Interview & Porträt

Von Celibidache geprägt

Von
Christoph Vratz
Erschienen in der Printausgabe im
August 2023
Lesezeit ca.
…
Minuten
Musikerin zu sein bedeutet für Elizabeth Sombart mehr als glanzvolle Bühnenauftritte.
Musikerin zu sein bedeutet für Elizabeth Sombart mehr als glanzvolle Bühnenauftritte.

Munter perlen die Läufe, bevor sich für einen kurzen Moment wieder das Hauptthema zurückmeldet. Ungetrübtes Arkadien. Doch wir sind bei Mozart, genauer: im Rondo seines C-Dur-Konzerts KV 467. Plötzlich zieht eine Wolke auf, moll-getränkt. Ein Bote größeren Unheils? Ach was. Das folgende Bläser-Motiv lässt die Sonne wieder strahlen.

„Mozart ist ein Vermittler von Freude, Bach ist der Bote des Friedens und Beethoven ein Künder der Freiheit“, behauptet Elizabeth Sombart. „Mit Mozarts Freude meine ich allerdings nicht puren Glanz, etwas Vordergründiges, sondern Freude als Tugend.“ Seit drei Jahren hat sich die französische Pianistin mit Mozart nun vermehrt auseinandergesetzt und vier seiner Konzerte mit dem Royal Philharmonic Orchestra aufgenommen. „Die Dialoge zwischen Klavier und Orchester sind außergewöhnlich“ befindet sie. Wie in Mozarts Opern, nur rein instrumental? „Nein, so weit würde ich nicht gehen.“ Eher vergrößerte Kammermusik? „Auch das nicht wirklich.“ Das Besondere dieser Musik liegt darin, dass jede Phrase, jeder Lauf, jeder Übergang „das Ergebnis eines bestimmten Gefühls ist und nicht ein mechanischer Prozess. Es ist einfach, diese Musik technisch makellos oder virtuos zu spielen, aber das ist nicht Mozart. Eine aufwärts führende Tonleiter spiegelt immer auch etwas von dem, was in uns aufsteigt, und dieses Gefühl will entsprechend phrasiert sein.“

Sombarts Beschäftigung mit Mozart reicht zurück bis in ihre frühe Kindheit: „Das erste Stück, das ich öffentlich aufgeführt habe, waren die Variationen ‚Ah, vous-dirai-je, maman‘. Da war ich zwölf.“ Die in Straßburg geborene Musikerin ist Enkelin des deutschen Soziologen Werner Sombart und Tochter von Nicolaus Sombart, den die „Welt“ anlässlich seines 100. Geburtstags im Mai 2003 als „Soziologe und Erzähler, Mythomane und extravagante Salonnière“ bezeichnet hat: „Der letzte Paradiesvogel“ lautet die Überschrift. Diese Herkunft könnte auch Elizabeth Sombarts Deutschkenntnisse erklären helfen, die sie im Gespräch jedoch elegant und nahezu vollständig ausblendet. Kurioserweise finden Fans der beliebten Krimi-Serie „Derrick“ dieses gute Deutsch dokumentiert in Folge 201. Sombart hat dort 1991 einen Abstecher in die Schauspielerei gewagt, und ihre Rolle als Helen Kaminski schließt sogar einen Kurz-Auftritt am Klavier mit ein.

Sombarts frühe Neigung für ihr Instrument hat sie vor allem der Mutter zu verdanken. „Sie hat zu Hause Klavier gespielt, und daher war das Klavier nie ein Möbelstück. Es war für mich Ausdruck von Schönheit und Harmonie, zugleich Tröstung und Zuflucht.“ Später hat Elizabeth Sombart bei Bruno Leonardo-Gelber in Buenos Aires, bei Peter Feuchtwanger in London und bei Hilde Langer-Rühl in Wien studiert, schließlich bei dem Dirigenten Sergiu Celibidache in Mainz. Gerade der gedanklich tief schürfende „Celi“ hat Sombart wesentlich geprägt. Das merkt man nicht nur, wenn sie häufig den Begriff der Transzendenz verwendet; auch wenn sie über die Relationen von Tönen spricht, ist oft von der „Phänomenologie der Musik“ die Rede. „Celibidache hat oft über den Zusammenhang vom Fortgang der Noten gesprochen und über ihre Bedeutung innerhalb des Gleichzeitigen. Also über die Frage: Wie kann man zwei Klänge zusammenführen, damit daraus ein Zusammenhang entsteht?“

