Jazz Forum

Die Frau von nebenan

Von
Maxi Broecking
Erschienen in der Printausgabe im
Juni 2024
Lesezeit ca.
Minuten
Foto: Joelle Grace Taylor
Foto: Joelle Grace Taylor

Im Zoom-Interview – um 8 Uhr morgens New Yorker Zeit – gibt sich die neunfache Grammy-Gewinnerin Norah Jones, deren Alben sich mehr als 55 Millionen Mal verkauft haben, ganz bodenständig. Nach vierjähriger Pause ist gerade ihr neuntes Album „Visions“ erschienen – und direkt in den Billboard-Verkaufscharts als Nummer eins sowohl für zeitgenössische Jazz-Alben eingestiegen, als auch für Jazz-Alben insgesamt. Dabei ist es eher ein Singer-Songwriter-Album mit Americana und Folkanteilen.

Norah Jones, Sehen Sie „Visions“ als Jazz-Album?

Nein, nicht wirklich. Ich habe schon mein erstes Album nicht als Jazz-Album gesehen, obwohl es, wie alle meine Aufnahmen, bei Blue Note erschienen ist. Ich bin damit aufgewachsen, Jazz zu spielen und zu hören, und Jazz ist ein großer Teil von dem, was ich bin. Aber Musik zu klassifizieren ist nicht wirklich mein Ding. 

„Visions“ ist Ihr erstes Studioalbum mit neuen Songs seit 2020. Was ist für Sie das Besondere daran?

Ich habe mit dem Produzenten Leon Michels gearbeitet, wie schon für mein Weihnachtsalbum „I Dream of Christmas“ von 2021. Danach wollte ich mit ihm weiterarbeiten, weil ich mich so frei und glücklich gefühlt habe in der Zusammenarbeit. Das Album ist aus gemeinsamen Jamsessions entstanden, wir haben Dinge ausprobiert, und auf den meisten Stücken sind wir nur zu zweit und spielen alle Instrumente selbst. Leon hat Gitarre, Bass, Schlagzeug und Saxo­fon gespielt, ich Klavier, Orgel, Gitarre und Bass.

Auf zwei Stücken sind Vogelgeräusche zu hören. Wie kam es dazu?

Wir waren in einem Studio bei ihm in der Nähe. Für den ersten Track wollte ich Vögel aufnehmen, und er hat einfach die Tür geöffnet und ein Mikrofon nach draußen gestellt. Beim zweiten Song ist es eine lustige Geschichte: Meine siebenjährige Tochter war mit uns im Studio. Ich ließ sie also Videospiele auf ihrem iPad spielen, während wir arbeiteten. Und irgendwann funktionierten ihre Kopfhörer nicht mehr, und im Videospiel, das sie spielte, waren Vögel zu hören. Die sind jetzt auch auf dem Album.

„Visions“ ist ein Balladenalbum, in dem es vor allem um Liebe geht, in vielen Songs auch um vergangene Liebe. Wie entstehen Ihre Songtexte?

Ganz unterschiedlich. Einige sind sehr schnell im Studio entstanden, über andere habe ich monatelang nachgedacht. Manche haben sich auch aus Gedichten entwickelt, die in meinen Notizen standen. Ich mag es, diese Gedichte als Songvorlagen zu nutzten. Die kommen manchmal einfach so heraus, wie ein Lied, das man innerlich hört.

Auf Ihrem Album „Not Too Late“ von 2007 ist der Song „My Dear Country“ ein Kommentar zur zweiten Amtszeit von George W. Bush. Jetzt sieht es so aus, als würde auch Donald Trump eine zweite Amtszeit bekommen. Gibt es auf „Visions“ einen Song für die aktuelle Situation in den Vereinigten Staaten?

Vielleicht „That’s Life“. Du stehst auf und fällst wieder hin. Aber ich denke, es ist ein bisschen früh am Morgen für Politik.

Sie leben mit Ihrem Mann, dem Musiker Pete Remm, ein Familienleben mit Schulkindern. Wie bekommen Sie das hin?

Es ist wie bei allen Eltern ein ziemliches Jonglieren. Wir engagieren uns beide sehr für unsere Familie. Im Grunde sind unsere normalen Tage wie bei anderen Eltern. Nur unsere Musiktage sind ein bisschen anders und müssen organisiert werden.

