Jazz Forum

Sie war die Göttliche

Von
Sven Thielmann
Erschienen in der Printausgabe im
März 2024
Lesezeit ca.
Minuten
Foto: Sven Thielmann
Foto: Sven Thielmann

Der Dreiklang Kirche-Klavier-Karriere ziert viele Musiker-Biographien, so auch die der am 27. März 1924 in Newark, New Jersey geborenen Sarah Lois Vaughan. Wie sie sich erinnerte, begann ihr Leben mit einer unsagbaren Abneigung dagegen, dunkelhäutig und unattraktiv zu sein. Entsprechend schwach ausgeprägt war ihr Selbstbewusstsein. Was sich erst 1946 – da war sie schon eine gefeierte Sängerin – besserte, als ihr erster Ehemann und Manager George Treadwell 8.000 Dollar in ihre Zukunft investierte – von neuer Nase und Zahnkorrektur über Artikula­tionstraining und Schönheitssalon bis zu ansehnlicher Garderobe das volle Programm. Das Ergebnis war sozusagen vollendet veredelte Spitzenqualität.

„Alles, was George jemals für mich getan hat“, behauptete sie 1961, „war in Wirklichkeit für ihn selbst.“ Denn George hatte reichlich abgesahnt, was freilich sein Nachfolger Clyde „C.B.“ Atkins noch übertraf, der in der kurzen Ehe von 1959 bis 1963 ihr gesamtes Vermögen verzockte. Mit Männern hatte die schüchterne Sängerin zeitlebens kein Glück – als Star fühlte sie sich nie, und divenhafte Allüren blieben ihr fremd.

Ob sie ihren Spitznamen „Sassy“ ihrer schicken Erscheinung oder aber ihrem nur im privaten Kreis durchaus kessen Mundwerk verdankte, darüber gehen die Meinungen auseinander. Das Publikum nannte sie jedenfalls bald „The Divine One“, die göttliche Sarah Vaughan. Wobei manche übersahen, dass sie im Gegensatz zu ihrer Antipodin Billie Holliday alles andere als ein „natural singer“ war – mit Klavierunterricht ab sieben und exzellenter Stimmschulung in einem Kirchenchor. Eine fundierte Ausbildung erhielt sie auch an der Newark’s Arts High School. „Während ich in der Schulband Klavier spielte“, sagte sie 1961 in einem Downbeat-Interview, „lernte ich, Musik auseinanderzunehmen, die Noten zu analysieren und sie wieder zusammenzusetzen. Auf diese Weise habe ich gelernt, anders zu singen als die anderen Sängerinnen und Sänger.“

„Sarah sang, wie Bird und Diz spielten, und die beiden bliesen wie der Teufel!“

Bereits mit 19 Jahren – da hatte sie Earl „Fatha“ Hines gerade als Pianistin für seine Bigband angeheuert – muss Sarah Vaughan stimmlich eine Ausnahmeerscheinung gewesen sein, wenn man dem Journalisten und Produzenten Leonard Feather glaubt: „An einem schwülen Sommerabend des Jahres 1943 begann Hines ein einwöchiges Engagement im Apollo. Der Vorhang ging auf, und zu meinem Erstaunen sah ich zwei Flügel mitten auf der Bühne. An einem saß Fatha Hines, an dem anderen die neunzehnjährige, verschüchterte und ungeschickt gekleidete Sarah. Im Laufe der Vorstellung trat sie an das Mikrophon und sang – ,Body And Soul‘, wie ich es noch nie gehört hatte, mit chromatischen Fortschreitungen in verminderten Septimenakkorden und einem lyrischen Ton, der etwas völlig Neues im Jazz war.“

Kein Wunder, dass Sarah Vaughan rasch zur Sängerin der Hines-Band avancierte, die sie Anfang 1944 zugunsten von Billy Eckstines neuer Bigband verließ – mit Musikern wie Charlie Parker, Dizzy Gillespie, Art Blakey und Miles Davis war sie die Keimzelle des aufkommenden Bebop. „Sarah sang, wie Bird und Diz spielten, und die beiden bliesen wie der Teufel! Für sie war Sarah das dritte Horn“, so Miles voller Begeisterung. Doch schon 1945 begann Sarah Vaughan ihre Solo-Karriere in den einschlägigen Clubs von New York. Die ging dann mit Aufnahmen für das Label Musicraft zügig durch die Decke – samt Chart-Hits wie „Tenderly“ oder „Nature Boy“. 

