100 Miles on trumpet
Am 26. Mai wäre Miles Davis hundert Jahre alt geworden. Rückblick auf einen Nachmittag mit dem wohl einflussreichsten und vielseitigsten Jazzmusiker aller Zeiten

Die Geschichte spielt am 2. November 1987 in Berlin und beginnt mit folgender Impression: Seine Auftritte gleichen sorgfältigen Inszenierungen, wenn er in schillernd bunten Gewändern, tief über sein Horn gebeugt, langsam auf die Bühne schreitet, um über die vibrierenden Sounds seiner sechsköpfigen Band jene unvergleichlichen Trompetenklänge zu legen, die ihn so bekannt machten. Ignoranz, Missachtung des Publikums warf man ihm schon in den 50er und 60er Jahren vor, wenn Miles Davis in sich versunken und mit dem Rücken zum Auditorium, scheinbar unbeeinflusst von dem brodelnden Sound, dem „Bitches Brew“ (so der Titel der legendären Platte von 1969) der Keyboards und der Rhythm Section, seine Beiträge formulierte, schneidende Attacken losließ, um mit „cues“, kleinen Direktiven, seine Band auf neue Pfade zu leiten.
Auch seine äußerst raren Begegnungen mit Journalisten werden von ihm kunstvoll arrangiert, zur Stilisierung seiner Macht genutzt. So gerät die obligate Wartezeit in der Lobby des Berliner Interconti zu einer nervösen Zitterpartie, denn Miles Davis ist dafür berüchtigt, dass er selbst im letzten Moment noch Interviews abzusagen pflegt. Schließlich die erlösende Nachricht, der Meister sei nun willig, mich zu empfangen. Vor seiner Suite erneute Pause, offensichtlich stimmt die Kulisse noch nicht. Dann aber öffnet ein fröhlicher junger Mann, sagt „Hi, I’m Miles’ assistant“ und führt mich in einen komplett mit Louis-Vuitton-Koffern zugestellten Raum. Aus einer Ecke dröhnt aus einem weißen Designerghettoblaster der Konzertmitschnitt vom Vortag, überall liegen Obst und seltsam bemaltes Papier herum.
Miles höre immer die Bänder seiner Konzerte, er sei stets auf der Suche nach neuen Sounds, analysiere alles sehr sorgfältig, erklärt der von der Lokalpresse zum „Butler“ ernannte Michael, als ein heiseres Hüsteln uns herumfahren lässt. Leise, fast schon unheimlich hat Miles den Raum betreten, aber von „schwarzem Magier“ oder „evil“ keine Spur. Freundlich schüttelt er mir die Hand, gibt Kommentare zu der laufenden Kassette und beantwortet geduldig meine Fragen. Dabei blicken seine hinter einer riesigen Sonnenbrille versteckten Augen auf einen Skizzenblock vor sich, nervös zeichnet seine rechte Hand mit leuchtenden Farben abstrakte Figuren, spindeldürre Frauengestalten mit mehreren Köpfen und Armen, mit einem latent erotischen Touch. Als er mein Interesse an seinen Bildern bemerkt, beginnt er, liebenswürdig über Kunst zu plaudern, und erzählt, dass er im Flugzeug und nach Konzerten immer den Stift in die Hand nehme, um zu zeichnen. Welch ein Glück: Miles konfrontiert mich nicht mit seinem Lieblingsspruch „Bald bin ich so gut wie Picasso!“, auf den ich nun wahrlich keine Antwort gewusst hätte.
Ein Gutes hat das Zeichnen auf jeden Fall: Es hält seine feingliedrigen Finger beweglich, wie man bei seinen Konzerten in letzter Zeit deutlich hören konnte. So sicher im Ansatz und so schnell in den Läufen war der große Meister seit Jahren nicht mehr, und dies trotz einer fürchterlich geschundenen Oberlippe voller dicker, schlecht verheilter Narben. Ein typischer Trompetermund, darüber zwei außerordentlich junge und auf den ersten Blick unheimlich stechende Augen, die Miles meist hinter überdimensionierten Sonnenbrillen verbirgt. Sein gegenwärtig erstaunlich frisches Aussehen erklärt der 61-Jährige mit einer Frischzellenkur in der Schweiz, die er vor zwei Jahren auf Anraten seiner Frau Cicely, einer Schauspielerin, gemacht habe.
