Jazz Forum

60 Jahre „Out To Lunch“

Von
Hans-Jürgen Schaal
Erschienen in der Printausgabe im
Mai 2024
Lesezeit ca.
Minuten
Eric Dolphy, geboren 1928 in Los Angeles, gestorben 1964 in Berlin. Foto: Pictorial Press Ltd / Alamy Stock Foto
Eric Dolphy, geboren 1928 in Los Angeles, gestorben 1964 in Berlin. Foto: Pictorial Press Ltd / Alamy Stock Foto

Der Tod kam völlig unerwartet. Erst im April 1964 war Eric Dolphy mit der Band von Charles Mingus auf Europatournee gegangen, im Mai spielte er noch Jamsessions in Paris, und im Juni starb er in Berlin. Niemand konnte es begreifen. Dolphy galt als „health freak“ – er rauchte nicht, trank nicht, nahm keine Drogen. Er hatte sein Leben im Griff, liebte seine Eltern und plante in Kürze zu heiraten. Vor seiner Reise nach Europa hatte er sich sogar noch gründlich vom Arzt untersuchen lassen – alles okay. Doch in Paris beginnt er sich unwohl zu fühlen, ist schnell erschöpft, leidet unter Anfällen von Heißhunger und fängt an zu halluzinieren. Dennoch reist er weiter nach Berlin, wo er mit dem Karl Berger Trio im Studentenclub Tangente gebucht ist. Aufs Hotelzimmer im Xantener Eck bestellt er sich große Mengen Eiswasser, Eiscreme, Cola. Er sitzt am offenen Fenster, leidet an Schweißausbrüchen und unsäglichem Durst. Ein Arzt gibt ihm eine Stärkungsspritze. Doch auf dem Weg zum Club muss Dolphy gestützt werden, auf der Bühne bricht er zusammen. Man bringt ihn in die nahe Achenbach-Klinik in Wilmersdorf. 

Am nächsten Tag war Eric Dolphy tot, gestorben im diabetischen Koma. Er wurde 36 Jahre alt. „Wir waren wie vor den Kopf geschlagen und konnten es nicht fassen“, sagte Klaus Hagl, einer der Mitmusiker aus der Tangente. „Als wir ihn im Krankenhaus besuchen wollten, erwarteten wir, ihn erholt und frisch gestärkt anzutreffen. Niemand von uns ahnte auch nur im Entferntesten etwas von dem ganzen Ernst der Situation.“ Offenbar hatte Dolphy in sehr kurzer Zeit eine Diabetes-Krankheit entwickelt. Ein Klinikarzt sagte: „Sein Blutzucker genügte, um drei Menschen umzubringen.“ Dolphys Verlobte in Paris glaubte, die Ärzte hätten ihn zu früh aufgegeben und einfach für tot erklärt. Andere mutmaßten, man sei in Europa mit den besonderen Formen von Diabetes bei Afroamerikanern nicht vertraut. Charles Mingus verdächtigte die verhassten „Nazi-Deutschen“: „Sie haben ihn umgebracht.“ Die New Yorker Jazzszene stand unter Schock. Man widmete Dolphy Gedenkkonzerte und Kompositionen wie „Tears For Dolphy“, „Dolphy’s Days“, „Poor Eric“ und „Elegy For Eric“. Charles Mingus taufte seinen Sohn, der elf Tage nach Dolphys Tod geboren wurde, auf den Namen Eric Dolphy Mingus.

