Der Bach-Papst
Zwischen Stuttgart und der ganzen Welt: Helmuth Rilling feiert seinen 90. Geburtstag

Als der Stuttgarter „Bach-Papst“ vor zehn Jahren seinen 80. Geburtstag feierte, hat der Komponist Wolfgang Rihm ein Stück für ihn komponiert. „Stille Feste“ ist der Titel des Werkes für Chor und Orchester, das 2013 beim Abschiedskonzert Helmuth Rillings als künstlerischer Leiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart uraufgeführt wurde. Er liebe, sagte Rihm damals über den Dirigenten, dessen „melancholische Präzision“: „Rilling macht Musik aus einer Versunkenheit heraus.“
Wie so oft, trifft der Komponist hier den Nagel auf den Kopf. Helmuth Rilling steht für Versunkenheit – oder, um es aktiver zu formulieren, für Versenkung. Diese galt zeit seines aktiven Musikerlebens einem breiten oratorischen Repertoire, das vom Frühbarock bis zur Gegenwart reichte. Vor allem aber galt sie einem Komponisten: Johann Sebastian Bach. Weil er dessen Musik auch in seiner Heimatstadt pflegen wollte, hat Rilling 1981 die Internationale Bachakademie gegründet – und Stuttgart in den Folgejahren zu einem weltbekannten Bach-Hotspot gemacht. Mit einem Haus, das bald eine passende neue Adresse hatte: Johann- Sebastian-Bach-Platz 1. Wenn der künstlerische Leiter da war, parkte sein roter Mercedes vor dem Gebäude. Kennzeichen: S – JS 1685.
Die Gesprächskonzerte, in denen Rilling Bachs Musik musikalisch und theologisch erläuterte, wurden ebenso zum Markenzeichen der Bachakademie wie die Verbindung von Konzertieren und Unterrichten. Das Modell Bachakademie bekam internationale Dépendancen. Rilling selbst war als Lehrender wie als Dirigent unterwegs – besonders spektakulär 1976, als er als erster Deutscher nach dem Holocaust am Pult des Israel Philharmonic Orchestra stand. Dass dieses Wagnis glückte, dürfe sich ebenfalls Rillings Versenkung verdanken. Es ist ihm immer zuallererst um die Musik gegangen.
Wer je als junge Solistin oder als junger Solist den ebenso zugewandten wie fordernden, ja oft geradezu bohrenden Blick des Dirigenten auf sich ruhen spürte, weiß, was damit gemeint ist. Dieser Mann hat eine Aura. Er hat in den Musikern vor sich immer auch die Menschen gesehen. Und er ist ein Genießer, der gerne ein gutes Glas Wein trinkt und dabei sogar immer mal wieder in einer raumgreifenden Havanna-Wolke verschwindet. Das Rauchen, hat er einmal behauptet, reinige ihn.
Helmuth Rilling hat viele Ehrungen erhalten. Dass er seinen einzigen Grammy nicht etwa für sein großes Pionier-Projekt, die zwischen 1970 und 1985 entstandene Einspielung sämtlicher Bach-Kantaten, oder im Jahr 2000 für die erste Gesamtaufnahme aller Werke Bachs auf 172 CDs bekam, sondern für die Aufnahme von Krzysztof Pendereckis „Credo“ von 1998, zeugt für seine Offenheit. Dabei hat er sogar komplexe Werke der zeitgenössischen Musik stets auswendig dirigiert.
Als 2013 Hans-Christoph Rademann die Leitung der Bachakademie übernahm und die Ensembles im Sinne der historisch informierten Aufführungspraxis zur neuen Gaechinger Cantorey umbaute, zollte dies einer Entwicklung Tribut, welche die Bachakademie in den letzten Rilling-Jahren lediglich gestreift hatte. Der typische Rilling-Klang wirkte, auch wenn er mit den Jahren weniger flächig wurde, zuletzt ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Dafür aber undogmatisch und ideologiefrei. Rilling sprach lieber von Wahrhaftigkeit, betonte den Wert musikalischer Analyse. Er hat nie behauptet, allein den Stein der Weisen zu besitzen. Und sich nach einem Konzert alleine vor dem Publikum zu verbeugen, hat er vermieden, wo immer es möglich war: Was sei ein Dirigent schließlich ohne seine Musiker?