Wie aber kam der Trompeter, der Kunst und Musik, von Jazz spricht er nie, als seine einzigen Interessen bezeichnet, ans Zeichnen? Gelernt habe er es von seinem Vater, erzählt er, aber so richtig habe er damit erst später begonnen. „Ich fing damit an, als ich mit Kokain und Whisky Schluss gemacht hatte und meine Hand kaum mehr bewegen konnte. Deshalb fing ich an zu zeichnen, aber es dauerte so verdammt lange mit der Hand.“
Am 26. Mai 1926 in Alton, Illinois geboren, wuchs Miles Dewey Davis III. in einer wohlhabenden schwarzen Middle-Class-Familie auf. Der Großvater, ein Spezialist für doppelte Buchführung, hatte mit seinem Talent den Grundstock für das Davis-Vermögen gelegt, eine Farm erworben und seinen Sohn, Miles’ Vater, studieren lassen. Der brachte es als Zahnarzt in East St. Louis zu Wohlstand und Ansehen, sodass Miles eine sorgenfreie Kindheit mit Reitunterricht und ähnlichen Vergnügungen genoss. Allerdings kriselte es in der Davis-Familie, und so versuchte jeder der Eheleute, es dem anderen mal so richtig zu zeigen.
Nie im Traum aber hätte es sich Miles’ Vater auszumalen gewagt, welche Wirkung seine Gabe zum 13. Geburtstag des Sohnes haben sollte. Eigentlich wollte der Vater seine Gattin mit dem wohlüberlegt ausgesuchten Präsent nur kräftig ärgern. Wie Miles sich ironisch erinnert: „Mein Vater schenkte mir eine Trompete – weil er meine Mutter so sehr liebte.“ Der infame Akt gelang perfekt: Die standesbewusste Mutter, die jede allzu schwarze Attitüde – und die Trompete war in den Zeiten eines Louis Armstrong, Buddy Bolden und Roy Eldridge das Symbol schwarzer Musik schlechthin – aufs Strengste ablehnte, war zutiefst gekränkt.
Bald schon verdiente Miles mit seiner Trompete Geld in den diversen Nachtclubs von St. Louis, aber solange es mehr ein Hobby blieb, störte es die Familie nicht allzu sehr. Denn während für andere Musiker der Jazz, der ja damals noch Tanzmusik war, die einzige Chance bot, ihren ärmlichen Verhältnissen zu entkommen, bedeutete Miles’ Wunsch, Berufsmusiker zu werden, einen gesellschaftlichen Abstieg. Nur schwer fand man sich schließlich damit ab, dass er Musik studieren wollte. Immerhin an der berühmten Juilliard School in New York, dass die Mutter die Hoffnung hegen konnte, aus ihrem Sohn würde wenigstens ein geachteter Orchestermusiker.
Womit sie nicht gerechnet hatte, waren die Versuchungen der 52. Straße, des Mekkas aller Jazzmusiker, wo die neuesten Sounds erfunden wurden und wo Miles viele alte Freunde wiedertraf. Charlie „Bird“ Parker förderte den jungen, talentierten Trompeter, ließ den gerade Zwanzigjährigen unter seiner Obhut reifen und machte ihn so bekannt, dass Miles nach nur zwei Jahren das Risiko einer eigenen Band eingehen konnte. Jene Gruppe – sie ging als das sogenannte Capitol Orchestra in die Jazzgeschichte ein – war zwar finanziell ein Flop, künstlerisch aber so bedeutsam, dass aus ihr der sogenannte Cool Jazz erwuchs.
