Brücken der Hoffnung
Tamara Lukasheva, Grenzgängerin zwischen ukrainischer Heimat und deutscher Wahlheimat, lässt mit „Anima“ die Seele ihrer zerrissenen Nation erklingen

Wer einfach nur sagt, es gehe einem gut, ist in diesen Zeiten entweder schizophren oder böse“, sagt die ukrainische, in Köln lebende Sängerin und Pianistin, Komponistin und Arrangeurin Tamara Lukasheva. Aber sie hat auch das Lachen nicht verlernt. Mehr als zwei Jahre nach dem 24. Februar 2022 beschreibt sie ihre Verfassung in diesem Moment: „Ich war direkt laut und habe Dinge organisiert, und wir haben viel gespielt. Man muss das Leben bejahen und weiterführen. Das ist auch eine Art von Widerstand.“ Musik und Kultur sind etwas Größeres als Politik, eben weil sie verbinden und nicht spalten.
Dieser Ansatz steht auch hinter ihrem aktuellen Album „Anima“, lateinisch Seele, das Tamara Lukasheva zusammen mit dem INSO Lviv Orchestra in Lviv, dem ehemaligen Lemberg, dieser multikulturellen und auch unter Kriegsbedingungen noch sehr lebendigen Kulturmetropole, aufgenommen hat. Nach einem vielbeachteten Konzert auf der Cologne Jazzweek im letzten Jahr ist das Album jetzt beim Kölner Label Tangible Music erschienen. Das war ihr wichtig, denn es schlägt eine Brücke zwischen der Ukraine und ihrer Wahlheimat Köln mit ihrer umtriebigen Musikszene.
„Man muss das Leben bejahen und weiterführen. Das ist auch eine Art von Widerstand.“
Das Album beginnt vertraut: eine sphärische Introduktion mit einem mehrfach wiederholten absteigenden Terzmotiv – so könnte auch eine Beethoven-Sinfonie losgehen. Aber dann wandelt sich die Harmonik, und Tamara Lukasheva erhebt ihre Stimme zu Clemens Brentanos Wiegenlied „Singet leise“, das schon auf ihrer Solo-CD „Gleichung“ von 2021 enthalten ist. „Ich hatte das Bedürfnis, etwas Zugängliches zu machen. An Orten, wo es den Menschen nicht gut geht, kann eine zu stark dissonante Musik nur noch mehr wehtun“, definiert sie die Richtung, in die es auf diesem Album gehen sollte.
Unterstützt, ja verwandelt durch den großen sinfonischen Apparat, erfährt die fragile Melodie der Brentano-Hommage eine Metamorphose bis hin zu triumphalem Pathos. Hörbar wird Lukashevas Anliegen, Kulturgut ihrer deutschen Wahlheimat mit ukrainischer Musik zusammenzubringen. „Obwohl ich schon lange in Deutschland lebe, habe ich immer noch einen Fuß in der Ukraine.“
Tamara Lukasheva wurde 1988 in Odessa geboren, wo sie früh mit Musik in Berührung kam. Sie begann ihre musikalische Ausbildung am Konservatorium von Odessa und zog dann nach Deutschland, um ihre Ausbildung ab 2010 an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln fortzusetzen. Bis heute lebt sie in Köln, wo sie in zahlreichen Projekten aktiv ist. Das ständige Sich-neu-Erfinden scheint ihr Lebenselixier zu sein. „In Odessa bin ich zu dem geworden, was ich bin. Deutschland hat es mir dann erlaubt, so zu sein, wie ich bin“, definiert sie ihre produktive Internationalität. „Ich mag es, wenn sich das Gute und Beste von verschiedenen Seiten miteinander verbinden lässt.“ Würde ein solches Credo auch jenseits der Musik die Geschicke lenken, liefe wohl einiges deutlich besser in dieser Welt...
