Schenken, nicht wollen
Er stammt aus einer Musikerfamilie, in der die Geige immer schon die führende Rolle einnahm. Heute zählt Mikhail Pochekin selbst zu den international gefragten Geigern.

Sie sind in Moskau geboren, umgeben von lauter Geigen. Gab es nie die Lust zu revoltieren?
Mein Vater war Geiger. Als er Anfang 20 war, hat er sich umorientiert, auf den Bau von Geigen. Er hat auch für mich verschiedene Geigen angefertigt, von der kleinsten Größe an immer weiter ansteigend. Meine Mutter wiederum ist Geigenlehrerin, und mein drei Jahre älterer Bruder Ivan ist inzwischen ebenfalls Geiger. Ich habe ihn schon als Kind immer üben gehört und daher nie daran gedacht, ein anderes Instrument zu wählen. Als ich ungefähr zehn oder elf Jahre alt war, hatte ich kurz überlegt, ob ich vielleicht auch Geigenbauer werden möchte. Ich wollte nachmachen, was mein Vater macht, und habe sogar selbst zwei kleine Instrumente aus Papier entworfen.
Sie sprechen fließend deutsch, obwohl Ihre Familie vor fast zwei Jahrzehnten nach Madrid ausgewandert ist.
Ich habe zwar auch in Madrid studiert, aber im Wesentlichen im deutschsprachigen Raum: Köln, München, Basel, Salzburg, unter anderem bei Ana Chumachenco und Rainer Schmidt vom Hagen Quartett. Ich hatte außerdem viele tolle Stunden bei Christian Tetzlaff. Deutschland hat mich nicht nur musikalisch geprägt, sondern auch als Mensch.
Lässt sich das genauer fassen?
Manches lässt sich erklären, anderes nicht, weil es sich auf einer geistigen Ebene abspielt. Johann Sebastian Bach jedenfalls ist für mich von großer Bedeutung, nicht nur die Werke für Violine solo, sondern auch seine Kantaten, die ich oft höre. Mindestens eine pro Woche. Mein Repertoire umfasst fast immer Komponisten, die deutsch gesprochen haben, und Sprache ist ein Schlüssel, weil Musik und Sprache in meinen Augen eng zusammengehören.
Können Sie Ihre Vorstellung von einem idealen Klang beim Geigenspiel definieren?
Schwierige Frage, zumal ich auf unterschiedlichsten Instrumenten gespielt habe, auf sehr alten, etwa auf der „Ex Boissier“ von Stradivari, die früher einmal Pablo de Sarasate gehört hat, und auf neuen, eben jenen, die mein Vater gebaut hat. Ich finde es sehr wichtig, dass der Klang der Geige wie meine eigene Stimme wird. Dieser komplexe Prozess der Freundschaftsbildung mit einem Instrument ist immer sehr individuell und es gibt kein genaues Rezept. Manchmal konnte ich meinen Sound in ein paar Wochen bilden, aber bei anderen Geigen hat es Jahre gedauert.
Wie machen Sie das konkret?
Ich finde, dass der Interpret und die Geige sich so gut wie möglich kennenlernen sollten. Und dafür muss man natürlich möglichst viele verschiedene Werke spielen, verschiedene Komponisten, verschiedene Epochen, verschiedene Stile. Als Solist mit Orchester, in Kammermusikbesetzung, rein solistisch. All dies wird sicher dem Musiker und dem Instrument helfen, einander zu verstehen und zu fühlen.
Wie sprechen Sie denn mit Ihrem Bruder über so etwas, wenn Sie gemeinsam proben? Erleichtert die familiäre Nähe diesen Prozess?
Uns verbindet musikalisch eine lange Zeit. Wir stehen seit rund 15 Jahren als Duo auf der Bühne. Dass Ivan sowohl Geige als auch Bratsche spielt, hat unser Repertoire erweitert. Jeder bringt, je nach Werk, etwas mehr Erfahrung mit ein. Die Kommunikation ist in der Tat eine andere: offener in der Kritik, es gibt weniger rote Linien. Außerdem ist der Proben-Rhythmus viel freier. Wir proben zuhause, arbeiten eine Zeit lang und machen dann ein paar Stunden Pause und erzählen. Dann geht es irgendwann wieder weiter. Alles ist weniger strukturiert in den Abläufen.