Sie sind in New York als Tochter der Konzertveranstalterin Sue Jones und des Sitar-Spielers Ravi Shankar geboren, ihre Mutter zog mit Ihnen nach der Trennung in die Nähe von Dallas, als sie vier Jahre alt waren. Als Sie aufgewachsen sind, sangen Sie dort in einem Kirchenchor. Wie erinnern Sie sich daran?

Ja, ich habe im Kirchenchor angefangen zu singen, als ich etwa fünf Jahre alt war. Ich erinnere mich auch an lange Autofahrten mit meiner Mutter, bei denen wir ihre Kassetten gehört haben. Sie hatte eine große Sammlung mit Jazz, Soul und Country-Musik – Aretha Franklin, Ray Charles, Willy Nelson und Dolly Parton. Sie hatte auch brasilianische Musik aus den späten 1960ern, weil sie mal in Brasilien gelebt hatte. Diese ganze Tropicália fand ich toll. Aber auch Oper, vor allem Maria Callas. Ich hab immer mitgesungen. In der achten Klasse habe ich sogar überlegt, ob ich Opernsängerin werden will. Aber dann habe ich mich für Jazz entschieden, das war ein bisschen freier.

Foto: Joelle Grace Taylor

Sie sind auf die Performing Arts High School gegangen und haben bereits während Ihres Studiums Preise der Zeitschrift Downbeat gewonnen. Dann schickten Sie ein Demoband an Bruce Lundvall von Blue Note Records. Wie kam es dazu?

Ich war gerade nach New York gezogen, trat in kleinen Clubs auf und hatte noch nicht wirklich in diese Richtung gedacht. Aber da war eine Frau, die meinen Auftritt gesehen hatte und Bruce kannte. Sie hat ein Treffen mit ihm arrangiert. Ich habe mich mit niemandem sonst getroffen, ich war einfach noch so jung. Bruce wurde ein wichtiger Mentor, und Blue Note ist ein großartiges Label für mich, auch wenn die Musik, die ich mache, nicht traditioneller Jazz ist. Aber sie glauben an das, was ich mache.

2021 haben Sie Ihre Podcast-Serie „Norah Jones is Playing Along“ gestartet, für die Sie befreundete Musikerinnen und Musiker einladen, über Musik zu sprechen und gemeinsam zu jammen. Dabei waren schon die Sängerin Mavis Staples, der Hip-Hop-Musiker Questlove oder der Jazzschlagzeuger Brian Blade. Die 32. und bislang letzte Folge, mit der Sängerin Laufey, kam im Mai 2023 heraus. Sind weitere Ausgaben geplant?

Die Podcasts entstehen, wann immer jemand Zeit hat, da gibt es keinen regelmäßigen Plan. Es gab eine kleine Pause, aber gerade arbeiten wir an ein paar neuen Episoden, die wir veröffentlichen wollen. Das Format ist eine schöne Möglichkeit, mit Leuten, die ich mag, einfach Musik zu machen.

Ihr neues Album hat eine Retro-Ästhetik, die auch frühen Rock’n’Roll und die Surfmusik der 1960er Jahre zitiert. Warum?

Ich bin jetzt 45 Jahre alt, und das ist vielleicht ein guter Zeitpunkt, um zurückzuschauen und die Dinge neu zu bewerten. Auch um nach der Pandemie, die ich als Zäsur empfunden habe, bis dahin Selbstverständliches neu zu überdenken.

Wie war diese Zeit für Sie als Familie?

Die meiste Zeit haben wir es genossen, einfach nur zusammen zu sein und keine Ablenkung von außen zu haben. Aber gleichzeitig, wenn ich zurückblicke, waren wir alle ... naja, ausgelaugt. Mehr, als mir damals klar war. Aber es gab auch einige besondere gemeinsame Dinge, die für eine junge Familie schön waren. Und es hat mir gezeigt, dass es Pausen vom Tour-Alltag geben muss. Um die blühenden Rosen zu genießen und all das.

In einem CBS-Interview von 2007 sagten Sie, dass für Sie Schönheit in der Einfachheit liegt. Sehen Sie das noch immer so?