Dem jungen Wynton Marsalis erteilte Sarah Vaughan eine Lehrstunde, die er nie vergaß. Foto: Sven Thielmann

Der Erfolg blieb ihr nach dem Wechsel zu Columbia treu, wo sie im Sommer 1949 mit „Black Coffee“ den nächsten Knüller landete. Es folgten zahllose, oft kommerzielle Aufnahmen, ab 1954 bei Mercury, wo sie im Dezember des Jahres mit „Sarah Vaughan with Clifford Brown“ das vielleicht künstlerisch bedeutendste Album ihrer Laufbahn vorlegte. Ihr kommerzieller Erfolg erreichte 1959 seinen Höhepunkt mit dem Song „Broken Hearted Melody“, der mehr als eine Million Dollar einspielte und für den sie ihre erste Goldene Schallplatte erhielt. Die 1960er Jahre verliefen durchwachsen. Der Jazz verlor zunehmend an Popularität, weshalb sich Sarah Vaughan mit Pop- und Unterhaltungsmusik über Wasser hielt und nur noch bei großen, meist europäischen Festivals als Jazzsängerin in Erscheinung trat.

Was Sarah Vaughan ausmachte, lässt sich gut in zwei Konzertmitschnitten aus dem Jahr 1969 auf Youtube sehen. Der eine mit ihr, der andere mit Ella Fitzgerald – beide beim Publikum äußerst beliebt und doch in Bühnenpräsenz und Stimmführung ganz unterschiedlich. Betrachten wir zunächst Ella Fitzgerald, die im Juni in Montreux mit prominenten Begleitern wie dem Pianisten Tommy Flanagan und dem Drummer Ed Thigpen einen eindrucksvollen Auftritt hinlegt. Rastlos über die Bühne tigernd mit körperbetonter Show-Attitüde, swingt sie sich vor ihrem Trio mit samtiger Eleganz durch ein Repertoire, das neben Standards auch einige Überraschungen bietet. So scattet sie etwa einen Brazil-Song von Tom Jobim, erweist mit „Sunshine of Your Love“ dem englischen Rock-Trio Cream ihre Reverenz, streut eine Rock’n’Roll-Nummer ein und legt dann mit dem Beatles-Hit „Hey Jude“ noch einen drauf. Populärer, man könnte auch sagen: anbiedernder geht’s kaum – wobei ihre geschmeidige Stimme eine mitreißende Emotionalität zeigt, die vor allem von einer gewissen Schludrigkeit der Artikulation und einer angerauten Intonation geprägt ist.

Wie anders tritt da wenige Monate später Sarah Vaughan bei den Berliner Jazztagen auf. Auch hier liefert das Begleittrio ein grundsolide swingendes Fundament – aber für eine Vokalistin, die fast statisch mit nur sparsamer Gestik diverse Perlen des Great American Songbooks präsentiert. Und dies in präzise durchgezeichneter Diktion mit einer strahlenden Stimme, die sich mühelos bis in die höchste Lagen auf­­s(ch)wingt, um gleich darauf in ungeahnte, fein timbrierte Tiefen abzugleiten. Ob delikate Ballade oder rasante Up-Tempo-Nummer, stets funkelt Sarah Vaughan makellos. Doch ein Teil des berüchtigten Berliner Publikums goutiert dies nicht und buht sie gnadenlos aus. Was die Sängerin nach außen stoisch hinnimmt, auch so ihre Göttlichkeit beweisend. 

