Raus aus der Nische!
Ein Hackbrett wird zum Sehnsuchtsinstrument und eine Musikerin zur Forscherin: Die Welt der Salterio-Virtuosin Franziska Fleischanderl steckt voller Überraschungen.

Antonio Vivaldi hat fast 500 Konzerte komponiert. Werke für den barocken Vorfahren des Hackbretts sind nicht darunter. Dabei erfreute sich das Salterio im 18. Jahrhundert in Italien und Spanien erst in der geistlichen und schließlich auch in der weltlichen Musik großer Beliebtheit. Dass Vivaldi das Instrument kannte, belegt immerhin eine Arie seiner Oper „Il Giustino“: In „Ho nel petto un cor si forte“ setzt der zarte, feine Klang des Instrumentes vor allem im Vorspiel neben gezupften Geigentönen aparte Akzente. Außerdem ist belegt, dass der Komponist gleich nach seinem Amtsantritt als Musiklehrer am venezianischen Ospedale della Pietà im ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts seinen Schülerinnen zwei Salterios gekauft hat.
Es gibt also Gründe genug, Vivaldi und das Salterio erneut zusammenzuführen. Findet zumindest Franziska Fleischanderl, nennt die neueste CD, die sie gemeinsam mit ihrem Ensemble Il Dolce Conforto aufgeommen hat, forsch „Vivaldi’s Salterio“, beruft sich auf die eifrige Transkriptionspraxis der Barockzeit und ersetzt das Soloinstrument in einigen Violinkonzerten Vivaldis durch das Instrument ihres Herzens. „Manche Stücke“, sagt die Österreicherin, „wirken sogar so, als seien sie speziell für das Salterio komponiert.“
Tatsächlich ist der zarte, obertonreiche Klang des Salterios eine echte Entdeckung. Dass dieses Instrument exzellent mit der affekt- und kontrastreichen Musiksprache Vivaldis korrespondiert, liegt allerdings auch daran, dass die Musikerin den Klangfarbenkosmos des Salterios extrem erweitert hat. Das mangelnde historische Wissen rund um den Nachfahren des antiken und mittelalterlichen Psalteriums hat Fleischanderl zur Forscherin werden lassen. „Mir wurde“, sagt sie, „ziemlich schnell klar, dass noch ganz viel Grundlagenforschung gemacht werden musste. Dass das Salterio im Alte-Musik-Markt einfach deshalb noch nicht ernst genommen wird, weil seine Geschichte noch nicht gut genug recherchiert und publiziert ist.“ Fleischanderl wollte aber ernst genommen werden, „und da hilft nur Recherche, eine handfeste Dokumentation.“
So schuf die Musikerin das erste Grundlagenwerk zu Geschichte, Repertoire und Spieltechnik des barocken Salterios. Ziel ihrer Dissertation war es zunächst, das Spiel mit Schlägeln zu erforschen. Dabei entdeckte sie, dass das Salterio auch mit den Fingernägeln gespielt wurde. Und sie fand etliche jener Fingerringe, in die man damals Plektren steckte. Fleischanderl ließ die historischen Fingerringe und Schlägel nachbauen, und so kann sie heute auf drei verschiedene historisch verbürgte Spieltechniken zurückgreifen. Das Spiel mit Schlägeln, der Anschlag mit Plektren und die Fingerpizzicatotechnik erschaffen einen breiten Klangfarbenkosmos. „Das Salterio“, erklärt Fleischanderl, „ist ein akustischer Verwandlungskünstler.“
Die Salterioschlägel sind sehr filigran, ihr Gewicht liegt nur zwischen einem und drei Gramm. Reine Holzschlägel tönen hell und laut; wenn man Leder aufklebt, ähnelt der dann gedämpftere Klang eher dem Fortepiano. Mit Plektren angeschlagene Saiten klingen heller, durchdringender. Mit den Fingernägeln gezupfte Saiten sind sehr resonanzreich und die Lautstärke lässt sich gut differenzieren. Mit dieser Technik hat Franziska Fleischanderl problemlos sogar große Säle gefüllt, zum Beispiel im Amsterdamer Concertgebouw oder in der Berliner Staatsoper. Dabei spielt sie vor allem auf jenem Instrument, auf das Andrea Marcon sie aufmerksam machte und an dem sich ihre Liebe entzündete: einem historischen Instrument von 1725, das Michele Barbi in Rom fertigte.
