Weibliche Note(n)
Die Pianistin Anke Helfrich würdigt auf ihrem neuen Album „We‘ll Rise“ außergewöhnliche Frauen

Leicht dissonante, energiegeladene Akkorde, grazile Melodielinien, weitschwingende improvisierte Bögen, so kennen Jazzinteressierte die Musik der Pianistin Anke Helfrich. Nach sieben Jahren war es Zeit für eine neue Einspielung der Jazzerin aus Weinheim. „We‘ll Rise“ heißt das Album, ihr fünftes unter eigenem Namen, und beim Anhören fällt sofort eine Neigung zum Dezenten auf. Man hört mehr zarte Töne, dabei trotzdem Dynamik und temporeiche Passagen. „Das habe ich im Laufe der Arbeit erst gemerkt, dass mehr Stücke dabei sind, die reflektiert sind und ein anderes Tempo haben“, berichtet Anke Helfrich.
Im Mittelpunkt von „We’ll Rise“ stehen Frauen. Zum Beispiel Frida Kahlo, die mexikanische Malerin mit der einzigartigen Biografie. Oder die Filmpionierin Alice Guy-Blaché, der sage und schreibe tausend, wenn auch meist sehr kurze Filme zugeschrieben werden und die heute kaum jemand kennt. Bekannte stehen neben weniger bekannten Frauen – Musik, die eigens für sie geschrieben ist, meint Anke Helfrich, haben sie alle verdient. Und so komponierte sie. Inspiriert von Alice Guy-Blaché etwa schrieb sie einen Jazzwalzer. Für die australische Sprinterin Cathy Freeman schrieb sie ein stark rhythmisiertes Up-Tempo-Stück – bei dem sie ihrem Bandmitglied Adrian Mears Linien fürs Didgeridoo schrieb. „Ich hätte nie so ein Stück geschrieben, wenn ich nicht gewusst hätte, dass er es spielen kann“, sagt Anke Helfrich, die seit Jahren mit dem Australier, der ansonsten Posaune spielt, zusammenarbeitet.
Dass sie zu ihrem festen Klaviertrio einen Bläser hinzunimmt, ist inzwischen fast schon Standard. So mischten etwa der inzwischen verstorbene US-Trompeter Roy Hargrove und der Saxofonist Mark Turner bereits in ihren Ensembles mit. Mit ihren langjährigen Triopartnern Dietmar Fuhr und Jens Düppe an Bass und Schlagzeug sowie dieses Mal Mears als Viertem im Bunde sind ihre Mitmusiker, wie immer, nur Männer. „Ich fand es organisch“, sagt sie, „mit den Musikern, mit denen ich in den vergangenen Jahren gespielt habe, jetzt auch diese Stücke zu spielen.“
Den Großteil ihres Repertoires komponiert Anke Helfrich selbst
Dabei kennt die Pianistin auch andere Besetzungen, so tourte sie etwa mit dem Diva Orchestra, das vollständig aus Musikerinnen besteht. „Das fand ich eine tolle Erfahrung, auch weil ich nie Bigband spiele“, erinnert sie sich. Im Duo konzertierte sie öfter mit der Saxofonistin Angelika Niescier, einzelne Ensemblekonzerte gab es außerdem mit Karolina Strassmayer. Für eine besondere Ehrung sorgte die amerikanische Schlagzeugerin, Komponistin und Produzentin Terri Lyne Carrington, die in ihre 2022 veröffentlichte, viel beachtete Sammlung „New Standards: 101 Lead Sheets by Women Composers“ Helfrichs Komposition „Upper West Side“ aufnahm. Aus Deutschland sind nur zwei Komponistinnen vertreten: die Saxofonistin Ingrid Laubrock und Anke Helfrich. Carrington, die einst als Drummerin von Herbie Hancock bekannt wurde, ging es um die Sichtbarkeit von Komponistinnen im Jazz. Am Berklee College of Music, wo sie seit langem unterrichtet, gründete sie ein Institute of Jazz and Gender Justice.
Beim Stück, das Helfrich der vor wenigen Jahren überraschend verstorbenen Pianistin Geri Allen gewidmet hat, ist Terri Lyne Carrington als Sprecherin zu hören. „Sie war eine langjährige Freundin von Geri Allen“, berichtet Anke Helfrich, die Carrington seit Jahren kennt. „Da dachte ich, ich frage sie, ob sie etwas einsprechen möchte, um ihre Wertschätzung auszudrücken und das Andenken an Geri weiterleben zu lassen.“ Für Helfrich selbst hat Geri Allen seit jungen Jahren schon einen besonderen Stellenwert: „Sie war die erste Frau, die ich gesehen habe auf der Bühne.“
„Soweit es geht, versuche ich die Kompositionen auf die Band
abzustimmen.“
Dass Frauen Komponistinnen und Bandleaderinnen sein und als Solistinnen am Klavier auftreten können, erfuhr sie allerdings um einiges früher. Es war Teil der freundlichen Förderung durch einen Nachbarn, der ihr oft Alben schenkte und ihren musikalischen Weg sogar bis heute mitverfolgt. So erhielt sie Einspielungen von berühmten männlichen Jazzmusikern wie Thelonious Monk, der eines ihrer großen Idole wurde. Ab und an spielt sie einzelne seiner Stücke wie etwa „Hackensack“. Genauso bekam sie aber auch Alben von Mary Lou Williams und Jutta Hipp in die Hände, die zu den wenigen frühen Instrumentalistinnen des Jazz überhaupt zählen.
