„Ich liebe Rhythmus“
Die Pianistin und Komponistin Luzia von Wyl bewegt sich an der Grenze zwischen Jazz und Klassik

Die Musik war bei ihr von Anfang an präsent. Auch wenn die Eltern die Musik nicht beruflich betrieben: Sie besaßen Instrumente und gebrauchten sie auch. „Meine Geschwister und ich taten es ihnen gleich“, sagt Luzia von Wyl. „Bei uns zu Hause standen ein Klavier, ein Kontrabass, ein Schlagzeug, Gitarren, ein Akkordeon, verschiedene Flöten, eine Trompete und zwei Schweizer Alphörner.“ Dinge am Instrument auszuprobieren, darauf zu improvisieren oder kleine Einfälle festzuhalten – das hat sich bei ihr ganz von selbst entwickelt. „Es war letztendlich ein natürlicher Weg, dass ich Komponistin werden wollte.“ Später studierte sie die Musik dann in Bern, Zürich und Luzern. Luzia von Wyl besitzt gleich vier Studienabschlüsse – in Komposition, Klavierspiel, Klavierpädagogik und Musikbusiness („Arts Administration“). „Ich liebe das Klavierspielen, aber das Schreiben von Musik liegt mir fast noch mehr am Herzen. Ich wollte immer Musik schreiben, und es hat sich so ergeben, dass ich mit der Zeit eine eigene Sprache gefunden habe.“
Weder als Komponistin noch als Pianistin ist die Schweizerin einem bestimmten Lager zuzuordnen. Sie komponiert für Festivals zeitgenössischer Musik ebenso wie für Jazzfestivals. Sie schrieb Auftragswerke fürs Swiss Brass Consort, Quintetto Inflagranti, das Zürcher Kammerorchester, das Cochlea Duo, den Pianisten Baron Fenwick, das Chicago Ensemble, das Ensemble Montaigne oder das Nexus Reed Quintet. Auch ihre eigene Formation passt in den Rahmen moderner Kammermusik genauso wie auf Jazzbühnen. Rein subjektiv hat sich Luzia von Wyl allerdings festgelegt: „Ich fühle mich im Herzen als Jazzkomponistin“, sagt sie. „Ich liebe Rhythmus. Und meine Musik soll grooven. Und es soll improvisiert werden. Und ich arrangiere immer wieder um. Und ich mache Ansagen während der Konzerte. Und nach dem Gig sind wir alle an der Bar und reden mit dem Publikum. Das ist doch Jazz?“
2014 erschien das erste Album ihres eigenen Ensembles: „Frost“. Zehn Musiker und Musikerinnen waren das damals, ein groovendes Kammerorchester mit vier Bläsern und zwei Streichern, dazu Klavier, Marimba, Bass und Schlagzeug. Diese Besetzung erinnert ein wenig an Kammerwerke von Strawinsky, die „Geschichte vom Soldaten“ zum Beispiel oder den „Ragtime für elf Instrumente“. Auch die Musik mit ihrer Betonung des Motorischen und der eigenwilligen Verschränkung der Instrumentalstimmen geht zuweilen in die Strawinsky-Richtung. Aber Luzia von Wyl stellt klar: „Ich habe kaum musikalische Vorbilder – eher tausende von Inspirationen aus verschiedensten Ecken.“ Bezeichnenderweise fehlen in ihrem Ensemble die typischen Jazzfarben wie Saxofon oder Trompete. Die Schweizerin findet es spannender, „ungewohnte Klänge und Instrumente in den Jazz zu bringen, etwa Marimba und Fagott“. Der Sound ihres Ensembles hat etwas angenehm „Holziges“ – handgemacht und konzise.