Als der Stuttgarter „Bach-Papst“ vor zehn Jahren seinen 80. Geburtstag feierte, hat der Komponist Wolfgang Rihm ein Stück für ihn komponiert. „Stille Feste“ ist der Titel des Werkes für Chor und Orchester, das 2013 beim Abschiedskonzert Helmuth Rillings als künstlerischer Leiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart uraufgeführt wurde. Er liebe, sagte Rihm damals über den Dirigenten, dessen „melancholische Präzision“: „Rilling macht Musik aus einer Versunkenheit heraus.“
Wie so oft, trifft der Komponist hier den Nagel auf den Kopf. Helmuth Rilling steht für Versunkenheit – oder, um es aktiver zu formulieren, für Versenkung. Diese galt zeit seines aktiven Musikerlebens einem breiten oratorischen Repertoire, das vom Frühbarock bis zur Gegenwart reichte. Vor allem aber galt sie einem Komponisten: Johann Sebastian Bach. Weil er dessen Musik auch in seiner Heimatstadt pflegen wollte, hat Rilling 1981 die Internationale Bachakademie gegründet – und Stuttgart in den Folgejahren zu einem weltbekannten Bach-Hotspot gemacht. Mit einem Haus, das bald eine passende neue Adresse hatte: Johann- Sebastian-Bach-Platz 1. Wenn der künstlerische Leiter da war, parkte sein roter Mercedes vor dem Gebäude. Kennzeichen: S – JS 1685.
Die Gesprächskonzerte, in denen Rilling Bachs Musik musikalisch und theologisch erläuterte, wurden ebenso zum Markenzeichen der Bachakademie wie die Verbindung von Konzertieren und Unterrichten. Das Modell Bachakademie bekam internationale Dépendancen. Rilling selbst war als Lehrender wie als Dirigent unterwegs – besonders spektakulär 1976, als er als erster Deutscher nach dem Holocaust am Pult des Israel Philharmonic Orchestra stand. Dass dieses Wagnis glückte, dürfe sich ebenfalls Rillings Versenkung verdanken. Es ist ihm immer zuallererst um die Musik gegangen.
Wer je als junge Solistin oder als junger Solist den ebenso zugewandten wie fordernden, ja oft geradezu bohrenden Blick des Dirigenten auf sich ruhen spürte, weiß, was damit gemeint ist. Dieser Mann hat eine Aura. Er hat in den Musikern vor sich immer auch die Menschen gesehen. Und er ist ein Genießer, der gerne ein gutes Glas Wein trinkt und dabei sogar immer mal wieder in einer raumgreifenden Havanna-Wolke verschwindet. Das Rauchen, hat er einmal behauptet, reinige ihn.
Helmuth Rilling hat viele Ehrungen erhalten. Dass er seinen einzigen Grammy nicht etwa für sein großes Pionier-Projekt, die zwischen 1970 und 1985 entstandene Einspielung sämtlicher Bach-Kantaten, oder im Jahr 2000 für die erste Gesamtaufnahme aller Werke Bachs auf 172 CDs bekam, sondern für die Aufnahme von Krzysztof Pendereckis „Credo“ von 1998, zeugt für seine Offenheit. Dabei hat er sogar komplexe Werke der zeitgenössischen Musik stets auswendig dirigiert.
Als 2013 Hans-Christoph Rademann die Leitung der Bachakademie übernahm und die Ensembles im Sinne der historisch informierten Aufführungspraxis zur neuen Gaechinger Cantorey umbaute, zollte dies einer Entwicklung Tribut, welche die Bachakademie in den letzten Rilling-Jahren lediglich gestreift hatte. Der typische Rilling-Klang wirkte, auch wenn er mit den Jahren weniger flächig wurde, zuletzt ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Dafür aber undogmatisch und ideologiefrei. Rilling sprach lieber von Wahrhaftigkeit, betonte den Wert musikalischer Analyse. Er hat nie behauptet, allein den Stein der Weisen zu besitzen. Und sich nach einem Konzert alleine vor dem Publikum zu verbeugen, hat er vermieden, wo immer es möglich war: Was sei ein Dirigent schließlich ohne seine Musiker?