Blickt man auf Elizabeth Sombarts bisherige Diskografie, so erstreckt sich das Repertoire von Bach über die Klassik – darunter eine Einspielung der fünf Beethoven-Konzerte unter Pierre Vallet – bis zur Romantik und zum Impressionismus. Diese Epochen nennt sie ihre musikalische „Heimat“. Mozart ist darin ein fester Anker. Zwar spielt Sombart auf einem modernen Flügel, doch ihr Anschlag verrät eine gewisse Nähe zum historischen Pianoforte. „Der heutige Konzertflügel ist sinfonischer, aber ich nutze die Klangideale des historischen Hammerflügels, wenn es ums Perlen und um Transparenz geht.“ Sie hat sich auch auf alten Instrumenten erprobt, um letztlich doch froh zu sein, „dass es die Flügel von heute gibt. Mein Spiel ist auf Harmonie ausgerichtet, darauf, den Verlauf von Klängen in ihren jeweiligen Harmonien hörbar zu machen. Das hat wieder etwas mit der Beziehung der Noten untereinander zu tun.“

Eine zyklische Aufnahme der Mozart- Konzerte ist für Elizabeth Sombart nicht von gesteigertem Interesse. „Bei Mozart sind die Entwicklungen zwischen den einzelnen Konzerten nicht so signifikant wie bei Beethoven. Dessen fünf Konzerte stehen alle für eine bestimmte neuartige Idee. Auch in den Chopin-Nocturnes sehe ich vom ersten bis zum letzten Stück einen Weg, der durchschritten wird. Bei Mozart ist das nicht so.“

Elizabeth Sombart lässt immer wieder durchblicken, dass es ihr in ihrem Künstlerleben nie primär um glanzvolle Bühnenauftritte gegangen ist. Musikerin zu sein, bedeutet eben mehr. Das betrifft vor allem ihre pädagogische Arbeit, basierend auf einer Methode, genannt „Pédagogie Résonnance“, die sich nicht weit von Celibidaches Gedankenerbe entfernt. Bereits 1988 hat Sombart eine ähnlich lautende Stiftung ins Leben gerufen, die „Fondation Résonnance“. „Ich habe diesen Weg nicht gesucht, er hat sich einfach so entwickelt“, umschreibt sie den Gründungsprozess, um gleich darauf etwas konkreter zu werden. „In den frühen Jahren meiner Laufbahn kam regelmäßig eine schon betagte Dame in meine Konzerte. Ich war damals 25 Jahre alt. Eines Tages sagte sie mir, dies sei nun das letzte Mal, weil sie in ein Altenheim umziehen werde. Das hat mir zu denken gegeben. So habe ich begonnen, Musik an jene Orte zu bringen, wo sie normalerweise nicht stattfindet.“ Seniorenheime, Waisenhäuser, Gefängnisse, Flüchtlingslager. „Ich habe selbst einige Zeit in Krankenhäusern verbracht und gemerkt, was für ein Gewinn es ist, wenn dort ein Klavier steht und für die Menschen Musik gemacht wird.“ Heute hat die Stiftung ihren Sitz in der Schweiz und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in sieben Ländern, darunter Libanon und Rumänien, wo die jeweiligen Auftritte koordiniert werden. Meisterklassen und Stiftungsarbeit laufen in enger Verzahnung miteinander. So sind im Laufe der Jahre mehrere tausend Konzerte zusammengekommen: Allerdings: „Es ist nie genug“, sagt die Pianistin und fügt warnend hinzu: „Ich sehe die klassische Musik ohnehin in einem Überlebenskampf “. Auf einmal schwingt in ihren Worten eine hörbare Skepsis mit sowie Kritik an einem Zeitgeist, der die Bedeutung kultureller Wurzeln ebenso in Frage stellt wie den Reichtum von Traditionen. „Man kann aber nicht Musiker sein, wenn man zu diesen Wurzeln keine Beziehung hat. Musik ist die einzige Kunst, die uns zeigt, dass das einzig Beständige das Vergängliche ist.“

Zu Sombarts pädagogischer Arbeit zählt im weiteren Sinne auch ihre Tätigkeit als Buch-Autorin. Einer ihrer Titel lautet „La musique au coeur de l'émerveillement“ mit Betrachtungen zur Klaviermusik von Bach bis Bartók. Allerdings gibt es bislang keine Übersetzungen ins Deutsche. „Auch meine Bücher sind Ausdruck all jener Fragen, die das Leben an mich gestellt hat“, erklärt Sombart und macht damit klar, dass sie nie einen bestimmten Karriereplan entwickelt hat oder einer gezielten Strategie gefolgt ist. „Vielleicht hat sich alles auch nur so entwickelt, weil ich zum jeweiligen Zeitpunkt den Mut hatte, ‚ja‘ zu sagen.“ So wie jetzt zu Mozart und den ausgewählten Konzerten.