Warum wird Tamara Lukasheva eigentlich so oft auf ihre Rolle als Jazz-Sängerin reduziert? Das ist sie natürlich – auf „Anima“ gleich in drei Sprachen und auf erstaunlich variablen emotionalen Ebenen von zart-empfindsam bis wütend kämpferisch. Über weite Strecken setzt sie ihre Stimme auch instrumental ein in virtuos improvisierten Vokalisen und Scat-Einlagen, was hier zu bemerkenswerten Duetten mit dem ausdrucksstarken Trompetenspiel von Matthias Schriefl führt – der langjährige künstlerische Weggefährte von Tamara Lukasheva durfte bei diesem Herzensprojekt nicht fehlen. Aber der ästhetische Horizont ist viel weiter gesteckt. Alles auf „Anima“ hat Tamara Lukasheva selbst arrangiert und orchestriert – Frucht einer erneuten intensiven Auseinandersetzung mit spätromantischen Partituren.
Tamara Lukasheva und die ukrainischen Musikerinnen und Musiker haben sich viel Zeit genommen für das Einspielen der neu arrangierten Stücke. „Die Synergie, die hier entstand, war mir sehr wichtig. Eine Aufführung mit einem anderen Orchester wäre nicht dasselbe für mich.“ Viele der meist jungen Orchestermitglieder haben einschneidende emotionale Erfahrungen durch den Krieg machen müssen, die indirekt in die Aufnahme eingeflossen sind. Auch die ganze Organisation drumherum hat Tamara Lukasheva selbst gestemmt, inklusive eines Crowdfunding zur Finanzierung des aufwendigen Projekts.

Die elf Stücke auf „Anima“ spiegeln auch in den neuen Orchestrierungen Tamara Lukashevas typischen Personalstil wider. Selbst in aufbrausenden Tutti-Arrangements und fantasievoll ausgeweiteten Klangräumen bleibt eine Intimität bewahrt. Und die Musik ist immer konsequent sinfonisch gedacht: Im Stück „Spovit“ etwa wirkt das Orchester wie eine Rockband – ohne externe Rhythmusgruppe, wie es bei Crossover-Projekten üblich ist.
Nachdem sie die Strophen auf Ukrainisch vorgetragen hat, wechselt Tamara Lukasheva abrupt ins Deutsche: „Halt dich still, halt dich stumm, nur nicht fragen warum, warum.“ Die Zeile stammt aus Theodor Fontanes Gedicht „Die Frage bleibt“, und Tamara Lukasheva mag die hierin enthaltene Reflexion über die Ungewissheit des Lebens: „Diese Zeile passt irgendwie zu vielen Situationen. Ich bin einfach meinem Gefühl gefolgt, sie dort einzufügen.“
Klartext redet sie aber in vielen Stücken auf „Anima“ – auch wenn sie, wie in der Ballade „Lullaby for Kira“, manchmal leise Töne wählt. „Der Text stammt von Antonina Kornuta, einer jungen Dichterin und Menschenrechtsaktivistin, die sich freiwillig der ukrainischen Armee angeschlossen hat. Aber nicht deshalb vertone ich ihre Gedichte, sondern weil sich ihre Worte für mich richtig anfühlen. ‚Lullaby for Kira‘ ist einem drei Monate alten Baby gewidmet, das zu Ostern 2022 durch einen russischen Raketenangriff in Odessa getötet wurde. Ich kenne die Nachbarn dieser Familie. Dass auch an Ostern, das ebenso in der russisch-orthodoxen Kultur gefeiert wird, die Angriffe nicht pausierten, zeigt die ganze Brutalität.“
Wenn sie eines ihrer Stücke „Coming Home“ nennt, geht es um ein Ankommen bei sich selbst, was gerade dann umso wichtiger wird, wenn die Heimat der physischen Zerstörung anheimfällt. Flimmernde, schwebende Klangtexturen, denen etwas Impressionistisches anhaftet, leiten in die Elegie „A Clear Moon“, die den Mond als Zuversicht stiftendes Symbol beschreibt. „Para Mariao“ treibt dann wieder energetisch nach vorn und beeindruckt durch das geradezu symbiotische Miteinander von Tamaras Vokalisen und Matthias Schriefls Trompetenlinien. Hier wird erneut der Glaube an die Kraft der Musik, Emotionen auszudrücken und damit Menschen zu vereinen, offenbar. Genau darum geht es Tamara Lukasheva, und deshalb eignet sich „Anima“ auch nicht zum Nebenbeihören. Gerade die vielen lebenshungrigen Momente, wie etwa der treibende Synkopenritt im vorletzten Stück, „Black Sea Walk“, fordern vielmehr, die Anlage laut aufzudrehen.