Das Meisterwerk

Nur wenige Wochen nach Dolphys Tod erschien sein Album „Out To Lunch“ – die Aufnahmen waren im Februar in New York entstanden. Der Album-Begleittext von A.B. Spellman wurde so abgedruckt, wie er im Frühjahr geschrieben worden war: „Eric sagt über seine unmittelbare Zukunft: ‚Ich bin auf dem Weg nach Europa, um dort für eine Weile zu leben.‘“ Das Plattenlabel veröffentlichte die Platte gleichzeitig mit Dexter Gordons „A Swingin’ Affair“ und Freddie Hubbards „Breaking Point“. Natürlich hat die trauernde Jazzwelt „Out To Lunch“ als Dolphys „Vermächtnis“ verstanden, als die Krönung und Vollendung dieses Musikers. Dabei hatte Dolphy die Zusammenarbeit mit Blue Note nicht als Abschluss, sondern als Neubeginn gemeint. Er hatte Zukunftsträume von Aufnahmen mit Albert Ayler und Cecil Taylor. Auch in Europa war er voller Pläne, war für ein ganzes Jahr ausgebucht, hatte Engagements in Deutschland, Dänemark, den Niederlanden, sogar in Australien vereinbart. Er wollte Woody Shaw, Bobby Hutcherson, Richard Davis und Billy Higgins aus New York holen, um die Musik von „Out To Lunch“ zu spielen. Eric Dolphy fühlte sich 1964 im Aufbruch, nicht als Vollendeter.

Und doch: „Out To Lunch“ ist ein Unikat, eine besondere Bilanz, das Resultat einer einmaligen Entwicklung. Es ist das herausragende Album des gesamten Blue-Note-Katalogs. Der britische Jazzkenner Richard Cook rechnet diese Platte zu den bemerkenswertesten Aufnahmen in der LP-Ära des Jazz. Das musikalische Konzept unterscheidet sich dabei sehr deutlich von „Far Cry“, Dolphys letzter konsistenter Studioplatte für Prestige/New Jazz (1960). „Out To Lunch“ präsentiert eine neue Konzeption von Jazzband. Dolphys Kompositionen sind scharf konturierte, mehrgliedrige Themen mit kontraststarken Gegenfiguren, fast karikaturenhaft gezeichnet. Die Spielmuster der Rhythmusgruppe – mit Vibrafon statt Klavier – zerfließen und ordnen sich wieder, tänzeln zwischen pulsierendem Swing und freiem Puls, zwischen multiplen Metren und kammermusikalischer Komplexität. Es entsteht ein vielfältiges Gespinst rund um die visionäre, großintervallige, explosive Ausdruckssprache des Bandleaders Eric Dolphy und die dynamisch befreiten Improvisationen seines Bläserpartners Freddie Hubbard. Dolphy hat sich hier ein klangstrukturelles Umfeld geschaffen, das seines avancierten solistischen Konzepts wirklich würdig ist. Richard Cook schreibt: „‚Out To Lunch‘ scheint um sich herum den modernen Jazz neu zu ordnen. Was hätte diese Gruppe wohl noch erreichen können?“

Der Weg

Ein Meisterwerk wie „Out To Lunch“ fällt nicht vom Himmel. Wirklich begreifen kann man diese Musik wohl nur, wenn man den künstlerischen Weg nachvollzieht, den Eric Dolphy in den zwei Jahren zuvor gegangen war. Schon Ende 1960 hatte er seine „Initiation“ in den sogenannten Third Stream erlebt – eine damals angesagte Crossover-Strömung zwischen Neuer Musik und New Jazz, propagiert vom amerikanischen Orchesterhornisten und Jazzhistoriker Gunther Schuller (1925-2015). Schuller hatte schnell entdeckt, dass Dolphy der ideale Solist für sein musikalisches Konzept war: ein Virtuose an drei (!) Instrumenten (Saxophon, Bassklarinette, Querflöte), klassisch geschult und jazzinnovativ, mit Orchester- und Bigband-Erfahrung ausgestattet, ein musikalischer Denker und Avantgardist, der sich in Bebop, Zwölftonmusik, indischen Ragas oder Vierteltönen gleichermaßen zu Hause fühlte. „Eric überschritt die gewöhnliche Definition eines klassischen oder eines Jazzmusikers“, meinte Schuller.