Dass ihre empfindliche Seele dennoch tief getroffen war, zeigte sie nur in kleinem Kreis hinter der Bühne. Der britische Journalist Richard Williams, der 2015 selbst Künstlerischer Leiter des Jazzfests Berlin wurde, befand danach im Melody Maker empört: „Sassy, die unvergleichliche Sängerin, die alles kann, wurde ausgebuht … Und man kann nur sagen, dass die Verursacher dieser Infamie lappenohrige Deppen ersten Ranges sein müssen. Sie sah umwerfend aus und sang großartig, und ich möchte keinen weiteren Kommentar zu diesem schwachsinnigen Publikum abgeben, das sich weigerte, Größe zu hören, als sie ihm geboten wurde.“

Sarah Vaughan 1987 beim North Sea Jazz Festival in Den Haag. Foto: Sven Thielmann

Auch wenn ihre Karriere, wie die so vieler Jazzer, damals ob der Zeitläufte schwächelte, schadete der Berliner Auftritt Sarah Vaughan nicht weiter. Um 1970 lernte sie in Las Vegas Marshall Fisher kennen, der ihr Ehemann Nr. 3 wurde und tatkräftig ihr Comeback förderte. Als sie im April 1973 mit Michel Legrand ein von ihm konzipiertes Balladen-Album aufnahm, gab es eine Überraschung. Darauf findet sich auch „Send In the Clowns“ von Stephen Sondheim – das fortan sogar „Tenderly“ als ihre Erkennungsmelodie ablöste. Zumindest einen Text von Sondheim hatte sie schon früher gesungen: „Maria“ aus Bernsteins „West Side Story“ hatte sie sich 1964 bei einer Live-Aufnahme in Schweden dermaßen intensiv zu eigen gemacht, dass ihre lupenrein opernhaft gesungene Version mühelos mit der amtlichen Aufnahme von Kiri Te Kanawa mithält – einer der imposantesten Beweise, warum Sarah Vaughan den Adelstitel „The Divine One“ zurecht trug.

Wie einflussreich die Göttliche war, zeigen die Erinnerungen der 1956 geborenen Jazzsängerin Dianne Reeves, die als junges Mädchen einige Platten von ihrem Onkel Charles Burrell bekam: „Zwei davon liebte ich besonders: ,Sarah Vaughan with Clifford Brown‘ und ,Sarah Vaughan with Michel Legrand‘. Sie veränderten mein Leben. Ich hörte sie immer wieder, noch und noch. Ich habe diese Aufnahmen deshalb so sehr geliebt, weil ich ein weites Ausdrucksspektrum habe und nicht wusste, was ich damit machen sollte – bis ich Sarah hörte. Von ihr lernte ich, es künstlerisch zu nutzen. Wegen ihr begann ich auch, Ins­trumentalisten anders zu hören, hinsichtlich ihrer Sounds, ihres Herangehens, ihrer Klangfarben und Stimmungen.“ Dass Dianne Reeves ihrem Vorbild 2002 mit „The Calling – Celebrating Sarah Vaughan“ ein Denkmal setzte, für das sie mit einem Grammy der Kategorie „Best Jazz Vocal Performance“ ausgezeichnet wurde, darf da nicht unerwähnt bleiben.

„Ihre Stimme reifte zu einem edlen Cognac.“

Auch der Trompeter Wynton Marsalis machte 1984, da war er noch ein Jungspund von 23 Jahren, seine eigenen Erfahrungen mit Sarah Vaughan: „Ich dachte, ich könnte sie beeindrucken, indem ich ein obskures Lied von Duke Ellington, ,Tonight I Shall Sleep (with a Smile Upon My Face)‘, auf einem älteren Klavier spielte. Dieses Stück hat eine anspruchsvolle, verwickelte Melodie und sehr komplexe Harmonien. Da ich wusste, dass es wahrscheinlich keinen 21-Jährigen auf der Welt gab, der dieses Lied kannte, nahm ich an, dass diese Unwissenheit auf alle zutraf. Ich fragte sie: ,Miss Vaughan, kennen Sie das?‘ Ich spielte es mit sehr rudimentären Klavierkenntnissen und ein paar falschen Harmonien in der Coda.“ Und prompt erlebte der Schnösel sein blaues Wunder: „Sie sagte: ,Wow, das ist ein toller Song. Duke! Aber du hast ein paar falsche Wechsel in der Coda gespielt, Baby.‘ Dann setzte sie sich hin und spielte die komplette Coda fehlerfrei und mit so viel Technik, dass ich dachte: Verdammt! Sie spielt so gut Klavier! Und dann singt sie nur?! Sie lächelte und sagte: ,That’s it.‘ Dann fuhr sie fort: ,Wenn du Melodien lernst, denke darüber nach, wie die Melodie aufgebaut ist, und lerne dann die Logik der unterstützenden Harmonien. Auf diese Weise wirst du nie ein Lied vergessen. Denn dann verstehst du das Was und das Warum.‘ Sie beendete ihre Ausführungen, indem sie den gesamten Song mit allen möglichen alternativen Harmonien und elegant improvisierten Antworten auf die Melodie spielte, und schloss mit den Worten: ,See Baby?‘“ Wynton Marsalis’ „Yes ma’am. I see“ kam wohl ziemlich kleinlaut. Diese Lehrstunde vergaß er nie.

