Jazz Forum

Alles im Moment

Von
Christina M. Bauer
Erschienen in der Printausgabe im
März 2024
Lesezeit ca.
Minuten
Foto: Holger Riegel
Foto: Holger Riegel

Mag sein, dass die Worte weniger werden. Die Klänge werden es jedenfalls nicht. Es hat mit der über die Jahre intensivierten Hinwendung zum reinen Improvisieren zu tun, dass sich Lorenz Kellhuber nur noch selten mit Titeln für seine Stücke aufhält. Was da im Konzert aus dem Fluss seiner Ideen oder denen seines Trios heraus entsteht, heißt dann meistens schlicht Part I bis Part X oder ähnlich. Im Fall des im November veröffentlichten Albums „Low Intervention“ eben Part I bis Part VII. Die Musik soll für sich selbst sprechen. Kellhuber hat sich über die Jahre von stilistischen Grenzen und möglichen Hörerwartungen so dezidiert befreit, wie das selbst im Jazz selten vorkommt. Bei den ersten Alben, die in seinen frühen Zwanzigern entstanden, durchzogen moderner Jazz und Blues noch allgegenwärtig seine Musik. Es ging los mit dem Debüt „People and their Oppositions“, veröffentlicht 2012, weitere Alben folgten. Komponierte Stücke waren das, wenn auch mit den jazztypischen improvisierten Passagen. Dass Kellhuber als Jugendlicher für Idole wie Oscar Peterson schwärmte, ließ sich leicht nachvollziehen. Genauso, dass er 2014 als erster Deutscher die Jazz Solo Piano Competition in
Montreux für sich entschied und dafür von Monty Alexander ausgezeichnet wurde.

Wenige Jahre später ging seine musikalische Ideenwelt in eine Richtung, die allenfalls gelegentlich an das Spiel von Pianisten wie Keith Jarrett oder Chick Corea erinnerte. Inzwischen ist das noch viel seltener geworden. Kellhuber improvisierte immer öfter ganze Solokonzerte, spielte alles aus dem Moment heraus. Einflüsse aus der Welt der klassischen Konzertsäle fanden dabei zunehmend ihren Weg in seine Musik: impressionistische Klangbilder, minimalistische Ostinato­muster, zeitgenössische Klänge und Dissonanzen, manchmal melodische Passagen irgendwo zwischen Jazz und moderner Klassik. Wollte man stilistische Assoziationen heranziehen, ließen sich Erik Satie und Steve Reich ebenso nennen wie diverse Jazzgranden.

Dass der Wahl-Berliner in Regensburg zunächst klassisches Klavier gelernt hat, kommt inzwischen mehr zur Geltung als noch vor wenigen Jahren, ohne dass der Jazz deswegen verschwunden wäre. Er selbst nennt seien Stil mit dem Titel einer seiner Soloeinspielungen „Contemporary Chamber Music“ – zeitgenössische Kammermusik. Für diesen zuerst als Solist in zahlreichen Konzerten ausgeloteten Weg fand er 2018 die passenden Mitstreiter: Bassist Felix Henkelhausen und Schlagzeuger Moritz Baumgärtner, beide Teil der innovativen Szene improvisierter Musik in Berlin. Bemerkenswert organisch ist das Zusammenspiel, der fließende Wechsel zwischen Soli, Dialogen und Triointeraktionen, das fortwährende Sich-Zuspielen und Weiterentwickeln von Ideen. „Ich hatte einfach immer mehr das Bedürfnis, auch im Trio Musik im Moment entstehen zu lassen“, berichtet Kellhuber über die Anfänge. Drei Einspielungen haben die jungen Musiker bisher veröffentlicht und zahlreiche Konzerte gespielt.

