönlichen Preisträger mit einzubeziehen,
Seit einigen Jahren ist für Musiker noch ein Wettbewerb der ganz anderen Art hinzugekommen: das Internet mit Social Media, verbunden mit dem Drang und Zwang zur Selbstdarstellung. Eine Gefahr?
Ich bin heilfroh, dass ich heute kein junger Musiker bin. Bis zu einem gewissen Grad müssen sie dieses Spiel natürlich mitspielen. Aber wenn die Anzahl der Klicks über den Erfolg entscheidet, dann hat der Musikmarkt keine große Zukunft. Musik muss die Menschen ergreifen und berühren und das geht nur mit künstlerischer Qualität und nicht mit Klickzahlen. Wenn es den ein oder anderen gibt, der beides hat: wunderbar. Ich sage meinen Studenten immer wieder: „Gebt nur das von euch preis, was ihr wirklich wollt.“ Ich werde nie verstehen, warum es jemanden interessieren sollte, wann und wo ich meinen Kaffee trinke. Daher bin ich weder bei Twitter oder Instagram, Facebook wird von meiner Agentur gepflegt, vor allem für die Veranstalter. Sicherlich gehöre ich zu einer aussterbenden Gattung, aber diese Art von Oberflächlichkeit und sich zur Schau-Stellen passt einfach nicht zu mir. Auf der anderen Seite kann eine professionelle Nutzung sicher sehr sinnvoll sein. Das Live-Erlebnis im Saal, das „sich aufeinander Einlassen“ von Künstler und Publikum kann aber kein digitales Medium nachbilden.
Was stört Sie am derzeitigen Musikbetrieb am meisten?
Es gibt eine unglaubliche Schnelllebigkeit, und das ist sehr schade. Vielleicht gibt es nicht mehr genug Agenturen oder Plattenlabel, die sich die Mühe machen, Karrieren behutsam aufzubauen. Es gibt eine Tendenz, mit jungen Leuten schnell Geld verdienen zu wollen, überall. Ein erfahrener Agent hat einmal gesagt, dass es ihn nicht so sehr interessiert, wie jemand mit 18 spielt, sondern mit 30 oder 40. Man muss die Chance haben, sich zu entwickeln und auch mal zu scheitern. Lernen wir als Künstler nicht gerade aus solchen Situationen? Jeder entwickelt sich in einem anderen Tempo. Wir haben diese Frühbegabungen, ja gut. Aber sind das auch künstlerische Frühbegabungen oder vor allem instrumentale?
Ihre Karriere, Repertoire und Aufnahmetätigkeit inklusive, sind nicht unbedingt „Mainstream“. Gibt es Präferenzen?
Ich habe immer nur das aufgenommen, was ich unbedingt aufnehmen wollte. Und habe mit CAvi-music ein Label gefunden, das mich in dieser Hinsicht unglaublich unterstützt hat. Ein absoluter Luxus. Auch die Kooperationen mit dem Deutschlandfunk über all die Jahre war und ist enorm hilfreich. Die Kombination der Solowerke von Bach und Ysaÿe zum Beispiel: Bei welchem Label hätte ich dieses Projekt realisieren können? Und jetzt die Beethoven-Violinsonaten, ein Herzensprojekt, das man einmal im Leben machen möchte. Da wartet man auch gern auf den „richtigen“ Pianisten. Dénes Várjon und ich haben in den letzten Jahren öft er konzertiert. Von Anfang an fühlten wir eine Art musikalische Seelenverwandtschaft . Es passt einfach. Ich spiele das Standardrepertoire, aber auch Britten, Bartók, die anderen Bruch-Konzerte … Das Schumann-Konzert ist eines meiner Herzensstücke, das „kleine“ Mendelssohn- Konzert in d-Moll finde ich großartig, Hartmanns „Concerto funebre“, Weinbergs Concertino ... Natürlich bleiben für mich als deutsche Geigerin Beethoven und Brahms immer noch die Highlights. Auch zeitgenössischer Musik gegenüber bin ich sehr off en. Nächstes Jahr stehen zum Beispiel das überarbeitete Violinkonzert von Manfred Trojahn und das zweite Violinkonzert von Vasks an. Ich bin überhaupt nicht der Typ, der in einer Saison 20 Mal dasselbe Stück spielen könnte, da ich immer einen frischen emotionalen Zugang brauche. Routine ist für mich ein ganz schrecklicher Zustand.
Gibt es noch weitere Wünsche fürs Aufnahmestudio?
Ein Traum für eine Aufnahme sind die beiden Violinkonzerte von Schostakowitsch, weil ich mich seiner Musik emotional so nahe fühle. Eine CD mit dem Dvořák-Violinkonzert und der Streicherserenade mit der Camerata Bern ohne Dirigent ist in Planung.
Was ist heute Ihr Motiv, Musiker zu sein? Ist es noch dasselbe wie vor Jahrzehnten?
Mit der Zeit ist mir immer klarer geworden, dass Musik die Insel ist, auf der ich durch mein Leben getragen werde, zumindest ein wichtiger Teil davon. Es ist die Art und Weise, wie ich mich ausdrücken will und muss. So kann ich meine Emotionen kanalisieren. Dabei geht es gar nicht primär um die Konzertsituation auf dem Podium, sondern darum zu musizieren. Das hat sich seit meiner Kindheit nicht verändert. Den Musikbetrieb, der wahrlich nicht immer gesund ist, kann ich über die vielen Jahre nur aushalten, weil ich in mir diese unglaubliche Notwendigkeit spüre, Musik zu machen.
Und da ist ja auch noch das Feedback, der Applaus, die Belohnung seitens des Publikums …
Das größte Kompliment ist, wenn ein Mensch hinter die Bühne kommt und Tränen in den Augen hat, wirklich berührt ist. Ein ganz intensives Erlebnis dieser Art hatten wir damals mit dem Arcanto Quartett in Japan, kurz nach der schrecklichen Nuklearkatastrophe von Fukushima. Da kamen die Zuhörer mit Tränen in den Augen, um sich Autogramme zu holen und sagten: „Sie können sich gar nicht vorstellen, was ihr Konzert für uns bedeutet.“ Und die Japaner gehören nicht unbedingt zu denen, die ihr Herz auf der Zunge tragen. Auch nach Corona gab es solche Situationen. Da kam nach einem Konzert ein „Danke“ aus dem Publikum, bevor überhaupt jemand applaudiert hatte. Das sind Momente, die zeigen, dass es sie gibt: diese nicht erklärbare Kraft der Musik. Und wenn man den Entbehrungen der Corona-Pandemie etwas Positives abgewinnen will: Auch sie hat uns gezeigt, wie wichtig und existenziell Musik ist.



