Jazz Forum

Daniel im Wunderland

Von
Berthold Klostermann
Erschienen in der Printausgabe im
Oktober 2024
Lesezeit ca.
Minuten
Foto: Diego García
Foto: Diego García

Spanische Musik ist mehr als Flamenco, spanischer Jazz mehr als Flamenco-Jazz. Das muss man mitunter betonen, denn dank der Pionierarbeit von Paco de Lucía und anderen Andalusiern wird nicht selten der Teil für das Ganze gehalten. „Paco war der Wegbereiter“, betont Daniel García. „Er öffnete den Flamenco für neue Einflüsse, trug ihn aus Andalusien hinaus in die Welt, blieb aber stets Flamencomusiker – und zwar der größte.“

García stammt aus Salamanca. Die Stadt in Kastilien und León, nahe der Grenze zu Portugal, stand im Mittelalter unter islamischer Herrschaft. Wie Andalusien, nur nicht so lange, und so lassen sich hier allenfalls Spurenelemente maurischer Einflüsse ausmachen, in der Architektur, nicht zuletzt in der Musik. „Spanische Volksmusik hat immer einen Hauch von arabischer Musik, etwa im Melisma des Gesangs“, erklärt García, um gleich zur Musik seiner Heimat überzuleiten: „Kastilische Musik ist außerhalb der Region kaum bekannt, aber sie ist vielfältig und hochinteressant. Es gibt bestimmte Rhythmen, wie die dreiertaktige ,jota‘ und besondere Instrumente, wie den ,tambor cuadrado‘, eine quadratische Rahmentrommel, die durchweg von Frauen gespielt wird. Wenn sie dazu singen, klingt das unglaublich. Manche meiner Stücke beziehen sich darauf.“

„Ich mag Musik, die den Bezug zum unmittelbar Menschlichen nicht verliert.“

Im Hause García war gleichwohl der Flamenco omnipräsent: „Flamenco höre ich, solange ich denken kann. Meine Eltern hatten Platten von Camarón de la Isla und Paco de Lucía, den Klang hatte ich immer im Ohr. Später, auf dem Konservatorium, wollte ich verstehen, wie Flamenco musikalisch funktioniert. Mit einem Cousin, der Gitarre spielte, nahmen wir uns die Platten vor wie unterm Mikroskop, transkribierten, spielten, und ich versuchte, spezielle Flamencotechniken aufs Klavier zu übertragen. So fand ich Dinge heraus, die ein Gitarrist gar nicht spielen kann, ein Pianist aber doch. Mehrere Jahre lang, von 17 bis 21, versuchte ich, Flamenco auf dem Klavier zu spielen, ließ mich davon inspirieren und lernte dabei eine Menge.“

Ob Flamenco oder traditionelle kastilische Musik, ihre Eignung für eine Fusion mit Jazz sieht García im größeren Kontext: „Die Verbindung von Jazz und Folklore aus aller Welt ist nicht neu. Folkmusik ist per se interessant, denn sie besteht seit Jahrhunderten und wird von Generation zu Generation überliefert, muss also Bedeutung haben. Sie ist bodenständig und zielt auf allgemein Menschliches. Jazz wird ja mitunter intellektuell und akademisch, aber das Gute ist, dass man sich ihm aus allen Richtungen nähern kann. Er erlaubt jeden Zugang. Ich mag Musik, die den Bezug zum unmittelbar Menschlichen nicht verliert. Auch intellektuelle Musik hat mitunter eine solche Seite. Strawinskys „Sacre du printemps“ zum Beispiel ist intellektuell und voller musikalischer Neuerungen, hat aber auch dieses zutiefst Ursprüngliche. Eine solche Ursprünglichkeit kann Folkmusik zum Jazz beitragen. Jazz ist ja kein Stil, sondern eine Art und Weise, an Musik heranzugehen und Musik zu machen.“