„Die Quelle ist immer da. Die Frage ist nur, ob man es schafft, sie anzuzapfen.“

Ermüdungserscheinungen sind nicht zu spüren, die gemeinsamen Möglichkeiten wirken längst nicht ausgeschöpft. Dass sie so etwas wie Proben im Trio nicht kennen, dürfte für ihre Musik von Vorteil sein. Die Einfälle scheinen ihnen jedenfalls ungestört zuzufliegen. „Die Quelle ist immer da. Die Frage ist nur, ob man es schafft, sie anzuzapfen“, sagt Kellhuber. „Es liegt an uns, ob man diesen Zustand erreicht, wo man als eine Art Medium fungiert und einfach loslassen kann.“ Kellhuber zeichnet alle Konzerte auf und hört sich die Aufnahmen in Ruhe noch einmal an. „Hundertprozentig zufrieden ist man nie“, bekennt er. „Aber es gibt natürlich schon Konzerte, wo man sagt: ‚Wow, das war besonders.‘“ Ihm ist klar, dass es ein aufgeschlossenes Publikum erfordert, das bereit ist, sich auf eine in dieser Form erstmalig und einmalig gespielte Musik überhaupt einzulassen. Gelingt das, ist die Freude über die gewissermaßen gemeinsame musikalische Erfahrung umso größer.

Kellhuber und seine Mistreiter erschließen der Kammer­musik ganz neue
Räume

Kellhuber veröffentlicht so gut wie jedes Jahr ein neues Album, und auch das nächste sollte auf jeden Fall wieder ein Konzertmitschnitt werden. Dieses Mal aus den Emil Berliner Studios in Berlin-Kreuzberg. Schon 2012 hat Kellhuber sein Debütalbum dort aufgezeichnet. Und seit eineinhalb Jahren steht sogar sein Konzertflügel dort, ein Steinway D aus der Klangmanufaktur Hamburg, auf dem er täglich spielt. 

Rund 30 Zuhörer luden er und sein Trio im vergangen Sommer ins Studio und nutzten zum ersten Mal eine alte Technik, um die Musik unbearbeitet im wahrsten Sinne des Wortes mitzuschneiden: das Direct-to-Disc-Verfahren mit analoger Mikrofonierung und entsprechendem Analogpult. Was sie spielten, wurde gleich in Vinyl geritzt. Kellhuber hat eine große Sammlung Vinylschallplatten zu Hause, er hört Aufnahmen aber auch per klanglich hochwertigem Stream. Für ihn ist das kein Widerspruch, und so hat er auch das neue Album in beiden Veröffentlichungsformen zugänglich gemacht.

Seine Beschäftigung mit den Möglichkeiten aktueller Kammermusik brachte Kellhuber 2020 dazu, gemeinsam mit seinem Jugendfreund Benedikt Wiedmann ein neues Festival in seiner Heimatstadt Regensburg zu gründen. Vorbild waren die von beiden einst mit Begeisterung besuchten Kammermusikkurse des kürzlich verstorbenen Conrad von der Goltz. Hier sollen Innovation und Vielfalt ihren Platz finden, der Begriff Kammermusik möglichst weit gefasst werden. „Kammermusik ist nicht nur Streichquartett“, formuliert es Kellhuber. Sondern auch Jazztrio zum Beispiel oder Musiktheater. Natürlich ist er mit seinem Trio schon aufgetreten, und 2022 konnte er die Uraufführung eines Werkes spielen, das Stefan Johannes Hanke für ihn und das aus vier Kontrabassisten bestehende Oslo Fat String Quartet komponiert hat. So erschließt er mit seinen Mitstreitern der Kammermusik ganz neue Räume. „Seitdem haben uns viele Sponsoren die Stange gehalten, und die Stadt hat uns immer gut unterstützt“, so Kellhuber. Trotz der Pandemie konnten bislang vier Festivals stattfinden, manchmal gerade so zwischen zwei Lockdowns. 

Ein weiteres Standbein Lorenz Kellhubers ist die Professur für Schulpraktisches Klavierspiel, die er seit 2021 an der Musikhochschule Carl Maria von Weber in Dresden innehat. Vorstellen könnte er sich, dass daraus irgendwann mal eine Professur für Jazzklavier wird. Aber das hat Zeit. Er ist ja gerade mal 33 Jahre alt.

