Erkennen, wer ich heute bin
Die Pianistin Jimin Oh-Havenith gibt kaum Konzerte, präsentiert aber ihre mittlerweile neunte CD. Über eine ungewöhnliche Musiker-Laufbahn.

Musik kann Leben retten, da ist sich Jimin Oh-Havenith sicher. Zunächst einmal ihr eigenes: sieben Jahre nach Ende des koreanischen Bürgerkriegs zur Welt gekommen, ein Kind kriegstraumatisierter Eltern, aufwachsend in einer streng regulierten Gesellschaft – Park Chung-hee hatte nach dem Krieg eine Militärdiktatur in Südkorea errichtet, die fast 30 Jahre Bestand haben sollte. Die Kunst bot dem sensiblen Kind einen Ausweg aus einem beklemmenden Alltag: Jimin Oh-Havenith begann Klavier zu spielen, und wenn sie nicht Klavier spielte, floh sie in die Welt der Bücher. Mit 18 Jahren lernte sie bei einem Meisterkurs im Goethe-Institut von Seoul den deutschen Pianisten Raymond Havenith kennen, zwei Jahre später zog sie nach Deutschland, heiratete Havenith und nahm an der Kölner Hochschule ein Studium auf bei Aloys Kontarsky. Die Pianistin sprach kaum Deutsch, die neue Umgebung war ihr fremd, wie im Reflex, sagt sie heute, griff sie in all ihrer Unsicherheit auf das zurück, was sie in Südkorea gelernt hatte: den äußeren Erwartungen entsprechen, sich zurücknehmen, funktionieren.
Als sie 21 Jahre alt war, kam ihre Tochter zur Welt, Oh-Havenith übernahm die Rolle der Mutter und Ehefrau, die dem Pianisten-Ehemann den Rücken freihält. Hin und wieder traten sie gemeinsam auf, im Klavier-Duo, kurz vor den Konzerten begann sie zu üben – über die Geläufigkeit der Finger habe sie sich nie Gedanken machen müssen, die hätten immer funktioniert. Gemeinsam mit ihrem Mann nahm sie damals etwa das Gesamtwerk für Klavier von Ulrich Leyendecker auf, empfindungsstarke, intensiv komponierte Musik, die heute zu Unrecht kaum noch gespielt wird.
1989 widmete der Komponist seine „13 Bagatellen“ Jimin Oh-Havenith, die Pianistin übernahm die Uraufführung in Hannover. 1993 starb ihr Mann mit gerade einmal 45 Jahren an Krebs, Oh-Havenith war 32 und stand plötzlich alleine da mit ihrer zehnjährigen Tochter. Sie begann zu unterrichten, lernte dabei ihren heutigen Mann kennen und bekam einen Sohn. Wieder stellte sie das Klavierspielen zurück, auch weil es ihr ein Bedürfnis war, sich um ihre Kinder zu kümmern. Bei ihrem ersten Mann hatte sie die Aufregung einer Pianisten-Existenz mitbekommen in all ihren Extremen mit einem Leben zwischen Unterrichten, Konzertieren und Üben. Kaum mehr Zeit für anderes sei geblieben, kaum mehr Möglichkeit für ein Familienleben, erzählt sie heute. Das wollte sie nicht.
Und dennoch trat das große innere Bilanzieren ein, als ihr Sohn größer war und Jimin Oh-Havenith vor ihrem 50. Geburtstag stand: Was habe ich erreicht? Wenn ich jetzt abtreten müsste, was hätte ich aus meinem Leben und meinen Begabungen gemacht? Ihre Antwort, was die Musik angeht, sei sehr bitter und deprimierend gewesen, erzählt sie. Aber es gab nur einen Weg, wenn sie sich nicht der Verzweiflung hingeben wollte. Sie begann zu üben, gegen alle inneren Wiederstände und Einflüsterungen: Du bist zu alt! Du kannst das Verpasste nicht mehr aufholen! Die anderen hatten mehr Glück als Du! Die Finger liefen, wie immer eben, erzählt Oh-Havenith, aber keine Kondition, kein Selbstvertrauen, kein Selbstbewusstsein.
