Interview & Porträt

Vom Romantiker zum modernen Komponisten

Von
Burkhard Schäfer
Erschienen in der Printausgabe im
Oktober 2023
Lesezeit ca.
…
Minuten
Das Van der Pals Quartett ist nach dem Komponisten benannt. Foto: Edyta Sorensen
Das Van der Pals Quartett ist nach dem Komponisten benannt. Foto: Edyta Sorensen

Herr van Pals, wie sind Sie auf die Geschichte Ihrer musikalischen Vorfahren aufmerksam geworden?

Bereits als Kind war Musik meine Leidenschaft und ich habe sehr viel mit meinem Cello gearbeitet. Dabei hörte ich von meinen Eltern und Großeltern, dass es in einer früheren Generation unserer Familie einen Komponisten – Leopold – und einen Dirigenten – Nicolai van Gilse van der Pals – gegeben hatte. Da aber nicht viel über sie geredet wurde, zumal Leopold in der Schweiz gelebt hatte und wir in Schweden, wusste ich nichts über sein musikalisches Schaffen. Während meines Studiums in Kopenhagen sagte ein Dozent eines Tages zu mir: „Tobias, ich war heute in der Bibliothek und habe über deine Familie gelesen.“ Ich war zuerst einmal sehr überrascht, denn es war mir bis dahin nicht bewusst, dass dort etwas über sie geschrieben stand.

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Was war dann Ihr nächster Schritt?

Ich ging anschließend sofort in diese Bibliothek und habe in verschiedenen Büchern recherchiert. In „Riemanns Musiklexikon“ fand ich dann ihre Namen. Und dabei sah ich, dass Leopold über 250 Werke komponiert hatte und dass sogar die Berliner Philharmoniker seine 1. Sinfonie uraufgeführt hatten. In dem Moment begriff ich blitzartig, dass ich hier auf eine spannende Familiengeschichte gestoßen war, über die ich weiter nachforschen musste.

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Ihre Eltern hatten Ihnen wirklich nichts von dieser Geschichte erzählt?

Nein. Und ich denke, das lag einfach daran, dass ihnen gar nicht bewusst war, welche Bedeutung die beiden Musiker gehabt hatten (lacht). Leopold erlebte sein erstes Debütkonzert 1910, also noch vor dem Ersten Weltkrieg. 1937 schaffte Leopold in Wien mit seiner grandiosen 2. Sinfonie dann seinen Durchbruch. Nach dem Zweiten Weltkrieg empfand man seine expressiv-romantische Tonsprache dann als obsolet und so geriet er dann, wie viele andere seiner Zunft, rasch in Vergessenheit – sogar in unserer eigenen Familie.

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Wie haben Sie Leopolds Spur dann weiterverfolgt?

Im Jahr 2000 bat ich meinen Großvater, mir bei der Recherche zu helfen. In Basel wurden wir dann in einem Archiv fündig und wir konnten auch seine damals 90-jährige Tochter Lea treffen. Das war so ein unglaubliches Erlebnis! Plötzlich stand ich inmitten seines Lebenswerks. Es gab bis dahin noch keine einzige Aufnahme von seiner Musik. Aber es lagen 37 Tagebücher von ihm vor, in denen er über seine Musik geschrieben hatte – ein riesiger Fundus!

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War es Ihnen möglich, das gesamte Material zu sichten und auszuwerten?

Ich habe um Kopien der Noten gebeten, damit ich anfangen konnte, damit zu arbeiten. Also begann ich schon während meines Studiums, seine Musik zu spielen, sie zu digitalisieren, zu analysieren und über sein Leben zu lesen. Und so fragte ich mich erst einmal: Wer war Leopold van der Pals, welche Art von Musik hat er geschrieben? Wer waren seine Lehrer, wer waren seine Freunde? Wie war sein Blick auf seine eigene künstlerische Entwicklung?