Die Instrumentierung ist bis heute dieselbe – auch das Personal hat kaum gewechselt. Maurus Conte (Fagott), Amin Mokdad (Flöte) und André Pousaz (Kontrabass) sind alte Kommilitonen aus Luzia von Wyls Studienzeit in Luzern. Der Geiger Vincent Millioud war ein Studienkollege in Bern. Karolina Öhman (Cello) kam in die Band, nachdem von Wyl für sie das Solostück „Maze“ komponiert hatte. Auf andere ihrer Musiker wurde sie durch deren Konzerte aufmerksam. Manche waren auch „Subs“ im Ensemble, also Vertreter, wenn jemand ausfiel, und haben es dann in die erste Besetzung geschafft – „weil sie einen so tollen Einfluss auf die Band hatten“. In der Schweizer Musikerszene „kennen die meisten die meisten“, sagt Luzia von Wyl. Technisch gesehen ist ihr Ensemble ein Mix aus klassischen Musikern und Jazzmusikern – man ergänzt sich. „Ich kann die Stücke den einzelnen Musikern ‚auf den Leib‘ komponieren, kann ihre Stärken und Vorlieben betonen. Es ist ein Glück, dass die Band nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich extrem gut funktioniert. Es sind viele Freundschaften entstanden.“
Die Schweizerin findet es spannend, ungewohnte Klänge und Instrumente in den Jazz zu bringen. Der Sound ihres Ensembles hat etwas angenehm „Holziges“ – handgemacht und konzise
Das aktuelle (dritte) Album des Ensembles heißt „Frakmont“ – das ist ein archaischer Name für den Pilatus, den Hausberg von Luzern. Anspielungen an die Schweizer Alpinwelt ziehen sich wie ein roter Faden durch das Album. Luzia von Wyl hat ihre Stücke nach Berggeistern, Bergwetter, einer Bergbahn benannt. Die steile Bergwelt passt als Assoziation nicht schlecht zu ihren schlanken, virtuosen, zuweilen bizarren Kompositionen. Alle Stücktitel bestehen übrigens nur aus einem Wort. Die Schweizerin mag diese Ein-Wort-Namen – nicht nur, weil sie griffig sind, sondern auch, weil sie nicht zu viel verraten, „offen sind und Freiraum lassen“ für die Vorstellungswelt der Zuhörenden. Mit ihrer starken Motorik, der avancierten Tonsprache, den ironischen Brechungen, den spieltechnischen Herausforderungen und nicht zuletzt der Klangfarbe des Marimbaphons erinnert diese Musik auch gelegentlich an Frank Zappa. „Mit Zappa wurde ich schon des Öfteren verglichen“, sagt die Bandleaderin. „Ich erkenne natürlich gewisse gemeinsame Vorlieben, nicht nur das Rhythmische, sondern auch das Komische, Satirische – und die Tatsache, dass die Musik wahnsinnig schwer zu spielen ist, aber trotzdem leicht und oftmals fröhlich klingen muss.“

Außer der Titelnummer „Frakmont“ waren alle Stücke des Albums ursprünglich Auftragskompositionen für andere Ensembles. „Thunder“ zum Beispiel entstand für das Maria Schneider Jazz Orchestra, „Mulino“ für das Aruba Trio, „Ronk“ fürs Ensemble Montaigne. Luzia von Wyl liebt es, ihre Stücke neu zu arrangieren. „Grundsätzlich finde ich, dass ein Stück nie ‚vollendet‘ sein muss. Musik soll in neue Kontexte gesetzt werden, verändert und umarrangiert werden, von verschiedenen Bands gespielt werden – sie soll lebendig sein. Die Vergleichsmöglichkeiten, wenn man zwei oder noch mehr Versionen hat, sind für mich immer spannend.“ Einige der Stücke auf dem neuen Album sind komplett durchkomponiert, andere haben einen improvisierten Teil.