Wieviel von all dem es braucht, um eine große Sonate durchzuhalten oder gar einen ganzen Klavierabend, davon mache sich kaum ein Konzertgänger einen Begriff . Diese Kraft wieder aufzubauen, das sei ihr vorgekommen wie ein riesiger Berg, der zu bezwingen sei. Hauskonzerte machten den Anfang, um wieder in eine Auftrittsroutine zu gelangen. Als ihr musikliebender Steuerberater sie spielen hörte, bot er ihr an, eine CD-Aufnahme zu finanzieren. 2015 erschien Jimin Oh-Haveniths erste Solo-Einspielung mit einer überraschenden Mischung aus bekannt und unbekannt: Werke von Frédéric Chopin trafen auf solche des Amerikaners französischer Herkunft Louis Moreau Gottschalk (1829–1869). Seit 2019 erscheinen ihre CDs bei Audite: Die späten Klaviersonaten von Beethoven sind dabei, Franz Liszts h-moll-Sonate, Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“: das große Repertoire. Aufnahmen, die große Sorgfalt zeigen, die von Klangsinn, von stilistischem Geschmack und von geistiger Disziplin erzählen.
Ihre mittlerweile neunte CD führt nun ein Schumann-Projekt fort, das zunächst noch auf drei CDs ausgelegt ist; wahrscheinlich wird aber noch eine vierte hinzukommen. Eine späte Liebe: Von Robert Schumanns Musik war sie früher eher peinlich berührt, „sie war mir irgendwie unangenehm, ohne dass ich genau sagen könnte, warum.“ Vielleicht war es die Intensität der Gefühle, vielleicht das Off enlegen eines fragilen Inneren, dem man bei Schumann immer begegnet. „Er berührt das Herz nicht nur“, sagt die Pianistin, „er packt es!“
Ihr Mann, ein großer Schumann- Liebhaber, schlug ihr vor, sich doch einmal mit dieser Musik auseinanderzusetzen – mit dem Ergebnis, dass sie sich in seiner Musik nun aufgehoben fühlt. Schicht um Schicht habe sie abtragen müssen, um zu ihrer eigenen Person zu gelangen, erzählt sie – möglich, dass das auch ein Weg war zum Veständnis von Schumanns Musik. Jimin Oh-Havenith lebt für ihre CD-Projekte, die sie teils selbst, teils über Sponsoren finanziert. Konzerte spielt die mittlerweile 63-Jährige kaum einmal und auch das Unterrichten hat sie reduziert. Ehrgeiz empfinde sie nicht mehr, sagt sie, übriggeblieben sei der pure Wunsch und das pure Bedürfnis, Klavier zu spielen. Der tägliche Gang zum Flügel bringt ihr die Begegnung mit der Musik und mit sich selbst: Hören, wie es heute klingt, erkennen, wer ich heute bin.
Musik kann Leben retten, da ist sich Jimin Oh-Havenith sicher. Zunächst einmal ihr eigenes: sieben Jahre nach Ende des koreanischen Bürgerkriegs zur Welt gekommen, ein Kind kriegstraumatisierter Eltern, aufwachsend in einer streng regulierten Gesellschaft – Park Chung-hee hatte nach dem Krieg eine Militärdiktatur in Südkorea errichtet, die fast 30 Jahre Bestand haben sollte. Die Kunst bot dem sensiblen Kind einen Ausweg aus einem beklemmenden Alltag: Jimin Oh-Havenith begann Klavier zu spielen, und wenn sie nicht Klavier spielte, floh sie in die Welt der Bücher. Mit 18 Jahren lernte sie bei einem Meisterkurs im Goethe-Institut von Seoul den deutschen Pianisten Raymond Havenith kennen, zwei Jahre später zog sie nach Deutschland, heiratete Havenith und nahm an der Kölner Hochschule ein Studium auf bei Aloys Kontarsky. Die Pianistin sprach kaum Deutsch, die neue Umgebung war ihr fremd, wie im Reflex, sagt sie heute, griff sie in all ihrer Unsicherheit auf das zurück, was sie in Südkorea gelernt hatte: den äußeren Erwartungen entsprechen, sich zurücknehmen, funktionieren.
Als sie 21 Jahre alt war, kam ihre Tochter zur Welt, Oh-Havenith übernahm die Rolle der Mutter und Ehefrau, die dem Pianisten-Ehemann den Rücken freihält. Hin und wieder traten sie gemeinsam auf, im Klavier-Duo, kurz vor den Konzerten begann sie zu üben – über die Geläufigkeit der Finger habe sie sich nie Gedanken machen müssen, die hätten immer funktioniert. Gemeinsam mit ihrem Mann nahm sie damals etwa das Gesamtwerk für Klavier von Ulrich Leyendecker auf, empfindungsstarke, intensiv komponierte Musik, die heute zu Unrecht kaum noch gespielt wird.
