Ständig unter Strom
Riccardo Minasi gehört zu den aufregendsten Dirigenten der Gegenwart. Seine Energie ist mitreißend, oft auch explosiv – und kann sich beim Ensemble Resonanz besonders gut entfalten.

Wie schafft er das bloß? Bei der Probe im „resonanzraum“ in Hamburg St. Pauli wirkt Riccardo Minasi wie aufgedreht. Er durchlebt die Stimmungswechsel in Beethovens Violinkonzert mit dem ganzen Körper. Minasi wippt und hüpft auf dem Podium, die Akzente von Pauke und Trompete boxt er mit der rechten Faust in die Luft – und pusht das Intensitätslevel in den roten Bereich. Dauerhaft.
„Er bringt einfach eine unglaubliche Energie mit“, sagt die Cellistin Saerom Park vom Ensemble Resonanz in der Pause, „und er kann die Menschen wirklich anstecken. Du bist so vollgeladen danach, obwohl Du wirklich hart arbeitest!“
Auch als Zuhörer bin ich gefesselt und außer Atem. Die Aufführung von Beethovens Violinkonzert am nächsten Tag, im Großen Saal der Elbphilharmonie, mit der Geigerin Alena Baeva, wird die aufregendste Version dieses Stücks, an die ich mich erinnern kann. Lebendig, rau und mitreißend. Der gebürtige Römer, Mitte 40, setzt den ganzen Raum unter Strom. Aber er selbst nimmt das gar nicht so wahr. „Ich habe gar nicht so viel Energie“, wiegelt er ab. „Ich trainiere auch nicht dafür. Wenn mich der Enthusiasmus packt, dann geht’s halt mit mir durch, dann springe ich herum wie ein Kind.“ Die Zusammenarbeit mit dem Ensemble Resonanz, die schon seit 2014 währt und mit der Ernennung zum „Principal Guest Conductor“ zur Saison 2022/23 noch einmal verfestigt wurde, biete aber auch ideale Voraussetzungen, um diesen Enthusiasmus zu entflammen. „Das ist schon ein besonderer Fall mit diesem Ensemble. Wir haben einen sehr guten Austausch, können zusammen wirklich in Details eintauchen. Die Musikerinnen und Musiker geben immer alles. Das erlebe ich nicht so oft.“
Gerade bei so vertrauten Werken wie dem Violinkonzert von Beethoven oder den späten Mozart-Sinfonien, die Minasi mehrfach mit dem Ensemble Resonanz aufgeführt und dann auch aufgenommen hat, springt der ganz eigene Ton ins Ohr. Ein Ansatz, der Kontraste schärft und mit Hörgewohnheiten bricht. Als hätten Dirigent und (Kammer-)Orchester die Werke gerade erst aus der Taufe gehoben. Genau das ist Minasis Credo. Partituren so zu lesen, als wäre es das erste Mal. „Routine gibt es für mich nicht, sie tötet die Musik. Natürlich darf das jeder anders sehen – aber ich hasse es, bestimmte Passagen aus einem Stück in der Probe nur deshalb zu wiederholen, damit man sie halt gemacht hat.“
Mit dem unermüdlichen Bestreben, immer wieder Neues zu entdecken, hat der Dirigent viele packende Interpretationen hervorgebracht und positive Reibungen erzeugt, aber auch irritiert. Bequem ist das eben nicht, was er da macht und von sich und anderen verlangt. Darauf muss man sich erstmal einlassen. Was immer mehr Orchester und Opernhäuser tun: Riccardo Minasi ist künstlerischer Leiter beim Orchester „La Scintilla“ am Opernhaus Zürich und Musikdirektor der Oper Carlo Felice in Genua – und neben diesen Festengagements ein begehrter Gast bei renommierten Klangkörpern in Europa und Asien, darunter Orchester wie das Concertgebouw Amsterdam oder die Staatskapelle Dresden. Ende Oktober stand Minasi zum ersten Mal bei den Berliner Philharmonikern am Pult.
