Interview & Porträt

Ich habe immer noch Lust“

Von
Manuel Brug
Erschienen in der Printausgabe im
November 2023
Lesezeit ca.
…
Minuten
Foto: Marco Borggreve
Foto: Marco Borggreve

Auch Countertenöre gehen irgendwann in Rente. Und wollen bisweilen ein Nachopernleben führen. Pionierfiguren wie Alfred Deller (gestorben 1979) oder James Bowman (gestorben 2023) sind verschwundene Legenden. Einen René Jacobs (76) kennt man heute kaum noch als etwas meckrigen Countertenor, mehr als erfolgreichen Dirigenten zwischen Innsbruck, Wien, Berlin, Paris und Brüssel. Der Deutsche Andreas Scholl (55), der 2005 als erster Counter die Last Night of the Proms bezauberte und als Erster seiner Art bei der Decca für ein Majorlabel verpflichtet wurde, aber sich nie auf der Bühne wirklich wohlfühlte, unterrichtet, dirigiert ein wenig oder singt höchstens noch englische Lautenlieder. Und ein Max Emanuel Cencic (47), der sich bereits als sechsjähriger Knabensolist öffentlich vernehmen ließ, ist, obwohl immer noch aktiv, seit 13 Jahren fleißig als Produzent, Impresario, CD-Macher, Regisseur unterwegs – und seit 2020 auch als Intendant des tollen Bayreuth Baroque Festivals. Nur einige von vielen Beispielen.

Der erst 45-jährige Philippe Jaroussky, ein Counterstar nicht nur in Frankreich seit über 20 Jahren und mit mehr als 40 Veröffentlichungen ein mehr als fleißiges Medien-Lieschen, er hat ebenfalls inzwischen den virtuosen Rollen weitgehend Adieu gesagt, singt nach wie vor Bach und lyrischere Arien. Außerdem hat er 2022 sein Dirigierdebüt in der Oper gegeben: mit einem prächtig besetzten „Giulio Cesare“ im Pariser Théâtre de Champs-Élysées.

Diesen Winter folgt in Paris Sartoris „Orfeo“.

Jaroussky sieht sich in erste Linie als Instrumentalist, wurde auf der Geige und dem Klavier ausgebildet, bevor sein schwerelos leichtes, elegant beredtes Singen entdeckt wurde. Und auch in seinen hektischen Vokaljahren stand Jaroussky immer wieder für kleine Kantatenprojekte am Pult seines eigenen Ensembles Artasere. Bei ihren Salzburger Pfingstfestspielen 2021 etwa räumte ihm die gute Freundin Cecilia Bartoli den sonntäglichen Oratorienkonzertplatz für eine aufregend bewegliche, souverän besetzte Aufführung von Alessandro Scarlattis Oratorium „Il primo omicidio“ generös frei.

Da war schon zu spüren: Philippe Jaroussky beherrscht mit seiner natürlichen Musikalität auch die große Form. Und die wirklich populäre Händel-Oper an einem Pariser Ort, wo sich die Barockgrößen die Klinke in die Hand geben, das war dann das ganz große Kürlaufen. Er, der jahrelang als Sesto geglänzt hatte, der an der Seite seiner Mutter Cornelia den auf Rache sinnenden Sohn des von Tolemeo ermordeten Pompeo gegeben hatte, der überließ drei anderen Countertenören die Singarena, aber leitete so souverän wie umsichtig, ganz nah an der Szene, dabei mit einem weichen, feinen, doch auch stets vorantreibenden Klang Händels amüsant- anrührendes Intrigengeschehen im Schatten der Pyramiden.

Doch jetzt kommt Jaroussky noch einmal mit hochverzierten Arien: „Ich habe halt immer noch Lust. Und die Stimmbänder sind noch recht biegsam. Dieses Programm mit vergessenen Arien auf Libretti von Metastasio wird wohl das letzte sein, bei dem ich mich eine solchen Herausforderung stelle – zumal ja auch noch eine Tournee folgt. Im Studio solche langen Arien zu singen ist das eine, aber live und mehre Wochen lang – puuh!“ Jaroussky gibt mehrere Beweggründe für dieses Album an. Zunächst einmal die Partnerschaft mit einem Dirigenten – er wollte unbedingt eine Aufnahme mit Julien Chauvin und seiner Gruppe Le Concert de la Loge machen: „Wir haben musikalisch eine Superverbindung, wir haben schon viele Konzerte zusammen gegeben. Als Geiger kenne ich ihn seit über 20 Jahren, auch als Konzertmeister von Jérémie Rhorers Ensemble Le Cercle de L’Harmonie, mit dem ich meine Johann-Christian- Bach-Platte eingespielt habe. Und außerdem wollte ich zu dieser spätbarocken Musik zurückkehren, die ich inzwischen mit ihrer bisweilen melancholischen Schwerblütigkeit sehr mag.“