1989 widmete der Komponist seine „13 Bagatellen“ Jimin Oh-Havenith, die Pianistin übernahm die Uraufführung in Hannover. 1993 starb ihr Mann mit gerade einmal 45 Jahren an Krebs, Oh-Havenith war 32 und stand plötzlich alleine da mit ihrer zehnjährigen Tochter. Sie begann zu unterrichten, lernte dabei ihren heutigen Mann kennen und bekam einen Sohn. Wieder stellte sie das Klavierspielen zurück, auch weil es ihr ein Bedürfnis war, sich um ihre Kinder zu kümmern. Bei ihrem ersten Mann hatte sie die Aufregung einer Pianisten-Existenz mitbekommen in all ihren Extremen mit einem Leben zwischen Unterrichten, Konzertieren und Üben. Kaum mehr Zeit für anderes sei geblieben, kaum mehr Möglichkeit für ein Familienleben, erzählt sie heute. Das wollte sie nicht.
Und dennoch trat das große innere Bilanzieren ein, als ihr Sohn größer war und Jimin Oh-Havenith vor ihrem 50. Geburtstag stand: Was habe ich erreicht? Wenn ich jetzt abtreten müsste, was hätte ich aus meinem Leben und meinen Begabungen gemacht? Ihre Antwort, was die Musik angeht, sei sehr bitter und deprimierend gewesen, erzählt sie. Aber es gab nur einen Weg, wenn sie sich nicht der Verzweiflung hingeben wollte. Sie begann zu üben, gegen alle inneren Wiederstände und Einflüsterungen: Du bist zu alt! Du kannst das Verpasste nicht mehr aufholen! Die anderen hatten mehr Glück als Du! Die Finger liefen, wie immer eben, erzählt Oh-Havenith, aber keine Kondition, kein Selbstvertrauen, kein Selbstbewusstsein.
Wieviel von all dem es braucht, um eine große Sonate durchzuhalten oder gar einen ganzen Klavierabend, davon mache sich kaum ein Konzertgänger einen Begriff . Diese Kraft wieder aufzubauen, das sei ihr vorgekommen wie ein riesiger Berg, der zu bezwingen sei. Hauskonzerte machten den Anfang, um wieder in eine Auftrittsroutine zu gelangen. Als ihr musikliebender Steuerberater sie spielen hörte, bot er ihr an, eine CD-Aufnahme zu finanzieren. 2015 erschien Jimin Oh-Haveniths erste Solo-Einspielung mit einer überraschenden Mischung aus bekannt und unbekannt: Werke von Frédéric Chopin trafen auf solche des Amerikaners französischer Herkunft Louis Moreau Gottschalk (1829–1869). Seit 2019 erscheinen ihre CDs bei Audite: Die späten Klaviersonaten von Beethoven sind dabei, Franz Liszts h-moll-Sonate, Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“: das große Repertoire. Aufnahmen, die große Sorgfalt zeigen, die von Klangsinn, von stilistischem Geschmack und von geistiger Disziplin erzählen.
Ihre mittlerweile neunte CD führt nun ein Schumann-Projekt fort, das zunächst noch auf drei CDs ausgelegt ist; wahrscheinlich wird aber noch eine vierte hinzukommen. Eine späte Liebe: Von Robert Schumanns Musik war sie früher eher peinlich berührt, „sie war mir irgendwie unangenehm, ohne dass ich genau sagen könnte, warum.“ Vielleicht war es die Intensität der Gefühle, vielleicht das Off enlegen eines fragilen Inneren, dem man bei Schumann immer begegnet. „Er berührt das Herz nicht nur“, sagt die Pianistin, „er packt es!“
Ihr Mann, ein großer Schumann- Liebhaber, schlug ihr vor, sich doch einmal mit dieser Musik auseinanderzusetzen – mit dem Ergebnis, dass sie sich in seiner Musik nun aufgehoben fühlt. Schicht um Schicht habe sie abtragen müssen, um zu ihrer eigenen Person zu gelangen, erzählt sie – möglich, dass das auch ein Weg war zum Veständnis von Schumanns Musik. Jimin Oh-Havenith lebt für ihre CD-Projekte, die sie teils selbst, teils über Sponsoren finanziert. Konzerte spielt die mittlerweile 63-Jährige kaum einmal und auch das Unterrichten hat sie reduziert. Ehrgeiz empfinde sie nicht mehr, sagt sie, übriggeblieben sei der pure Wunsch und das pure Bedürfnis, Klavier zu spielen. Der tägliche Gang zum Flügel bringt ihr die Begegnung mit der Musik und mit sich selbst: Hören, wie es heute klingt, erkennen, wer ich heute bin.