Der wichtigste Solist ist diesmal der Amerikaner Gary Versace, der vor allem als Pianist und Organist bekannt ist, hier aber (als Gastmusiker und elftes Bandmitglied) am Akkordeon mitwirkt. Versace gehörte zur Maria Schneider Bigband, die 2018 von Wyls „Thunder“ uraufgeführt hat. „Als ich das Stück für meine Band umschrieb, wollte ich nicht auf die schöne Akkordeon-Farbe verzichten. Und dafür kam eigentlich nur Gary in Frage.“
Luzia von Wyl hat ihr besonderes Talent auch in anderen Jazzbands bewiesen. Kurz nach dem Debütalbum ihres Ensembles nahm sie zum Beispiel Kontakt zum Schlagzeuger Dejan Terzic auf, den sie an der Hochschule in Bern kennengelernt hatte. Ihr gefiel die Musik von Terzics Band Melanoia, weshalb sie vorschlug, Stücke für sie zu schreiben. Als Terzic kurze Zeit später ein besonderes Projekt anging, eine Zusammenarbeit seines Quartetts mit dem Streichquartett Quatuor IXI, kam er auf von Wyls Angebot gerne zurück. Die Schweizerin komponierte fünf Stücke für das Projekt und arrangierte die komplette Musik des Albums. „Sie war beim ganzen Probe- und Aufnahmeprozess beteiligt und dabei eine große Hilfe“, sagt Terzic. Auch hier fand von Wyl spannende Rezepte, um die Grenzen zwischen Jazz und Kammermusik aufzulösen.
Ihre jüngste Kooperation mit einer anderen Band trägt den Titel „Lockdown Circus“. 2021 war sie vom Altsaxofonisten Matthias Kohler eingeladen worden, mit seiner Band This Is Pan ein Konzert zu geben, für das sie die Musik schreiben durfte. Von Wyl komponierte daraufhin gleich eine siebenteilige Suite. „Ich hatte folgendes Bild vor Augen: ein leeres Zirkuszelt voller Artistinnen und Artisten, die aufgrund des Lockdowns nicht auftreten dürfen. Frust, Angst, Wut, Trauer. Der Zauberer, die Tänzerin, der Jongleur, der Löwe, der Clown. Leere Tribünen, eingesperrte Kreativität. Die Musik ist mal hochenergetisch, mal melancholisch.“ Das Thema Zirkus, gekoppelt mit der surrealen Lockdown-Erfahrung, erweist sich in der Tat als reiche Inspirationsquelle. Groteske Rhythmen, dramatische Spannungsmotive, stolpernde Walzer, verfremdete Zirkus-Fanfaren – dazu die entfesselt aufspielende Band This Is Pan, zu der auch der E-Gitarrist Dave Gisler gehört. „Dave ist eine Wundertüte, und das mag ich sehr“, sagt Luzia von Wyl. „Er ist unglaublich kreativ und soliert wie ein Weltmeister.“ Das Stück, das die Suite eröffnet, wurde 2022 mit dem NOVA Jazz Kompositionspreis ausgezeichnet. Das Album „Lockdown Circus“ erschien jüngst auf Luzia von Wyls eigenem Label LU Records – als zweite Veröffentlichung nach „Frakmont“.
Luzia von Wyl arbeitet ständig an neuen Stücken. Zuletzt schrieb sie zum Beispiel ein Blechbläserquintett („Rollercoaster“) und eine Komposition für 20 Klaviere („Giant Clock“), die sie inzwischen bereits neu arrangiert hat für nur vier Klaviere. Die Schweizerin steckt voller Pläne. „Nun merke ich, dass mich das traditionelle Jazzorchester [die Bigband] doch immer stärker interessiert. Es ist ein gewaltiger Klangkörper mit unendlichen Möglichkeiten, und ich hätte tausend Ideen. Von daher: In den nächsten Jahren wird ein Bigband-Programm von mir kommen – und ich werde mich dann darum kümmern müssen, dass es auch gespielt wird. Auch das Sinfonieorchester interessiert mich. Große Besetzungen reizen mich sehr.“