Tony Williams (1986). Von Brianmcmillen - Own work, CC BY-SA 4.0

Von Schuller gefördert, machte Dolphy 1962/63 eine kleine Neben-Karriere in der Welt des Third Stream und der Neuen Musik. Im Mai 1962 zum Beispiel führte er Edgar Varèses Flöten-Solostück „Density 21.5“ beim Ojai-Festival in Kalifornien auf, dessen künstlerischer Leiter damals Lukas Foss war. Im Januar und Februar 1963 nahm er an Aufnahmen des Orchestra U.S.A. teil, in dem Jazzmusiker und klassische Musiker zusammen spielten – Schuller dirigierte. Im März 1963 trat Dolphy beim Festival of Contemporary Arts in Champaign, Illinois, mit dem Illinois Brass Ensemble auf. Im gleichen Monat stand er im Mittelpunkt eines Third-Stream-Konzerts in der Carnegie Hall in New York, wobei Schullers Kompositionen „Densities“, „Night Music“ und „Abstraction“ aufgeführt und mitgeschnitten wurden. Im Februar 1964 war Dolphy auch im Lincoln Center in New York bei einem Young People’s Concert mit Leonard Bernstein und den New Yorker Philharmonikern zu hören. Im März hatte er ein Konzert beim Once-Festival in Ann Arbor mit dem Once Brass Ensemble. Mehrfach war er außerdem an experimentellen Konzerten mit klassischen Streichquartetten oder Performance-Künstlern beteiligt.

Die Genese des Quintetts

In dieser Zeit der Third-Stream-und Neue-Musik-Erkundungen stellte Dolphy immer mal wieder für einzelne Konzerte auch ein eigenes Jazzquintett zusammen – das Personal variierte. Aber schon 1962 hatte er statt eines Klaviers das harmonisch „offenere“ Vibrafon in der Band, zunächst mit Eddie Costa (der aber im gleichen Jahr ums Leben kam), dann mit dem jungen Bobby Hutcherson. 1963 bestand die Band aus Eric Dolphy, Woody Shaw, Bobby Hutcherson, Richard Davis und J.C. Moses. Dieses Quintett erscheint im Rückblick als die Proto- und Test-Besetzung für „Out To Lunch“. Allerdings erhielt dann im Studio der grandiose Trompeter Freddie Hubbard, der auch auf Dolphys Debütalbum gespielt hatte, den Vorzug vor dem noch unerfahrenen, erst 19-jährigen Woody Shaw. Am Schlagzeug hingegen setzte Dolphy auf einen Newcomer, den experimentierfreudigen Tony Williams. Der hatte nämlich mit Bobby Hutcherson zusammen in anderen Bands bereits eine sensationelle harmonisch-rhythmische Abenteuerlust entwickelt. Und sie sollte auf „Out To Lunch“ ihre Krönung finden.

Bobby Hutcherson (1982). Von Brianmcmillen - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Die Stücke, die Dolphy für seine Konzert-Quintette schrieb, reflektieren den Einfluss seiner Third-Stream-­Erfahrungen. Es sind überwiegend Kompositionen von einer neuen formalen und tonalen Offenheit – mit wechselnden Metren, offener Harmonik, grotesken Intervallen und jazzuntypischen Stakkato-Passagen. Dazu zählen „Burning Spear“, „Iron Man“, „Mandrake“ oder „South Street Exit“ – sie alle hätten gut ins Konzept von Dolphys Blue-Note-Album gepasst. „South Street Exit“ und „Mandrake“ hatte er noch Anfang Juni 1964 in Europa im Programm. Die Meisterplatte „Out To Lunch“ entstand also nicht als erratische Offenbarung – sie hatte eine lange Vorgeschichte. Die besondere Kompositions- und Bandsprache dieses Albums war über zwei Jahre gereift. Zwischen Neuer Musik und Bebop hatte Dolphy in dieser Zeit eine neue, weite Jazz-Landschaft ausgestaltet. Der Pianist Herbie Hancock, der 1962/63 vorübergehend zu Dolphys Quintett gehörte, meint: „Mit Eric zu spielen hat mein Gehirn geöffnet für das, was im Jazz möglich ist.“