Munter perlen die Läufe, bevor sich für einen kurzen Moment wieder das Hauptthema zurückmeldet. Ungetrübtes Arkadien. Doch wir sind bei Mozart, genauer: im Rondo seines C-Dur-Konzerts KV 467. Plötzlich zieht eine Wolke auf, moll-getränkt. Ein Bote größeren Unheils? Ach was. Das folgende Bläser-Motiv lässt die Sonne wieder strahlen.

„Mozart ist ein Vermittler von Freude, Bach ist der Bote des Friedens und Beethoven ein Künder der Freiheit“, behauptet Elizabeth Sombart. „Mit Mozarts Freude meine ich allerdings nicht puren Glanz, etwas Vordergründiges, sondern Freude als Tugend.“ Seit drei Jahren hat sich die französische Pianistin mit Mozart nun vermehrt auseinandergesetzt und vier seiner Konzerte mit dem Royal Philharmonic Orchestra aufgenommen. „Die Dialoge zwischen Klavier und Orchester sind außergewöhnlich“ befindet sie. Wie in Mozarts Opern, nur rein instrumental? „Nein, so weit würde ich nicht gehen.“ Eher vergrößerte Kammermusik? „Auch das nicht wirklich.“ Das Besondere dieser Musik liegt darin, dass jede Phrase, jeder Lauf, jeder Übergang „das Ergebnis eines bestimmten Gefühls ist und nicht ein mechanischer Prozess. Es ist einfach, diese Musik technisch makellos oder virtuos zu spielen, aber das ist nicht Mozart. Eine aufwärts führende Tonleiter spiegelt immer auch etwas von dem, was in uns aufsteigt, und dieses Gefühl will entsprechend phrasiert sein.“

Sombarts Beschäftigung mit Mozart reicht zurück bis in ihre frühe Kindheit: „Das erste Stück, das ich öffentlich aufgeführt habe, waren die Variationen ‚Ah, vous-dirai-je, maman‘. Da war ich zwölf.“ Die in Straßburg geborene Musikerin ist Enkelin des deutschen Soziologen Werner Sombart und Tochter von Nicolaus Sombart, den die „Welt“ anlässlich seines 100. Geburtstags im Mai 2003 als „Soziologe und Erzähler, Mythomane und extravagante Salonnière“ bezeichnet hat: „Der letzte Paradiesvogel“ lautet die Überschrift. Diese Herkunft könnte auch Elizabeth Sombarts Deutschkenntnisse erklären helfen, die sie im Gespräch jedoch elegant und nahezu vollständig ausblendet. Kurioserweise finden Fans der beliebten Krimi-Serie „Derrick“ dieses gute Deutsch dokumentiert in Folge 201. Sombart hat dort 1991 einen Abstecher in die Schauspielerei gewagt, und ihre Rolle als Helen Kaminski schließt sogar einen Kurz-Auftritt am Klavier mit ein.

Sombarts frühe Neigung für ihr Instrument hat sie vor allem der Mutter zu verdanken. „Sie hat zu Hause Klavier gespielt, und daher war das Klavier nie ein Möbelstück. Es war für mich Ausdruck von Schönheit und Harmonie, zugleich Tröstung und Zuflucht.“ Später hat Elizabeth Sombart bei Bruno Leonardo-Gelber in Buenos Aires, bei Peter Feuchtwanger in London und bei Hilde Langer-Rühl in Wien studiert, schließlich bei dem Dirigenten Sergiu Celibidache in Mainz. Gerade der gedanklich tief schürfende „Celi“ hat Sombart wesentlich geprägt. Das merkt man nicht nur, wenn sie häufig den Begriff der Transzendenz verwendet; auch wenn sie über die Relationen von Tönen spricht, ist oft von der „Phänomenologie der Musik“ die Rede. „Celibidache hat oft über den Zusammenhang vom Fortgang der Noten gesprochen und über ihre Bedeutung innerhalb des Gleichzeitigen. Also über die Frage: Wie kann man zwei Klänge zusammenführen, damit daraus ein Zusammenhang entsteht?“