Den Geschmack ihrer Orchestrierung findet Philippe Jaroussky sehr subtil. Als reiferer Interpret kann er solches mehr genießen, auch weil seine Stimme heute natürlich besser platziert ist. Auch die Phrasierungen sind länger, das muss man atmen können. Es gibt auch Stücke wie aus Hasses „Demofoonte“, wo die Baritonlage stärker zum Einsatz kommt: „Ich spreche ja in Baritonlage, aber meine Singstimme in diesen Gefilden, die habe ich erst in den letzten Jahren ausgebaut. Das Passaggio war nie meine Spezialität, aber für die Kastratenrollen ist das unabdingbar. Sie haben die Bruststimme vermutlich noch viel öfter als Farbkontrast und Verzierungsmittel benutzt, als wir es uns heute vorstellen können.“

Auf dieses Metastatio-Menü ist Philippe Jaroussky zudem gekommen, weil er es spannend fand, bei einem so bedeutenden Librettisten nach unbekannteren Vertonungen zu suchen. Seine Libretti sind ja meist dutzendfach immer wieder verwendet worden, wir kennen höchstens ein, zwei Variationen, ob von „L’Olimpiade“, „Il re pastore“, „Catone in Utica“, „La clemenza di Tito“ oder eben „Artaserse“.

Jarousky wollte wieder mal Unbekanntes versammeln. Und: „Wenn ich auf Tour bin, sitze ich gern abends vor dem Computer und checke unbekannte Partituren durch. Da kann ich heute schon sehr schnell sehen, etwa in einer Stunde pro Oper, ob was Gutes zum Singen dabei ist, wie die Orchestrierung sich präsentiert. Oft sind auch die ganzen Werke nicht so toll, aber einzelne herausragende Arien finden sich immer wieder. Gegenwärtig habe ich bestimmt 200 potenziell für mich interessante Opern in meinem Computer, die ich noch durchforsten muss. Und dann lege ich mir Files mit interessanten Arien an, doch die muss man dann natürlich auch kombinieren können. So wachsen Projekte ganz langsam. Plötzlich hatte ich also einen prallen Ordner mit spätbarocken Arien, die fast alle von Metastasio waren.“

Die Jagd nach Noten ist nicht mehr so leicht wie vor 20 Jahren. Vor allem nicht, wenn man wirklich nach noch nie aufgenommenem Material forscht: „Denn alle suchen doch heute nach Weltersteinspielungen. Und dann macht man plötzlich bei wirklich unbekannten Komponisten wie Bernasconi, Ferrandini oder Valentini Halt.“

Was macht Metastasio so besonders? „Die Balance der

Verse, die Rhythmik, die wohlabgewogenen Kontraste der Worte. Und irgendwie singt es sich auch fein, fühlt sich meist natürlich an, wie sich daraus eine Melodieführung ergibt und die Komponisten sich leicht inspirieren lassen. Ich habe das schon bei meinem Caldara-Album festgestellt, denn er hat als Erster ,La clemenza di Tito‘ und dieses wunderschöne ,Se mei senti spirati sul volto‘ vertont. Manche berühmten Metastatio-Arien schienen auch viele andere Tonsetzer herausgefordert zu haben, gerade in der Variation ihr Können zu zeigen. Man könnte wohl sogar ganz radikal auch einmal ein ganzes Album mit nur einem Arientext in unterschiedlichsten Vertonungen besingen.“

Langweilig wird es Philippe Jaroussky also nicht so schnell. Zumal er ja auch bereits seit einigen Jahren an der extra für ihn eingerichteten Akademie am Konzertsaal La Seine musicale im Pariser Süden unterrichtet. Zunehmend will er sich auch Nicht-Barockorchestern als Dirigent stellen, einen ersten Mozart-Versuch in Montpellier hat er bereits hinter sich. Und Ende Juni steht er sogar in Berlin wieder mal bei einer Opernuraufführung auf der Bühne: An der Staatsoper gibt es die extra für ihn von Marc-André Dalbavie komponierte „Melancholie des Widerstands“.