Der Tod kam völlig unerwartet. Erst im April 1964 war Eric Dolphy mit der Band von Charles Mingus auf Europatournee gegangen, im Mai spielte er noch Jamsessions in Paris, und im Juni starb er in Berlin. Niemand konnte es begreifen. Dolphy galt als „health freak“ – er rauchte nicht, trank nicht, nahm keine Drogen. Er hatte sein Leben im Griff, liebte seine Eltern und plante in Kürze zu heiraten. Vor seiner Reise nach Europa hatte er sich sogar noch gründlich vom Arzt untersuchen lassen – alles okay. Doch in Paris beginnt er sich unwohl zu fühlen, ist schnell erschöpft, leidet unter Anfällen von Heißhunger und fängt an zu halluzinieren. Dennoch reist er weiter nach Berlin, wo er mit dem Karl Berger Trio im Studentenclub Tangente gebucht ist. Aufs Hotelzimmer im Xantener Eck bestellt er sich große Mengen Eiswasser, Eiscreme, Cola. Er sitzt am offenen Fenster, leidet an Schweißausbrüchen und unsäglichem Durst. Ein Arzt gibt ihm eine Stärkungsspritze. Doch auf dem Weg zum Club muss Dolphy gestützt werden, auf der Bühne bricht er zusammen. Man bringt ihn in die nahe Achenbach-Klinik in Wilmersdorf. 

Am nächsten Tag war Eric Dolphy tot, gestorben im diabetischen Koma. Er wurde 36 Jahre alt. „Wir waren wie vor den Kopf geschlagen und konnten es nicht fassen“, sagte Klaus Hagl, einer der Mitmusiker aus der Tangente. „Als wir ihn im Krankenhaus besuchen wollten, erwarteten wir, ihn erholt und frisch gestärkt anzutreffen. Niemand von uns ahnte auch nur im Entferntesten etwas von dem ganzen Ernst der Situation.“ Offenbar hatte Dolphy in sehr kurzer Zeit eine Diabetes-Krankheit entwickelt. Ein Klinikarzt sagte: „Sein Blutzucker genügte, um drei Menschen umzubringen.“ Dolphys Verlobte in Paris glaubte, die Ärzte hätten ihn zu früh aufgegeben und einfach für tot erklärt. Andere mutmaßten, man sei in Europa mit den besonderen Formen von Diabetes bei Afroamerikanern nicht vertraut. Charles Mingus verdächtigte die verhassten „Nazi-Deutschen“: „Sie haben ihn umgebracht.“ Die New Yorker Jazzszene stand unter Schock. Man widmete Dolphy Gedenkkonzerte und Kompositionen wie „Tears For Dolphy“, „Dolphy’s Days“, „Poor Eric“ und „Elegy For Eric“. Charles Mingus taufte seinen Sohn, der elf Tage nach Dolphys Tod geboren wurde, auf den Namen Eric Dolphy Mingus.