Blickt man auf Elizabeth Sombarts bisherige Diskografie, so erstreckt sich das Repertoire von Bach über die Klassik – darunter eine Einspielung der fünf Beethoven-Konzerte unter Pierre Vallet – bis zur Romantik und zum Impressionismus. Diese Epochen nennt sie ihre musikalische „Heimat“. Mozart ist darin ein fester Anker. Zwar spielt Sombart auf einem modernen Flügel, doch ihr Anschlag verrät eine gewisse Nähe zum historischen Pianoforte. „Der heutige Konzertflügel ist sinfonischer, aber ich nutze die Klangideale des historischen Hammerflügels, wenn es ums Perlen und um Transparenz geht.“ Sie hat sich auch auf alten Instrumenten erprobt, um letztlich doch froh zu sein, „dass es die Flügel von heute gibt. Mein Spiel ist auf Harmonie ausgerichtet, darauf, den Verlauf von Klängen in ihren jeweiligen Harmonien hörbar zu machen. Das hat wieder etwas mit der Beziehung der Noten untereinander zu tun.“

Eine zyklische Aufnahme der Mozart- Konzerte ist für Elizabeth Sombart nicht von gesteigertem Interesse. „Bei Mozart sind die Entwicklungen zwischen den einzelnen Konzerten nicht so signifikant wie bei Beethoven. Dessen fünf Konzerte stehen alle für eine bestimmte neuartige Idee. Auch in den Chopin-Nocturnes sehe ich vom ersten bis zum letzten Stück einen Weg, der durchschritten wird. Bei Mozart ist das nicht so.“

Elizabeth Sombart lässt immer wieder durchblicken, dass es ihr in ihrem Künstlerleben nie primär um glanzvolle Bühnenauftritte gegangen ist. Musikerin zu sein, bedeutet eben mehr. Das betrifft vor allem ihre pädagogische Arbeit, basierend auf einer Methode, genannt „Pédagogie Résonnance“, die sich nicht weit von Celibidaches Gedankenerbe entfernt. Bereits 1988 hat Sombart eine ähnlich lautende Stiftung ins Leben gerufen, die „Fondation Résonnance“. „Ich habe diesen Weg nicht gesucht, er hat sich einfach so entwickelt“, umschreibt sie den Gründungsprozess, um gleich darauf etwas konkreter zu werden. „In den frühen Jahren meiner Laufbahn kam regelmäßig eine schon betagte Dame in meine Konzerte. Ich war damals 25 Jahre alt. Eines Tages sagte sie mir, dies sei nun das letzte Mal, weil sie in ein Altenheim umziehen werde. Das hat mir zu denken gegeben. So habe ich begonnen, Musik an jene Orte zu bringen, wo sie normalerweise nicht stattfindet.“ Seniorenheime, Waisenhäuser, Gefängnisse, Flüchtlingslager. „Ich habe selbst einige Zeit in Krankenhäusern verbracht und gemerkt, was für ein Gewinn es ist, wenn dort ein Klavier steht und für die Menschen Musik gemacht wird.“ Heute hat die Stiftung ihren Sitz in der Schweiz und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in sieben Ländern, darunter Libanon und Rumänien, wo die jeweiligen Auftritte koordiniert werden. Meisterklassen und Stiftungsarbeit laufen in enger Verzahnung miteinander. So sind im Laufe der Jahre mehrere tausend Konzerte zusammengekommen: Allerdings: „Es ist nie genug“, sagt die Pianistin und fügt warnend hinzu: „Ich sehe die klassische Musik ohnehin in einem Überlebenskampf “. Auf einmal schwingt in ihren Worten eine hörbare Skepsis mit sowie Kritik an einem Zeitgeist, der die Bedeutung kultureller Wurzeln ebenso in Frage stellt wie den Reichtum von Traditionen. „Man kann aber nicht Musiker sein, wenn man zu diesen Wurzeln keine Beziehung hat. Musik ist die einzige Kunst, die uns zeigt, dass das einzig Beständige das Vergängliche ist.“

Zu Sombarts pädagogischer Arbeit zählt im weiteren Sinne auch ihre Tätigkeit als Buch-Autorin. Einer ihrer Titel lautet „La musique au coeur de l'émerveillement“ mit Betrachtungen zur Klaviermusik von Bach bis Bartók. Allerdings gibt es bislang keine Übersetzungen ins Deutsche. „Auch meine Bücher sind Ausdruck all jener Fragen, die das Leben an mich gestellt hat“, erklärt Sombart und macht damit klar, dass sie nie einen bestimmten Karriereplan entwickelt hat oder einer gezielten Strategie gefolgt ist. „Vielleicht hat sich alles auch nur so entwickelt, weil ich zum jeweiligen Zeitpunkt den Mut hatte, ‚ja‘ zu sagen.“ So wie jetzt zu Mozart und den ausgewählten Konzerten.