Auch Countertenöre gehen irgendwann in Rente. Und wollen bisweilen ein Nachopernleben führen. Pionierfiguren wie Alfred Deller (gestorben 1979) oder James Bowman (gestorben 2023) sind verschwundene Legenden. Einen René Jacobs (76) kennt man heute kaum noch als etwas meckrigen Countertenor, mehr als erfolgreichen Dirigenten zwischen Innsbruck, Wien, Berlin, Paris und Brüssel. Der Deutsche Andreas Scholl (55), der 2005 als erster Counter die Last Night of the Proms bezauberte und als Erster seiner Art bei der Decca für ein Majorlabel verpflichtet wurde, aber sich nie auf der Bühne wirklich wohlfühlte, unterrichtet, dirigiert ein wenig oder singt höchstens noch englische Lautenlieder. Und ein Max Emanuel Cencic (47), der sich bereits als sechsjähriger Knabensolist öffentlich vernehmen ließ, ist, obwohl immer noch aktiv, seit 13 Jahren fleißig als Produzent, Impresario, CD-Macher, Regisseur unterwegs – und seit 2020 auch als Intendant des tollen Bayreuth Baroque Festivals. Nur einige von vielen Beispielen.

Der erst 45-jährige Philippe Jaroussky, ein Counterstar nicht nur in Frankreich seit über 20 Jahren und mit mehr als 40 Veröffentlichungen ein mehr als fleißiges Medien-Lieschen, er hat ebenfalls inzwischen den virtuosen Rollen weitgehend Adieu gesagt, singt nach wie vor Bach und lyrischere Arien. Außerdem hat er 2022 sein Dirigierdebüt in der Oper gegeben: mit einem prächtig besetzten „Giulio Cesare“ im Pariser Théâtre de Champs-Élysées.

Diesen Winter folgt in Paris Sartoris „Orfeo“.

Jaroussky sieht sich in erste Linie als Instrumentalist, wurde auf der Geige und dem Klavier ausgebildet, bevor sein schwerelos leichtes, elegant beredtes Singen entdeckt wurde. Und auch in seinen hektischen Vokaljahren stand Jaroussky immer wieder für kleine Kantatenprojekte am Pult seines eigenen Ensembles Artasere. Bei ihren Salzburger Pfingstfestspielen 2021 etwa räumte ihm die gute Freundin Cecilia Bartoli den sonntäglichen Oratorienkonzertplatz für eine aufregend bewegliche, souverän besetzte Aufführung von Alessandro Scarlattis Oratorium „Il primo omicidio“ generös frei.

Da war schon zu spüren: Philippe Jaroussky beherrscht mit seiner natürlichen Musikalität auch die große Form. Und die wirklich populäre Händel-Oper an einem Pariser Ort, wo sich die Barockgrößen die Klinke in die Hand geben, das war dann das ganz große Kürlaufen. Er, der jahrelang als Sesto geglänzt hatte, der an der Seite seiner Mutter Cornelia den auf Rache sinnenden Sohn des von Tolemeo ermordeten Pompeo gegeben hatte, der überließ drei anderen Countertenören die Singarena, aber leitete so souverän wie umsichtig, ganz nah an der Szene, dabei mit einem weichen, feinen, doch auch stets vorantreibenden Klang Händels amüsant- anrührendes Intrigengeschehen im Schatten der Pyramiden.

Doch jetzt kommt Jaroussky noch einmal mit hochverzierten Arien: „Ich habe halt immer noch Lust. Und die Stimmbänder sind noch recht biegsam. Dieses Programm mit vergessenen Arien auf Libretti von Metastasio wird wohl das letzte sein, bei dem ich mich eine solchen Herausforderung stelle – zumal ja auch noch eine Tournee folgt. Im Studio solche langen Arien zu singen ist das eine, aber live und mehre Wochen lang – puuh!“ Jaroussky gibt mehrere Beweggründe für dieses Album an. Zunächst einmal die Partnerschaft mit einem Dirigenten – er wollte unbedingt eine Aufnahme mit Julien Chauvin und seiner Gruppe Le Concert de la Loge machen: „Wir haben musikalisch eine Superverbindung, wir haben schon viele Konzerte zusammen gegeben. Als Geiger kenne ich ihn seit über 20 Jahren, auch als Konzertmeister von Jérémie Rhorers Ensemble Le Cercle de L’Harmonie, mit dem ich meine Johann-Christian- Bach-Platte eingespielt habe. Und außerdem wollte ich zu dieser spätbarocken Musik zurückkehren, die ich inzwischen mit ihrer bisweilen melancholischen Schwerblütigkeit sehr mag.“