Franziska Fleischanderls Doktorarbeit hebelt auch das Vorurteil einer männlich dominierten Musikpraxis aus. Dass Fleischanderl bei ihren Recherchen nur auf wenige namentlich genannte weibliche Salteriospielerinnen stieß, liegt nämlich schlicht daran, dass männliche Musiker in Adelsschulen namentlich erwähnt wurden, Frauen, die in Klosterschulen und zu Hause spielten, hingegen nicht. Um das dadurch verzerrte Bild zu korrigieren, hat die Musikerin auf ihren ersten beiden CDs vor allem Musik aus Klöstern aufgenommen, also Musik für Salterio mit Gesang, die Nonnen oder junge aristokratische Frauen selbst musiziert haben. „Die Kunstausübung der Nonnen“, so Fleischanderl, „wurde von den geistlichen Oberhäuptern zwar geduldet, fand aber dennoch im Großen und Ganzen versteckt statt.“
Bleibt die Frage, wo das Hackbrett geblieben ist, an dem sich die Leidenschaft der kleinen Franziska Fleischanderl entzündete, das Instrument, dem sie erstmals als Vierjährige bei einem Familienfest begegnete, wo drei ältere Cousins Stubenmusik mit Zither, Hackbrett und Gitarre spielten. Nach einer ersten klassischen Ausbildung an der Musikschule hat Fleischanderl Hackbrett und zeitgenössische Kammermusik studiert. Seitdem sie sich in das Salterio schockverliebte, steht das Hackbrett in der Ecke, „und da steht es immer noch recht gut.“ Schließlich ist es ein ganz anderes Instrument als das Salterio, ähnlich weit von ihm entfernt wie das ungarische Cymbalom. Immerhin stößt die Musikerin heute wieder vor zur zeitgenössischen Musik – sie fragt Komponistinnen und Komponisten, ob sie nicht auch mal etwas für das Salterio schreiben wollen, und stößt dabei auf reges Interesse.
Und was ist mit Stubenmusik? Franziska Fleischanderl lacht. „Theoretisch“, sagt sie, „könnte man alles auf dem Salterio spielen, sogar Abba. Aber in der Realität ist das noch nicht vorgekommen. Außerdem ist mein Instrument auf 415 Hertz gestimmt, deshalb hätten viele andere Instrumente nicht so viel Freude mit mir.“
Antonio Vivaldi hat fast 500 Konzerte komponiert. Werke für den barocken Vorfahren des Hackbretts sind nicht darunter. Dabei erfreute sich das Salterio im 18. Jahrhundert in Italien und Spanien erst in der geistlichen und schließlich auch in der weltlichen Musik großer Beliebtheit. Dass Vivaldi das Instrument kannte, belegt immerhin eine Arie seiner Oper „Il Giustino“: In „Ho nel petto un cor si forte“ setzt der zarte, feine Klang des Instrumentes vor allem im Vorspiel neben gezupften Geigentönen aparte Akzente. Außerdem ist belegt, dass der Komponist gleich nach seinem Amtsantritt als Musiklehrer am venezianischen Ospedale della Pietà im ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts seinen Schülerinnen zwei Salterios gekauft hat.