Die Schweizerin steckt voller Pläne – vom Bigband-Programm bis zum Sinfonieorchester
Seit ihrem Aufenthalt in New York 2017 trägt sich Luzia von Wyl auch mit Plänen für ein reines Klavieralbum. Dabei will sie ein Bösendorfer-Disklavier mit einbeziehen: „Ich werde allein spielen – aber der Flügel spielt gleichzeitig einen zweiten, vorher von mir eingespielten Part. Die Tasten bewegen sich eigenständig, ebenso das Pedal. Ich freue mich riesig darauf.“
Die Musik war bei ihr von Anfang an präsent. Auch wenn die Eltern die Musik nicht beruflich betrieben: Sie besaßen Instrumente und gebrauchten sie auch. „Meine Geschwister und ich taten es ihnen gleich“, sagt Luzia von Wyl. „Bei uns zu Hause standen ein Klavier, ein Kontrabass, ein Schlagzeug, Gitarren, ein Akkordeon, verschiedene Flöten, eine Trompete und zwei Schweizer Alphörner.“ Dinge am Instrument auszuprobieren, darauf zu improvisieren oder kleine Einfälle festzuhalten – das hat sich bei ihr ganz von selbst entwickelt. „Es war letztendlich ein natürlicher Weg, dass ich Komponistin werden wollte.“ Später studierte sie die Musik dann in Bern, Zürich und Luzern. Luzia von Wyl besitzt gleich vier Studienabschlüsse – in Komposition, Klavierspiel, Klavierpädagogik und Musikbusiness („Arts Administration“). „Ich liebe das Klavierspielen, aber das Schreiben von Musik liegt mir fast noch mehr am Herzen. Ich wollte immer Musik schreiben, und es hat sich so ergeben, dass ich mit der Zeit eine eigene Sprache gefunden habe.“
Weder als Komponistin noch als Pianistin ist die Schweizerin einem bestimmten Lager zuzuordnen. Sie komponiert für Festivals zeitgenössischer Musik ebenso wie für Jazzfestivals. Sie schrieb Auftragswerke fürs Swiss Brass Consort, Quintetto Inflagranti, das Zürcher Kammerorchester, das Cochlea Duo, den Pianisten Baron Fenwick, das Chicago Ensemble, das Ensemble Montaigne oder das Nexus Reed Quintet. Auch ihre eigene Formation passt in den Rahmen moderner Kammermusik genauso wie auf Jazzbühnen. Rein subjektiv hat sich Luzia von Wyl allerdings festgelegt: „Ich fühle mich im Herzen als Jazzkomponistin“, sagt sie. „Ich liebe Rhythmus. Und meine Musik soll grooven. Und es soll improvisiert werden. Und ich arrangiere immer wieder um. Und ich mache Ansagen während der Konzerte. Und nach dem Gig sind wir alle an der Bar und reden mit dem Publikum. Das ist doch Jazz?“
2014 erschien das erste Album ihres eigenen Ensembles: „Frost“. Zehn Musiker und Musikerinnen waren das damals, ein groovendes Kammerorchester mit vier Bläsern und zwei Streichern, dazu Klavier, Marimba, Bass und Schlagzeug. Diese Besetzung erinnert ein wenig an Kammerwerke von Strawinsky, die „Geschichte vom Soldaten“ zum Beispiel oder den „Ragtime für elf Instrumente“. Auch die Musik mit ihrer Betonung des Motorischen und der eigenwilligen Verschränkung der Instrumentalstimmen geht zuweilen in die Strawinsky-Richtung. Aber Luzia von Wyl stellt klar: „Ich habe kaum musikalische Vorbilder – eher tausende von Inspirationen aus verschiedensten Ecken.“ Bezeichnenderweise fehlen in ihrem Ensemble die typischen Jazzfarben wie Saxofon oder Trompete. Die Schweizerin findet es spannender, „ungewohnte Klänge und Instrumente in den Jazz zu bringen, etwa Marimba und Fagott“. Der Sound ihres Ensembles hat etwas angenehm „Holziges“ – handgemacht und konzise.
