Zwischen den Extremen
Neue Plattenfirma, neues Repertoire: Der montenegrinische Gitarrist Miloš Karadaglić erkundet nun Barockmusik.

Für Ihr Album „Baroque“ haben Sie Stücke aus der Ära des Barock aufgenommen. Wie kam es dazu?
Dieses Repertoire köchelte bereits seit vielen Jahren in mir. Als ich noch Student der Royal Academy of Music in London war, habe ich sehr gern Barockmusik gespielt. Somit boten sich diese Kompositionen für meinen Neustart nach der Pandemie bei einer anderen Plattenfirma an. Mit ihnen wollte ich auch musikalisch ein neues Kapitel aufschlagen, ich hatte einfach das Gefühl: Jetzt ist die Zeit reif für Barockwerke.
Dabei verbindet man Sie normalerweise mit einem völlig anderen Repertoire.
Es stimmt: In der Vergangenheit widmete ich mich eher Stücken aus Lateinamerika oder Spanien. Ich habe Songs der Beatles interpretiert, Crossover- Projekte gemacht oder Konzerte in Auftrag gegeben. So habe ich eine neue Generation angezogen, ein anderes Publikum. Aber nun ist es an der Zeit, wirklich den Fokus auf die Musik zu legen. Die Barockwerke erlauben es mir, künstlerisch tiefer zu gehen. Natürlich bleibe ich meinem Stil treu, wenn ich sie spiele. Ich will meine eigene Stimme finden in einer Musik, die ursprünglich gar nicht für die Gitarre geschrieben wurde.
Sie sind in diesem Jahr 40 geworden. War dieser Geburtstag für Sie ein künstlerischer Wendepunkt, der Sie dazu gebracht, sich der „reinen Klassik“ stärker anzunähern?
Nicht unbedingt. Ich war nie oberflächlich, Tiefgang war mir schon immer wichtig. Wenn ich etwas mache, bin nahezu besessen davon – egal, ob ich koche, Fenster putze oder Gitarre übe. Es liegt in meinem Naturell, dass ich stets das bestmögliche Ergebnis erzielen will. Mein Barockalbum hätte ich allerdings nicht parallel zu 100 Auftritten angehen können. Es verlangte meine volle Aufmerksamkeit. Die konnte ich ihm schenken, weil der Konzertbetrieb während der Pandemie zum Erliegen kam und dann zunächst schleppend wieder angelaufen ist. Es dauerte eine Weile, bis sich alles normalisiert hatte. Diese Phase habe ich genutzt, um mich mit meinem Album zu befassen.
Was fasziniert Sie an Barockmusik?
Vor allem die Kontraste. Dieser Wechsel von heiß und kalt, von Licht und Schatten. Das spiegelt meine Persönlichkeit ziemlich gut wider. Ich bewege mich nie in der Mitte, ich pendele zwischen den Extremen. Obwohl wir in einer Welt leben, in der alle darauf aus sind, ihre Balance zu finden und glücklich zu sein: Ich strebe nicht danach, nein, besser – ich halte das sogar für falsch. Man kann das volle Leben nur spüren, wenn man bis ans Maximum geht. Sicher gibt es unglaublich schwierige Momente. Auf der anderen Seite sind es aber gerade sie, die uns die schönen Augenblicke zehnmal so wundervoll empfinden lassen. Genauso ist es in der Barockmusik. Die Werke von Rameau, Couperin oder Scarlatti erinnern mich ein bisschen an einen Schwan. An der Oberflächliche scheinen sie mühelos dahinzugleiten. Hinter ihrer Eleganz verbirgt sich allerdings harte Arbeit.
Zumal die heutige Gitarre nicht mit der Barockgitarre identisch ist.
Richtig. Die Barockgitarre war viel kleiner und doppelchörig besaitet. Als Soloinstrument hat sie sich damals nicht durchgesetzt, man nutzte sie eher zuhause. Sie war praktisch ein anderes Instrument. Die Laute kam der heutigen Gitarre wesentlich näher als die Barockgitarre. Insofern lässt sich das Lautenrepertoire für Gitarristen eigentlich besser spielen – abgesehen davon, dass die Laute mehr Basssaiten hatte. Darum muss man zuweilen etwas transponieren, das funktioniert aber recht gut. Auch Stücke für Cembalo oder Violine kann man für die Gitarre transkribieren. Nur sollte man sich dabei einer Sache bewusst sein: Wenn man ein Werk für ein anderes Instrument arrangiert, können Kompromisse erforderlich sein. Das hätte die Konsequenz, dass man das Original kleiner machen würde. In diese Falle wollte ich auf gar keinen Fall tappen. Also habe ich bloß Kompositionen ausgewählt, die sich beim Spielen so anfühlten, als hätten sie von jeher zum Gitarrenrepertoire gehört.