Mag sein, dass die Worte weniger werden. Die Klänge werden es jedenfalls nicht. Es hat mit der über die Jahre intensivierten Hinwendung zum reinen Improvisieren zu tun, dass sich Lorenz Kellhuber nur noch selten mit Titeln für seine Stücke aufhält. Was da im Konzert aus dem Fluss seiner Ideen oder denen seines Trios heraus entsteht, heißt dann meistens schlicht Part I bis Part X oder ähnlich. Im Fall des im November veröffentlichten Albums „Low Intervention“ eben Part I bis Part VII. Die Musik soll für sich selbst sprechen. Kellhuber hat sich über die Jahre von stilistischen Grenzen und möglichen Hörerwartungen so dezidiert befreit, wie das selbst im Jazz selten vorkommt. Bei den ersten Alben, die in seinen frühen Zwanzigern entstanden, durchzogen moderner Jazz und Blues noch allgegenwärtig seine Musik. Es ging los mit dem Debüt „People and their Oppositions“, veröffentlicht 2012, weitere Alben folgten. Komponierte Stücke waren das, wenn auch mit den jazztypischen improvisierten Passagen. Dass Kellhuber als Jugendlicher für Idole wie Oscar Peterson schwärmte, ließ sich leicht nachvollziehen. Genauso, dass er 2014 als erster Deutscher die Jazz Solo Piano Competition in
Montreux für sich entschied und dafür von Monty Alexander ausgezeichnet wurde.

Wenige Jahre später ging seine musikalische Ideenwelt in eine Richtung, die allenfalls gelegentlich an das Spiel von Pianisten wie Keith Jarrett oder Chick Corea erinnerte. Inzwischen ist das noch viel seltener geworden. Kellhuber improvisierte immer öfter ganze Solokonzerte, spielte alles aus dem Moment heraus. Einflüsse aus der Welt der klassischen Konzertsäle fanden dabei zunehmend ihren Weg in seine Musik: impressionistische Klangbilder, minimalistische Ostinato­muster, zeitgenössische Klänge und Dissonanzen, manchmal melodische Passagen irgendwo zwischen Jazz und moderner Klassik. Wollte man stilistische Assoziationen heranziehen, ließen sich Erik Satie und Steve Reich ebenso nennen wie diverse Jazzgranden.

Dass der Wahl-Berliner in Regensburg zunächst klassisches Klavier gelernt hat, kommt inzwischen mehr zur Geltung als noch vor wenigen Jahren, ohne dass der Jazz deswegen verschwunden wäre. Er selbst nennt seien Stil mit dem Titel einer seiner Soloeinspielungen „Contemporary Chamber Music“ – zeitgenössische Kammermusik. Für diesen zuerst als Solist in zahlreichen Konzerten ausgeloteten Weg fand er 2018 die passenden Mitstreiter: Bassist Felix Henkelhausen und Schlagzeuger Moritz Baumgärtner, beide Teil der innovativen Szene improvisierter Musik in Berlin. Bemerkenswert organisch ist das Zusammenspiel, der fließende Wechsel zwischen Soli, Dialogen und Triointeraktionen, das fortwährende Sich-Zuspielen und Weiterentwickeln von Ideen. „Ich hatte einfach immer mehr das Bedürfnis, auch im Trio Musik im Moment entstehen zu lassen“, berichtet Kellhuber über die Anfänge. Drei Einspielungen haben die jungen Musiker bisher veröffentlicht und zahlreiche Konzerte gespielt.

