Interview & Porträt

„Der Musikbetrieb ist wenig abenteuerlustig“

Von
Georg Rudiger
Erschienen in der Printausgabe im
November 2023
Lesezeit ca.
…
Minuten
Foto: Felix Broede
Foto: Felix Broede

Sind Sie auf die Musik von Pietro Antonio Locatelli gestoßen oder war es Gio vanni Antonini?

Wir beide. Nach der gemeinsamen Aufnahme der Mozart-Violinkonzerte wollten wir unsere Zusammenarbeit auf jeden Fall fortführen. Wir haben uns über einen längeren Zeitraum mit italienischen Komponisten beschäftigt und nach interessanten Werken gesucht. Bei Locatelli war die Frage, ob wir bei diesem Komponisten über die offensichtliche Virtuosität hinaus spannende Aspekte entdecken. Über zwei oder drei Saisons hinweg hatten wir Werke von ihm im Programm. Am Ende war klar: Das ist ein außergewöhnlicher Musiker, mit dem wir uns näher beschäftigen wollen. Auf dem Album möchten wir die ganze Bandbreite dieses Komponisten zeigen.

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Bislang spielt der italienische Komponist, der 1695 in Bergamo geboren wurde, selbst ein bekannter Violinvirtuose, aber auch ein erfolgreicher Verleger war, im Musikleben kaum eine Rolle. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Der Musikbetrieb von heute ist wenig abenteuerlustig. Kaum ein Veranstalter ist an weniger bekannten Werken oder Komponisten interessiert. Es geht nur um die ganz großen Namen. Das ermutigt natürlich auch keinen Musiker, sich mit selten gespieltem Repertoire zu beschäftigen. Dazu kommt, dass Locatellis Musik besonders in den Capricci technisch spezielle Herausforderungen bereithält: hohe Lagen, Trillervariationen und auch schnelle Wechsel zwischen der tiefsten und höchsten Saite. In diesem hohen Tempo kenne ich das von keinem anderen Komponisten. Das kann abschreckend wirken.

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Diese extrem hohe Lage wie im Allegro und Andante des Violinkonzertes op. 3 Nr. 11 wird auch in späteren Violinkonzerten anderer Komponisten nicht erreicht. Ich kenne jedenfalls nichts Vergleichbares. Die Violine klingt eher nach einer hohen Flöte. Sie müssen die Finger auf engstem Raum austauschen, um das spielen zu können.

Wenn man ein bisschen zu dicke Fingerkuppen hat, geht es überhaupt nicht. Locatelli hat wohl seine Instrumente vor allem danach ausgesucht, wie sie in der hohen Lage klingen. Die Verlängerung des Griffbetts im Geigenbau hat sicherlich auch mit ihm und seinen Kompositionen zu tun. Er selbst muss schmale Finger gehabt haben. Es gibt die Anekdote von ihm, dass er in der hohen Lage mit dem kleinen Finger im F-Loch der Geige steckenblieb.

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Sind diese unfassbar hohen Stellen für Sie eine Zirkusnummer? Oder suchen sie auch darin den künstlerischen Ausdruck?

Es ging mir bei diesen herausfordernden Passagen vor allem darum, diese verrückte Virtuosität darzustellen. Klangschönheit spielte für mich hier keine Rolle. Dass die Violine bei diesen extremen Stellen nicht mehr nach einer Violine klingt, ist sicherlich von Locatelli beabsichtigt. Diesen Effekt wollte ich deutlich machen.

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Das Album heißt „il virtuoso, il poeta“. Neben dem Spektakulären gibt es auch viel Zartes, Schmerzvolles wie im außergewöhnlichen Concerto Grosso op. 7 Nr. 6 „Il Pianto d’Arianna“ – das Weinen der Ariadne. Der erste Einsatz der Solovioline klingt wie ein Rezitativ. Wie empfinden Sie dieses Concerto?

Die Konzeption ist wirklich besonders. Giovanni Antonini und ich denken schon, dass sich Locatelli an einem Text orientiert hat wie dem, der Claudio Monteverdis „Lamento d’Arianna“ zugrunde liegt. Die einzelnen Sätze stehen für Emotionen wie Trauer, Verzweiflung und Wut.

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Es gibt auch, was die Form angeht, Ungewöhnliches bei Locatelli. Das Violinkonzert op. 3 Nr. 2 hat keine schnellen Außensätze, sondern zweimal ein Andante mit einem Largo in der Mitte. Im Schluss-Satz ist die Solokadenz länger als der übrige Satz. Ist Locatelli für Sie ein radikaler Ausdrucksmusiker?