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Wo würden Sie die Werke Ihres Urgroßonkels musikhistorisch verorten?

In Leopolds Musik klingt die Inspiration aus vielen Ländern durch. Aufgewachsen ist er in Sankt Petersburg. Sein Großvater Julius Johannsen war der Direktor des dortigen Musikinstitutes. Als Kind hörte er die Musik von Tschaikowski. Modest Tschaikowski, der Bruder des Komponisten, kam ins Haus und spielte den Kindern auf dem Klavier vor. Er erlebte in seinem Umfeld exzellente Musiker wie Glasunow und hatte den gleichen Klavierlehrer wie Strawinsky. Sein Vater, der ein reicher Industrieller war, ermöglichte ihm, dass er von Kindesbeinen an in einer Umgebung mit Komponisten und Musikern aufwuchs. Leopold studierte in der Schweiz, war holländischer Bürger und mütterlicherseits dänisch. Die Sommer wiederum verbrachte er in Finnland und so denke ich, dass er zwangsläufig einen komplexen internationalen Hintergrund mitbrachte.

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Wann wurde das Van der Pals Quartett ins Leben gerufen?

2012 haben wir bei einem Sommerfest das erste Mal spontan zusammen gespielt – und uns dabei blendend verstanden (lacht). Wir hatten sofort das Gefühl, dass es passt und dass wir hervorragend miteinander interagieren. Und so haben wir uns zu einem festen Ensemble formiert und uns den Namen Van der Pals Quartett gegeben.

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Lassen Sie uns über van der Pals’ Streichquartette sprechen. Auf der CD hören wir die ersten drei von insgesamt sechs Quartetten. Wie entwickelt sich seine Quartettsprache?

Das erste und längste seiner Quartette von 1917 ist noch ganz spätromantisch empfunden. Das zweite aus dem Jahr 1925 folgt zwar auch noch dem traditionellen Themen-Muster, ist im Ganzen aber schon konzentrierter und konziser konzipiert. Sein drittes Quartett schrieb Leopold 1929. Es dauert nur noch knapp 13 Minuten und trägt den Titel „Metamorphosen“. In der Partitur finden sich kaum Spielanweisungen. Die Musik erklärt sich rein durch die Noten und verzichtet auf alle Effekte und virtuosen Elemente. Diese sehr ernste Musik kennt im eigentlichen Sinne keine Wiederholungen mehr, da ihre Themen einem ständigen Verwandlungsprozess unterworfen werden. Den konzisen Stil behält Leopold dann in seinen Quartetten 4 bis 6 bei. So lässt sich sagen: Er begann als Romantiker und beendete seine Karriere als moderner Komponist.

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Auf welchen geistigen Hintergrund bezieht Leopold sich bei dem Begriff „Metamorphosen“?

Leopold stand der Anthroposophie nah, war in Kontakt mit Rudolf Steiner, der den Begriff von Goethe übernommen und für seine Weltanschauung produktiv gemacht hatte. Steiner bat Leopold, Stücke für ihn zu schreiben, was dieser auch gern tat – und die werden heute noch in den Waldorfschulen und Steiner-nahen Institutionen gespielt. Aber niemand weiß, von wem die Musik stammt (lacht).

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Wie geht es für Sie weiter in Sachen Van der Pals?

Die wunderbare Zusammenarbeit mit cpo werde ich fortsetzen, das Volume 2 der Quartette mit den Nummern 4 bis 6 und seine 2. Sinfonie werden hier nebst anderen Werken erscheinen. Ganz wichtig ist mir auch die Kooperation mit der Edition Wilhelm Hansen. Dort werden in den nächsten Jahren viele Werke erstmals im Druck erscheinen, denn bisher gibt es fast nur Manuskripte. Spannend sind in diesem Zusammenhang auch seine Lied- und Opern-Produktionen. Er schrieb mehr als 700 Lieder und acht Opern, dazu Kammermusik und überhaupt für fast alle Genres. Und jede Partitur, die ich bisher in Augenschein genommen habe, sieht vielversprechend aus. Ich kann nur sagen: Auf die Musikwelt wartet ein echter Schatz.