Zum ersten Mal ließ sich da Miles’ genialische Schaffenskraft erahnen. Was folgte, ist bekannt: Die Orchesteralben „Miles Ahead“, „Porgy & Bess“ und „Sketches of Spain“ (mit dem von Miles verehrten Gil Evans) wurden enorm erfolgreich und ermöglichten ihm, seinen aufwendigen Lifestyle zu etablieren. Schnelle Autos (vorzugsweise Ferraris), schöne Frauen und kostspielige Kleider gaben Miles den Nimbus eines extravaganten Draufgängers, der nichts und niemanden scheute. „In den 50er und 60er Jahren zeichnete ich meinem italienischen Schneider meine Kleidung, weil der, neu in New York, kein Englisch konnte. Und ich kein Italienisch.“
Nun, nach den LPs mit Gil Evans, kamen die großen Quintettaufnahmen wie „Relaxin’“, „Workin’“, „Steamin’“, „Cookin’“ und „Round Midnight“ (mit John Coltrane); dann jene Platten, die den Jazz erneut nachhaltig prägten: „Milestones“ und „Kind of Blue“ (mit Coltrane und Cannonball Adderley). Seine Einspielungen Mitte bis Ende der 60er Jahre, „Miles Smiles“ und das elektrifizierte „Bitches Brew“, faszinierten auch Rockmusiker – was schließlich im Jazz-Rock mündete.
Wieder einmal war Miles der Auslöser lawinenartiger Bewegungen in der Musik. Trotzdem ließ er sich zu keinen Engagements überreden, gab zwischen 1975 und 1980, völlig ausgebrannt, überhaupt keine Konzerte und nahm immer nur dann Platten auf, wenn er der Überzeugung war, etwas zu sagen zu haben. Eine Haltung, die nur schwer mit den Wünschen der Industrie zusammenging, ihm aber seine künstlerische Freiheit ließ und letztlich wohl auch die Trennung von seiner Plattenfirma Columbia – wo er als Einziger neben Vladimir Horowitz einen lebenslangen Vertrag mit regelmäßigen Bezügen hatte – und den Wechsel zu Warner 1985 bewirkte. Ein Schritt, dessen genaue Ursache niemand kennt. War es Müdigkeit, Langeweile, das Gefühl, vernachlässigt zu werden, das Fehlen kreativer Freiräume, oder ging es einfach nur um sehr viel Geld?
Wie „Tutu“, seine erste Warner-Produktion, nahm Miles sein zweites Warner-Album, „Siesta“, zusammen mit Marcus Miller auf, von dem er sagte, er habe die seltene Fähigkeit, sich voll auf eine einzige Sache konzentrieren zu können, was sonst nur noch Gil Evans schaffe. „Siesta“ ist der Soundtrack zu einer ziemlich wilden Geschichte um eine junge Frau, die morgens blutüberströmt aufwacht und denkt, sie habe die Frau ihres Lovers getötet, und dann auf die Suche nach ihm durch Madrid geistert. In Wirklichkeit sei sie aber tot, erzählte mir Miles an jenem Nachmittag in Berlin, was natürlich zu jeder Menge Verwicklungen führt und zu so pikanten Szenen wie dieser: „Sie geht in eine Kirche, keiner kann sie sehen, aber dann kommt eine Stelle für die verlorenen Seelen, und jeder sieht sie in diesem Moment. So Sachen sind etwas für Künstler!“, sagte Miles. „Marcus schreibt Kirchenmusik mit einem Zehntel Flamenco, diesen zwei Akkorden, ja, und dann mischt er es mit ein wenig Ravel, ein bisschen hiervon, ein bisschen davon, und dem ,cosmic sound‘ meiner Trompete. Für mich ist Flamenco-Musik einfach zu spielen, weil ich sie fühle, ihren Blues, Spaniens Blues. Man kann so viel damit machen, und Marcus hat so viele Ideen. Er hörte ,Sketches of Spain‘, und das ist es: Es klingt genau so!“ Wobei diese Worte durchaus als Lob zu verstehen sind, schließlich spielte Miles „Sketches of Spain“ mit Gil Evans ein, dem er „Siesta“ auch widmete mit den Worten „… to Gil Evans, the master“.