„Wie gut so ein Zusammentreff en zwischen Dirigent und Orchester funktioniert, ist kaum vorherzusagen“, sagt Minasi beim Treff en sechs Wochen vor den Philharmoniker-Debüt. „Ich sehe mich selbst da auch noch in einem Lernprozess. Im Vergleich mit manchen Kolleginnen und Kollegen mache ich das ja noch gar nicht so lange. Ich versuche, meine Ideen zu vermitteln, und schaue, wie das Orchester darauf reagiert. Wie sich die Vorstellung, die in meinem Kopf entstanden ist, umsetzen lässt. In den letzten Jahren hatte ich eigentlich nur gute Erfahrungen damit. Zu Anfang habe ich dagegen sicher auch Fehler gemacht und nicht so gut verstanden, was die Orchester brauchen. Da war ich wahrscheinlich nicht so angenehm, weil mir die Erfahrung fehlte.“
Mittlerweile hat Minasi mehr Erfahrung als Dirigent gesammelt. Und er weiß auch aus der anderen Perspektive, was ein Orchester braucht. Als international gefragter Geiger und Konzertmeister hat er in Ensembles wie Le Concert des Nations, Concerto Italiano oder Il Giardino Armonico gespielt. Mittlerweile nimmt er sein Instrument aber immer seltener in die Hand. „Schauen Sie meine Fingernägel an“, sagt er beim Interview. Die sind tatsächlich nicht mehr so ratzekurz wie bei den meisten Streichern. „Seit ich dirigiere, ist es immer schwerer, dafür Zeit zu finden. Vor zwei Jahren beispielsweise habe ich mich im Sommer drei Monate lang auf die 3. Sinfonie von Mahler vorbereitet und abends „Così fan tutte“ dirigiert. Und im letzten Herbst hatte ich „Die Entführung aus dem Serail“, „La Cenerentola“ und vier neue sinfonische Programme gleichzeitig. Da bin ich nicht dazu gekommen, das Instrument anzufassen.“
Sein Fokus hat sich verschoben, in Richtung Fulltime-Dirigent. „Aber ich werde ja auch älter, und es ist gut, etwas zu tun, was man noch länger machen kann.“ Natürlich haben ihn die Erfahrungen in Orchestern und Ensembles, überwiegend aus der Alte-Musik-Szene, geprägt, auch stilistisch. Aber wehe, man fragt ihn nach der „Historisch informierten Aufführungspraxis“. Dann zieht er erstmal ein Saure-Zitronen-Gesicht. „Grundsätzlich beschreibt der Begriff schon eine gute Idee“, bekennt Minasi. „Aber ich habe viele Leute getroffen, die sich die drei Buchstaben HiP auf die Fahne schreiben und eigentlich nicht die leiseste Ahnung davon haben, was sie tun. Dann wird das Etikett zur Tarnung für einen fast schon laienhaften Zugang zur Musik, ohne jegliche musikwissenschaftliche Ernsthaftigkeit und technisches Können. Das hat mich total genervt.“
Trotz seiner beinahe allergischen Reaktion auf den Begriff agiert Riccardo Minasi mit genau der traditionskritischen Sorgfalt und dem Bewusstsein für den musikalischen Kontext, wie es von ihm geschätzte Pioniere der historisch informierten Aufführungspraxis wie Nikolaus Harnoncourt oder Alan Curtis vorgemacht haben. Minasi selbst hat etwa eine Notenedition von Bellinis Oper „Norma“ herausgegeben, die dem aktuellen Forschungsstand der Musikwissenschaft entspricht. Und wenn er Sinfonien von
Mozart studiert, liest er den Notentext immer mit dem Wissen um die musikalische Rhetorik, die stilistischen Einflüsse und die generelle Ausrichtung des Komponisten. „Mozart ist in erster Linie ein Opernkomponist, ein Dramatiker“, betont Minasi. „Ein Genie darin, Gefühle zu vermitteln und Räume zu schaffen, in denen bestimmte Teile der Handlung stattfinden. Das zeigt er auch – nicht ganz so offensichtlich – in den Sinfonien. Er ist ja nicht nur ein geistiger Sohn von Johann Christian Bach, sondern auch von den Musikern der neapolitanischen Schule.“
Diese Dramatik der Sinfonien, ihre Licht- und Stimmungswechsel inszeniert Riccardo Minasi mit dem Ensemble Resonanz wunderbar plastisch und packend. Bei der Aufführung der „Linzer“ in der Elbphilharmonie stellt er die Charakterwechsel der Musik fast schon pantomimisch dar. Er entfernt sich ziemlich weit von einem klassischen Dirigat – und inspiriert das Kammerorchester damit zu einer unglaublich farbigen Interpretation. Eine Performance wie instrumentales Theater, voller Leidenschaft und Witz. Herrlich. Natürlich wirkt das live im Konzert besonders schön. Aber nicht nur da. Die besondere Energie von Minasi und dem Ensemble Resonanz sprüht auch in der Aufnahme.