„Die Quelle ist immer da. Die Frage ist nur, ob man es schafft, sie anzuzapfen.“

Ermüdungserscheinungen sind nicht zu spüren, die gemeinsamen Möglichkeiten wirken längst nicht ausgeschöpft. Dass sie so etwas wie Proben im Trio nicht kennen, dürfte für ihre Musik von Vorteil sein. Die Einfälle scheinen ihnen jedenfalls ungestört zuzufliegen. „Die Quelle ist immer da. Die Frage ist nur, ob man es schafft, sie anzuzapfen“, sagt Kellhuber. „Es liegt an uns, ob man diesen Zustand erreicht, wo man als eine Art Medium fungiert und einfach loslassen kann.“ Kellhuber zeichnet alle Konzerte auf und hört sich die Aufnahmen in Ruhe noch einmal an. „Hundertprozentig zufrieden ist man nie“, bekennt er. „Aber es gibt natürlich schon Konzerte, wo man sagt: ‚Wow, das war besonders.‘“ Ihm ist klar, dass es ein aufgeschlossenes Publikum erfordert, das bereit ist, sich auf eine in dieser Form erstmalig und einmalig gespielte Musik überhaupt einzulassen. Gelingt das, ist die Freude über die gewissermaßen gemeinsame musikalische Erfahrung umso größer.

Kellhuber und seine Mistreiter erschließen der Kammer­musik ganz neue
Räume

Kellhuber veröffentlicht so gut wie jedes Jahr ein neues Album, und auch das nächste sollte auf jeden Fall wieder ein Konzertmitschnitt werden. Dieses Mal aus den Emil Berliner Studios in Berlin-Kreuzberg. Schon 2012 hat Kellhuber sein Debütalbum dort aufgezeichnet. Und seit eineinhalb Jahren steht sogar sein Konzertflügel dort, ein Steinway D aus der Klangmanufaktur Hamburg, auf dem er täglich spielt. 

Rund 30 Zuhörer luden er und sein Trio im vergangen Sommer ins Studio und nutzten zum ersten Mal eine alte Technik, um die Musik unbearbeitet im wahrsten Sinne des Wortes mitzuschneiden: das Direct-to-Disc-Verfahren mit analoger Mikrofonierung und entsprechendem Analogpult. Was sie spielten, wurde gleich in Vinyl geritzt. Kellhuber hat eine große Sammlung Vinylschallplatten zu Hause, er hört Aufnahmen aber auch per klanglich hochwertigem Stream. Für ihn ist das kein Widerspruch, und so hat er auch das neue Album in beiden Veröffentlichungsformen zugänglich gemacht.

Seine Beschäftigung mit den Möglichkeiten aktueller Kammermusik brachte Kellhuber 2020 dazu, gemeinsam mit seinem Jugendfreund Benedikt Wiedmann ein neues Festival in seiner Heimatstadt Regensburg zu gründen. Vorbild waren die von beiden einst mit Begeisterung besuchten Kammermusikkurse des kürzlich verstorbenen Conrad von der Goltz. Hier sollen Innovation und Vielfalt ihren Platz finden, der Begriff Kammermusik möglichst weit gefasst werden. „Kammermusik ist nicht nur Streichquartett“, formuliert es Kellhuber. Sondern auch Jazztrio zum Beispiel oder Musiktheater. Natürlich ist er mit seinem Trio schon aufgetreten, und 2022 konnte er die Uraufführung eines Werkes spielen, das Stefan Johannes Hanke für ihn und das aus vier Kontrabassisten bestehende Oslo Fat String Quartet komponiert hat. So erschließt er mit seinen Mitstreitern der Kammermusik ganz neue Räume. „Seitdem haben uns viele Sponsoren die Stange gehalten, und die Stadt hat uns immer gut unterstützt“, so Kellhuber. Trotz der Pandemie konnten bislang vier Festivals stattfinden, manchmal gerade so zwischen zwei Lockdowns. 

Ein weiteres Standbein Lorenz Kellhubers ist die Professur für Schulpraktisches Klavierspiel, die er seit 2021 an der Musikhochschule Carl Maria von Weber in Dresden innehat. Vorstellen könnte er sich, dass daraus irgendwann mal eine Professur für Jazzklavier wird. Aber das hat Zeit. Er ist ja gerade mal 33 Jahre alt.