Auf Reisen

Zwischen Tradition und Zukunft

Von
Tobias Hell
Erschienen in der Printausgabe im
Juni 2026
Lesezeit ca.
Minuten
Pendereckis „Lukas-Passion“ 2025. Foto: K. Mystkowski
Pendereckis „Lukas-Passion“ 2025. Foto: K. Mystkowski

Es ist wirklich ein beinahe magisches Erlebnis. Wenn man sich hier vom Parkplatz kommend den Weg bergauf durch den Wald bahnt und zwischen den Bäumen auf einmal der Torbogen der Opera Leśna hervorblitzt. Sopot, der beschauliche Kurort in der Danziger Bucht, verfügt mit der Waldoper wohl über eine der beeindruckendsten Freilichtbühnen Europas, die seit 2023 das Zentrum des Baltic Opera Festivals bildet.

Die ersten Vorstellungen gab es hier bereits im Jahr 1909, als die Zopotter Waldspiele mit Conradin Kreutzers „Nachtlager von Granada“ eröffnet wurden. Internationale Bekanntheit erlangte die Waldoper aber vor allem zwischen 1922 und 1942, als in der urwüchsigen Naturkulisse die Musikdramen Richard Wagners dominierten und Zoppot seinen Spitznamen als „Bayreuth des Nordens“ erhielt. Ein Kapitel, das die aktuellen Festivalmacher keineswegs ausblenden, sondern in ihrem ambitionierten Programm immer wieder thematisieren. Der künstlerische Leiter Tomasz Konieczny rückt den deutsch-polnischen Kulturaustausch ebenso ins Zentrum wie die keineswegs unbelastete Geschichte der beiden Länder.

„Die Waldoper hat eine besondere Historie. Sie wurde auf Land gebaut, um das viele Kriege geführt wurden. Es war eine deutsche Bühne, die nun von uns genutzt wird. Das kann man nicht ausblenden.“ Dies spiegelte sich 2025 unter anderem in einer beeindruckenden Aufführung von Krzysztof Pendereckis „Lukas-Passion“. Hier wurde nicht nur der Wald rund um die Spielfläche durch ein suggestives Lichtdesign zum Leben erweckt, sondern ein Protagonisten-Quartett versammelt, das sich aus Polen, Österreich und der
Ukraine rekrutierte. Ein ebenso bewusstes Signal wie die kurz zuvor in Danzig gegebene „Winterreise“, die Konieczny und sein Bruder Lukasz mit polnischer Lyrik und Zitaten aus dem Kriegstagebuch ihres Großvaters verwoben. „Die Kunst sollte auf die Realität reagieren, in einen Dialog treten, Brücken bauen und sich unbeirrt auf die Seite der Toleranz stellen.“ Dies machte Tomasz Konieczny auch bei der Vorstellung des aktuellen Festivalprogramms noch einmal überdeutlich: „Vom ersten Tag an war uns völlig klar, dass das Baltic Opera Festival eine Zusammenkunft verschiedener Traditionen, Sensibilitäten und Narrative sein soll.“

Die Waldoper mit ihren knapp 5.000 Plätzen bleibt dabei natürlich meist den populären Titeln vorbehalten – nach dem Neustart mit dem „Fliegenden Holländer“ unter anderem Puccinis „Turandot“ und der „Salome“ von Richard Strauss. Gleichzeitig besteht jedoch eine enge Verbindung zur Baltischen Oper in Danzig. Der in Fußgehweite der Geburtshäuser von Günter Grass und Arthur Schopenhauer gelegene Neubau dient dabei einerseits als zweite Spielstätte, in der man zuletzt unter anderem eine Familienproduktion von „Jaś i Małgosia“ (Humperdincks „Hänsel und Gretel“) erleben konnte, aber auch zeitgenössisches Musiktheater wie die bewegende Kammeroper „Głos Potwora“, zu der sich Komponist Alek Nowak von Sally Perels autobiografischem Roman „Hitlerjunge Salomon“ inspirieren ließ. Wobei die Ensemblemitglieder des Hauses ebenso bei den Festivalpremieren der Waldoper Seite an Seite mit den Stargästen auf der Bühne stehen.

Unter dem Motto „Mythen, Zauberei, Aberglaube. Geschichten, die Gemeinschaft stiften“ geht es 2026 gleich in mehrfacher Hinsicht zurück zu den Wurzeln der Waldoper. Denn zum 150. Jubiläum von Richard Wagners „Ring“-Tetralogie steht in diesem Sommer mit der „Walküre“ die populärste Episode des Nibelungen-Zyklus auf dem Spielplan. Wobei die von Wagner im Text beschriebenen Felsen, Schluchten und Tannenwälder bereits parat stehen, zwischen denen Regisseur John Fulljames nun seine für die Königliche Oper in Kopenhagen entstandene Inszenierung neu einstudiert.