Daniel García Diego, so sein vollständiger Name, ist Spross einer Musikerfamilie, die Mutter spielt spanische Gitarre, der Vater war professioneller Schlagzeuger, der mit spanischen Top-Jazzern seiner Zeit spielte und namhafte Popkünstler auf Platten und Tourneen begleitete. Als Souvenirs brachte er Instrumente mit, der Sohn schwärmt noch heute davon: „Mein Vater hatte ein Zimmer voll mit Instrumenten: Drumset, Keyboard, Vibrafon, Xylo- und Marimbafon, Schlagwerk und allerhand exotische Percussion. Nur kein Klavier. Für mich war das eine Art Disneyland, wo ich ausprobieren durfte, wie die Instrumente klingen, was man damit machen kann. Und manchmal spielte mein Vater mit.“

Spielerisch lernte García, bis er mit sechs eine Kindermusikschule besuchte. Die arbeitete ohne Theorie oder Notenlesen, doch hier kam er erstmals mit gängigen Instrumenten in Berührung. Auch mit dem Klavier – worauf die Lehrerin seinen Eltern riet, der Junge solle Klavier lernen. Der fuhr fortan zweigleisig, hielt sich noch ans Probieren und Improvisieren, als seine Ausbildung formaler wurde. Am altehrwürdigen Konservatorium von Salamanca, einem der ältesten überhaupt, studierte er später Klassik; parallel dazu komponierte er Stücke, die aus der Improvisation erwuchsen. Inzwischen galt sein Interesse dem Jazz, denn er merkte: „Im Jazz geht’s um das Was, in der Klassik eher ums Wie.“ Jazz lernte er autodidaktisch, im Zusammenspiel mit dem Vater sowie durch Hören und Nachspielen der Platten seiner Helden, als da wären „Miles Davis und ,Söhne‘: Wayne Shorter, Herbie Hancock, Chick Corea, John McLaughlin, Tony Williams samt deren Bands, außerdem Pianisten wie Bill Evans oder Brad Mehldau“.

Mit 15 gründete García seine erste Band, darin spielte er Drumset. „Mein erstes Instrument war das Schlagzeug. Ich habe noch Fotos, wie ich als Zweijähriger mit dem Drum­stick das Tomtom meines Vaters zu erreichen versuche. Von acht bis etwa 22, als ich längst Klavier spielte, übte ich jeden Tag Schlagzeug.“ Was ihn mit Jazzgrößen wie Dave Liebman, Michael Brecker oder Chick Corea verbindet, die neben ihrem Hauptinstrument auch versiert Schlagzeug spielten. „Wenn ein Musiker Drumset spielen kann“, erläutert García, „hört man das in seiner Musik. Man merkt es an der Klarheit, mit der er rhythmische Vorstellungen umsetzt. Viele meinen ja, rhythmisch zu spielen, heiße, ganz exakt und präzise, quasi mathematisch zu spielen. Tatsächlich geht es darum, elastisch zu spielen. Rhythmus kann Emotionen vermitteln, man muss aber wissen, wie man ihn dehnt, staucht und zum Swingen bringt. Manche achten zu wenig darauf, aber wenn man’s erst mal raushat, ist es toll.“

Das Daniel García Trio: Michael Olivera, Daniel García und Reinier Elizarde. Foto: Diego García

Im Klassikstudium am Konservatorium war derlei Rhythmusauffassung kein Thema. „Da habe ich viel und gerne mit Klassikmusikern gespielt, tue es heute noch, aber fest steht: Das Rhythmusgefühl in Jazz und Klassik ist unterschiedlich. Wenn’s um Synkopierung, Puls und Drive geht, wird’s schwierig. Seit zehn oder 15 Jahren ändert sich das allerdings allmählich. Immer mehr klassische Musiker fangen an, sich mit modernen Rhythmuskonzepten zu befassen. Auf diese Weise können Jazzer und Klassiker nicht nur mehr, sondern ganz andere, neue Dinge zusammen machen. Ich glaube, das hat Zukunft.“