Wer einfach nur sagt, es gehe einem gut, ist in diesen Zeiten entweder schizophren oder böse“, sagt die ukrainische, in Köln lebende Sängerin und Pianistin, Komponistin und Arrangeurin Tamara Lukasheva. Aber sie hat auch das Lachen nicht verlernt. Mehr als zwei Jahre nach dem 24. Februar 2022 beschreibt sie ihre Verfassung in diesem Moment: „Ich war direkt laut und habe Dinge organisiert, und wir haben viel gespielt. Man muss das Leben bejahen und weiterführen. Das ist auch eine Art von Widerstand.“ Musik und Kultur sind etwas Größeres als Politik, eben weil sie verbinden und nicht spalten.
Dieser Ansatz steht auch hinter ihrem aktuellen Album „Anima“, lateinisch Seele, das Tamara Lukasheva zusammen mit dem INSO Lviv Orchestra in Lviv, dem ehemaligen Lemberg, dieser multikulturellen und auch unter Kriegsbedingungen noch sehr lebendigen Kulturmetropole, aufgenommen hat. Nach einem vielbeachteten Konzert auf der Cologne Jazzweek im letzten Jahr ist das Album jetzt beim Kölner Label Tangible Music erschienen. Das war ihr wichtig, denn es schlägt eine Brücke zwischen der Ukraine und ihrer Wahlheimat Köln mit ihrer umtriebigen Musikszene.
„Man muss das Leben bejahen und weiterführen. Das ist auch eine Art von Widerstand.“
Das Album beginnt vertraut: eine sphärische Introduktion mit einem mehrfach wiederholten absteigenden Terzmotiv – so könnte auch eine Beethoven-Sinfonie losgehen. Aber dann wandelt sich die Harmonik, und Tamara Lukasheva erhebt ihre Stimme zu Clemens Brentanos Wiegenlied „Singet leise“, das schon auf ihrer Solo-CD „Gleichung“ von 2021 enthalten ist. „Ich hatte das Bedürfnis, etwas Zugängliches zu machen. An Orten, wo es den Menschen nicht gut geht, kann eine zu stark dissonante Musik nur noch mehr wehtun“, definiert sie die Richtung, in die es auf diesem Album gehen sollte.
Unterstützt, ja verwandelt durch den großen sinfonischen Apparat, erfährt die fragile Melodie der Brentano-Hommage eine Metamorphose bis hin zu triumphalem Pathos. Hörbar wird Lukashevas Anliegen, Kulturgut ihrer deutschen Wahlheimat mit ukrainischer Musik zusammenzubringen. „Obwohl ich schon lange in Deutschland lebe, habe ich immer noch einen Fuß in der Ukraine.“
Tamara Lukasheva wurde 1988 in Odessa geboren, wo sie früh mit Musik in Berührung kam. Sie begann ihre musikalische Ausbildung am Konservatorium von Odessa und zog dann nach Deutschland, um ihre Ausbildung ab 2010 an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln fortzusetzen. Bis heute lebt sie in Köln, wo sie in zahlreichen Projekten aktiv ist. Das ständige Sich-neu-Erfinden scheint ihr Lebenselixier zu sein. „In Odessa bin ich zu dem geworden, was ich bin. Deutschland hat es mir dann erlaubt, so zu sein, wie ich bin“, definiert sie ihre produktive Internationalität. „Ich mag es, wenn sich das Gute und Beste von verschiedenen Seiten miteinander verbinden lässt.“ Würde ein solches Credo auch jenseits der Musik die Geschicke lenken, liefe wohl einiges deutlich besser in dieser Welt...
Warum wird Tamara Lukasheva eigentlich so oft auf ihre Rolle als Jazz-Sängerin reduziert? Das ist sie natürlich – auf „Anima“ gleich in drei Sprachen und auf erstaunlich variablen emotionalen Ebenen von zart-empfindsam bis wütend kämpferisch. Über weite Strecken setzt sie ihre Stimme auch instrumental ein in virtuos improvisierten Vokalisen und Scat-Einlagen, was hier zu bemerkenswerten Duetten mit dem ausdrucksstarken Trompetenspiel von Matthias Schriefl führt – der langjährige künstlerische Weggefährte von Tamara Lukasheva durfte bei diesem Herzensprojekt nicht fehlen. Aber der ästhetische Horizont ist viel weiter gesteckt. Alles auf „Anima“ hat Tamara Lukasheva selbst arrangiert und orchestriert – Frucht einer erneuten intensiven Auseinandersetzung mit spätromantischen Partituren.