In ihren frühen Jahren lebte Anke Helfrich mit ihren Eltern und den Schwestern im namibischen Windhoek, wo häufig der Wüstenstaub übers Land fegte. Mit den Schwarzen in den Townships, die in dieser Zeit der Apartheid weit weniger Rechte besaßen als Weiße, waren sie oft in Austausch. Die Erfahrungen dieser Lebenswelt beeinflussen Anke Helfrich bis heute. Die Überwindung der Apartheid und Ungleichheit ist eines der Themen, die sie in den vergangenen Jahren musikalisch aufgegriffen hat.
Ihr zweites Zuhause wurde das badische Weinheim, wohin die Familie in ihrer Jugend umsiedelte. Nach ihren Jazzstudien im niederländischen Hilversum und in New York, wo sie sich dank eines Stipendiums bei Kenny Barron und Larry Goldings den künstlerischen Feinschliff holen konnte, lebt Helfrich seit geraumer Zeit nun wieder dort.
Zwar spielt sie immer noch Stücke von Idolen wie Monk oder Hancock, doch den Großteil ihres Repertoires komponiert Anke Helfrich selbst. „Soweit es geht, versuche ich die Kompositionen auf die Band abzustimmen und das zu transportieren, was die Musik transportieren soll“, umschreibt sie die Phase des Komponierens. In den Soli und improvisierten Parts öffnen sich aber auch zahlreiche Freiräume für ihre Mitmusiker. Helfrich bedient sich nicht nur im Fundus des modernen Jazz, sie integriert auch Rezitationen und Stimme, Computersamples oder Objekte auf den Klaviersaiten, die den Sound verändern, in ihre Musik. Und außer dem Klavier setzt sie sich auch gern mal ans Harmonium oder das Fender Rhodes.
Lange war sie Dozentin an der Musikhochschule in Mannheim, ehe sie 2011 an Dr. Hoch‘s Konservatorium in Frankfurt wechselte, um die Jazzabteilung mit aufzubauen. Und auch als Jurorin in Klavierwettbewerben ist sie viel gefragt. Doch im Zentrum der Aktivitäten von Anke Helfrich, die 2016 mit einem Echo Jazz ausgezeichnet wurde, steht immer noch die Arbeit mit ihren Ensembles. Zum Glück.
Leicht dissonante, energiegeladene Akkorde, grazile Melodielinien, weitschwingende improvisierte Bögen, so kennen Jazzinteressierte die Musik der Pianistin Anke Helfrich. Nach sieben Jahren war es Zeit für eine neue Einspielung der Jazzerin aus Weinheim. „We‘ll Rise“ heißt das Album, ihr fünftes unter eigenem Namen, und beim Anhören fällt sofort eine Neigung zum Dezenten auf. Man hört mehr zarte Töne, dabei trotzdem Dynamik und temporeiche Passagen. „Das habe ich im Laufe der Arbeit erst gemerkt, dass mehr Stücke dabei sind, die reflektiert sind und ein anderes Tempo haben“, berichtet Anke Helfrich.
Im Mittelpunkt von „We’ll Rise“ stehen Frauen. Zum Beispiel Frida Kahlo, die mexikanische Malerin mit der einzigartigen Biografie. Oder die Filmpionierin Alice Guy-Blaché, der sage und schreibe tausend, wenn auch meist sehr kurze Filme zugeschrieben werden und die heute kaum jemand kennt. Bekannte stehen neben weniger bekannten Frauen – Musik, die eigens für sie geschrieben ist, meint Anke Helfrich, haben sie alle verdient. Und so komponierte sie. Inspiriert von Alice Guy-Blaché etwa schrieb sie einen Jazzwalzer. Für die australische Sprinterin Cathy Freeman schrieb sie ein stark rhythmisiertes Up-Tempo-Stück – bei dem sie ihrem Bandmitglied Adrian Mears Linien fürs Didgeridoo schrieb. „Ich hätte nie so ein Stück geschrieben, wenn ich nicht gewusst hätte, dass er es spielen kann“, sagt Anke Helfrich, die seit Jahren mit dem Australier, der ansonsten Posaune spielt, zusammenarbeitet.