Das Meisterwerk

Nur wenige Wochen nach Dolphys Tod erschien sein Album „Out To Lunch“ – die Aufnahmen waren im Februar in New York entstanden. Der Album-Begleittext von A.B. Spellman wurde so abgedruckt, wie er im Frühjahr geschrieben worden war: „Eric sagt über seine unmittelbare Zukunft: ‚Ich bin auf dem Weg nach Europa, um dort für eine Weile zu leben.‘“ Das Plattenlabel veröffentlichte die Platte gleichzeitig mit Dexter Gordons „A Swingin’ Affair“ und Freddie Hubbards „Breaking Point“. Natürlich hat die trauernde Jazzwelt „Out To Lunch“ als Dolphys „Vermächtnis“ verstanden, als die Krönung und Vollendung dieses Musikers. Dabei hatte Dolphy die Zusammenarbeit mit Blue Note nicht als Abschluss, sondern als Neubeginn gemeint. Er hatte Zukunftsträume von Aufnahmen mit Albert Ayler und Cecil Taylor. Auch in Europa war er voller Pläne, war für ein ganzes Jahr ausgebucht, hatte Engagements in Deutschland, Dänemark, den Niederlanden, sogar in Australien vereinbart. Er wollte Woody Shaw, Bobby Hutcherson, Richard Davis und Billy Higgins aus New York holen, um die Musik von „Out To Lunch“ zu spielen. Eric Dolphy fühlte sich 1964 im Aufbruch, nicht als Vollendeter.

Und doch: „Out To Lunch“ ist ein Unikat, eine besondere Bilanz, das Resultat einer einmaligen Entwicklung. Es ist das herausragende Album des gesamten Blue-Note-Katalogs. Der britische Jazzkenner Richard Cook rechnet diese Platte zu den bemerkenswertesten Aufnahmen in der LP-Ära des Jazz. Das musikalische Konzept unterscheidet sich dabei sehr deutlich von „Far Cry“, Dolphys letzter konsistenter Studioplatte für Prestige/New Jazz (1960). „Out To Lunch“ präsentiert eine neue Konzeption von Jazzband. Dolphys Kompositionen sind scharf konturierte, mehrgliedrige Themen mit kontraststarken Gegenfiguren, fast karikaturenhaft gezeichnet. Die Spielmuster der Rhythmusgruppe – mit Vibrafon statt Klavier – zerfließen und ordnen sich wieder, tänzeln zwischen pulsierendem Swing und freiem Puls, zwischen multiplen Metren und kammermusikalischer Komplexität. Es entsteht ein vielfältiges Gespinst rund um die visionäre, großintervallige, explosive Ausdruckssprache des Bandleaders Eric Dolphy und die dynamisch befreiten Improvisationen seines Bläserpartners Freddie Hubbard. Dolphy hat sich hier ein klangstrukturelles Umfeld geschaffen, das seines avancierten solistischen Konzepts wirklich würdig ist. Richard Cook schreibt: „‚Out To Lunch‘ scheint um sich herum den modernen Jazz neu zu ordnen. Was hätte diese Gruppe wohl noch erreichen können?“

Der Weg

Ein Meisterwerk wie „Out To Lunch“ fällt nicht vom Himmel. Wirklich begreifen kann man diese Musik wohl nur, wenn man den künstlerischen Weg nachvollzieht, den Eric Dolphy in den zwei Jahren zuvor gegangen war. Schon Ende 1960 hatte er seine „Initiation“ in den sogenannten Third Stream erlebt – eine damals angesagte Crossover-Strömung zwischen Neuer Musik und New Jazz, propagiert vom amerikanischen Orchesterhornisten und Jazzhistoriker Gunther Schuller (1925-2015). Schuller hatte schnell entdeckt, dass Dolphy der ideale Solist für sein musikalisches Konzept war: ein Virtuose an drei (!) Instrumenten (Saxophon, Bassklarinette, Querflöte), klassisch geschult und jazzinnovativ, mit Orchester- und Bigband-Erfahrung ausgestattet, ein musikalischer Denker und Avantgardist, der sich in Bebop, Zwölftonmusik, indischen Ragas oder Vierteltönen gleichermaßen zu Hause fühlte. „Eric überschritt die gewöhnliche Definition eines klassischen oder eines Jazzmusikers“, meinte Schuller.