Bis kurz vor ihrem Tod am 3. April 1990 in Los Angeles absolvierte Sarah Vaughan, die sich da von Ehemann Nr. 4, dem Basie-Trompeter Waymond Reed, schon längst getrennt hatte, unermüdlich unzählige Auftritte in aller Welt, ohne je stimmlich zu schwächeln. „Was ich an Sarah Vaughan liebe, ist, dass sie, obwohl ihre Stimme von einem guten Wein zu einem edlen Cognac reifte, ihre Tonlage beibehalten hat – das ist selten. Meist verlieren Sänger ihren Tonumfang und die Kontrolle über die Stimme“, befand Dianne Reeves 2001 voller Bewunderung. 

In Erinnerung bleiben wird „The Divine One“ in Leonard Feathers pointierter Charakterisierung: „Kürzlich hörte ich eine klassische, eine Pop- und eine Jazzsängerin. Einen Sopran, einen Kontra-Alt und eine Koloratursängerin. Eine Sängerin mit der Spontanität von Ella Fitzgerald, mit der Seele von Aretha Franklin, der Wärme von Peggy Lee und der makellosen Phrasierung von Carmen McRae. Sie waren alle in der derselben Show, und sie alle waren Sarah Vaughan.“

Der Dreiklang Kirche-Klavier-Karriere ziert viele Musiker-Biographien, so auch die der am 27. März 1924 in Newark, New Jersey geborenen Sarah Lois Vaughan. Wie sie sich erinnerte, begann ihr Leben mit einer unsagbaren Abneigung dagegen, dunkelhäutig und unattraktiv zu sein. Entsprechend schwach ausgeprägt war ihr Selbstbewusstsein. Was sich erst 1946 – da war sie schon eine gefeierte Sängerin – besserte, als ihr erster Ehemann und Manager George Treadwell 8.000 Dollar in ihre Zukunft investierte – von neuer Nase und Zahnkorrektur über Artikula­tionstraining und Schönheitssalon bis zu ansehnlicher Garderobe das volle Programm. Das Ergebnis war sozusagen vollendet veredelte Spitzenqualität.

„Alles, was George jemals für mich getan hat“, behauptete sie 1961, „war in Wirklichkeit für ihn selbst.“ Denn George hatte reichlich abgesahnt, was freilich sein Nachfolger Clyde „C.B.“ Atkins noch übertraf, der in der kurzen Ehe von 1959 bis 1963 ihr gesamtes Vermögen verzockte. Mit Männern hatte die schüchterne Sängerin zeitlebens kein Glück – als Star fühlte sie sich nie, und divenhafte Allüren blieben ihr fremd.