Ein radikaler Ausdrucksmusiker – das klingt schön. Er orientierte sich sicher an dem Vorbild Arcangelo Corelli, den er wahrscheinlich in Rom auch persönlich getroffen hat. Innerhalb dieser Tradition hat er sich aber große Freiheiten genommen und das Alte mit dem Neuen verbunden. Seine Capricci, die oft als Kadenzen gespielt wurden, waren über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Man geht auch davon aus, dass Paganini sie gekannt hat.

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Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit für Sie mit diesem Orchester – beispielsweise bei den Concerti grossi?

Ich nehme mich bei diesen Werken wirklich als Orchestermitglied mit solistischer Funktion wahr. Auf der einen Seite muss ich in die Gruppe eintauchen und mich anpassen, auf der anderen Seite erwarten die Musiker von mir aber auch Impulse. Das ist ein intensiver Prozess, der viel Energie kostet. Danach bin ich immer sehr erschöpft, weil ich mich selbst über Grenzen bringe. Aber das erweitert meine Palette und lässt meinen Kopf arbeiten.

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Mit Giovanni Antonini haben Sie die Mozart-Konzerte eingespielt und in der Vergangenheit auch öfters zusammengearbeitet, zum Beispiel bei Beethovens Tripel-Konzert. Was schätzen Sie an ihm?

Er ist für mich ein absoluter Ausnahmemusiker. Ich lerne sehr viel von ihm, wenn wir miteinander arbeiten. Wie geht man an eine Phrase heran? Wie empfindet man einen Puls? Welche Bedeutung hat die italienische Sprache für die Instrumentalmusik? Wir sind auch sehr gut befreundet und haben Kontakt außerhalb der Konzerttourneen.

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Im Oktober erscheint eine weitere CD von Ihnen mit Sololiteratur des 17. Jahrhunderts und Werken von recht unbekannten Komponisten wie Nicola Matteis und Johann Joseph Vilsmayr. Warum diese CD?

Das sind nur Herzensstücke von mir, die ich mir vor einigen Jahren herausgepickt habe durch intensive Recherche in der Barockwelt. Ich suchte ein alternatives Soloprogramm zu den Sonaten und Partiten von Bach und hatte auch ein Rezitalprogramm, bei denen ich diese Werke zeitgenössischen Kompositionen gegenüberstellte. Als die Coronapandemie kam, war für mich völlig klar, dass ich diese Werke aufnehme – das hat auch besonders gut in die erste solitäre Phase gepasst. Ich war alleine im Studio und musste keine Distanz halten. Die Idee, diese Aufnahmen auf dem Album mit zeitgenössischen Werken zu kombinieren, haben wir wieder verworfen. Die Stücke stehen jetzt ganz für sich, was vielleicht sogar schöner ist.

Sind Sie auf die Musik von Pietro Antonio Locatelli gestoßen oder war es Gio vanni Antonini?

Wir beide. Nach der gemeinsamen Aufnahme der Mozart-Violinkonzerte wollten wir unsere Zusammenarbeit auf jeden Fall fortführen. Wir haben uns über einen längeren Zeitraum mit italienischen Komponisten beschäftigt und nach interessanten Werken gesucht. Bei Locatelli war die Frage, ob wir bei diesem Komponisten über die offensichtliche Virtuosität hinaus spannende Aspekte entdecken. Über zwei oder drei Saisons hinweg hatten wir Werke von ihm im Programm. Am Ende war klar: Das ist ein außergewöhnlicher Musiker, mit dem wir uns näher beschäftigen wollen. Auf dem Album möchten wir die ganze Bandbreite dieses Komponisten zeigen.

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Bislang spielt der italienische Komponist, der 1695 in Bergamo geboren wurde, selbst ein bekannter Violinvirtuose, aber auch ein erfolgreicher Verleger war, im Musikleben kaum eine Rolle. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Der Musikbetrieb von heute ist wenig abenteuerlustig. Kaum ein Veranstalter ist an weniger bekannten Werken oder Komponisten interessiert. Es geht nur um die ganz großen Namen. Das ermutigt natürlich auch keinen Musiker, sich mit selten gespieltem Repertoire zu beschäftigen. Dazu kommt, dass Locatellis Musik besonders in den Capricci technisch spezielle Herausforderungen bereithält: hohe Lagen, Trillervariationen und auch schnelle Wechsel zwischen der tiefsten und höchsten Saite. In diesem hohen Tempo kenne ich das von keinem anderen Komponisten. Das kann abschreckend wirken.

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Diese extrem hohe Lage wie im Allegro und Andante des Violinkonzertes op. 3 Nr. 11 wird auch in späteren Violinkonzerten anderer Komponisten nicht erreicht. Ich kenne jedenfalls nichts Vergleichbares. Die Violine klingt eher nach einer hohen Flöte. Sie müssen die Finger auf engstem Raum austauschen, um das spielen zu können.

