Interview & Porträt

Hört her, hier bin ich!

Von
Susanne Benda
Erschienen in der Printausgabe im
Oktober 2023
Lesezeit ca.
…
Minuten
Hans-Christoph Rademann (rechts) mit Günter Hänssler (Mitte) und Andreas Bomba (Dramaturg & Projektleiter „Vision Bach“) bei einem Pressegespräch
Hans-Christoph Rademann (rechts) mit Günter Hänssler (Mitte) und Andreas Bomba (Dramaturg & Projektleiter „Vision Bach“) bei einem Pressegespräch

Ein 38-Jpähriger kommt 1723 nach Leipzig. Voller Ehrgeiz. Auf der Liste der Kandidaten für die renommierteste Stelle der damaligen protestantischen Kirchenmusik ist er zwar nur der Zweite gewesen, aber nach der Absage Georg Philipp Telemanns hat man ihn dann doch zum Nachfolger Johann Kuhnaus als Thomaskantor gemacht. Nun will Johann Sebastian Bach beweisen, dass er erste Wahl ist. Nicht nur als Lehrer an der Thomasschule und musikalischer Leiter der Musik in der Leipziger Thomas-, Nicolai-, Peters- und Neuen Kirche, sondern auch (was nicht in seinem Vertrag steht) als Komponist. „Hört her, hier bin ich!“: Acht Tage nach seinem Amtsantritt führt Bach seine erste neue Kantate auf, und zwischen Mai 1723 und dem Dreifaltigkeitssonntag 1724 entstehen über 60 weitere Werke dieser Gattung.

300 Jahre ist das jetzt her. Bachs erster Leipziger Kantatenjahrgang ist das Ergebnis eines ungeheuren Kraftakts – etwa 40 der aufgeführten Kantaten bestehen ausschließlich aus neuer Musik, und nebenbei entstehen außerdem das „Magnificat“ und die erste Fassung der „Johannespassion“. Außerdem zeugt die Werkgruppe von ungeheurer Fantasie und von großer Experimentierfreude. Verständlich also, dass man als Dirigent und als künstlerischer Leiter einer der Bach-Pflege verpflichteten Institution auf die Idee kommen kann, das Jubiläum musizierend zu feiern – noch dazu, wenn man nicht in der Bach-Stadt Leipzig residiert, also frei ist von der Last der Tradition.

Die Internationale Bachakademie Stuttgart hat im Mai dieses Jahres musizierend zu feiern begonnen: Unter dem Titel „Vision Bach“ führt dessen Leiter Hans-Christoph Rademann mit seiner Gaechinger Cantorey bis zum Mai 2024 in 23 Konzerten 60 Kantaten in Stuttgart und Umgebung auf, chronologisch orientiert an den historischen Aufführungsdaten an Sonn- und Feiertagen. „Wer diese Veranstaltungen im Jahreskreis miterlebt“, sagt Rademann, „der kann verstehen, was Bach damals beschäftigt hat, wie vielfältig die Werke sind, wie die Musik noch heute berührt und wie zeitlos ihre Inhalte sind.“

Vor allem den Beweis des Letztgenannten will die Reihe „Vision Bach“ erbringen, indem sie Referenten aus Kirche, Politik und Wissenschaft für einführende Vorträge und Diskussionen ins Boot holt. Das ist bei der flankierenden Album-Edition nicht möglich. Dafür setzt die CD-Reihe die Zusammenarbeit fort, die das Label Hänssler Classic seit der Gründung der Internationalen Bachakademie Stuttgart 1981 mit dieser Institution verbindet. Ihr verdankt sich Helmuth Rillings Gesamtaufnahme aller Bach-Kantaten, und „die editorische Tiefe dort“ – da ist sich der Labelchef Günter Hänssler sicher – „war nur in Zusammenarbeit mit der Bachakademie möglich“.