Ob sie ihren Spitznamen „Sassy“ ihrer schicken Erscheinung oder aber ihrem nur im privaten Kreis durchaus kessen Mundwerk verdankte, darüber gehen die Meinungen auseinander. Das Publikum nannte sie jedenfalls bald „The Divine One“, die göttliche Sarah Vaughan. Wobei manche übersahen, dass sie im Gegensatz zu ihrer Antipodin Billie Holliday alles andere als ein „natural singer“ war – mit Klavierunterricht ab sieben und exzellenter Stimmschulung in einem Kirchenchor. Eine fundierte Ausbildung erhielt sie auch an der Newark’s Arts High School. „Während ich in der Schulband Klavier spielte“, sagte sie 1961 in einem Downbeat-Interview, „lernte ich, Musik auseinanderzunehmen, die Noten zu analysieren und sie wieder zusammenzusetzen. Auf diese Weise habe ich gelernt, anders zu singen als die anderen Sängerinnen und Sänger.“

„Sarah sang, wie Bird und Diz spielten, und die beiden bliesen wie der Teufel!“

Bereits mit 19 Jahren – da hatte sie Earl „Fatha“ Hines gerade als Pianistin für seine Bigband angeheuert – muss Sarah Vaughan stimmlich eine Ausnahmeerscheinung gewesen sein, wenn man dem Journalisten und Produzenten Leonard Feather glaubt: „An einem schwülen Sommerabend des Jahres 1943 begann Hines ein einwöchiges Engagement im Apollo. Der Vorhang ging auf, und zu meinem Erstaunen sah ich zwei Flügel mitten auf der Bühne. An einem saß Fatha Hines, an dem anderen die neunzehnjährige, verschüchterte und ungeschickt gekleidete Sarah. Im Laufe der Vorstellung trat sie an das Mikrophon und sang – ,Body And Soul‘, wie ich es noch nie gehört hatte, mit chromatischen Fortschreitungen in verminderten Septimenakkorden und einem lyrischen Ton, der etwas völlig Neues im Jazz war.“

Kein Wunder, dass Sarah Vaughan rasch zur Sängerin der Hines-Band avancierte, die sie Anfang 1944 zugunsten von Billy Eckstines neuer Bigband verließ – mit Musikern wie Charlie Parker, Dizzy Gillespie, Art Blakey und Miles Davis war sie die Keimzelle des aufkommenden Bebop. „Sarah sang, wie Bird und Diz spielten, und die beiden bliesen wie der Teufel! Für sie war Sarah das dritte Horn“, so Miles voller Begeisterung. Doch schon 1945 begann Sarah Vaughan ihre Solo-Karriere in den einschlägigen Clubs von New York. Die ging dann mit Aufnahmen für das Label Musicraft zügig durch die Decke – samt Chart-Hits wie „Tenderly“ oder „Nature Boy“. 

Dem jungen Wynton Marsalis erteilte Sarah Vaughan eine Lehrstunde, die er nie vergaß. Foto: Sven Thielmann

Der Erfolg blieb ihr nach dem Wechsel zu Columbia treu, wo sie im Sommer 1949 mit „Black Coffee“ den nächsten Knüller landete. Es folgten zahllose, oft kommerzielle Aufnahmen, ab 1954 bei Mercury, wo sie im Dezember des Jahres mit „Sarah Vaughan with Clifford Brown“ das vielleicht künstlerisch bedeutendste Album ihrer Laufbahn vorlegte. Ihr kommerzieller Erfolg erreichte 1959 seinen Höhepunkt mit dem Song „Broken Hearted Melody“, der mehr als eine Million Dollar einspielte und für den sie ihre erste Goldene Schallplatte erhielt. Die 1960er Jahre verliefen durchwachsen. Der Jazz verlor zunehmend an Popularität, weshalb sich Sarah Vaughan mit Pop- und Unterhaltungsmusik über Wasser hielt und nur noch bei großen, meist europäischen Festivals als Jazzsängerin in Erscheinung trat.