Natürlich wird Konieczny selbst in seine Paraderolle als Wotan schlüpfen, die er zuletzt mit großem Erfolg auf dem Grünen Hügel verkörperte. Eine Aufgabe, auf die sich der Bassbariton sehr freut, nachdem er im vergangenen Sommer zwischen seinen Abstechern nach Franken nur hinter den Kulissen im Einsatz war. „Zusätzlich zu meinen organisatorischen Aufgaben wäre das für meine Stimme einfach zu viel geworden. Aber nachdem der ‚Ring‘ auf dem Hügel abgespielt ist, wollte ich mir unsere ‚Walküre‘ natürlich nicht entgehen lassen. Der Wotan ist eine Rolle, die ich einfach liebe.“ Um ihn herum versammelt sich ein internationales Ensemble mit Namen wie René Pape, Regine Hangler sowie dem Wälsungen-Paar Izabel Matuła und Stanislas de Barbeyrac. Und im Graben steht mit Axel Kober ein weiterer Bayreuth-Veteran.

Einen denkbar scharfen Kontrast dazu bildet die zweite Premiere des Sommers. Denn in Kooperation mit dem Breslauer Theater lässt man die langjährige Operettentradition des Festivals wieder aufleben. Zentrale Figur ist dabei der österreichische Komponist Joseph Beer, dessen Familie einst in Auschwitz ermordet wurde. Beers Werke waren nach seiner erzwungenen Emigration lange Zeit von den Bühnen verschwunden, erleben jetzt allerdings ihre lange überfällige Renaissance. So auch „Die Polnische Hochzeit“, die im Rahmen des Baltic Opera Festivals ihre erste szenische Produktion in Polen erleben wird. Und obwohl auf der Partitur die Bezeichnung „Operette“ zu lesen ist, ist es für Tomasz Koniecz­ny eher „ein Werk zwischen den Genres und Welten“, das die Menschen auf unterschiedlichsten Wegen erreicht. „Es erzählt die Geschichte einer Gemeinschaft, der Symbole und Rituale, die sie verwurzeln, aber auch der damit verbundenen historischen und politischen Spannungen.“ Womit sich das Stück ebenso stimmig in sein künstlerisches Konzept einfügt wie eine zum Festivalabschluss angesetzte Hommage an Krzysztof Penderecki, dessen Musik einen festen Platz im Programm hat. Entdeckungsfreudige Musikfans kommen beim Baltic Opera Festival also ebenso auf ihre Kosten wie Opern-Kulinariker. Und auch jenseits der beeindruckenden Waldbühne sind die geschichtsträchtigen Städte Zoppot/Sopot und Danzig/Gdańsk in jeder Hinsicht eine Reise wert.

Es ist wirklich ein beinahe magisches Erlebnis. Wenn man sich hier vom Parkplatz kommend den Weg bergauf durch den Wald bahnt und zwischen den Bäumen auf einmal der Torbogen der Opera Leśna hervorblitzt. Sopot, der beschauliche Kurort in der Danziger Bucht, verfügt mit der Waldoper wohl über eine der beeindruckendsten Freilichtbühnen Europas, die seit 2023 das Zentrum des Baltic Opera Festivals bildet.

Die ersten Vorstellungen gab es hier bereits im Jahr 1909, als die Zopotter Waldspiele mit Conradin Kreutzers „Nachtlager von Granada“ eröffnet wurden. Internationale Bekanntheit erlangte die Waldoper aber vor allem zwischen 1922 und 1942, als in der urwüchsigen Naturkulisse die Musikdramen Richard Wagners dominierten und Zoppot seinen Spitznamen als „Bayreuth des Nordens“ erhielt. Ein Kapitel, das die aktuellen Festivalmacher keineswegs ausblenden, sondern in ihrem ambitionierten Programm immer wieder thematisieren. Der künstlerische Leiter Tomasz Konieczny rückt den deutsch-polnischen Kulturaustausch ebenso ins Zentrum wie die keineswegs unbelastete Geschichte der beiden Länder.

„Die Waldoper hat eine besondere Historie. Sie wurde auf Land gebaut, um das viele Kriege geführt wurden. Es war eine deutsche Bühne, die nun von uns genutzt wird. Das kann man nicht ausblenden.“ Dies spiegelte sich 2025 unter anderem in einer beeindruckenden Aufführung von Krzysztof Pendereckis „Lukas-Passion“. Hier wurde nicht nur der Wald rund um die Spielfläche durch ein suggestives Lichtdesign zum Leben erweckt, sondern ein Protagonisten-Quartett versammelt, das sich aus Polen, Österreich und der
Ukraine rekrutierte. Ein ebenso bewusstes Signal wie die kurz zuvor in Danzig gegebene „Winterreise“, die Konieczny und sein Bruder Lukasz mit polnischer Lyrik und Zitaten aus dem Kriegstagebuch ihres Großvaters verwoben. „Die Kunst sollte auf die Realität reagieren, in einen Dialog treten, Brücken bauen und sich unbeirrt auf die Seite der Toleranz stellen.“ Dies machte Tomasz Konieczny auch bei der Vorstellung des aktuellen Festivalprogramms noch einmal überdeutlich: „Vom ersten Tag an war uns völlig klar, dass das Baltic Opera Festival eine Zusammenkunft verschiedener Traditionen, Sensibilitäten und Narrative sein soll.“