Wenn man ein bisschen zu dicke Fingerkuppen hat, geht es überhaupt nicht. Locatelli hat wohl seine Instrumente vor allem danach ausgesucht, wie sie in der hohen Lage klingen. Die Verlängerung des Griffbetts im Geigenbau hat sicherlich auch mit ihm und seinen Kompositionen zu tun. Er selbst muss schmale Finger gehabt haben. Es gibt die Anekdote von ihm, dass er in der hohen Lage mit dem kleinen Finger im F-Loch der Geige steckenblieb.

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Sind diese unfassbar hohen Stellen für Sie eine Zirkusnummer? Oder suchen sie auch darin den künstlerischen Ausdruck?

Es ging mir bei diesen herausfordernden Passagen vor allem darum, diese verrückte Virtuosität darzustellen. Klangschönheit spielte für mich hier keine Rolle. Dass die Violine bei diesen extremen Stellen nicht mehr nach einer Violine klingt, ist sicherlich von Locatelli beabsichtigt. Diesen Effekt wollte ich deutlich machen.

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Das Album heißt „il virtuoso, il poeta“. Neben dem Spektakulären gibt es auch viel Zartes, Schmerzvolles wie im außergewöhnlichen Concerto Grosso op. 7 Nr. 6 „Il Pianto d’Arianna“ – das Weinen der Ariadne. Der erste Einsatz der Solovioline klingt wie ein Rezitativ. Wie empfinden Sie dieses Concerto?

Die Konzeption ist wirklich besonders. Giovanni Antonini und ich denken schon, dass sich Locatelli an einem Text orientiert hat wie dem, der Claudio Monteverdis „Lamento d’Arianna“ zugrunde liegt. Die einzelnen Sätze stehen für Emotionen wie Trauer, Verzweiflung und Wut.

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Es gibt auch, was die Form angeht, Ungewöhnliches bei Locatelli. Das Violinkonzert op. 3 Nr. 2 hat keine schnellen Außensätze, sondern zweimal ein Andante mit einem Largo in der Mitte. Im Schluss-Satz ist die Solokadenz länger als der übrige Satz. Ist Locatelli für Sie ein radikaler Ausdrucksmusiker?

Ein radikaler Ausdrucksmusiker – das klingt schön. Er orientierte sich sicher an dem Vorbild Arcangelo Corelli, den er wahrscheinlich in Rom auch persönlich getroffen hat. Innerhalb dieser Tradition hat er sich aber große Freiheiten genommen und das Alte mit dem Neuen verbunden. Seine Capricci, die oft als Kadenzen gespielt wurden, waren über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Man geht auch davon aus, dass Paganini sie gekannt hat.

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Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit für Sie mit diesem Orchester – beispielsweise bei den Concerti grossi?

Ich nehme mich bei diesen Werken wirklich als Orchestermitglied mit solistischer Funktion wahr. Auf der einen Seite muss ich in die Gruppe eintauchen und mich anpassen, auf der anderen Seite erwarten die Musiker von mir aber auch Impulse. Das ist ein intensiver Prozess, der viel Energie kostet. Danach bin ich immer sehr erschöpft, weil ich mich selbst über Grenzen bringe. Aber das erweitert meine Palette und lässt meinen Kopf arbeiten.

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Mit Giovanni Antonini haben Sie die Mozart-Konzerte eingespielt und in der Vergangenheit auch öfters zusammengearbeitet, zum Beispiel bei Beethovens Tripel-Konzert. Was schätzen Sie an ihm?

Er ist für mich ein absoluter Ausnahmemusiker. Ich lerne sehr viel von ihm, wenn wir miteinander arbeiten. Wie geht man an eine Phrase heran? Wie empfindet man einen Puls? Welche Bedeutung hat die italienische Sprache für die Instrumentalmusik? Wir sind auch sehr gut befreundet und haben Kontakt außerhalb der Konzerttourneen.

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Im Oktober erscheint eine weitere CD von Ihnen mit Sololiteratur des 17. Jahrhunderts und Werken von recht unbekannten Komponisten wie Nicola Matteis und Johann Joseph Vilsmayr. Warum diese CD?

Das sind nur Herzensstücke von mir, die ich mir vor einigen Jahren herausgepickt habe durch intensive Recherche in der Barockwelt. Ich suchte ein alternatives Soloprogramm zu den Sonaten und Partiten von Bach und hatte auch ein Rezitalprogramm, bei denen ich diese Werke zeitgenössischen Kompositionen gegenüberstellte. Als die Coronapandemie kam, war für mich völlig klar, dass ich diese Werke aufnehme – das hat auch besonders gut in die erste solitäre Phase gepasst. Ich war alleine im Studio und musste keine Distanz halten. Die Idee, diese Aufnahmen auf dem Album mit zeitgenössischen Werken zu kombinieren, haben wir wieder verworfen. Die Stücke stehen jetzt ganz für sich, was vielleicht sogar schöner ist.