Auch wenn Miles voller Begeisterung über „Siesta“ sprach, war sie doch für ihn eine Platte von gestern. Musikalisch war er längst weiter, beschäftigte sich viel mit afrikanischer Musik, Polyrhythmen und exotischen Klängen. Auf der nächsten LP könne man viel Afrikanisches hören, verriet er zum Schluss und schob zum Beweis eine neue Kassette in den Ghettoblaster. „Okay, that’s enough“, verkündete er schließlich. Freundliches Händeschütteln und die Bitte, man möge doch seinem Assistenten Michael einige gute Galerien mit jungen Künstlern zeigen. Draußen verrät der dann flüsternd, in Oslo habe Miles noch nachts um halb drei die Galerien leer gekauft, er sei halt ein Nachtmensch.
Auch wenn ihn viele Leute, darunter reichlich Musiker, für eine Verkörperung des Bösen hielten, einen Machtmenschen mit Absolutheitsanspruch, schien mir Miles Davis in Wirklichkeit eine sensible und introvertierte Gestalt zu sein, die ihr Privatleben und ihre Gefühle hinter mehr als nur einer Sonnenbrille versteckte. Mit Sicherheit aber war Miles eine faszinierend schillernde Persönlichkeit, die selbst bis heute kaum zu fassen ist.
Unsere unvergessene Begegnung im November 1987 hatte übrigens interessante Folgen: Eine liebe Freundin war danach einige Jahre mit Miles’ Assistent Michael zusammen, und mir brachte sie einen Alltime-Backstage-Pass für alle Konzerte des Trompeters ein. Allzu lange konnte ich den freilich nicht mehr genießen, denn am 28. September 1991 starb Miles überraschend mit nur 65 Jahren im kalifornischen Santa Monica.
Die Geschichte spielt am 2. November 1987 in Berlin und beginnt mit folgender Impression: Seine Auftritte gleichen sorgfältigen Inszenierungen, wenn er in schillernd bunten Gewändern, tief über sein Horn gebeugt, langsam auf die Bühne schreitet, um über die vibrierenden Sounds seiner sechsköpfigen Band jene unvergleichlichen Trompetenklänge zu legen, die ihn so bekannt machten. Ignoranz, Missachtung des Publikums warf man ihm schon in den 50er und 60er Jahren vor, wenn Miles Davis in sich versunken und mit dem Rücken zum Auditorium, scheinbar unbeeinflusst von dem brodelnden Sound, dem „Bitches Brew“ (so der Titel der legendären Platte von 1969) der Keyboards und der Rhythm Section, seine Beiträge formulierte, schneidende Attacken losließ, um mit „cues“, kleinen Direktiven, seine Band auf neue Pfade zu leiten.
Auch seine äußerst raren Begegnungen mit Journalisten werden von ihm kunstvoll arrangiert, zur Stilisierung seiner Macht genutzt. So gerät die obligate Wartezeit in der Lobby des Berliner Interconti zu einer nervösen Zitterpartie, denn Miles Davis ist dafür berüchtigt, dass er selbst im letzten Moment noch Interviews abzusagen pflegt. Schließlich die erlösende Nachricht, der Meister sei nun willig, mich zu empfangen. Vor seiner Suite erneute Pause, offensichtlich stimmt die Kulisse noch nicht. Dann aber öffnet ein fröhlicher junger Mann, sagt „Hi, I’m Miles’ assistant“ und führt mich in einen komplett mit Louis-Vuitton-Koffern zugestellten Raum. Aus einer Ecke dröhnt aus einem weißen Designerghettoblaster der Konzertmitschnitt vom Vortag, überall liegen Obst und seltsam bemaltes Papier herum.