Herr van Pals, wie sind Sie auf die Geschichte Ihrer musikalischen Vorfahren aufmerksam geworden?

Bereits als Kind war Musik meine Leidenschaft und ich habe sehr viel mit meinem Cello gearbeitet. Dabei hörte ich von meinen Eltern und Großeltern, dass es in einer früheren Generation unserer Familie einen Komponisten – Leopold – und einen Dirigenten – Nicolai van Gilse van der Pals – gegeben hatte. Da aber nicht viel über sie geredet wurde, zumal Leopold in der Schweiz gelebt hatte und wir in Schweden, wusste ich nichts über sein musikalisches Schaffen. Während meines Studiums in Kopenhagen sagte ein Dozent eines Tages zu mir: „Tobias, ich war heute in der Bibliothek und habe über deine Familie gelesen.“ Ich war zuerst einmal sehr überrascht, denn es war mir bis dahin nicht bewusst, dass dort etwas über sie geschrieben stand.

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Was war dann Ihr nächster Schritt?

Ich ging anschließend sofort in diese Bibliothek und habe in verschiedenen Büchern recherchiert. In „Riemanns Musiklexikon“ fand ich dann ihre Namen. Und dabei sah ich, dass Leopold über 250 Werke komponiert hatte und dass sogar die Berliner Philharmoniker seine 1. Sinfonie uraufgeführt hatten. In dem Moment begriff ich blitzartig, dass ich hier auf eine spannende Familiengeschichte gestoßen war, über die ich weiter nachforschen musste.

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Ihre Eltern hatten Ihnen wirklich nichts von dieser Geschichte erzählt?

Nein. Und ich denke, das lag einfach daran, dass ihnen gar nicht bewusst war, welche Bedeutung die beiden Musiker gehabt hatten (lacht). Leopold erlebte sein erstes Debütkonzert 1910, also noch vor dem Ersten Weltkrieg. 1937 schaffte Leopold in Wien mit seiner grandiosen 2. Sinfonie dann seinen Durchbruch. Nach dem Zweiten Weltkrieg empfand man seine expressiv-romantische Tonsprache dann als obsolet und so geriet er dann, wie viele andere seiner Zunft, rasch in Vergessenheit – sogar in unserer eigenen Familie.

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Wie haben Sie Leopolds Spur dann weiterverfolgt?

Im Jahr 2000 bat ich meinen Großvater, mir bei der Recherche zu helfen. In Basel wurden wir dann in einem Archiv fündig und wir konnten auch seine damals 90-jährige Tochter Lea treffen. Das war so ein unglaubliches Erlebnis! Plötzlich stand ich inmitten seines Lebenswerks. Es gab bis dahin noch keine einzige Aufnahme von seiner Musik. Aber es lagen 37 Tagebücher von ihm vor, in denen er über seine Musik geschrieben hatte – ein riesiger Fundus!

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War es Ihnen möglich, das gesamte Material zu sichten und auszuwerten?

Ich habe um Kopien der Noten gebeten, damit ich anfangen konnte, damit zu arbeiten. Also begann ich schon während meines Studiums, seine Musik zu spielen, sie zu digitalisieren, zu analysieren und über sein Leben zu lesen. Und so fragte ich mich erst einmal: Wer war Leopold van der Pals, welche Art von Musik hat er geschrieben? Wer waren seine Lehrer, wer waren seine Freunde? Wie war sein Blick auf seine eigene künstlerische Entwicklung?

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Wo würden Sie die Werke Ihres Urgroßonkels musikhistorisch verorten?