Tony Williams (1986). Von Brianmcmillen - Own work, CC BY-SA 4.0

Von Schuller gefördert, machte Dolphy 1962/63 eine kleine Neben-Karriere in der Welt des Third Stream und der Neuen Musik. Im Mai 1962 zum Beispiel führte er Edgar Varèses Flöten-Solostück „Density 21.5“ beim Ojai-Festival in Kalifornien auf, dessen künstlerischer Leiter damals Lukas Foss war. Im Januar und Februar 1963 nahm er an Aufnahmen des Orchestra U.S.A. teil, in dem Jazzmusiker und klassische Musiker zusammen spielten – Schuller dirigierte. Im März 1963 trat Dolphy beim Festival of Contemporary Arts in Champaign, Illinois, mit dem Illinois Brass Ensemble auf. Im gleichen Monat stand er im Mittelpunkt eines Third-Stream-Konzerts in der Carnegie Hall in New York, wobei Schullers Kompositionen „Densities“, „Night Music“ und „Abstraction“ aufgeführt und mitgeschnitten wurden. Im Februar 1964 war Dolphy auch im Lincoln Center in New York bei einem Young People’s Concert mit Leonard Bernstein und den New Yorker Philharmonikern zu hören. Im März hatte er ein Konzert beim Once-Festival in Ann Arbor mit dem Once Brass Ensemble. Mehrfach war er außerdem an experimentellen Konzerten mit klassischen Streichquartetten oder Performance-Künstlern beteiligt.

Die Genese des Quintetts

In dieser Zeit der Third-Stream-und Neue-Musik-Erkundungen stellte Dolphy immer mal wieder für einzelne Konzerte auch ein eigenes Jazzquintett zusammen – das Personal variierte. Aber schon 1962 hatte er statt eines Klaviers das harmonisch „offenere“ Vibrafon in der Band, zunächst mit Eddie Costa (der aber im gleichen Jahr ums Leben kam), dann mit dem jungen Bobby Hutcherson. 1963 bestand die Band aus Eric Dolphy, Woody Shaw, Bobby Hutcherson, Richard Davis und J.C. Moses. Dieses Quintett erscheint im Rückblick als die Proto- und Test-Besetzung für „Out To Lunch“. Allerdings erhielt dann im Studio der grandiose Trompeter Freddie Hubbard, der auch auf Dolphys Debütalbum gespielt hatte, den Vorzug vor dem noch unerfahrenen, erst 19-jährigen Woody Shaw. Am Schlagzeug hingegen setzte Dolphy auf einen Newcomer, den experimentierfreudigen Tony Williams. Der hatte nämlich mit Bobby Hutcherson zusammen in anderen Bands bereits eine sensationelle harmonisch-rhythmische Abenteuerlust entwickelt. Und sie sollte auf „Out To Lunch“ ihre Krönung finden.

Bobby Hutcherson (1982). Von Brianmcmillen - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Die Stücke, die Dolphy für seine Konzert-Quintette schrieb, reflektieren den Einfluss seiner Third-Stream-­Erfahrungen. Es sind überwiegend Kompositionen von einer neuen formalen und tonalen Offenheit – mit wechselnden Metren, offener Harmonik, grotesken Intervallen und jazzuntypischen Stakkato-Passagen. Dazu zählen „Burning Spear“, „Iron Man“, „Mandrake“ oder „South Street Exit“ – sie alle hätten gut ins Konzept von Dolphys Blue-Note-Album gepasst. „South Street Exit“ und „Mandrake“ hatte er noch Anfang Juni 1964 in Europa im Programm. Die Meisterplatte „Out To Lunch“ entstand also nicht als erratische Offenbarung – sie hatte eine lange Vorgeschichte. Die besondere Kompositions- und Bandsprache dieses Albums war über zwei Jahre gereift. Zwischen Neuer Musik und Bebop hatte Dolphy in dieser Zeit eine neue, weite Jazz-Landschaft ausgestaltet. Der Pianist Herbie Hancock, der 1962/63 vorübergehend zu Dolphys Quintett gehörte, meint: „Mit Eric zu spielen hat mein Gehirn geöffnet für das, was im Jazz möglich ist.“