Meine Musik verändert sich ständig, und ich liebe es, neue Wege zu finden, Musik zu machen. Ich finde Schönheit und Einfachheit in allen Dingen des Lebens und besonders in der Musik.

Im Zoom-Interview – um 8 Uhr morgens New Yorker Zeit – gibt sich die neunfache Grammy-Gewinnerin Norah Jones, deren Alben sich mehr als 55 Millionen Mal verkauft haben, ganz bodenständig. Nach vierjähriger Pause ist gerade ihr neuntes Album „Visions“ erschienen – und direkt in den Billboard-Verkaufscharts als Nummer eins sowohl für zeitgenössische Jazz-Alben eingestiegen, als auch für Jazz-Alben insgesamt. Dabei ist es eher ein Singer-Songwriter-Album mit Americana und Folkanteilen.

Norah Jones, Sehen Sie „Visions“ als Jazz-Album?

Nein, nicht wirklich. Ich habe schon mein erstes Album nicht als Jazz-Album gesehen, obwohl es, wie alle meine Aufnahmen, bei Blue Note erschienen ist. Ich bin damit aufgewachsen, Jazz zu spielen und zu hören, und Jazz ist ein großer Teil von dem, was ich bin. Aber Musik zu klassifizieren ist nicht wirklich mein Ding. 

„Visions“ ist Ihr erstes Studioalbum mit neuen Songs seit 2020. Was ist für Sie das Besondere daran?

Ich habe mit dem Produzenten Leon Michels gearbeitet, wie schon für mein Weihnachtsalbum „I Dream of Christmas“ von 2021. Danach wollte ich mit ihm weiterarbeiten, weil ich mich so frei und glücklich gefühlt habe in der Zusammenarbeit. Das Album ist aus gemeinsamen Jamsessions entstanden, wir haben Dinge ausprobiert, und auf den meisten Stücken sind wir nur zu zweit und spielen alle Instrumente selbst. Leon hat Gitarre, Bass, Schlagzeug und Saxo­fon gespielt, ich Klavier, Orgel, Gitarre und Bass.

Auf zwei Stücken sind Vogelgeräusche zu hören. Wie kam es dazu?

Wir waren in einem Studio bei ihm in der Nähe. Für den ersten Track wollte ich Vögel aufnehmen, und er hat einfach die Tür geöffnet und ein Mikrofon nach draußen gestellt. Beim zweiten Song ist es eine lustige Geschichte: Meine siebenjährige Tochter war mit uns im Studio. Ich ließ sie also Videospiele auf ihrem iPad spielen, während wir arbeiteten. Und irgendwann funktionierten ihre Kopfhörer nicht mehr, und im Videospiel, das sie spielte, waren Vögel zu hören. Die sind jetzt auch auf dem Album.

„Visions“ ist ein Balladenalbum, in dem es vor allem um Liebe geht, in vielen Songs auch um vergangene Liebe. Wie entstehen Ihre Songtexte?

Ganz unterschiedlich. Einige sind sehr schnell im Studio entstanden, über andere habe ich monatelang nachgedacht. Manche haben sich auch aus Gedichten entwickelt, die in meinen Notizen standen. Ich mag es, diese Gedichte als Songvorlagen zu nutzten. Die kommen manchmal einfach so heraus, wie ein Lied, das man innerlich hört.

Auf Ihrem Album „Not Too Late“ von 2007 ist der Song „My Dear Country“ ein Kommentar zur zweiten Amtszeit von George W. Bush. Jetzt sieht es so aus, als würde auch Donald Trump eine zweite Amtszeit bekommen. Gibt es auf „Visions“ einen Song für die aktuelle Situation in den Vereinigten Staaten?

Vielleicht „That’s Life“. Du stehst auf und fällst wieder hin. Aber ich denke, es ist ein bisschen früh am Morgen für Politik.

Sie leben mit Ihrem Mann, dem Musiker Pete Remm, ein Familienleben mit Schulkindern. Wie bekommen Sie das hin?

Es ist wie bei allen Eltern ein ziemliches Jonglieren. Wir engagieren uns beide sehr für unsere Familie. Im Grunde sind unsere normalen Tage wie bei anderen Eltern. Nur unsere Musiktage sind ein bisschen anders und müssen organisiert werden.