Miles höre immer die Bänder seiner Konzerte, er sei stets auf der Suche nach neuen Sounds, analysiere alles sehr sorgfältig, erklärt der von der Lokalpresse zum „Butler“ ernannte Michael, als ein heiseres Hüsteln uns herumfahren lässt. Leise, fast schon unheimlich hat Miles den Raum betreten, aber von „schwarzem Magier“ oder „evil“ keine Spur. Freundlich schüttelt er mir die Hand, gibt Kommentare zu der laufenden Kassette und beantwortet geduldig meine Fragen. Dabei blicken seine hinter einer riesigen Sonnenbrille versteckten Augen auf einen Skizzenblock vor sich, nervös zeichnet seine rechte Hand mit leuchtenden Farben abstrakte Figuren, spindeldürre Frauengestalten mit mehreren Köpfen und Armen, mit einem latent erotischen Touch. Als er mein Interesse an seinen Bildern bemerkt, beginnt er, liebenswürdig über Kunst zu plaudern, und erzählt, dass er im Flugzeug und nach Konzerten immer den Stift in die Hand nehme, um zu zeichnen. Welch ein Glück: Miles konfrontiert mich nicht mit seinem Lieblingsspruch „Bald bin ich so gut wie Picasso!“, auf den ich nun wahrlich keine Antwort gewusst hätte.
Ein Gutes hat das Zeichnen auf jeden Fall: Es hält seine feingliedrigen Finger beweglich, wie man bei seinen Konzerten in letzter Zeit deutlich hören konnte. So sicher im Ansatz und so schnell in den Läufen war der große Meister seit Jahren nicht mehr, und dies trotz einer fürchterlich geschundenen Oberlippe voller dicker, schlecht verheilter Narben. Ein typischer Trompetermund, darüber zwei außerordentlich junge und auf den ersten Blick unheimlich stechende Augen, die Miles meist hinter überdimensionierten Sonnenbrillen verbirgt. Sein gegenwärtig erstaunlich frisches Aussehen erklärt der 61-Jährige mit einer Frischzellenkur in der Schweiz, die er vor zwei Jahren auf Anraten seiner Frau Cicely, einer Schauspielerin, gemacht habe.
Wie aber kam der Trompeter, der Kunst und Musik, von Jazz spricht er nie, als seine einzigen Interessen bezeichnet, ans Zeichnen? Gelernt habe er es von seinem Vater, erzählt er, aber so richtig habe er damit erst später begonnen. „Ich fing damit an, als ich mit Kokain und Whisky Schluss gemacht hatte und meine Hand kaum mehr bewegen konnte. Deshalb fing ich an zu zeichnen, aber es dauerte so verdammt lange mit der Hand.“
Am 26. Mai 1926 in Alton, Illinois geboren, wuchs Miles Dewey Davis III. in einer wohlhabenden schwarzen Middle-Class-Familie auf. Der Großvater, ein Spezialist für doppelte Buchführung, hatte mit seinem Talent den Grundstock für das Davis-Vermögen gelegt, eine Farm erworben und seinen Sohn, Miles’ Vater, studieren lassen. Der brachte es als Zahnarzt in East St. Louis zu Wohlstand und Ansehen, sodass Miles eine sorgenfreie Kindheit mit Reitunterricht und ähnlichen Vergnügungen genoss. Allerdings kriselte es in der Davis-Familie, und so versuchte jeder der Eheleute, es dem anderen mal so richtig zu zeigen.
Nie im Traum aber hätte es sich Miles’ Vater auszumalen gewagt, welche Wirkung seine Gabe zum 13. Geburtstag des Sohnes haben sollte. Eigentlich wollte der Vater seine Gattin mit dem wohlüberlegt ausgesuchten Präsent nur kräftig ärgern. Wie Miles sich ironisch erinnert: „Mein Vater schenkte mir eine Trompete – weil er meine Mutter so sehr liebte.“ Der infame Akt gelang perfekt: Die standesbewusste Mutter, die jede allzu schwarze Attitüde – und die Trompete war in den Zeiten eines Louis Armstrong, Buddy Bolden und Roy Eldridge das Symbol schwarzer Musik schlechthin – aufs Strengste ablehnte, war zutiefst gekränkt.