Was Sarah Vaughan ausmachte, lässt sich gut in zwei Konzertmitschnitten aus dem Jahr 1969 auf Youtube sehen. Der eine mit ihr, der andere mit Ella Fitzgerald – beide beim Publikum äußerst beliebt und doch in Bühnenpräsenz und Stimmführung ganz unterschiedlich. Betrachten wir zunächst Ella Fitzgerald, die im Juni in Montreux mit prominenten Begleitern wie dem Pianisten Tommy Flanagan und dem Drummer Ed Thigpen einen eindrucksvollen Auftritt hinlegt. Rastlos über die Bühne tigernd mit körperbetonter Show-Attitüde, swingt sie sich vor ihrem Trio mit samtiger Eleganz durch ein Repertoire, das neben Standards auch einige Überraschungen bietet. So scattet sie etwa einen Brazil-Song von Tom Jobim, erweist mit „Sunshine of Your Love“ dem englischen Rock-Trio Cream ihre Reverenz, streut eine Rock’n’Roll-Nummer ein und legt dann mit dem Beatles-Hit „Hey Jude“ noch einen drauf. Populärer, man könnte auch sagen: anbiedernder geht’s kaum – wobei ihre geschmeidige Stimme eine mitreißende Emotionalität zeigt, die vor allem von einer gewissen Schludrigkeit der Artikulation und einer angerauten Intonation geprägt ist.

Wie anders tritt da wenige Monate später Sarah Vaughan bei den Berliner Jazztagen auf. Auch hier liefert das Begleittrio ein grundsolide swingendes Fundament – aber für eine Vokalistin, die fast statisch mit nur sparsamer Gestik diverse Perlen des Great American Songbooks präsentiert. Und dies in präzise durchgezeichneter Diktion mit einer strahlenden Stimme, die sich mühelos bis in die höchste Lagen auf­­s(ch)wingt, um gleich darauf in ungeahnte, fein timbrierte Tiefen abzugleiten. Ob delikate Ballade oder rasante Up-Tempo-Nummer, stets funkelt Sarah Vaughan makellos. Doch ein Teil des berüchtigten Berliner Publikums goutiert dies nicht und buht sie gnadenlos aus. Was die Sängerin nach außen stoisch hinnimmt, auch so ihre Göttlichkeit beweisend. 

Dass ihre empfindliche Seele dennoch tief getroffen war, zeigte sie nur in kleinem Kreis hinter der Bühne. Der britische Journalist Richard Williams, der 2015 selbst Künstlerischer Leiter des Jazzfests Berlin wurde, befand danach im Melody Maker empört: „Sassy, die unvergleichliche Sängerin, die alles kann, wurde ausgebuht … Und man kann nur sagen, dass die Verursacher dieser Infamie lappenohrige Deppen ersten Ranges sein müssen. Sie sah umwerfend aus und sang großartig, und ich möchte keinen weiteren Kommentar zu diesem schwachsinnigen Publikum abgeben, das sich weigerte, Größe zu hören, als sie ihm geboten wurde.“

Sarah Vaughan 1987 beim North Sea Jazz Festival in Den Haag. Foto: Sven Thielmann

Auch wenn ihre Karriere, wie die so vieler Jazzer, damals ob der Zeitläufte schwächelte, schadete der Berliner Auftritt Sarah Vaughan nicht weiter. Um 1970 lernte sie in Las Vegas Marshall Fisher kennen, der ihr Ehemann Nr. 3 wurde und tatkräftig ihr Comeback förderte. Als sie im April 1973 mit Michel Legrand ein von ihm konzipiertes Balladen-Album aufnahm, gab es eine Überraschung. Darauf findet sich auch „Send In the Clowns“ von Stephen Sondheim – das fortan sogar „Tenderly“ als ihre Erkennungsmelodie ablöste. Zumindest einen Text von Sondheim hatte sie schon früher gesungen: „Maria“ aus Bernsteins „West Side Story“ hatte sie sich 1964 bei einer Live-Aufnahme in Schweden dermaßen intensiv zu eigen gemacht, dass ihre lupenrein opernhaft gesungene Version mühelos mit der amtlichen Aufnahme von Kiri Te Kanawa mithält – einer der imposantesten Beweise, warum Sarah Vaughan den Adelstitel „The Divine One“ zurecht trug.