Für den Musikstudenten García, der zwar allerhand gelernt, bislang aber meist allein vor sich hin improvisiert hatte, lag die Zukunft zunächst darin, Spielerfahrung im Austausch und Rapport mit anderen zu sammeln. Mit 17 stieg er als Pianist und Keyboarder in Vaters Band ein, bestritt professionelle Gigs in Salamanca, bald auch in Madrid. Nach dem Abschluss am Konservatorium – zur Graduierung spielte er Prokofjew, Ravel, Beethoven – tauchte er in die hauptstädtische Jazzszene ein, trat in Clubs auf, beteiligte sich an Sessions, vertiefte seine Live-Erfahrung – um dann für zwei Jahre ans renommierte Berklee College in Boston zu gehen. Den Wunsch, „ordentlich“ Jazz zu studieren, hatte er lange gehabt, jetzt machte ein Stipendium es möglich. „Ich konnte ja improvisieren, wollte das aber auf eine solidere Basis bringen, mit mehr Tiefe, mehr Bedeutung. Wegen meines Hochschulabschlusses war ich am Berklee dann etwas älter als der Durchschnitt, aber das war gut: Ich wusste, was ich wollte, und verlor keine Zeit.“

Er gönnte sich nicht einmal die Zeit, die fast vor der Tür liegende New Yorker Szene zu erkunden. Er besuchte dort schon mal Konzerte, blieb ansonsten aber in Boston und nahm Unterricht bei den Besten, etwa dem damals fast 80-jährigen Bop-Veteran und Nestor der Jazz-Education Ray Santisi oder den Modern-Jazz-Koryphäen Joanne Brackeen und Danilo Perez. Letzterer wurde gar sein Mentor: „Ich zeigte ihm ein paar Kompositionen, ganz schüchtern, weil ich nicht wusste, ob sie gut genug waren, aber er sah Potenzial darin und ermutigte mich weiterzumachen. Später lud er mich aufs Panama Jazz Festival ein, dessen Leiter er ist, da konnte ich erstmals öffentlich im Trio meine eigene Musik spielen. Das war unglaublich: ein Auditorium von 2.000 Leuten, gleich nach mir das Wayne Shorter Quartet! Das verdanke ich Danilo.“

Dass García 2011 seinen Berklee-Abschluss mit dem Preis für die beste Jazz-Performance schmückte, eröffnete neue Möglichkeiten. Er arbeitete mit Größen wie Arturo Sandoval, Greg Osby oder Perico Sambeat zusammen – und ging im selben Jahr zurück nach Madrid. „Dort hatte sich derweil eine lebendige Jazzszene entwickelt. Junge, gut ausgebildete Musiker tauchten auf, darunter meine Triopartner Reinier Elizarde und Michael Olivera. Beide sind Kubaner. Viele Musiker kamen damals aus Kuba, eine neue Generation, die offener war als die der 70er, 80er Jahre. Die wollten nicht Latin spielen, sondern aktuellen Jazz.“

Mit dem Bassisten Elizarde, genannt „El Negrón“, und dem Drummer Olivera war Garcías Traumbesetzung, mit dem Trio sein Traumformat – neben dem Solospiel – gefunden. Auf dem Debütalbum „Alba“ (2015) präsentierte er sich noch in wechselnden Line-ups, um ein breiteres musikalisches Spektrum vorzuführen, aber seit dem Nachfolger „Samsara“ (2018) steht sein Trio im Vordergrund. „Ich stelle mir das Trio als dreidimensionalen Raum vor. Jeder von uns bildet darin eine Achse, jeder kann sich frei bewegen. Beim Spielen konzentrieren wir uns aufs Zuhören. Wir tauschen permanent Impulse aus und reagieren darauf. Das ist wie eine musikalische Skulptur in Echtzeit. Mit Reinier und Michael zu musizieren, dieser Prozess entwickelt sich ständig weiter. Wenn ich mir von allen Musikern der Welt zwei aussuchen dürfte, würde ich immer diese beiden wählen. Wir sind eine echte Einheit.“