Wie sind die Transkriptionen entstanden?
Da ich kein Komponist oder Arrangeur bin, habe ich mir Hilfe geholt. Jonathan Cohen und sein Ensemble Arcangelo haben mich unterstützt. Mit ihnen bin ich in vollkommen neue Bereiche vorgestoßen, denn ich hatte nie zuvor mit einem Barockensemble gearbeitet. Was mich sehr fasziniert hat: Dass die Musiker ständig improvisiert haben. Wenn ich in der Vergangenheit romantische Musik gespielt habe, habe ich mich so lange intensiv vorbereitet, bis praktisch jede Note in Stein gemeißelt war. Diesmal dagegen stellte mich Jonathan vor die Frage: „Was kannst du mit dieser Melodie tun, um sie schöner zu machen?“ Dieser Ansatz hat mich bei Marcellos Adagio aus dem Oboenkonzert in dmoll zu Rodrigos „Concierto de Aranjuez“ zurückgebracht. Bei letzterem Werk trägt im zweiten Satz das Englischhorn das Thema, die Gitarre antwortet darauf. Das Englischhorn ist der Oboe sehr ähnlich, die beim Adagio in den Vordergrund tritt. Deshalb konnte ich meine Welt der romantischen Gitarre an dieser Stelle mit der Barockwelt vermählen.
Für weitere Transkriptionen zeichnet der britische Gitarrist und Lautenist Michael Lewin verantwortlich.
Er war an der Royal Academy of Music viele Jahre mein Lehrer. Da niemand mein Spiel besser als er kennt, hat er von meinem ersten bis zu meinem letzten Album für mich Transkriptionen gemacht. Denn er weiß genau, wie er ein Stück für mich arrangieren muss.
Für Ihr Album „Baroque“ haben Sie Stücke aus der Ära des Barock aufgenommen. Wie kam es dazu?
Dieses Repertoire köchelte bereits seit vielen Jahren in mir. Als ich noch Student der Royal Academy of Music in London war, habe ich sehr gern Barockmusik gespielt. Somit boten sich diese Kompositionen für meinen Neustart nach der Pandemie bei einer anderen Plattenfirma an. Mit ihnen wollte ich auch musikalisch ein neues Kapitel aufschlagen, ich hatte einfach das Gefühl: Jetzt ist die Zeit reif für Barockwerke.
Dabei verbindet man Sie normalerweise mit einem völlig anderen Repertoire.
Es stimmt: In der Vergangenheit widmete ich mich eher Stücken aus Lateinamerika oder Spanien. Ich habe Songs der Beatles interpretiert, Crossover- Projekte gemacht oder Konzerte in Auftrag gegeben. So habe ich eine neue Generation angezogen, ein anderes Publikum. Aber nun ist es an der Zeit, wirklich den Fokus auf die Musik zu legen. Die Barockwerke erlauben es mir, künstlerisch tiefer zu gehen. Natürlich bleibe ich meinem Stil treu, wenn ich sie spiele. Ich will meine eigene Stimme finden in einer Musik, die ursprünglich gar nicht für die Gitarre geschrieben wurde.
Sie sind in diesem Jahr 40 geworden. War dieser Geburtstag für Sie ein künstlerischer Wendepunkt, der Sie dazu gebracht, sich der „reinen Klassik“ stärker anzunähern?
Nicht unbedingt. Ich war nie oberflächlich, Tiefgang war mir schon immer wichtig. Wenn ich etwas mache, bin nahezu besessen davon – egal, ob ich koche, Fenster putze oder Gitarre übe. Es liegt in meinem Naturell, dass ich stets das bestmögliche Ergebnis erzielen will. Mein Barockalbum hätte ich allerdings nicht parallel zu 100 Auftritten angehen können. Es verlangte meine volle Aufmerksamkeit. Die konnte ich ihm schenken, weil der Konzertbetrieb während der Pandemie zum Erliegen kam und dann zunächst schleppend wieder angelaufen ist. Es dauerte eine Weile, bis sich alles normalisiert hatte. Diese Phase habe ich genutzt, um mich mit meinem Album zu befassen.