Wie einflussreich die Göttliche war, zeigen die Erinnerungen der 1956 geborenen Jazzsängerin Dianne Reeves, die als junges Mädchen einige Platten von ihrem Onkel Charles Burrell bekam: „Zwei davon liebte ich besonders: ,Sarah Vaughan with Clifford Brown‘ und ,Sarah Vaughan with Michel Legrand‘. Sie veränderten mein Leben. Ich hörte sie immer wieder, noch und noch. Ich habe diese Aufnahmen deshalb so sehr geliebt, weil ich ein weites Ausdrucksspektrum habe und nicht wusste, was ich damit machen sollte – bis ich Sarah hörte. Von ihr lernte ich, es künstlerisch zu nutzen. Wegen ihr begann ich auch, Ins­trumentalisten anders zu hören, hinsichtlich ihrer Sounds, ihres Herangehens, ihrer Klangfarben und Stimmungen.“ Dass Dianne Reeves ihrem Vorbild 2002 mit „The Calling – Celebrating Sarah Vaughan“ ein Denkmal setzte, für das sie mit einem Grammy der Kategorie „Best Jazz Vocal Performance“ ausgezeichnet wurde, darf da nicht unerwähnt bleiben.

„Ihre Stimme reifte zu einem edlen Cognac.“

Auch der Trompeter Wynton Marsalis machte 1984, da war er noch ein Jungspund von 23 Jahren, seine eigenen Erfahrungen mit Sarah Vaughan: „Ich dachte, ich könnte sie beeindrucken, indem ich ein obskures Lied von Duke Ellington, ,Tonight I Shall Sleep (with a Smile Upon My Face)‘, auf einem älteren Klavier spielte. Dieses Stück hat eine anspruchsvolle, verwickelte Melodie und sehr komplexe Harmonien. Da ich wusste, dass es wahrscheinlich keinen 21-Jährigen auf der Welt gab, der dieses Lied kannte, nahm ich an, dass diese Unwissenheit auf alle zutraf. Ich fragte sie: ,Miss Vaughan, kennen Sie das?‘ Ich spielte es mit sehr rudimentären Klavierkenntnissen und ein paar falschen Harmonien in der Coda.“ Und prompt erlebte der Schnösel sein blaues Wunder: „Sie sagte: ,Wow, das ist ein toller Song. Duke! Aber du hast ein paar falsche Wechsel in der Coda gespielt, Baby.‘ Dann setzte sie sich hin und spielte die komplette Coda fehlerfrei und mit so viel Technik, dass ich dachte: Verdammt! Sie spielt so gut Klavier! Und dann singt sie nur?! Sie lächelte und sagte: ,That’s it.‘ Dann fuhr sie fort: ,Wenn du Melodien lernst, denke darüber nach, wie die Melodie aufgebaut ist, und lerne dann die Logik der unterstützenden Harmonien. Auf diese Weise wirst du nie ein Lied vergessen. Denn dann verstehst du das Was und das Warum.‘ Sie beendete ihre Ausführungen, indem sie den gesamten Song mit allen möglichen alternativen Harmonien und elegant improvisierten Antworten auf die Melodie spielte, und schloss mit den Worten: ,See Baby?‘“ Wynton Marsalis’ „Yes ma’am. I see“ kam wohl ziemlich kleinlaut. Diese Lehrstunde vergaß er nie.

Bis kurz vor ihrem Tod am 3. April 1990 in Los Angeles absolvierte Sarah Vaughan, die sich da von Ehemann Nr. 4, dem Basie-Trompeter Waymond Reed, schon längst getrennt hatte, unermüdlich unzählige Auftritte in aller Welt, ohne je stimmlich zu schwächeln. „Was ich an Sarah Vaughan liebe, ist, dass sie, obwohl ihre Stimme von einem guten Wein zu einem edlen Cognac reifte, ihre Tonlage beibehalten hat – das ist selten. Meist verlieren Sänger ihren Tonumfang und die Kontrolle über die Stimme“, befand Dianne Reeves 2001 voller Bewunderung. 

In Erinnerung bleiben wird „The Divine One“ in Leonard Feathers pointierter Charakterisierung: „Kürzlich hörte ich eine klassische, eine Pop- und eine Jazzsängerin. Einen Sopran, einen Kontra-Alt und eine Koloratursängerin. Eine Sängerin mit der Spontanität von Ella Fitzgerald, mit der Seele von Aretha Franklin, der Wärme von Peggy Lee und der makellosen Phrasierung von Carmen McRae. Sie waren alle in der derselben Show, und sie alle waren Sarah Vaughan.“