Für Aufnahmen allerdings lädt er auch Gastsolisten ein, um einer Studioproduktion im Vergleich zum Live-Konzert zusätzliche Farbtupfer zu verleihen. Auf „Travesuras“ und „Via de la Plata“, den ersten beiden Alben für das Label Act, kommen Jorge Pardo (Flöte), Gerardo Nuñez (Flamencogitarre), Anat Cohen (Klarinette) und Ibrahim Maalouf (Trompete) als Gäste zum Einsatz – sparsam, aber effektvoll. Unter seine eigenen Kompositionen mischt García solche von spanischen Größen, etwa Manuel de Fallas „Canción del fuego fatuo“ mit Maalouf an der Vierteltontrompete, was unweigerlich an Miles Davis und Gil Evans denken lässt, die das Stück als „Will o’ the Wisp“ auf ihrem Meilensteinalbum „Sketches of Spain“ interpretierten. Dem Katalanen Federico Mompou wiederum, den auch schon andere Jazzpianisten für sich entdeckten, widmet García auf „Travesuras“ eine vierteilige Suite aus eigener Feder. „Ich liebe Mompou, er ist so lyrisch und zurückhaltend, ja minimalistisch. Sicher, ich mag das Freie, Exzessive, Feurige, mein Trio ist manchmal ziemlich extrem. Aber letztlich bin ich eher introvertiert und kontemplativ, deshalb berührt mich Mompous Musik. Ich glaube, jeder Musiker, der ihn kennt, liebt Mompou.“

Sein soeben erschienenes Album „Wonderland“ versteht der introvertierte García als Reise nach innen. Der Titel steht für „eine intime Welt aus Träumen und Ängsten, Illusionen und Hoffnungen, die unser Selbst formt und uns hilft, unsere Umgebung zu verstehen.“ Bis auf ein Volkslied, vorgetragen von der galizischen Sängerin Verónica Ferreiro, stammt sämtliche Musik von García. Mit der katalanischen Sängerin Lau Noah, die zu einem Song eigene Lyrics mitbringt, und dem israelischen Gitarristen Gilad Hekselman, der dem Titelstück im Unisono mit Garcías Klavier eine besondere Note gibt, hat er zwei Wahl-New-Yorker im Boot. So internationalisiert sich sein musikalisches „Wonderland“ zusehends, ebenso sein stilistisches Spektrum: „Ich liebe Klassik, ich liebe Musik aus dem Mittleren Osten, ich liebe Rock, ich liebe Singer/Songwriter! Inspiration kann von überall kommen.“ Und dafür, dass der Blick nach außen dem nach innen nicht entgegensteht, zitiert er in den Liner-Notes C.G. Jung: „Wer nach außen schaut, träumt, wer nach innen schaut, erwacht.“

Spanische Musik ist mehr als Flamenco, spanischer Jazz mehr als Flamenco-Jazz. Das muss man mitunter betonen, denn dank der Pionierarbeit von Paco de Lucía und anderen Andalusiern wird nicht selten der Teil für das Ganze gehalten. „Paco war der Wegbereiter“, betont Daniel García. „Er öffnete den Flamenco für neue Einflüsse, trug ihn aus Andalusien hinaus in die Welt, blieb aber stets Flamencomusiker – und zwar der größte.“

García stammt aus Salamanca. Die Stadt in Kastilien und León, nahe der Grenze zu Portugal, stand im Mittelalter unter islamischer Herrschaft. Wie Andalusien, nur nicht so lange, und so lassen sich hier allenfalls Spurenelemente maurischer Einflüsse ausmachen, in der Architektur, nicht zuletzt in der Musik. „Spanische Volksmusik hat immer einen Hauch von arabischer Musik, etwa im Melisma des Gesangs“, erklärt García, um gleich zur Musik seiner Heimat überzuleiten: „Kastilische Musik ist außerhalb der Region kaum bekannt, aber sie ist vielfältig und hochinteressant. Es gibt bestimmte Rhythmen, wie die dreiertaktige ,jota‘ und besondere Instrumente, wie den ,tambor cuadrado‘, eine quadratische Rahmentrommel, die durchweg von Frauen gespielt wird. Wenn sie dazu singen, klingt das unglaublich. Manche meiner Stücke beziehen sich darauf.“