Tamara Lukasheva und die ukrainischen Musikerinnen und Musiker haben sich viel Zeit genommen für das Einspielen der neu arrangierten Stücke. „Die Synergie, die hier entstand, war mir sehr wichtig. Eine Aufführung mit einem anderen Orchester wäre nicht dasselbe für mich.“ Viele der meist jungen Orchestermitglieder haben einschneidende emotionale Erfahrungen durch den Krieg machen müssen, die indirekt in die Aufnahme eingeflossen sind. Auch die ganze Organisation drumherum hat Tamara Lukasheva selbst gestemmt, inklusive eines Crowdfunding zur Finanzierung des aufwendigen Projekts.

Die elf Stücke auf „Anima“ spiegeln auch in den neuen Orchestrierungen Tamara Lukashevas typischen Personalstil wider. Selbst in aufbrausenden Tutti-Arrangements und fantasievoll ausgeweiteten Klangräumen bleibt eine Intimität bewahrt. Und die Musik ist immer konsequent sinfonisch gedacht: Im Stück „Spovit“ etwa wirkt das Orchester wie eine Rockband – ohne externe Rhythmusgruppe, wie es bei Crossover-Projekten üblich ist.
Nachdem sie die Strophen auf Ukrainisch vorgetragen hat, wechselt Tamara Lukasheva abrupt ins Deutsche: „Halt dich still, halt dich stumm, nur nicht fragen warum, warum.“ Die Zeile stammt aus Theodor Fontanes Gedicht „Die Frage bleibt“, und Tamara Lukasheva mag die hierin enthaltene Reflexion über die Ungewissheit des Lebens: „Diese Zeile passt irgendwie zu vielen Situationen. Ich bin einfach meinem Gefühl gefolgt, sie dort einzufügen.“
Klartext redet sie aber in vielen Stücken auf „Anima“ – auch wenn sie, wie in der Ballade „Lullaby for Kira“, manchmal leise Töne wählt. „Der Text stammt von Antonina Kornuta, einer jungen Dichterin und Menschenrechtsaktivistin, die sich freiwillig der ukrainischen Armee angeschlossen hat. Aber nicht deshalb vertone ich ihre Gedichte, sondern weil sich ihre Worte für mich richtig anfühlen. ‚Lullaby for Kira‘ ist einem drei Monate alten Baby gewidmet, das zu Ostern 2022 durch einen russischen Raketenangriff in Odessa getötet wurde. Ich kenne die Nachbarn dieser Familie. Dass auch an Ostern, das ebenso in der russisch-orthodoxen Kultur gefeiert wird, die Angriffe nicht pausierten, zeigt die ganze Brutalität.“
Wenn sie eines ihrer Stücke „Coming Home“ nennt, geht es um ein Ankommen bei sich selbst, was gerade dann umso wichtiger wird, wenn die Heimat der physischen Zerstörung anheimfällt. Flimmernde, schwebende Klangtexturen, denen etwas Impressionistisches anhaftet, leiten in die Elegie „A Clear Moon“, die den Mond als Zuversicht stiftendes Symbol beschreibt. „Para Mariao“ treibt dann wieder energetisch nach vorn und beeindruckt durch das geradezu symbiotische Miteinander von Tamaras Vokalisen und Matthias Schriefls Trompetenlinien. Hier wird erneut der Glaube an die Kraft der Musik, Emotionen auszudrücken und damit Menschen zu vereinen, offenbar. Genau darum geht es Tamara Lukasheva, und deshalb eignet sich „Anima“ auch nicht zum Nebenbeihören. Gerade die vielen lebenshungrigen Momente, wie etwa der treibende Synkopenritt im vorletzten Stück, „Black Sea Walk“, fordern vielmehr, die Anlage laut aufzudrehen.