Die Instrumentierung ist bis heute dieselbe – auch das Personal hat kaum gewechselt. Maurus Conte (Fagott), Amin Mokdad (Flöte) und André Pousaz (Kontrabass) sind alte Kommilitonen aus Luzia von Wyls Studienzeit in Luzern. Der Geiger Vincent Millioud war ein Studienkollege in Bern. Karolina Öhman (Cello) kam in die Band, nachdem von Wyl für sie das Solostück „Maze“ komponiert hatte. Auf andere ihrer Musiker wurde sie durch deren Konzerte aufmerksam. Manche waren auch „Subs“ im Ensemble, also Vertreter, wenn jemand ausfiel, und haben es dann in die erste Besetzung geschafft – „weil sie einen so tollen Einfluss auf die Band hatten“. In der Schweizer Musikerszene „kennen die meisten die meisten“, sagt Luzia von Wyl. Technisch gesehen ist ihr Ensemble ein Mix aus klassischen Musikern und Jazzmusikern – man ergänzt sich. „Ich kann die Stücke den einzelnen Musikern ‚auf den Leib‘ komponieren, kann ihre Stärken und Vorlieben betonen. Es ist ein Glück, dass die Band nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich extrem gut funktioniert. Es sind viele Freundschaften entstanden.“
Die Schweizerin findet es spannend, ungewohnte Klänge und Instrumente in den Jazz zu bringen. Der Sound ihres Ensembles hat etwas angenehm „Holziges“ – handgemacht und konzise
Das aktuelle (dritte) Album des Ensembles heißt „Frakmont“ – das ist ein archaischer Name für den Pilatus, den Hausberg von Luzern. Anspielungen an die Schweizer Alpinwelt ziehen sich wie ein roter Faden durch das Album. Luzia von Wyl hat ihre Stücke nach Berggeistern, Bergwetter, einer Bergbahn benannt. Die steile Bergwelt passt als Assoziation nicht schlecht zu ihren schlanken, virtuosen, zuweilen bizarren Kompositionen. Alle Stücktitel bestehen übrigens nur aus einem Wort. Die Schweizerin mag diese Ein-Wort-Namen – nicht nur, weil sie griffig sind, sondern auch, weil sie nicht zu viel verraten, „offen sind und Freiraum lassen“ für die Vorstellungswelt der Zuhörenden. Mit ihrer starken Motorik, der avancierten Tonsprache, den ironischen Brechungen, den spieltechnischen Herausforderungen und nicht zuletzt der Klangfarbe des Marimbaphons erinnert diese Musik auch gelegentlich an Frank Zappa. „Mit Zappa wurde ich schon des Öfteren verglichen“, sagt die Bandleaderin. „Ich erkenne natürlich gewisse gemeinsame Vorlieben, nicht nur das Rhythmische, sondern auch das Komische, Satirische – und die Tatsache, dass die Musik wahnsinnig schwer zu spielen ist, aber trotzdem leicht und oftmals fröhlich klingen muss.“

Außer der Titelnummer „Frakmont“ waren alle Stücke des Albums ursprünglich Auftragskompositionen für andere Ensembles. „Thunder“ zum Beispiel entstand für das Maria Schneider Jazz Orchestra, „Mulino“ für das Aruba Trio, „Ronk“ fürs Ensemble Montaigne. Luzia von Wyl liebt es, ihre Stücke neu zu arrangieren. „Grundsätzlich finde ich, dass ein Stück nie ‚vollendet‘ sein muss. Musik soll in neue Kontexte gesetzt werden, verändert und umarrangiert werden, von verschiedenen Bands gespielt werden – sie soll lebendig sein. Die Vergleichsmöglichkeiten, wenn man zwei oder noch mehr Versionen hat, sind für mich immer spannend.“ Einige der Stücke auf dem neuen Album sind komplett durchkomponiert, andere haben einen improvisierten Teil.