„Ich mag Musik, die den Bezug zum unmittelbar Menschlichen nicht verliert.“

Im Hause García war gleichwohl der Flamenco omnipräsent: „Flamenco höre ich, solange ich denken kann. Meine Eltern hatten Platten von Camarón de la Isla und Paco de Lucía, den Klang hatte ich immer im Ohr. Später, auf dem Konservatorium, wollte ich verstehen, wie Flamenco musikalisch funktioniert. Mit einem Cousin, der Gitarre spielte, nahmen wir uns die Platten vor wie unterm Mikroskop, transkribierten, spielten, und ich versuchte, spezielle Flamencotechniken aufs Klavier zu übertragen. So fand ich Dinge heraus, die ein Gitarrist gar nicht spielen kann, ein Pianist aber doch. Mehrere Jahre lang, von 17 bis 21, versuchte ich, Flamenco auf dem Klavier zu spielen, ließ mich davon inspirieren und lernte dabei eine Menge.“

Ob Flamenco oder traditionelle kastilische Musik, ihre Eignung für eine Fusion mit Jazz sieht García im größeren Kontext: „Die Verbindung von Jazz und Folklore aus aller Welt ist nicht neu. Folkmusik ist per se interessant, denn sie besteht seit Jahrhunderten und wird von Generation zu Generation überliefert, muss also Bedeutung haben. Sie ist bodenständig und zielt auf allgemein Menschliches. Jazz wird ja mitunter intellektuell und akademisch, aber das Gute ist, dass man sich ihm aus allen Richtungen nähern kann. Er erlaubt jeden Zugang. Ich mag Musik, die den Bezug zum unmittelbar Menschlichen nicht verliert. Auch intellektuelle Musik hat mitunter eine solche Seite. Strawinskys „Sacre du printemps“ zum Beispiel ist intellektuell und voller musikalischer Neuerungen, hat aber auch dieses zutiefst Ursprüngliche. Eine solche Ursprünglichkeit kann Folkmusik zum Jazz beitragen. Jazz ist ja kein Stil, sondern eine Art und Weise, an Musik heranzugehen und Musik zu machen.“

Daniel García Diego, so sein vollständiger Name, ist Spross einer Musikerfamilie, die Mutter spielt spanische Gitarre, der Vater war professioneller Schlagzeuger, der mit spanischen Top-Jazzern seiner Zeit spielte und namhafte Popkünstler auf Platten und Tourneen begleitete. Als Souvenirs brachte er Instrumente mit, der Sohn schwärmt noch heute davon: „Mein Vater hatte ein Zimmer voll mit Instrumenten: Drumset, Keyboard, Vibrafon, Xylo- und Marimbafon, Schlagwerk und allerhand exotische Percussion. Nur kein Klavier. Für mich war das eine Art Disneyland, wo ich ausprobieren durfte, wie die Instrumente klingen, was man damit machen kann. Und manchmal spielte mein Vater mit.“

Spielerisch lernte García, bis er mit sechs eine Kindermusikschule besuchte. Die arbeitete ohne Theorie oder Notenlesen, doch hier kam er erstmals mit gängigen Instrumenten in Berührung. Auch mit dem Klavier – worauf die Lehrerin seinen Eltern riet, der Junge solle Klavier lernen. Der fuhr fortan zweigleisig, hielt sich noch ans Probieren und Improvisieren, als seine Ausbildung formaler wurde. Am altehrwürdigen Konservatorium von Salamanca, einem der ältesten überhaupt, studierte er später Klassik; parallel dazu komponierte er Stücke, die aus der Improvisation erwuchsen. Inzwischen galt sein Interesse dem Jazz, denn er merkte: „Im Jazz geht’s um das Was, in der Klassik eher ums Wie.“ Jazz lernte er autodidaktisch, im Zusammenspiel mit dem Vater sowie durch Hören und Nachspielen der Platten seiner Helden, als da wären „Miles Davis und ,Söhne‘: Wayne Shorter, Herbie Hancock, Chick Corea, John McLaughlin, Tony Williams samt deren Bands, außerdem Pianisten wie Bill Evans oder Brad Mehldau“.