Dass sie zu ihrem festen Klaviertrio einen Bläser hinzunimmt, ist inzwischen fast schon Standard. So mischten etwa der inzwischen verstorbene US-Trompeter Roy Hargrove und der Saxofonist Mark Turner bereits in ihren Ensembles mit. Mit ihren langjährigen Triopartnern Dietmar Fuhr und Jens Düppe an Bass und Schlagzeug sowie dieses Mal Mears als Viertem im Bunde sind ihre Mitmusiker, wie immer, nur Männer. „Ich fand es organisch“, sagt sie, „mit den Musikern, mit denen ich in den vergangenen Jahren gespielt habe, jetzt auch diese Stücke zu spielen.“
Den Großteil ihres Repertoires komponiert Anke Helfrich selbst
Dabei kennt die Pianistin auch andere Besetzungen, so tourte sie etwa mit dem Diva Orchestra, das vollständig aus Musikerinnen besteht. „Das fand ich eine tolle Erfahrung, auch weil ich nie Bigband spiele“, erinnert sie sich. Im Duo konzertierte sie öfter mit der Saxofonistin Angelika Niescier, einzelne Ensemblekonzerte gab es außerdem mit Karolina Strassmayer. Für eine besondere Ehrung sorgte die amerikanische Schlagzeugerin, Komponistin und Produzentin Terri Lyne Carrington, die in ihre 2022 veröffentlichte, viel beachtete Sammlung „New Standards: 101 Lead Sheets by Women Composers“ Helfrichs Komposition „Upper West Side“ aufnahm. Aus Deutschland sind nur zwei Komponistinnen vertreten: die Saxofonistin Ingrid Laubrock und Anke Helfrich. Carrington, die einst als Drummerin von Herbie Hancock bekannt wurde, ging es um die Sichtbarkeit von Komponistinnen im Jazz. Am Berklee College of Music, wo sie seit langem unterrichtet, gründete sie ein Institute of Jazz and Gender Justice.
Beim Stück, das Helfrich der vor wenigen Jahren überraschend verstorbenen Pianistin Geri Allen gewidmet hat, ist Terri Lyne Carrington als Sprecherin zu hören. „Sie war eine langjährige Freundin von Geri Allen“, berichtet Anke Helfrich, die Carrington seit Jahren kennt. „Da dachte ich, ich frage sie, ob sie etwas einsprechen möchte, um ihre Wertschätzung auszudrücken und das Andenken an Geri weiterleben zu lassen.“ Für Helfrich selbst hat Geri Allen seit jungen Jahren schon einen besonderen Stellenwert: „Sie war die erste Frau, die ich gesehen habe auf der Bühne.“
„Soweit es geht, versuche ich die Kompositionen auf die Band
abzustimmen.“
Dass Frauen Komponistinnen und Bandleaderinnen sein und als Solistinnen am Klavier auftreten können, erfuhr sie allerdings um einiges früher. Es war Teil der freundlichen Förderung durch einen Nachbarn, der ihr oft Alben schenkte und ihren musikalischen Weg sogar bis heute mitverfolgt. So erhielt sie Einspielungen von berühmten männlichen Jazzmusikern wie Thelonious Monk, der eines ihrer großen Idole wurde. Ab und an spielt sie einzelne seiner Stücke wie etwa „Hackensack“. Genauso bekam sie aber auch Alben von Mary Lou Williams und Jutta Hipp in die Hände, die zu den wenigen frühen Instrumentalistinnen des Jazz überhaupt zählen.
In ihren frühen Jahren lebte Anke Helfrich mit ihren Eltern und den Schwestern im namibischen Windhoek, wo häufig der Wüstenstaub übers Land fegte. Mit den Schwarzen in den Townships, die in dieser Zeit der Apartheid weit weniger Rechte besaßen als Weiße, waren sie oft in Austausch. Die Erfahrungen dieser Lebenswelt beeinflussen Anke Helfrich bis heute. Die Überwindung der Apartheid und Ungleichheit ist eines der Themen, die sie in den vergangenen Jahren musikalisch aufgegriffen hat.
Ihr zweites Zuhause wurde das badische Weinheim, wohin die Familie in ihrer Jugend umsiedelte. Nach ihren Jazzstudien im niederländischen Hilversum und in New York, wo sie sich dank eines Stipendiums bei Kenny Barron und Larry Goldings den künstlerischen Feinschliff holen konnte, lebt Helfrich seit geraumer Zeit nun wieder dort.
Zwar spielt sie immer noch Stücke von Idolen wie Monk oder Hancock, doch den Großteil ihres Repertoires komponiert Anke Helfrich selbst. „Soweit es geht, versuche ich die Kompositionen auf die Band abzustimmen und das zu transportieren, was die Musik transportieren soll“, umschreibt sie die Phase des Komponierens. In den Soli und improvisierten Parts öffnen sich aber auch zahlreiche Freiräume für ihre Mitmusiker. Helfrich bedient sich nicht nur im Fundus des modernen Jazz, sie integriert auch Rezitationen und Stimme, Computersamples oder Objekte auf den Klaviersaiten, die den Sound verändern, in ihre Musik. Und außer dem Klavier setzt sie sich auch gern mal ans Harmonium oder das Fender Rhodes.
Lange war sie Dozentin an der Musikhochschule in Mannheim, ehe sie 2011 an Dr. Hoch‘s Konservatorium in Frankfurt wechselte, um die Jazzabteilung mit aufzubauen. Und auch als Jurorin in Klavierwettbewerben ist sie viel gefragt. Doch im Zentrum der Aktivitäten von Anke Helfrich, die 2016 mit einem Echo Jazz ausgezeichnet wurde, steht immer noch die Arbeit mit ihren Ensembles. Zum Glück.