Den Geschmack ihrer Orchestrierung findet Philippe Jaroussky sehr subtil. Als reiferer Interpret kann er solches mehr genießen, auch weil seine Stimme heute natürlich besser platziert ist. Auch die Phrasierungen sind länger, das muss man atmen können. Es gibt auch Stücke wie aus Hasses „Demofoonte“, wo die Baritonlage stärker zum Einsatz kommt: „Ich spreche ja in Baritonlage, aber meine Singstimme in diesen Gefilden, die habe ich erst in den letzten Jahren ausgebaut. Das Passaggio war nie meine Spezialität, aber für die Kastratenrollen ist das unabdingbar. Sie haben die Bruststimme vermutlich noch viel öfter als Farbkontrast und Verzierungsmittel benutzt, als wir es uns heute vorstellen können.“

Auf dieses Metastatio-Menü ist Philippe Jaroussky zudem gekommen, weil er es spannend fand, bei einem so bedeutenden Librettisten nach unbekannteren Vertonungen zu suchen. Seine Libretti sind ja meist dutzendfach immer wieder verwendet worden, wir kennen höchstens ein, zwei Variationen, ob von „L’Olimpiade“, „Il re pastore“, „Catone in Utica“, „La clemenza di Tito“ oder eben „Artaserse“.

Jarousky wollte wieder mal Unbekanntes versammeln. Und: „Wenn ich auf Tour bin, sitze ich gern abends vor dem Computer und checke unbekannte Partituren durch. Da kann ich heute schon sehr schnell sehen, etwa in einer Stunde pro Oper, ob was Gutes zum Singen dabei ist, wie die Orchestrierung sich präsentiert. Oft sind auch die ganzen Werke nicht so toll, aber einzelne herausragende Arien finden sich immer wieder. Gegenwärtig habe ich bestimmt 200 potenziell für mich interessante Opern in meinem Computer, die ich noch durchforsten muss. Und dann lege ich mir Files mit interessanten Arien an, doch die muss man dann natürlich auch kombinieren können. So wachsen Projekte ganz langsam. Plötzlich hatte ich also einen prallen Ordner mit spätbarocken Arien, die fast alle von Metastasio waren.“

Die Jagd nach Noten ist nicht mehr so leicht wie vor 20 Jahren. Vor allem nicht, wenn man wirklich nach noch nie aufgenommenem Material forscht: „Denn alle suchen doch heute nach Weltersteinspielungen. Und dann macht man plötzlich bei wirklich unbekannten Komponisten wie Bernasconi, Ferrandini oder Valentini Halt.“

Was macht Metastasio so besonders? „Die Balance der

Verse, die Rhythmik, die wohlabgewogenen Kontraste der Worte. Und irgendwie singt es sich auch fein, fühlt sich meist natürlich an, wie sich daraus eine Melodieführung ergibt und die Komponisten sich leicht inspirieren lassen. Ich habe das schon bei meinem Caldara-Album festgestellt, denn er hat als Erster ,La clemenza di Tito‘ und dieses wunderschöne ,Se mei senti spirati sul volto‘ vertont. Manche berühmten Metastatio-Arien schienen auch viele andere Tonsetzer herausgefordert zu haben, gerade in der Variation ihr Können zu zeigen. Man könnte wohl sogar ganz radikal auch einmal ein ganzes Album mit nur einem Arientext in unterschiedlichsten Vertonungen besingen.“

Langweilig wird es Philippe Jaroussky also nicht so schnell. Zumal er ja auch bereits seit einigen Jahren an der extra für ihn eingerichteten Akademie am Konzertsaal La Seine musicale im Pariser Süden unterrichtet. Zunehmend will er sich auch Nicht-Barockorchestern als Dirigent stellen, einen ersten Mozart-Versuch in Montpellier hat er bereits hinter sich. Und Ende Juni steht er sogar in Berlin wieder mal bei einer Opernuraufführung auf der Bühne: An der Staatsoper gibt es die extra für ihn von Marc-André Dalbavie komponierte „Melancholie des Widerstands“.