Mit 15 gründete García seine erste Band, darin spielte er Drumset. „Mein erstes Instrument war das Schlagzeug. Ich habe noch Fotos, wie ich als Zweijähriger mit dem Drum­stick das Tomtom meines Vaters zu erreichen versuche. Von acht bis etwa 22, als ich längst Klavier spielte, übte ich jeden Tag Schlagzeug.“ Was ihn mit Jazzgrößen wie Dave Liebman, Michael Brecker oder Chick Corea verbindet, die neben ihrem Hauptinstrument auch versiert Schlagzeug spielten. „Wenn ein Musiker Drumset spielen kann“, erläutert García, „hört man das in seiner Musik. Man merkt es an der Klarheit, mit der er rhythmische Vorstellungen umsetzt. Viele meinen ja, rhythmisch zu spielen, heiße, ganz exakt und präzise, quasi mathematisch zu spielen. Tatsächlich geht es darum, elastisch zu spielen. Rhythmus kann Emotionen vermitteln, man muss aber wissen, wie man ihn dehnt, staucht und zum Swingen bringt. Manche achten zu wenig darauf, aber wenn man’s erst mal raushat, ist es toll.“

Das Daniel García Trio: Michael Olivera, Daniel García und Reinier Elizarde. Foto: Diego García

Im Klassikstudium am Konservatorium war derlei Rhythmusauffassung kein Thema. „Da habe ich viel und gerne mit Klassikmusikern gespielt, tue es heute noch, aber fest steht: Das Rhythmusgefühl in Jazz und Klassik ist unterschiedlich. Wenn’s um Synkopierung, Puls und Drive geht, wird’s schwierig. Seit zehn oder 15 Jahren ändert sich das allerdings allmählich. Immer mehr klassische Musiker fangen an, sich mit modernen Rhythmuskonzepten zu befassen. Auf diese Weise können Jazzer und Klassiker nicht nur mehr, sondern ganz andere, neue Dinge zusammen machen. Ich glaube, das hat Zukunft.“

Für den Musikstudenten García, der zwar allerhand gelernt, bislang aber meist allein vor sich hin improvisiert hatte, lag die Zukunft zunächst darin, Spielerfahrung im Austausch und Rapport mit anderen zu sammeln. Mit 17 stieg er als Pianist und Keyboarder in Vaters Band ein, bestritt professionelle Gigs in Salamanca, bald auch in Madrid. Nach dem Abschluss am Konservatorium – zur Graduierung spielte er Prokofjew, Ravel, Beethoven – tauchte er in die hauptstädtische Jazzszene ein, trat in Clubs auf, beteiligte sich an Sessions, vertiefte seine Live-Erfahrung – um dann für zwei Jahre ans renommierte Berklee College in Boston zu gehen. Den Wunsch, „ordentlich“ Jazz zu studieren, hatte er lange gehabt, jetzt machte ein Stipendium es möglich. „Ich konnte ja improvisieren, wollte das aber auf eine solidere Basis bringen, mit mehr Tiefe, mehr Bedeutung. Wegen meines Hochschulabschlusses war ich am Berklee dann etwas älter als der Durchschnitt, aber das war gut: Ich wusste, was ich wollte, und verlor keine Zeit.“

Er gönnte sich nicht einmal die Zeit, die fast vor der Tür liegende New Yorker Szene zu erkunden. Er besuchte dort schon mal Konzerte, blieb ansonsten aber in Boston und nahm Unterricht bei den Besten, etwa dem damals fast 80-jährigen Bop-Veteran und Nestor der Jazz-Education Ray Santisi oder den Modern-Jazz-Koryphäen Joanne Brackeen und Danilo Perez. Letzterer wurde gar sein Mentor: „Ich zeigte ihm ein paar Kompositionen, ganz schüchtern, weil ich nicht wusste, ob sie gut genug waren, aber er sah Potenzial darin und ermutigte mich weiterzumachen. Später lud er mich aufs Panama Jazz Festival ein, dessen Leiter er ist, da konnte ich erstmals öffentlich im Trio meine eigene Musik spielen. Das war unglaublich: ein Auditorium von 2.000 Leuten, gleich nach mir das Wayne Shorter Quartet! Das verdanke ich Danilo.“

Dass García 2011 seinen Berklee-Abschluss mit dem Preis für die beste Jazz-Performance schmückte, eröffnete neue Möglichkeiten. Er arbeitete mit Größen wie Arturo Sandoval, Greg Osby oder Perico Sambeat zusammen – und ging im selben Jahr zurück nach Madrid. „Dort hatte sich derweil eine lebendige Jazzszene entwickelt. Junge, gut ausgebildete Musiker tauchten auf, darunter meine Triopartner Reinier Elizarde und Michael Olivera. Beide sind Kubaner. Viele Musiker kamen damals aus Kuba, eine neue Generation, die offener war als die der 70er, 80er Jahre. Die wollten nicht Latin spielen, sondern aktuellen Jazz.“