Wie schafft er das bloß? Bei der Probe im „resonanzraum“ in Hamburg St. Pauli wirkt Riccardo Minasi wie aufgedreht. Er durchlebt die Stimmungswechsel in Beethovens Violinkonzert mit dem ganzen Körper. Minasi wippt und hüpft auf dem Podium, die Akzente von Pauke und Trompete boxt er mit der rechten Faust in die Luft – und pusht das Intensitätslevel in den roten Bereich. Dauerhaft.
„Er bringt einfach eine unglaubliche Energie mit“, sagt die Cellistin Saerom Park vom Ensemble Resonanz in der Pause, „und er kann die Menschen wirklich anstecken. Du bist so vollgeladen danach, obwohl Du wirklich hart arbeitest!“
Auch als Zuhörer bin ich gefesselt und außer Atem. Die Aufführung von Beethovens Violinkonzert am nächsten Tag, im Großen Saal der Elbphilharmonie, mit der Geigerin Alena Baeva, wird die aufregendste Version dieses Stücks, an die ich mich erinnern kann. Lebendig, rau und mitreißend. Der gebürtige Römer, Mitte 40, setzt den ganzen Raum unter Strom. Aber er selbst nimmt das gar nicht so wahr. „Ich habe gar nicht so viel Energie“, wiegelt er ab. „Ich trainiere auch nicht dafür. Wenn mich der Enthusiasmus packt, dann geht’s halt mit mir durch, dann springe ich herum wie ein Kind.“ Die Zusammenarbeit mit dem Ensemble Resonanz, die schon seit 2014 währt und mit der Ernennung zum „Principal Guest Conductor“ zur Saison 2022/23 noch einmal verfestigt wurde, biete aber auch ideale Voraussetzungen, um diesen Enthusiasmus zu entflammen. „Das ist schon ein besonderer Fall mit diesem Ensemble. Wir haben einen sehr guten Austausch, können zusammen wirklich in Details eintauchen. Die Musikerinnen und Musiker geben immer alles. Das erlebe ich nicht so oft.“
Gerade bei so vertrauten Werken wie dem Violinkonzert von Beethoven oder den späten Mozart-Sinfonien, die Minasi mehrfach mit dem Ensemble Resonanz aufgeführt und dann auch aufgenommen hat, springt der ganz eigene Ton ins Ohr. Ein Ansatz, der Kontraste schärft und mit Hörgewohnheiten bricht. Als hätten Dirigent und (Kammer-)Orchester die Werke gerade erst aus der Taufe gehoben. Genau das ist Minasis Credo. Partituren so zu lesen, als wäre es das erste Mal. „Routine gibt es für mich nicht, sie tötet die Musik. Natürlich darf das jeder anders sehen – aber ich hasse es, bestimmte Passagen aus einem Stück in der Probe nur deshalb zu wiederholen, damit man sie halt gemacht hat.“
Mit dem unermüdlichen Bestreben, immer wieder Neues zu entdecken, hat der Dirigent viele packende Interpretationen hervorgebracht und positive Reibungen erzeugt, aber auch irritiert. Bequem ist das eben nicht, was er da macht und von sich und anderen verlangt. Darauf muss man sich erstmal einlassen. Was immer mehr Orchester und Opernhäuser tun: Riccardo Minasi ist künstlerischer Leiter beim Orchester „La Scintilla“ am Opernhaus Zürich und Musikdirektor der Oper Carlo Felice in Genua – und neben diesen Festengagements ein begehrter Gast bei renommierten Klangkörpern in Europa und Asien, darunter Orchester wie das Concertgebouw Amsterdam oder die Staatskapelle Dresden. Ende Oktober stand Minasi zum ersten Mal bei den Berliner Philharmonikern am Pult.
