Interview & Porträt

Verneigung vor Bach

Von
Susanne Benda
Erschienen in der Printausgabe im
Oktober 2023
Lesezeit ca.
…
Minuten
Foto: Nikolaj Lund
Foto: Nikolaj Lund

Herr Steger, Sie haben sich zuletzt gerne unbekanntem Repertoire zugewendet, zum Beispiel Giuseppe Sammartini, dem Bruder des bekannteren Komponisten Giovanni Battista Sammartini. Jetzt gibt’s barocken Mainstream. Oder?

Aber nein! Hinter unserer CD steckt eine konzeptionelle Idee. Ich habe mich immer schon gefragt, warum Bach zwar seit seiner Kindheit mit meinem Instrument sehr verbunden war, die Blockflöte dann aber in seinen Werken nur sehr zaghaft eingesetzt hat. Außerdem habe ich mir angeschaut, wie Bach seine eigenen Werke selbst immer wieder neu instrumentierte. Als Ergebnis all dieser Überlegungen stellen wir Werke aus sechs Genres vor, in denen die Blockflöte eine herausragende Rolle spielt.

‍

Arrangements?

Bei einer Bearbeitung würde man eher auch mal Stimmen verändern, hinzufügen oder vertauschen. Das wollte ich nicht tun. Sondern die Musik in einer Weise neu beleuchten, wie es auch Bach selbst immer wieder mit seinen Werken getan hat.

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Wie eine bekannte Musik in anderer Instrumentierung völlig anders wirken kann: Das erlebt man jetzt auf Ihrem Album im Mittelsatz der Orgel-Triosonate BWV 527.

Ja. Dieses Largo e dolce (singt) findet sich auch im Mittelsatz des Tripelkonzerts für Traversflöte, Geige, Oboe und Orchester. Und jetzt, mit Blockflöte, Geige und Continuo, klingt es noch einmal vollkommen anders! Das fasziniert mich bei Bach: dass mit derselben Substanz, eben weil sie so gut ist, ganz unterschiedliche klangliche Varianten möglich sind. Bei manchen Werken, etwa der von uns auch aufgenommenen g-Moll-Sonate BWV 1020, weiß man gar nicht, für welche Instrumente sie ursprünglich komponiert wurden. Warum sollte man sie also nicht mit Instrumenten präsentieren, die damals bekannt waren?

‍

Diese g-Moll-Sonate ist aber doch gar nicht von Bach, sondern von seinem Sohn Carl Philipp Emanuel.

Das ist nicht abschließend geklärt. Tatsächlich hört und spürt man hier eine neue Empfindsamkeit. Und eine Ästhetik, in der emotionale Wirkungen und eingängige Melodik wichtiger sind als das Konstruierte im Barock.

‍

Zurück zum Blockflötenspieler Bach. Warum hat er kaum etwas für dieses Instrument komponiert?

Wenn Bach exzellente Bläser hatte, dann hat er Stücke für sie komponiert. Blockflötenvirtuosen standen ihm offenbar schlicht nicht zur Verfügung. Er hat die Blockflöte aber in etwa 22 Kantaten, in zwei Brandenburgischen Konzerten und vereinzelt in größeren Vokalwerken sehr differenziert eingesetzt.

‍

Für eine Ausdifferenzierung der klanglichen Alternativen sorgen auch Sie – durch die Auswahl Ihrer Instrumente. Ihre Altblockflöte beispielsweise klingt sehr ungewöhnlich.

In der Sonate E-Dur BWV 1035, einem Stück für Traversflöte, verwende ich eine Altblockflöte in einem tiefen Stimmton, dadurch entsteht ein ungewohnt dunkles wie charmantes Klangbild.

‍

Haben Sie sich Instrumente neu bauen lassen?

Ja. Im großen Konzert BWV 1053 verwende ich sogar einen Flauto d’amore, ein im Vergleich zur Sopranblockflöte um eine Terz vergrößertes A-Instrument. Der Klang dieser Flöte hat etwas Sinnesverwirrendes.

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Das Cembalokonzert BWV 1053 ist selbst schon eine Uminstrumentierung.