Mit dem Bassisten Elizarde, genannt „El Negrón“, und dem Drummer Olivera war Garcías Traumbesetzung, mit dem Trio sein Traumformat – neben dem Solospiel – gefunden. Auf dem Debütalbum „Alba“ (2015) präsentierte er sich noch in wechselnden Line-ups, um ein breiteres musikalisches Spektrum vorzuführen, aber seit dem Nachfolger „Samsara“ (2018) steht sein Trio im Vordergrund. „Ich stelle mir das Trio als dreidimensionalen Raum vor. Jeder von uns bildet darin eine Achse, jeder kann sich frei bewegen. Beim Spielen konzentrieren wir uns aufs Zuhören. Wir tauschen permanent Impulse aus und reagieren darauf. Das ist wie eine musikalische Skulptur in Echtzeit. Mit Reinier und Michael zu musizieren, dieser Prozess entwickelt sich ständig weiter. Wenn ich mir von allen Musikern der Welt zwei aussuchen dürfte, würde ich immer diese beiden wählen. Wir sind eine echte Einheit.“

Für Aufnahmen allerdings lädt er auch Gastsolisten ein, um einer Studioproduktion im Vergleich zum Live-Konzert zusätzliche Farbtupfer zu verleihen. Auf „Travesuras“ und „Via de la Plata“, den ersten beiden Alben für das Label Act, kommen Jorge Pardo (Flöte), Gerardo Nuñez (Flamencogitarre), Anat Cohen (Klarinette) und Ibrahim Maalouf (Trompete) als Gäste zum Einsatz – sparsam, aber effektvoll. Unter seine eigenen Kompositionen mischt García solche von spanischen Größen, etwa Manuel de Fallas „Canción del fuego fatuo“ mit Maalouf an der Vierteltontrompete, was unweigerlich an Miles Davis und Gil Evans denken lässt, die das Stück als „Will o’ the Wisp“ auf ihrem Meilensteinalbum „Sketches of Spain“ interpretierten. Dem Katalanen Federico Mompou wiederum, den auch schon andere Jazzpianisten für sich entdeckten, widmet García auf „Travesuras“ eine vierteilige Suite aus eigener Feder. „Ich liebe Mompou, er ist so lyrisch und zurückhaltend, ja minimalistisch. Sicher, ich mag das Freie, Exzessive, Feurige, mein Trio ist manchmal ziemlich extrem. Aber letztlich bin ich eher introvertiert und kontemplativ, deshalb berührt mich Mompous Musik. Ich glaube, jeder Musiker, der ihn kennt, liebt Mompou.“

Sein soeben erschienenes Album „Wonderland“ versteht der introvertierte García als Reise nach innen. Der Titel steht für „eine intime Welt aus Träumen und Ängsten, Illusionen und Hoffnungen, die unser Selbst formt und uns hilft, unsere Umgebung zu verstehen.“ Bis auf ein Volkslied, vorgetragen von der galizischen Sängerin Verónica Ferreiro, stammt sämtliche Musik von García. Mit der katalanischen Sängerin Lau Noah, die zu einem Song eigene Lyrics mitbringt, und dem israelischen Gitarristen Gilad Hekselman, der dem Titelstück im Unisono mit Garcías Klavier eine besondere Note gibt, hat er zwei Wahl-New-Yorker im Boot. So internationalisiert sich sein musikalisches „Wonderland“ zusehends, ebenso sein stilistisches Spektrum: „Ich liebe Klassik, ich liebe Musik aus dem Mittleren Osten, ich liebe Rock, ich liebe Singer/Songwriter! Inspiration kann von überall kommen.“ Und dafür, dass der Blick nach außen dem nach innen nicht entgegensteht, zitiert er in den Liner-Notes C.G. Jung: „Wer nach außen schaut, träumt, wer nach innen schaut, erwacht.“