Dass eines der Konzerte, die Hänssler Classic mitschneidet, in eben jener Stuttgarter Gedächtniskirche stattfindet, die auch Rilling seinerzeit als Aufführungs- und Aufnahmeort diente, ist eine kleine Verneigung vor dem Gründer und langjährigen Leiter der Institution. Ansonsten betont man heute den eigenen Ansatz: die kleine Besetzung mit zwölf Sängern (einschließlich der aus dem Chor heraustretenden Solistinnen und Solisten), die historisch informierte Aufführungspraxis, das Ziel eines bei aller Transparenz warmen Klangs. Vor allem in einem Aspekt sind sich alle Beteiligten einig: dass Konzerte und CDs keinesfalls ein „Musikmuseum“ darstellen. Sondern zeigen sollen, dass Bachs Musik und auch die Texte noch heute den Geist beschäftigen und das Herz berühren. Schließlich kann ein kurzer Melodielauf erst auf-, dann abwärts bei Bach locker eine zehnminütige Predigt ersetzen – behauptet zumindest Hans-Christoph Rademann. Das könnten, meint er, auch die Vokalsolisten besser verinnerlichen, wenn sie nicht nur exponiert vor dem Chor, sondern außerdem Teil des Chores seien: Dies mache nämlich ein „viel komplexeres Verstehen“ möglich.

Der Dirigent setzt auf Konzentration und Fokussierung im Ensemble – und hat sich selbst für ein Jahr von der Dresdner Musikhochschule beurlauben lassen, wo er eine Professur für Chordirigieren innehat. Bei seiner hochgelobten Heinrich-Schütz-Gesamtaufnahme mit dem Dresdner Kammerchor hat er bereits die Erfahrung gemacht, „was für ein enormes künstlerisches Wachstum für die Beteiligten eines musikalischen Großprojektes möglich ist“. Ähnliches erhofft er sich nun mit den Mitgliedern seiner Gaechinger Cantorey: „Die sollen sich“, sagt er, „gegenseitig vorantreiben.“

Und es soll Einigkeit herrschen über das gemeinsame Ziel – weshalb Rademann auch am liebsten von einem „Solistenteam“ spricht, „das sich mit mir gemeinsam in die Materie vertieft“, denn „das hat große Vorteile. Wir beobachten ja in den Werken, wie Bach darum gerungen hat, musikalisch in jede Ecke des Textinhaltes vorzudringen mit Symbolik, Linienführung und Harmonik, das wollen wir immer besser verstehen und immer plastischer für das Publikum gestalten, ohne dabei belehrend daherzukommen.“ Nur wenn dies passiere und hohe Energie hinzukomme, könne es schließlich gelingen, auch ein Publikum von heute für Bachs Musik und für „die zeitlosen Menschheitsthemen“ zu begeistern, die in den Kantaten angesprochen werden. Garanten für den Erfolg sieht der Chef der Stuttgarter Bachakademie in den Ausführenden selbst: „Die Gaechinger“, sagt er stolz, „sind eine starke Truppe.“

Ein 38-Jpähriger kommt 1723 nach Leipzig. Voller Ehrgeiz. Auf der Liste der Kandidaten für die renommierteste Stelle der damaligen protestantischen Kirchenmusik ist er zwar nur der Zweite gewesen, aber nach der Absage Georg Philipp Telemanns hat man ihn dann doch zum Nachfolger Johann Kuhnaus als Thomaskantor gemacht. Nun will Johann Sebastian Bach beweisen, dass er erste Wahl ist. Nicht nur als Lehrer an der Thomasschule und musikalischer Leiter der Musik in der Leipziger Thomas-, Nicolai-, Peters- und Neuen Kirche, sondern auch (was nicht in seinem Vertrag steht) als Komponist. „Hört her, hier bin ich!“: Acht Tage nach seinem Amtsantritt führt Bach seine erste neue Kantate auf, und zwischen Mai 1723 und dem Dreifaltigkeitssonntag 1724 entstehen über 60 weitere Werke dieser Gattung.

300 Jahre ist das jetzt her. Bachs erster Leipziger Kantatenjahrgang ist das Ergebnis eines ungeheuren Kraftakts – etwa 40 der aufgeführten Kantaten bestehen ausschließlich aus neuer Musik, und nebenbei entstehen außerdem das „Magnificat“ und die erste Fassung der „Johannespassion“. Außerdem zeugt die Werkgruppe von ungeheurer Fantasie und von großer Experimentierfreude. Verständlich also, dass man als Dirigent und als künstlerischer Leiter einer der Bach-Pflege verpflichteten Institution auf die Idee kommen kann, das Jubiläum musizierend zu feiern – noch dazu, wenn man nicht in der Bach-Stadt Leipzig residiert, also frei ist von der Last der Tradition.