Was fasziniert Sie an Barockmusik?
Vor allem die Kontraste. Dieser Wechsel von heiß und kalt, von Licht und Schatten. Das spiegelt meine Persönlichkeit ziemlich gut wider. Ich bewege mich nie in der Mitte, ich pendele zwischen den Extremen. Obwohl wir in einer Welt leben, in der alle darauf aus sind, ihre Balance zu finden und glücklich zu sein: Ich strebe nicht danach, nein, besser – ich halte das sogar für falsch. Man kann das volle Leben nur spüren, wenn man bis ans Maximum geht. Sicher gibt es unglaublich schwierige Momente. Auf der anderen Seite sind es aber gerade sie, die uns die schönen Augenblicke zehnmal so wundervoll empfinden lassen. Genauso ist es in der Barockmusik. Die Werke von Rameau, Couperin oder Scarlatti erinnern mich ein bisschen an einen Schwan. An der Oberflächliche scheinen sie mühelos dahinzugleiten. Hinter ihrer Eleganz verbirgt sich allerdings harte Arbeit.
Zumal die heutige Gitarre nicht mit der Barockgitarre identisch ist.
Richtig. Die Barockgitarre war viel kleiner und doppelchörig besaitet. Als Soloinstrument hat sie sich damals nicht durchgesetzt, man nutzte sie eher zuhause. Sie war praktisch ein anderes Instrument. Die Laute kam der heutigen Gitarre wesentlich näher als die Barockgitarre. Insofern lässt sich das Lautenrepertoire für Gitarristen eigentlich besser spielen – abgesehen davon, dass die Laute mehr Basssaiten hatte. Darum muss man zuweilen etwas transponieren, das funktioniert aber recht gut. Auch Stücke für Cembalo oder Violine kann man für die Gitarre transkribieren. Nur sollte man sich dabei einer Sache bewusst sein: Wenn man ein Werk für ein anderes Instrument arrangiert, können Kompromisse erforderlich sein. Das hätte die Konsequenz, dass man das Original kleiner machen würde. In diese Falle wollte ich auf gar keinen Fall tappen. Also habe ich bloß Kompositionen ausgewählt, die sich beim Spielen so anfühlten, als hätten sie von jeher zum Gitarrenrepertoire gehört.
Wie sind die Transkriptionen entstanden?
Da ich kein Komponist oder Arrangeur bin, habe ich mir Hilfe geholt. Jonathan Cohen und sein Ensemble Arcangelo haben mich unterstützt. Mit ihnen bin ich in vollkommen neue Bereiche vorgestoßen, denn ich hatte nie zuvor mit einem Barockensemble gearbeitet. Was mich sehr fasziniert hat: Dass die Musiker ständig improvisiert haben. Wenn ich in der Vergangenheit romantische Musik gespielt habe, habe ich mich so lange intensiv vorbereitet, bis praktisch jede Note in Stein gemeißelt war. Diesmal dagegen stellte mich Jonathan vor die Frage: „Was kannst du mit dieser Melodie tun, um sie schöner zu machen?“ Dieser Ansatz hat mich bei Marcellos Adagio aus dem Oboenkonzert in dmoll zu Rodrigos „Concierto de Aranjuez“ zurückgebracht. Bei letzterem Werk trägt im zweiten Satz das Englischhorn das Thema, die Gitarre antwortet darauf. Das Englischhorn ist der Oboe sehr ähnlich, die beim Adagio in den Vordergrund tritt. Deshalb konnte ich meine Welt der romantischen Gitarre an dieser Stelle mit der Barockwelt vermählen.
Für weitere Transkriptionen zeichnet der britische Gitarrist und Lautenist Michael Lewin verantwortlich.
Er war an der Royal Academy of Music viele Jahre mein Lehrer. Da niemand mein Spiel besser als er kennt, hat er von meinem ersten bis zu meinem letzten Album für mich Transkriptionen gemacht. Denn er weiß genau, wie er ein Stück für mich arrangieren muss.