Bald schon verdiente Miles mit seiner Trompete Geld in den diversen Nachtclubs von St. Louis, aber solange es mehr ein Hobby blieb, störte es die Familie nicht allzu sehr. Denn während für andere Musiker der Jazz, der ja damals noch Tanzmusik war, die einzige Chance bot, ihren ärmlichen Verhältnissen zu entkommen, bedeutete Miles’ Wunsch, Berufsmusiker zu werden, einen gesellschaftlichen Abstieg. Nur schwer fand man sich schließlich damit ab, dass er Musik studieren wollte. Immerhin an der berühmten Juilliard School in New York, dass die Mutter die Hoffnung hegen konnte, aus ihrem Sohn würde wenigstens ein geachteter Orchestermusiker.
Womit sie nicht gerechnet hatte, waren die Versuchungen der 52. Straße, des Mekkas aller Jazzmusiker, wo die neuesten Sounds erfunden wurden und wo Miles viele alte Freunde wiedertraf. Charlie „Bird“ Parker förderte den jungen, talentierten Trompeter, ließ den gerade Zwanzigjährigen unter seiner Obhut reifen und machte ihn so bekannt, dass Miles nach nur zwei Jahren das Risiko einer eigenen Band eingehen konnte. Jene Gruppe – sie ging als das sogenannte Capitol Orchestra in die Jazzgeschichte ein – war zwar finanziell ein Flop, künstlerisch aber so bedeutsam, dass aus ihr der sogenannte Cool Jazz erwuchs.
Zum ersten Mal ließ sich da Miles’ genialische Schaffenskraft erahnen. Was folgte, ist bekannt: Die Orchesteralben „Miles Ahead“, „Porgy & Bess“ und „Sketches of Spain“ (mit dem von Miles verehrten Gil Evans) wurden enorm erfolgreich und ermöglichten ihm, seinen aufwendigen Lifestyle zu etablieren. Schnelle Autos (vorzugsweise Ferraris), schöne Frauen und kostspielige Kleider gaben Miles den Nimbus eines extravaganten Draufgängers, der nichts und niemanden scheute. „In den 50er und 60er Jahren zeichnete ich meinem italienischen Schneider meine Kleidung, weil der, neu in New York, kein Englisch konnte. Und ich kein Italienisch.“
Nun, nach den LPs mit Gil Evans, kamen die großen Quintettaufnahmen wie „Relaxin’“, „Workin’“, „Steamin’“, „Cookin’“ und „Round Midnight“ (mit John Coltrane); dann jene Platten, die den Jazz erneut nachhaltig prägten: „Milestones“ und „Kind of Blue“ (mit Coltrane und Cannonball Adderley). Seine Einspielungen Mitte bis Ende der 60er Jahre, „Miles Smiles“ und das elektrifizierte „Bitches Brew“, faszinierten auch Rockmusiker – was schließlich im Jazz-Rock mündete.
Wieder einmal war Miles der Auslöser lawinenartiger Bewegungen in der Musik. Trotzdem ließ er sich zu keinen Engagements überreden, gab zwischen 1975 und 1980, völlig ausgebrannt, überhaupt keine Konzerte und nahm immer nur dann Platten auf, wenn er der Überzeugung war, etwas zu sagen zu haben. Eine Haltung, die nur schwer mit den Wünschen der Industrie zusammenging, ihm aber seine künstlerische Freiheit ließ und letztlich wohl auch die Trennung von seiner Plattenfirma Columbia – wo er als Einziger neben Vladimir Horowitz einen lebenslangen Vertrag mit regelmäßigen Bezügen hatte – und den Wechsel zu Warner 1985 bewirkte. Ein Schritt, dessen genaue Ursache niemand kennt. War es Müdigkeit, Langeweile, das Gefühl, vernachlässigt zu werden, das Fehlen kreativer Freiräume, oder ging es einfach nur um sehr viel Geld?