„Wie gut so ein Zusammentreff en zwischen Dirigent und Orchester funktioniert, ist kaum vorherzusagen“, sagt Minasi beim Treff en sechs Wochen vor den Philharmoniker-Debüt. „Ich sehe mich selbst da auch noch in einem Lernprozess. Im Vergleich mit manchen Kolleginnen und Kollegen mache ich das ja noch gar nicht so lange. Ich versuche, meine Ideen zu vermitteln, und schaue, wie das Orchester darauf reagiert. Wie sich die Vorstellung, die in meinem Kopf entstanden ist, umsetzen lässt. In den letzten Jahren hatte ich eigentlich nur gute Erfahrungen damit. Zu Anfang habe ich dagegen sicher auch Fehler gemacht und nicht so gut verstanden, was die Orchester brauchen. Da war ich wahrscheinlich nicht so angenehm, weil mir die Erfahrung fehlte.“
Mittlerweile hat Minasi mehr Erfahrung als Dirigent gesammelt. Und er weiß auch aus der anderen Perspektive, was ein Orchester braucht. Als international gefragter Geiger und Konzertmeister hat er in Ensembles wie Le Concert des Nations, Concerto Italiano oder Il Giardino Armonico gespielt. Mittlerweile nimmt er sein Instrument aber immer seltener in die Hand. „Schauen Sie meine Fingernägel an“, sagt er beim Interview. Die sind tatsächlich nicht mehr so ratzekurz wie bei den meisten Streichern. „Seit ich dirigiere, ist es immer schwerer, dafür Zeit zu finden. Vor zwei Jahren beispielsweise habe ich mich im Sommer drei Monate lang auf die 3. Sinfonie von Mahler vorbereitet und abends „Così fan tutte“ dirigiert. Und im letzten Herbst hatte ich „Die Entführung aus dem Serail“, „La Cenerentola“ und vier neue sinfonische Programme gleichzeitig. Da bin ich nicht dazu gekommen, das Instrument anzufassen.“
Sein Fokus hat sich verschoben, in Richtung Fulltime-Dirigent. „Aber ich werde ja auch älter, und es ist gut, etwas zu tun, was man noch länger machen kann.“ Natürlich haben ihn die Erfahrungen in Orchestern und Ensembles, überwiegend aus der Alte-Musik-Szene, geprägt, auch stilistisch. Aber wehe, man fragt ihn nach der „Historisch informierten Aufführungspraxis“. Dann zieht er erstmal ein Saure-Zitronen-Gesicht. „Grundsätzlich beschreibt der Begriff schon eine gute Idee“, bekennt Minasi. „Aber ich habe viele Leute getroffen, die sich die drei Buchstaben HiP auf die Fahne schreiben und eigentlich nicht die leiseste Ahnung davon haben, was sie tun. Dann wird das Etikett zur Tarnung für einen fast schon laienhaften Zugang zur Musik, ohne jegliche musikwissenschaftliche Ernsthaftigkeit und technisches Können. Das hat mich total genervt.“
Trotz seiner beinahe allergischen Reaktion auf den Begriff agiert Riccardo Minasi mit genau der traditionskritischen Sorgfalt und dem Bewusstsein für den musikalischen Kontext, wie es von ihm geschätzte Pioniere der historisch informierten Aufführungspraxis wie Nikolaus Harnoncourt oder Alan Curtis vorgemacht haben. Minasi selbst hat etwa eine Notenedition von Bellinis Oper „Norma“ herausgegeben, die dem aktuellen Forschungsstand der Musikwissenschaft entspricht. Und wenn er Sinfonien von
Mozart studiert, liest er den Notentext immer mit dem Wissen um die musikalische Rhetorik, die stilistischen Einflüsse und die generelle Ausrichtung des Komponisten. „Mozart ist in erster Linie ein Opernkomponist, ein Dramatiker“, betont Minasi. „Ein Genie darin, Gefühle zu vermitteln und Räume zu schaffen, in denen bestimmte Teile der Handlung stattfinden. Das zeigt er auch – nicht ganz so offensichtlich – in den Sinfonien. Er ist ja nicht nur ein geistiger Sohn von Johann Christian Bach, sondern auch von den Musikern der neapolitanischen Schule.“
Diese Dramatik der Sinfonien, ihre Licht- und Stimmungswechsel inszeniert Riccardo Minasi mit dem Ensemble Resonanz wunderbar plastisch und packend. Bei der Aufführung der „Linzer“ in der Elbphilharmonie stellt er die Charakterwechsel der Musik fast schon pantomimisch dar. Er entfernt sich ziemlich weit von einem klassischen Dirigat – und inspiriert das Kammerorchester damit zu einer unglaublich farbigen Interpretation. Eine Performance wie instrumentales Theater, voller Leidenschaft und Witz. Herrlich. Natürlich wirkt das live im Konzert besonders schön. Aber nicht nur da. Die besondere Energie von Minasi und dem Ensemble Resonanz sprüht auch in der Aufnahme.