Die Waldoper mit ihren knapp 5.000 Plätzen bleibt dabei natürlich meist den populären Titeln vorbehalten – nach dem Neustart mit dem „Fliegenden Holländer“ unter anderem Puccinis „Turandot“ und der „Salome“ von Richard Strauss. Gleichzeitig besteht jedoch eine enge Verbindung zur Baltischen Oper in Danzig. Der in Fußgehweite der Geburtshäuser von Günter Grass und Arthur Schopenhauer gelegene Neubau dient dabei einerseits als zweite Spielstätte, in der man zuletzt unter anderem eine Familienproduktion von „Jaś i Małgosia“ (Humperdincks „Hänsel und Gretel“) erleben konnte, aber auch zeitgenössisches Musiktheater wie die bewegende Kammeroper „Głos Potwora“, zu der sich Komponist Alek Nowak von Sally Perels autobiografischem Roman „Hitlerjunge Salomon“ inspirieren ließ. Wobei die Ensemblemitglieder des Hauses ebenso bei den Festivalpremieren der Waldoper Seite an Seite mit den Stargästen auf der Bühne stehen.

Unter dem Motto „Mythen, Zauberei, Aberglaube. Geschichten, die Gemeinschaft stiften“ geht es 2026 gleich in mehrfacher Hinsicht zurück zu den Wurzeln der Waldoper. Denn zum 150. Jubiläum von Richard Wagners „Ring“-Tetralogie steht in diesem Sommer mit der „Walküre“ die populärste Episode des Nibelungen-Zyklus auf dem Spielplan. Wobei die von Wagner im Text beschriebenen Felsen, Schluchten und Tannenwälder bereits parat stehen, zwischen denen Regisseur John Fulljames nun seine für die Königliche Oper in Kopenhagen entstandene Inszenierung neu einstudiert.

Natürlich wird Konieczny selbst in seine Paraderolle als Wotan schlüpfen, die er zuletzt mit großem Erfolg auf dem Grünen Hügel verkörperte. Eine Aufgabe, auf die sich der Bassbariton sehr freut, nachdem er im vergangenen Sommer zwischen seinen Abstechern nach Franken nur hinter den Kulissen im Einsatz war. „Zusätzlich zu meinen organisatorischen Aufgaben wäre das für meine Stimme einfach zu viel geworden. Aber nachdem der ‚Ring‘ auf dem Hügel abgespielt ist, wollte ich mir unsere ‚Walküre‘ natürlich nicht entgehen lassen. Der Wotan ist eine Rolle, die ich einfach liebe.“ Um ihn herum versammelt sich ein internationales Ensemble mit Namen wie René Pape, Regine Hangler sowie dem Wälsungen-Paar Izabel Matuła und Stanislas de Barbeyrac. Und im Graben steht mit Axel Kober ein weiterer Bayreuth-Veteran.

Einen denkbar scharfen Kontrast dazu bildet die zweite Premiere des Sommers. Denn in Kooperation mit dem Breslauer Theater lässt man die langjährige Operettentradition des Festivals wieder aufleben. Zentrale Figur ist dabei der österreichische Komponist Joseph Beer, dessen Familie einst in Auschwitz ermordet wurde. Beers Werke waren nach seiner erzwungenen Emigration lange Zeit von den Bühnen verschwunden, erleben jetzt allerdings ihre lange überfällige Renaissance. So auch „Die Polnische Hochzeit“, die im Rahmen des Baltic Opera Festivals ihre erste szenische Produktion in Polen erleben wird. Und obwohl auf der Partitur die Bezeichnung „Operette“ zu lesen ist, ist es für Tomasz Koniecz­ny eher „ein Werk zwischen den Genres und Welten“, das die Menschen auf unterschiedlichsten Wegen erreicht. „Es erzählt die Geschichte einer Gemeinschaft, der Symbole und Rituale, die sie verwurzeln, aber auch der damit verbundenen historischen und politischen Spannungen.“ Womit sich das Stück ebenso stimmig in sein künstlerisches Konzept einfügt wie eine zum Festivalabschluss angesetzte Hommage an Krzysztof Penderecki, dessen Musik einen festen Platz im Programm hat. Entdeckungsfreudige Musikfans kommen beim Baltic Opera Festival also ebenso auf ihre Kosten wie Opern-Kulinariker. Und auch jenseits der beeindruckenden Waldbühne sind die geschichtsträchtigen Städte Zoppot/Sopot und Danzig/Gdańsk in jeder Hinsicht eine Reise wert.

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