Wie „Tutu“, seine erste Warner-Produktion, nahm Miles sein zweites Warner-Album, „Siesta“, zusammen mit Marcus Miller auf, von dem er sagte, er habe die seltene Fähigkeit, sich voll auf eine einzige Sache konzentrieren zu können, was sonst nur noch Gil Evans schaffe. „Siesta“ ist der Soundtrack zu einer ziemlich wilden Geschichte um eine junge Frau, die morgens blutüberströmt aufwacht und denkt, sie habe die Frau ihres Lovers getötet, und dann auf die Suche nach ihm durch Madrid geistert. In Wirklichkeit sei sie aber tot, erzählte mir Miles an jenem Nachmittag in Berlin, was natürlich zu jeder Menge Verwicklungen führt und zu so pikanten Szenen wie dieser: „Sie geht in eine Kirche, keiner kann sie sehen, aber dann kommt eine Stelle für die verlorenen Seelen, und jeder sieht sie in diesem Moment. So Sachen sind etwas für Künstler!“, sagte Miles. „Marcus schreibt Kirchenmusik mit einem Zehntel Flamenco, diesen zwei Akkorden, ja, und dann mischt er es mit ein wenig Ravel, ein bisschen hiervon, ein bisschen davon, und dem ,cosmic sound‘ meiner Trompete. Für mich ist Flamenco-Musik einfach zu spielen, weil ich sie fühle, ihren Blues, Spaniens Blues. Man kann so viel damit machen, und Marcus hat so viele Ideen. Er hörte ,Sketches of Spain‘, und das ist es: Es klingt genau so!“ Wobei diese Worte durchaus als Lob zu verstehen sind, schließlich spielte Miles „Sketches of Spain“ mit Gil Evans ein, dem er „Siesta“ auch widmete mit den Worten „… to Gil Evans, the master“.
Auch wenn Miles voller Begeisterung über „Siesta“ sprach, war sie doch für ihn eine Platte von gestern. Musikalisch war er längst weiter, beschäftigte sich viel mit afrikanischer Musik, Polyrhythmen und exotischen Klängen. Auf der nächsten LP könne man viel Afrikanisches hören, verriet er zum Schluss und schob zum Beweis eine neue Kassette in den Ghettoblaster. „Okay, that’s enough“, verkündete er schließlich. Freundliches Händeschütteln und die Bitte, man möge doch seinem Assistenten Michael einige gute Galerien mit jungen Künstlern zeigen. Draußen verrät der dann flüsternd, in Oslo habe Miles noch nachts um halb drei die Galerien leer gekauft, er sei halt ein Nachtmensch.
Auch wenn ihn viele Leute, darunter reichlich Musiker, für eine Verkörperung des Bösen hielten, einen Machtmenschen mit Absolutheitsanspruch, schien mir Miles Davis in Wirklichkeit eine sensible und introvertierte Gestalt zu sein, die ihr Privatleben und ihre Gefühle hinter mehr als nur einer Sonnenbrille versteckte. Mit Sicherheit aber war Miles eine faszinierend schillernde Persönlichkeit, die selbst bis heute kaum zu fassen ist.
Unsere unvergessene Begegnung im November 1987 hatte übrigens interessante Folgen: Eine liebe Freundin war danach einige Jahre mit Miles’ Assistent Michael zusammen, und mir brachte sie einen Alltime-Backstage-Pass für alle Konzerte des Trompeters ein. Allzu lange konnte ich den freilich nicht mehr genießen, denn am 28. September 1991 starb Miles überraschend mit nur 65 Jahren im kalifornischen Santa Monica.