Sie sind in New York als Tochter der Konzertveranstalterin Sue Jones und des Sitar-Spielers Ravi Shankar geboren, ihre Mutter zog mit Ihnen nach der Trennung in die Nähe von Dallas, als sie vier Jahre alt waren. Als Sie aufgewachsen sind, sangen Sie dort in einem Kirchenchor. Wie erinnern Sie sich daran?

Ja, ich habe im Kirchenchor angefangen zu singen, als ich etwa fünf Jahre alt war. Ich erinnere mich auch an lange Autofahrten mit meiner Mutter, bei denen wir ihre Kassetten gehört haben. Sie hatte eine große Sammlung mit Jazz, Soul und Country-Musik – Aretha Franklin, Ray Charles, Willy Nelson und Dolly Parton. Sie hatte auch brasilianische Musik aus den späten 1960ern, weil sie mal in Brasilien gelebt hatte. Diese ganze Tropicália fand ich toll. Aber auch Oper, vor allem Maria Callas. Ich hab immer mitgesungen. In der achten Klasse habe ich sogar überlegt, ob ich Opernsängerin werden will. Aber dann habe ich mich für Jazz entschieden, das war ein bisschen freier.

Foto: Joelle Grace Taylor

Sie sind auf die Performing Arts High School gegangen und haben bereits während Ihres Studiums Preise der Zeitschrift Downbeat gewonnen. Dann schickten Sie ein Demoband an Bruce Lundvall von Blue Note Records. Wie kam es dazu?

Ich war gerade nach New York gezogen, trat in kleinen Clubs auf und hatte noch nicht wirklich in diese Richtung gedacht. Aber da war eine Frau, die meinen Auftritt gesehen hatte und Bruce kannte. Sie hat ein Treffen mit ihm arrangiert. Ich habe mich mit niemandem sonst getroffen, ich war einfach noch so jung. Bruce wurde ein wichtiger Mentor, und Blue Note ist ein großartiges Label für mich, auch wenn die Musik, die ich mache, nicht traditioneller Jazz ist. Aber sie glauben an das, was ich mache.

2021 haben Sie Ihre Podcast-Serie „Norah Jones is Playing Along“ gestartet, für die Sie befreundete Musikerinnen und Musiker einladen, über Musik zu sprechen und gemeinsam zu jammen. Dabei waren schon die Sängerin Mavis Staples, der Hip-Hop-Musiker Questlove oder der Jazzschlagzeuger Brian Blade. Die 32. und bislang letzte Folge, mit der Sängerin Laufey, kam im Mai 2023 heraus. Sind weitere Ausgaben geplant?

Die Podcasts entstehen, wann immer jemand Zeit hat, da gibt es keinen regelmäßigen Plan. Es gab eine kleine Pause, aber gerade arbeiten wir an ein paar neuen Episoden, die wir veröffentlichen wollen. Das Format ist eine schöne Möglichkeit, mit Leuten, die ich mag, einfach Musik zu machen.

Ihr neues Album hat eine Retro-Ästhetik, die auch frühen Rock’n’Roll und die Surfmusik der 1960er Jahre zitiert. Warum?

Ich bin jetzt 45 Jahre alt, und das ist vielleicht ein guter Zeitpunkt, um zurückzuschauen und die Dinge neu zu bewerten. Auch um nach der Pandemie, die ich als Zäsur empfunden habe, bis dahin Selbstverständliches neu zu überdenken.

Wie war diese Zeit für Sie als Familie?

Die meiste Zeit haben wir es genossen, einfach nur zusammen zu sein und keine Ablenkung von außen zu haben. Aber gleichzeitig, wenn ich zurückblicke, waren wir alle ... naja, ausgelaugt. Mehr, als mir damals klar war. Aber es gab auch einige besondere gemeinsame Dinge, die für eine junge Familie schön waren. Und es hat mir gezeigt, dass es Pausen vom Tour-Alltag geben muss. Um die blühenden Rosen zu genießen und all das.

In einem CBS-Interview von 2007 sagten Sie, dass für Sie Schönheit in der Einfachheit liegt. Sehen Sie das noch immer so?

Meine Musik verändert sich ständig, und ich liebe es, neue Wege zu finden, Musik zu machen. Ich finde Schönheit und Einfachheit in allen Dingen des Lebens und besonders in der Musik.