Es gibt also Gründe genug, Vivaldi und das Salterio erneut zusammenzuführen. Findet zumindest Franziska Fleischanderl, nennt die neueste CD, die sie gemeinsam mit ihrem Ensemble Il Dolce Conforto aufgeommen hat, forsch „Vivaldi’s Salterio“, beruft sich auf die eifrige Transkriptionspraxis der Barockzeit und ersetzt das Soloinstrument in einigen Violinkonzerten Vivaldis durch das Instrument ihres Herzens. „Manche Stücke“, sagt die Österreicherin, „wirken sogar so, als seien sie speziell für das Salterio komponiert.“
Tatsächlich ist der zarte, obertonreiche Klang des Salterios eine echte Entdeckung. Dass dieses Instrument exzellent mit der affekt- und kontrastreichen Musiksprache Vivaldis korrespondiert, liegt allerdings auch daran, dass die Musikerin den Klangfarbenkosmos des Salterios extrem erweitert hat. Das mangelnde historische Wissen rund um den Nachfahren des antiken und mittelalterlichen Psalteriums hat Fleischanderl zur Forscherin werden lassen. „Mir wurde“, sagt sie, „ziemlich schnell klar, dass noch ganz viel Grundlagenforschung gemacht werden musste. Dass das Salterio im Alte-Musik-Markt einfach deshalb noch nicht ernst genommen wird, weil seine Geschichte noch nicht gut genug recherchiert und publiziert ist.“ Fleischanderl wollte aber ernst genommen werden, „und da hilft nur Recherche, eine handfeste Dokumentation.“
So schuf die Musikerin das erste Grundlagenwerk zu Geschichte, Repertoire und Spieltechnik des barocken Salterios. Ziel ihrer Dissertation war es zunächst, das Spiel mit Schlägeln zu erforschen. Dabei entdeckte sie, dass das Salterio auch mit den Fingernägeln gespielt wurde. Und sie fand etliche jener Fingerringe, in die man damals Plektren steckte. Fleischanderl ließ die historischen Fingerringe und Schlägel nachbauen, und so kann sie heute auf drei verschiedene historisch verbürgte Spieltechniken zurückgreifen. Das Spiel mit Schlägeln, der Anschlag mit Plektren und die Fingerpizzicatotechnik erschaffen einen breiten Klangfarbenkosmos. „Das Salterio“, erklärt Fleischanderl, „ist ein akustischer Verwandlungskünstler.“
Die Salterioschlägel sind sehr filigran, ihr Gewicht liegt nur zwischen einem und drei Gramm. Reine Holzschlägel tönen hell und laut; wenn man Leder aufklebt, ähnelt der dann gedämpftere Klang eher dem Fortepiano. Mit Plektren angeschlagene Saiten klingen heller, durchdringender. Mit den Fingernägeln gezupfte Saiten sind sehr resonanzreich und die Lautstärke lässt sich gut differenzieren. Mit dieser Technik hat Franziska Fleischanderl problemlos sogar große Säle gefüllt, zum Beispiel im Amsterdamer Concertgebouw oder in der Berliner Staatsoper. Dabei spielt sie vor allem auf jenem Instrument, auf das Andrea Marcon sie aufmerksam machte und an dem sich ihre Liebe entzündete: einem historischen Instrument von 1725, das Michele Barbi in Rom fertigte.
Franziska Fleischanderls Doktorarbeit hebelt auch das Vorurteil einer männlich dominierten Musikpraxis aus. Dass Fleischanderl bei ihren Recherchen nur auf wenige namentlich genannte weibliche Salteriospielerinnen stieß, liegt nämlich schlicht daran, dass männliche Musiker in Adelsschulen namentlich erwähnt wurden, Frauen, die in Klosterschulen und zu Hause spielten, hingegen nicht. Um das dadurch verzerrte Bild zu korrigieren, hat die Musikerin auf ihren ersten beiden CDs vor allem Musik aus Klöstern aufgenommen, also Musik für Salterio mit Gesang, die Nonnen oder junge aristokratische Frauen selbst musiziert haben. „Die Kunstausübung der Nonnen“, so Fleischanderl, „wurde von den geistlichen Oberhäuptern zwar geduldet, fand aber dennoch im Großen und Ganzen versteckt statt.“
Bleibt die Frage, wo das Hackbrett geblieben ist, an dem sich die Leidenschaft der kleinen Franziska Fleischanderl entzündete, das Instrument, dem sie erstmals als Vierjährige bei einem Familienfest begegnete, wo drei ältere Cousins Stubenmusik mit Zither, Hackbrett und Gitarre spielten. Nach einer ersten klassischen Ausbildung an der Musikschule hat Fleischanderl Hackbrett und zeitgenössische Kammermusik studiert. Seitdem sie sich in das Salterio schockverliebte, steht das Hackbrett in der Ecke, „und da steht es immer noch recht gut.“ Schließlich ist es ein ganz anderes Instrument als das Salterio, ähnlich weit von ihm entfernt wie das ungarische Cymbalom. Immerhin stößt die Musikerin heute wieder vor zur zeitgenössischen Musik – sie fragt Komponistinnen und Komponisten, ob sie nicht auch mal etwas für das Salterio schreiben wollen, und stößt dabei auf reges Interesse.
Und was ist mit Stubenmusik? Franziska Fleischanderl lacht. „Theoretisch“, sagt sie, „könnte man alles auf dem Salterio spielen, sogar Abba. Aber in der Realität ist das noch nicht vorgekommen. Außerdem ist mein Instrument auf 415 Hertz gestimmt, deshalb hätten viele andere Instrumente nicht so viel Freude mit mir.“