Die Internationale Bachakademie Stuttgart hat im Mai dieses Jahres musizierend zu feiern begonnen: Unter dem Titel „Vision Bach“ führt dessen Leiter Hans-Christoph Rademann mit seiner Gaechinger Cantorey bis zum Mai 2024 in 23 Konzerten 60 Kantaten in Stuttgart und Umgebung auf, chronologisch orientiert an den historischen Aufführungsdaten an Sonn- und Feiertagen. „Wer diese Veranstaltungen im Jahreskreis miterlebt“, sagt Rademann, „der kann verstehen, was Bach damals beschäftigt hat, wie vielfältig die Werke sind, wie die Musik noch heute berührt und wie zeitlos ihre Inhalte sind.“

Vor allem den Beweis des Letztgenannten will die Reihe „Vision Bach“ erbringen, indem sie Referenten aus Kirche, Politik und Wissenschaft für einführende Vorträge und Diskussionen ins Boot holt. Das ist bei der flankierenden Album-Edition nicht möglich. Dafür setzt die CD-Reihe die Zusammenarbeit fort, die das Label Hänssler Classic seit der Gründung der Internationalen Bachakademie Stuttgart 1981 mit dieser Institution verbindet. Ihr verdankt sich Helmuth Rillings Gesamtaufnahme aller Bach-Kantaten, und „die editorische Tiefe dort“ – da ist sich der Labelchef Günter Hänssler sicher – „war nur in Zusammenarbeit mit der Bachakademie möglich“.

Dass eines der Konzerte, die Hänssler Classic mitschneidet, in eben jener Stuttgarter Gedächtniskirche stattfindet, die auch Rilling seinerzeit als Aufführungs- und Aufnahmeort diente, ist eine kleine Verneigung vor dem Gründer und langjährigen Leiter der Institution. Ansonsten betont man heute den eigenen Ansatz: die kleine Besetzung mit zwölf Sängern (einschließlich der aus dem Chor heraustretenden Solistinnen und Solisten), die historisch informierte Aufführungspraxis, das Ziel eines bei aller Transparenz warmen Klangs. Vor allem in einem Aspekt sind sich alle Beteiligten einig: dass Konzerte und CDs keinesfalls ein „Musikmuseum“ darstellen. Sondern zeigen sollen, dass Bachs Musik und auch die Texte noch heute den Geist beschäftigen und das Herz berühren. Schließlich kann ein kurzer Melodielauf erst auf-, dann abwärts bei Bach locker eine zehnminütige Predigt ersetzen – behauptet zumindest Hans-Christoph Rademann. Das könnten, meint er, auch die Vokalsolisten besser verinnerlichen, wenn sie nicht nur exponiert vor dem Chor, sondern außerdem Teil des Chores seien: Dies mache nämlich ein „viel komplexeres Verstehen“ möglich.

Der Dirigent setzt auf Konzentration und Fokussierung im Ensemble – und hat sich selbst für ein Jahr von der Dresdner Musikhochschule beurlauben lassen, wo er eine Professur für Chordirigieren innehat. Bei seiner hochgelobten Heinrich-Schütz-Gesamtaufnahme mit dem Dresdner Kammerchor hat er bereits die Erfahrung gemacht, „was für ein enormes künstlerisches Wachstum für die Beteiligten eines musikalischen Großprojektes möglich ist“. Ähnliches erhofft er sich nun mit den Mitgliedern seiner Gaechinger Cantorey: „Die sollen sich“, sagt er, „gegenseitig vorantreiben.“

Und es soll Einigkeit herrschen über das gemeinsame Ziel – weshalb Rademann auch am liebsten von einem „Solistenteam“ spricht, „das sich mit mir gemeinsam in die Materie vertieft“, denn „das hat große Vorteile. Wir beobachten ja in den Werken, wie Bach darum gerungen hat, musikalisch in jede Ecke des Textinhaltes vorzudringen mit Symbolik, Linienführung und Harmonik, das wollen wir immer besser verstehen und immer plastischer für das Publikum gestalten, ohne dabei belehrend daherzukommen.“ Nur wenn dies passiere und hohe Energie hinzukomme, könne es schließlich gelingen, auch ein Publikum von heute für Bachs Musik und für „die zeitlosen Menschheitsthemen“ zu begeistern, die in den Kantaten angesprochen werden. Garanten für den Erfolg sieht der Chef der Stuttgarter Bachakademie in den Ausführenden selbst: „Die Gaechinger“, sagt er stolz, „sind eine starke Truppe.“