Wir haben die Urfassung genommen, also die Kantatensätze, die Bach für Orgel und Orchester gesetzt hat, da es zwischen Orgel und Blockflöte eine sehr direkte Verbindung gibt. Der Orgelklang ist nur statischer: ein ohne Emotion geblasener Klang, da jede Pfeife die gleiche Luftmenge bekommt. Bach selbst hat die Orgelpartien auf das Cembalo übertragen und die Solopartie auf ausgeklügelte Weise verziert. Und beim Cembalo wählt er immer schnellere Tempi, da der Cembaloton ja kurz nach dem Anschlag wieder verklingt. Wir haben jetzt die späteren Verzierungen und das frühere Kantatenwerk zusammengeführt und dadurch ein Blockflötenkonzert entstehen lassen.

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Sie dirigieren und spielen gleichzeitig Flöte. Wie machen Sie das?

Tatsächlich ist es hier eine Mischform, ich spiele primär die Blockflöte und habe mich auch nicht die ganze Zeit umgedreht. Aber die Kommunikation funktioniert sehr gut, weil ich mit La Cetra schon lange zusammenarbeite. Und auch ein blasender Körper kann sehr wohl leitend sein, was das Atmen und die Phrasierung betrifft . Da muss man nicht noch zusätzlich Zeichen mit den Händen geben.

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Warum haben Sie eigentlich ausgerechnet beim Chormusik-Spezialisten Marcus Creed dirigieren gelernt?

Ich hatte schon mehrfach mit Creed zusammengearbeitet und war sehr beeindruckt von ihm. Nachdem mich etliche Orchester fragten, ob ich den nächsten gemeinsamen Auftritt nicht auch leiten wolle, habe ich mich entschlossen, das erst richtig zu lernen. Ich wollte nicht wie so ein Barockfuzzi vor einem Orchester nur irgendwelche Gesten machen. Deshalb bin ich zu Creed nach Stuttgart gegangen, dort habe ich unglaublich viel über die Organik von Bewegungen gelernt und darüber, was diese bei einem Klangkörper auslösen. Später habe ich auch noch bei Reinhard Goebel gelernt, da ging es mehr um Barockmusik.

Ist es anstrengend, Blockflöte zu spielen? Bei Ihnen sieht alles so leicht aus.

Sie werden es nicht glauben, aber da bei einer Blockflöte nicht alle Luft zu Klang wird, braucht man sogar einen längeren Atem als bei Blechblasinstrumenten. Und es kostet Kraft, mit einem kleinen Instrument auch große Säle zu füllen.

Herr Steger, Sie haben sich zuletzt gerne unbekanntem Repertoire zugewendet, zum Beispiel Giuseppe Sammartini, dem Bruder des bekannteren Komponisten Giovanni Battista Sammartini. Jetzt gibt’s barocken Mainstream. Oder?

Aber nein! Hinter unserer CD steckt eine konzeptionelle Idee. Ich habe mich immer schon gefragt, warum Bach zwar seit seiner Kindheit mit meinem Instrument sehr verbunden war, die Blockflöte dann aber in seinen Werken nur sehr zaghaft eingesetzt hat. Außerdem habe ich mir angeschaut, wie Bach seine eigenen Werke selbst immer wieder neu instrumentierte. Als Ergebnis all dieser Überlegungen stellen wir Werke aus sechs Genres vor, in denen die Blockflöte eine herausragende Rolle spielt.

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Arrangements?

Bei einer Bearbeitung würde man eher auch mal Stimmen verändern, hinzufügen oder vertauschen. Das wollte ich nicht tun. Sondern die Musik in einer Weise neu beleuchten, wie es auch Bach selbst immer wieder mit seinen Werken getan hat.

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Wie eine bekannte Musik in anderer Instrumentierung völlig anders wirken kann: Das erlebt man jetzt auf Ihrem Album im Mittelsatz der Orgel-Triosonate BWV 527.

Ja. Dieses Largo e dolce (singt) findet sich auch im Mittelsatz des Tripelkonzerts für Traversflöte, Geige, Oboe und Orchester. Und jetzt, mit Blockflöte, Geige und Continuo, klingt es noch einmal vollkommen anders! Das fasziniert mich bei Bach: dass mit derselben Substanz, eben weil sie so gut ist, ganz unterschiedliche klangliche Varianten möglich sind. Bei manchen Werken, etwa der von uns auch aufgenommenen g-Moll-Sonate BWV 1020, weiß man gar nicht, für welche Instrumente sie ursprünglich komponiert wurden. Warum sollte man sie also nicht mit Instrumenten präsentieren, die damals bekannt waren?