Der wichtigste Solist ist diesmal der Amerikaner Gary Versace, der vor allem als Pianist und Organist bekannt ist, hier aber (als Gastmusiker und elftes Bandmitglied) am Akkordeon mitwirkt. Versace gehörte zur Maria Schneider Bigband, die 2018 von Wyls „Thunder“ uraufgeführt hat. „Als ich das Stück für meine Band umschrieb, wollte ich nicht auf die schöne Akkordeon-Farbe verzichten. Und dafür kam eigentlich nur Gary in Frage.“
Luzia von Wyl hat ihr besonderes Talent auch in anderen Jazzbands bewiesen. Kurz nach dem Debütalbum ihres Ensembles nahm sie zum Beispiel Kontakt zum Schlagzeuger Dejan Terzic auf, den sie an der Hochschule in Bern kennengelernt hatte. Ihr gefiel die Musik von Terzics Band Melanoia, weshalb sie vorschlug, Stücke für sie zu schreiben. Als Terzic kurze Zeit später ein besonderes Projekt anging, eine Zusammenarbeit seines Quartetts mit dem Streichquartett Quatuor IXI, kam er auf von Wyls Angebot gerne zurück. Die Schweizerin komponierte fünf Stücke für das Projekt und arrangierte die komplette Musik des Albums. „Sie war beim ganzen Probe- und Aufnahmeprozess beteiligt und dabei eine große Hilfe“, sagt Terzic. Auch hier fand von Wyl spannende Rezepte, um die Grenzen zwischen Jazz und Kammermusik aufzulösen.
Ihre jüngste Kooperation mit einer anderen Band trägt den Titel „Lockdown Circus“. 2021 war sie vom Altsaxofonisten Matthias Kohler eingeladen worden, mit seiner Band This Is Pan ein Konzert zu geben, für das sie die Musik schreiben durfte. Von Wyl komponierte daraufhin gleich eine siebenteilige Suite. „Ich hatte folgendes Bild vor Augen: ein leeres Zirkuszelt voller Artistinnen und Artisten, die aufgrund des Lockdowns nicht auftreten dürfen. Frust, Angst, Wut, Trauer. Der Zauberer, die Tänzerin, der Jongleur, der Löwe, der Clown. Leere Tribünen, eingesperrte Kreativität. Die Musik ist mal hochenergetisch, mal melancholisch.“ Das Thema Zirkus, gekoppelt mit der surrealen Lockdown-Erfahrung, erweist sich in der Tat als reiche Inspirationsquelle. Groteske Rhythmen, dramatische Spannungsmotive, stolpernde Walzer, verfremdete Zirkus-Fanfaren – dazu die entfesselt aufspielende Band This Is Pan, zu der auch der E-Gitarrist Dave Gisler gehört. „Dave ist eine Wundertüte, und das mag ich sehr“, sagt Luzia von Wyl. „Er ist unglaublich kreativ und soliert wie ein Weltmeister.“ Das Stück, das die Suite eröffnet, wurde 2022 mit dem NOVA Jazz Kompositionspreis ausgezeichnet. Das Album „Lockdown Circus“ erschien jüngst auf Luzia von Wyls eigenem Label LU Records – als zweite Veröffentlichung nach „Frakmont“.
Luzia von Wyl arbeitet ständig an neuen Stücken. Zuletzt schrieb sie zum Beispiel ein Blechbläserquintett („Rollercoaster“) und eine Komposition für 20 Klaviere („Giant Clock“), die sie inzwischen bereits neu arrangiert hat für nur vier Klaviere. Die Schweizerin steckt voller Pläne. „Nun merke ich, dass mich das traditionelle Jazzorchester [die Bigband] doch immer stärker interessiert. Es ist ein gewaltiger Klangkörper mit unendlichen Möglichkeiten, und ich hätte tausend Ideen. Von daher: In den nächsten Jahren wird ein Bigband-Programm von mir kommen – und ich werde mich dann darum kümmern müssen, dass es auch gespielt wird. Auch das Sinfonieorchester interessiert mich. Große Besetzungen reizen mich sehr.“
Die Schweizerin steckt voller Pläne – vom Bigband-Programm bis zum Sinfonieorchester
Seit ihrem Aufenthalt in New York 2017 trägt sich Luzia von Wyl auch mit Plänen für ein reines Klavieralbum. Dabei will sie ein Bösendorfer-Disklavier mit einbeziehen: „Ich werde allein spielen – aber der Flügel spielt gleichzeitig einen zweiten, vorher von mir eingespielten Part. Die Tasten bewegen sich eigenständig, ebenso das Pedal. Ich freue mich riesig darauf.“