Sie sind Künstlerischer Leiter eines Kammermusik-Festivals in Landshut. Welche Möglichkeiten erwarten Sie?
In Großstädten folgen die Programme oft mehr dem Mainstream, sie sind touristischer orientiert, verständlicherweise. Ein Kammermusik-Festival wie in Landshut ist dagegen mehr wie eine Wallfahrt, das Publikum ist von vornherein sehr fokussiert und lässt sich auf die besondere Atmosphäre ein. Organisiert wird das Festival von „Freunde der Musik Landshut“ und ihrem ersten Vorsitzenden Peter Haarpaintner. Es ist ganz wichtig, dass dies ein Konzertverein mit einer sehr reichen Geschichte ist, da er seit mehr als 70 Jahren Konzerte in dieser Stadt veranstaltet.
Wie entwickeln Sie ein eigenes Festival-Programm?
Wir haben in diesem Jahr 13 Musikerinnen und Musiker eingeladen und veranstalten fünf Konzerte in drei Tagen. Mir ist wichtig, dass im ersten Teil der Konzerte kleinere Besetzungen auftreten, fast immer als Duo, und im zweiten Teil dann die größer besetzten Werke, Quartette oder Quintette folgen, etwa das Klarinettenquintett von Brahms oder das „Quatuor pour la fi n du temps“ von Olivier Messiaen. Außerdem sollte jedes Konzert ein eigenes Thema haben.
Wie experimentell kann oder darf ein solches Festival sein?
Es ist für mich in diesem Jahr das erste Mal. Wir werden sehen, wie es läuft. Ich denke, dass man nichts von der Musik wollen soll, aber man muss sie einfach großzügig mit anderen Menschen teilen und schenken. Nur dann wird die Musik uns Ausführende und das Publikum verbinden. Das soll immer im Fokus stehen.
Sie sind in Moskau geboren, umgeben von lauter Geigen. Gab es nie die Lust zu revoltieren?
Mein Vater war Geiger. Als er Anfang 20 war, hat er sich umorientiert, auf den Bau von Geigen. Er hat auch für mich verschiedene Geigen angefertigt, von der kleinsten Größe an immer weiter ansteigend. Meine Mutter wiederum ist Geigenlehrerin, und mein drei Jahre älterer Bruder Ivan ist inzwischen ebenfalls Geiger. Ich habe ihn schon als Kind immer üben gehört und daher nie daran gedacht, ein anderes Instrument zu wählen. Als ich ungefähr zehn oder elf Jahre alt war, hatte ich kurz überlegt, ob ich vielleicht auch Geigenbauer werden möchte. Ich wollte nachmachen, was mein Vater macht, und habe sogar selbst zwei kleine Instrumente aus Papier entworfen.
Sie sprechen fließend deutsch, obwohl Ihre Familie vor fast zwei Jahrzehnten nach Madrid ausgewandert ist.
Ich habe zwar auch in Madrid studiert, aber im Wesentlichen im deutschsprachigen Raum: Köln, München, Basel, Salzburg, unter anderem bei Ana Chumachenco und Rainer Schmidt vom Hagen Quartett. Ich hatte außerdem viele tolle Stunden bei Christian Tetzlaff. Deutschland hat mich nicht nur musikalisch geprägt, sondern auch als Mensch.
Lässt sich das genauer fassen?
Manches lässt sich erklären, anderes nicht, weil es sich auf einer geistigen Ebene abspielt. Johann Sebastian Bach jedenfalls ist für mich von großer Bedeutung, nicht nur die Werke für Violine solo, sondern auch seine Kantaten, die ich oft höre. Mindestens eine pro Woche. Mein Repertoire umfasst fast immer Komponisten, die deutsch gesprochen haben, und Sprache ist ein Schlüssel, weil Musik und Sprache in meinen Augen eng zusammengehören.