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Diese g-Moll-Sonate ist aber doch gar nicht von Bach, sondern von seinem Sohn Carl Philipp Emanuel.

Das ist nicht abschließend geklärt. Tatsächlich hört und spürt man hier eine neue Empfindsamkeit. Und eine Ästhetik, in der emotionale Wirkungen und eingängige Melodik wichtiger sind als das Konstruierte im Barock.

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Zurück zum Blockflötenspieler Bach. Warum hat er kaum etwas für dieses Instrument komponiert?

Wenn Bach exzellente Bläser hatte, dann hat er Stücke für sie komponiert. Blockflötenvirtuosen standen ihm offenbar schlicht nicht zur Verfügung. Er hat die Blockflöte aber in etwa 22 Kantaten, in zwei Brandenburgischen Konzerten und vereinzelt in größeren Vokalwerken sehr differenziert eingesetzt.

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Für eine Ausdifferenzierung der klanglichen Alternativen sorgen auch Sie – durch die Auswahl Ihrer Instrumente. Ihre Altblockflöte beispielsweise klingt sehr ungewöhnlich.

In der Sonate E-Dur BWV 1035, einem Stück für Traversflöte, verwende ich eine Altblockflöte in einem tiefen Stimmton, dadurch entsteht ein ungewohnt dunkles wie charmantes Klangbild.

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Haben Sie sich Instrumente neu bauen lassen?

Ja. Im großen Konzert BWV 1053 verwende ich sogar einen Flauto d’amore, ein im Vergleich zur Sopranblockflöte um eine Terz vergrößertes A-Instrument. Der Klang dieser Flöte hat etwas Sinnesverwirrendes.

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Das Cembalokonzert BWV 1053 ist selbst schon eine Uminstrumentierung.

Wir haben die Urfassung genommen, also die Kantatensätze, die Bach für Orgel und Orchester gesetzt hat, da es zwischen Orgel und Blockflöte eine sehr direkte Verbindung gibt. Der Orgelklang ist nur statischer: ein ohne Emotion geblasener Klang, da jede Pfeife die gleiche Luftmenge bekommt. Bach selbst hat die Orgelpartien auf das Cembalo übertragen und die Solopartie auf ausgeklügelte Weise verziert. Und beim Cembalo wählt er immer schnellere Tempi, da der Cembaloton ja kurz nach dem Anschlag wieder verklingt. Wir haben jetzt die späteren Verzierungen und das frühere Kantatenwerk zusammengeführt und dadurch ein Blockflötenkonzert entstehen lassen.

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Sie dirigieren und spielen gleichzeitig Flöte. Wie machen Sie das?

Tatsächlich ist es hier eine Mischform, ich spiele primär die Blockflöte und habe mich auch nicht die ganze Zeit umgedreht. Aber die Kommunikation funktioniert sehr gut, weil ich mit La Cetra schon lange zusammenarbeite. Und auch ein blasender Körper kann sehr wohl leitend sein, was das Atmen und die Phrasierung betrifft . Da muss man nicht noch zusätzlich Zeichen mit den Händen geben.

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Warum haben Sie eigentlich ausgerechnet beim Chormusik-Spezialisten Marcus Creed dirigieren gelernt?

Ich hatte schon mehrfach mit Creed zusammengearbeitet und war sehr beeindruckt von ihm. Nachdem mich etliche Orchester fragten, ob ich den nächsten gemeinsamen Auftritt nicht auch leiten wolle, habe ich mich entschlossen, das erst richtig zu lernen. Ich wollte nicht wie so ein Barockfuzzi vor einem Orchester nur irgendwelche Gesten machen. Deshalb bin ich zu Creed nach Stuttgart gegangen, dort habe ich unglaublich viel über die Organik von Bewegungen gelernt und darüber, was diese bei einem Klangkörper auslösen. Später habe ich auch noch bei Reinhard Goebel gelernt, da ging es mehr um Barockmusik.

Ist es anstrengend, Blockflöte zu spielen? Bei Ihnen sieht alles so leicht aus.

Sie werden es nicht glauben, aber da bei einer Blockflöte nicht alle Luft zu Klang wird, braucht man sogar einen längeren Atem als bei Blechblasinstrumenten. Und es kostet Kraft, mit einem kleinen Instrument auch große Säle zu füllen.