In Leopolds Musik klingt die Inspiration aus vielen Ländern durch. Aufgewachsen ist er in Sankt Petersburg. Sein Großvater Julius Johannsen war der Direktor des dortigen Musikinstitutes. Als Kind hörte er die Musik von Tschaikowski. Modest Tschaikowski, der Bruder des Komponisten, kam ins Haus und spielte den Kindern auf dem Klavier vor. Er erlebte in seinem Umfeld exzellente Musiker wie Glasunow und hatte den gleichen Klavierlehrer wie Strawinsky. Sein Vater, der ein reicher Industrieller war, ermöglichte ihm, dass er von Kindesbeinen an in einer Umgebung mit Komponisten und Musikern aufwuchs. Leopold studierte in der Schweiz, war holländischer Bürger und mütterlicherseits dänisch. Die Sommer wiederum verbrachte er in Finnland und so denke ich, dass er zwangsläufig einen komplexen internationalen Hintergrund mitbrachte.

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Wann wurde das Van der Pals Quartett ins Leben gerufen?

2012 haben wir bei einem Sommerfest das erste Mal spontan zusammen gespielt – und uns dabei blendend verstanden (lacht). Wir hatten sofort das Gefühl, dass es passt und dass wir hervorragend miteinander interagieren. Und so haben wir uns zu einem festen Ensemble formiert und uns den Namen Van der Pals Quartett gegeben.

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Lassen Sie uns über van der Pals’ Streichquartette sprechen. Auf der CD hören wir die ersten drei von insgesamt sechs Quartetten. Wie entwickelt sich seine Quartettsprache?

Das erste und längste seiner Quartette von 1917 ist noch ganz spätromantisch empfunden. Das zweite aus dem Jahr 1925 folgt zwar auch noch dem traditionellen Themen-Muster, ist im Ganzen aber schon konzentrierter und konziser konzipiert. Sein drittes Quartett schrieb Leopold 1929. Es dauert nur noch knapp 13 Minuten und trägt den Titel „Metamorphosen“. In der Partitur finden sich kaum Spielanweisungen. Die Musik erklärt sich rein durch die Noten und verzichtet auf alle Effekte und virtuosen Elemente. Diese sehr ernste Musik kennt im eigentlichen Sinne keine Wiederholungen mehr, da ihre Themen einem ständigen Verwandlungsprozess unterworfen werden. Den konzisen Stil behält Leopold dann in seinen Quartetten 4 bis 6 bei. So lässt sich sagen: Er begann als Romantiker und beendete seine Karriere als moderner Komponist.

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Auf welchen geistigen Hintergrund bezieht Leopold sich bei dem Begriff „Metamorphosen“?

Leopold stand der Anthroposophie nah, war in Kontakt mit Rudolf Steiner, der den Begriff von Goethe übernommen und für seine Weltanschauung produktiv gemacht hatte. Steiner bat Leopold, Stücke für ihn zu schreiben, was dieser auch gern tat – und die werden heute noch in den Waldorfschulen und Steiner-nahen Institutionen gespielt. Aber niemand weiß, von wem die Musik stammt (lacht).

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Wie geht es für Sie weiter in Sachen Van der Pals?

Die wunderbare Zusammenarbeit mit cpo werde ich fortsetzen, das Volume 2 der Quartette mit den Nummern 4 bis 6 und seine 2. Sinfonie werden hier nebst anderen Werken erscheinen. Ganz wichtig ist mir auch die Kooperation mit der Edition Wilhelm Hansen. Dort werden in den nächsten Jahren viele Werke erstmals im Druck erscheinen, denn bisher gibt es fast nur Manuskripte. Spannend sind in diesem Zusammenhang auch seine Lied- und Opern-Produktionen. Er schrieb mehr als 700 Lieder und acht Opern, dazu Kammermusik und überhaupt für fast alle Genres. Und jede Partitur, die ich bisher in Augenschein genommen habe, sieht vielversprechend aus. Ich kann nur sagen: Auf die Musikwelt wartet ein echter Schatz.