Können Sie Ihre Vorstellung von einem idealen Klang beim Geigenspiel definieren?
Schwierige Frage, zumal ich auf unterschiedlichsten Instrumenten gespielt habe, auf sehr alten, etwa auf der „Ex Boissier“ von Stradivari, die früher einmal Pablo de Sarasate gehört hat, und auf neuen, eben jenen, die mein Vater gebaut hat. Ich finde es sehr wichtig, dass der Klang der Geige wie meine eigene Stimme wird. Dieser komplexe Prozess der Freundschaftsbildung mit einem Instrument ist immer sehr individuell und es gibt kein genaues Rezept. Manchmal konnte ich meinen Sound in ein paar Wochen bilden, aber bei anderen Geigen hat es Jahre gedauert.
Wie machen Sie das konkret?
Ich finde, dass der Interpret und die Geige sich so gut wie möglich kennenlernen sollten. Und dafür muss man natürlich möglichst viele verschiedene Werke spielen, verschiedene Komponisten, verschiedene Epochen, verschiedene Stile. Als Solist mit Orchester, in Kammermusikbesetzung, rein solistisch. All dies wird sicher dem Musiker und dem Instrument helfen, einander zu verstehen und zu fühlen.
Wie sprechen Sie denn mit Ihrem Bruder über so etwas, wenn Sie gemeinsam proben? Erleichtert die familiäre Nähe diesen Prozess?
Uns verbindet musikalisch eine lange Zeit. Wir stehen seit rund 15 Jahren als Duo auf der Bühne. Dass Ivan sowohl Geige als auch Bratsche spielt, hat unser Repertoire erweitert. Jeder bringt, je nach Werk, etwas mehr Erfahrung mit ein. Die Kommunikation ist in der Tat eine andere: offener in der Kritik, es gibt weniger rote Linien. Außerdem ist der Proben-Rhythmus viel freier. Wir proben zuhause, arbeiten eine Zeit lang und machen dann ein paar Stunden Pause und erzählen. Dann geht es irgendwann wieder weiter. Alles ist weniger strukturiert in den Abläufen.
Sie sind Künstlerischer Leiter eines Kammermusik-Festivals in Landshut. Welche Möglichkeiten erwarten Sie?
In Großstädten folgen die Programme oft mehr dem Mainstream, sie sind touristischer orientiert, verständlicherweise. Ein Kammermusik-Festival wie in Landshut ist dagegen mehr wie eine Wallfahrt, das Publikum ist von vornherein sehr fokussiert und lässt sich auf die besondere Atmosphäre ein. Organisiert wird das Festival von „Freunde der Musik Landshut“ und ihrem ersten Vorsitzenden Peter Haarpaintner. Es ist ganz wichtig, dass dies ein Konzertverein mit einer sehr reichen Geschichte ist, da er seit mehr als 70 Jahren Konzerte in dieser Stadt veranstaltet.
Wie entwickeln Sie ein eigenes Festival-Programm?
Wir haben in diesem Jahr 13 Musikerinnen und Musiker eingeladen und veranstalten fünf Konzerte in drei Tagen. Mir ist wichtig, dass im ersten Teil der Konzerte kleinere Besetzungen auftreten, fast immer als Duo, und im zweiten Teil dann die größer besetzten Werke, Quartette oder Quintette folgen, etwa das Klarinettenquintett von Brahms oder das „Quatuor pour la fi n du temps“ von Olivier Messiaen. Außerdem sollte jedes Konzert ein eigenes Thema haben.
Wie experimentell kann oder darf ein solches Festival sein?
Es ist für mich in diesem Jahr das erste Mal. Wir werden sehen, wie es läuft. Ich denke, dass man nichts von der Musik wollen soll, aber man muss sie einfach großzügig mit anderen Menschen teilen und schenken. Nur dann wird die Musik uns Ausführende und das Publikum verbinden. Das soll immer im Fokus stehen.



