Familiensache
Daniel Hope führt das Gstaad Menuhin Festival ins siebzigste Jahr

Wandel“ lautete das Motto, unter dem die letzten drei Spielzeiten des Gstaad Menuhin Festivals standen – mit den Untertiteln Demut, Transformation und Migration. Es hatte etwas Prophetisches, denn das bedeutende Festival in einer der schönsten Gegenden der Schweiz, im hintersten Berner Oberland, unterzieht sich gerade selbst einem geradezu epochalen Wandel, der mit Migration einhergeht: Nach 23 Jahren hat Christoph Müller die künstlerische Leitung abgegeben, neuer Intendant ist seit November der Geiger Daniel Hope. Der hat sich einiges Neue vorgenommen, knüpft aber mit dem Festivalmotto „Family Matters“ auch an alte Zeiten an. Darum zunächst ein Blick in die Geschichte.
Mitte der 1950er Jahre nahm Yehudi Menuhin mit Familie seinen Wohnsitz in Gstaad. Der US-amerikanische Weltbürger, der bei seinem Tod 1999 in Berlin auch Schweizer und britischer Staatsbürger war, hatte um 1930 herum bei Adolf Busch Unterricht erhalten und als Jugendlicher eine Weile in Basel gewohnt. Die Schweiz war ihm also vertraut. Das Saanenland rings um Gstaad ist alpin, aber nicht hochgebirgig schroff, Gstaad selbst klein, aber weltläufig mit großen Hotels, internationalen Gästen und der Sprachgrenze zur Romandie gleich nebenan. Kaum war Menuhin im Ort, fragte ihn der Kurdirektor, ob er sich nicht vorstellen könne, im Sommer ein paar Konzerte zu spielen. Menuhin konnte und lud für 1957 Maurice Gendron, Benjamin Britten und Peter Pears zu zwei Konzerten in der mittelalterlichen Kirche des Nachbardorfes (und Gemeindezentrums) Saanen ein. 1958 firmierten neun Konzerte, darunter eines mit dem Zürcher Kammerorchester, bereits als „Yehudi-Menuhin-Musiksommer“. 1976 wurde die bislang eher familiäre Organisation auf breitere Füße gestellt – bis heute tragen Sponsoren, Mäzene und Stiftungen einen gewichtigen Teil des Festivals –, ein Jahr später wurde die Menuhin-Musik-Akademie zur Förderung angehender Profimusiker ins Leben gerufen, und seit 1989 können in einem Festivalzelt, das zehn Jahre später durch ein moderneres ersetzt wurde, auch Sinfoniekonzerte stattfinden. 1996 zog sich Menuhin aus der Festivalleitung zurück, und nach einem kurzen Intermezzo unter Gidon Kremer übernahm 1999 Eleanor Hope die künstlerische Leitung. Sie war Menuhins langjährige Sekretärin und später Managerin, arbeitet noch heute als Künstlermanagerin in Wien – und ist die Mutter von Daniel Hope, der dadurch quasi beim Festival in Gstaad aufgewachsen ist.
23 Jahre lang, von 2002 bis 2025, führte Christoph Müller, zuvor Cellist und Manager des Kammerorchesters Basel, das Menuhin Festival Gstaad sehr erfolgreich, fast 28.000 Besucher in den sieben Festivalwochen 2025 bedeuteten einen neuen Rekord. Und nun, zur 70. Ausgabe des Festivals, kehrt die Leitung sozusagen in den Schoß der Familie Menuhin zurück. Hope ist ein umtriebiger Tausendsassa, der neben seiner Solistenkarriere mehrere Chef- und Beraterposten in Zürich und San Francisco, Dresden und Bonn ausfüllt. Dass er außerdem noch das Festival in Gstaad auf hohem Niveau hält und weiterentwickelt, ist ihm trotzdem zuzutrauen.
An der Grundstruktur rüttelt er nicht, die ist ja auch bewährt: Im Zentrum stehen hochkarätig besetzte Kammermusikkonzerte in den stimmungsvollen Kirchen von Saanen und den umliegenden Dörfern sowie Sinfoniekonzerte im Festivalzelt von Gstaad. Das fasst 1800 Besucher und hat sich als praktikabel erwiesen, ist und bleibt aber eine Notlösung. Schon lange soll es durch ein festes Konzerthaus (finanziert durch die Gemeinde) ersetzt werden, doch der Baubeginn verzögert sich seit Jahren.
75 Konzerte stehen in diesem Sommer zwischen 16. Juli und 5. September auf dem Programm, unter den Gästen finden sich Zubin Mehta und Pinchas Zukerman, die das Festival mit dem Zürcher Kammerorchester (und Daniel Hope an der Geige) eröffnen werden, Daniil Trifonov und András Schiff, Regula Mühlemann und Steven Isserlis, das Royal Philharmonic Orchestra London unter Vasily Petrenko und das Budapest Festival Orchestra unter Iván Fischer. Die Nachwuchsarbeit in der Menuhin Festival Academy, die mittlerweile vier Teilakademien für Dirigenten, Pianisten, Streicher und Sänger umfasst, bleibt ein wichtiger Bestandteil, ebenso die Kinder- und Jugendarbeit, Workshops und interaktive Formate. Auch das Gstaad Festival Orchestra gibt es weiterhin, ein aus Profis zusammengestelltes Orchester, mit dem die Nachwuchsdirigenten proben können, das aber auch eigene Programme unter Leitung seines Chefdirigenten Jaap van Zweden erarbeitet. Außerdem gibt es Orchesterwochen für Jugendliche und für Amateurmusiker.
Neu hinzu kommen in diesem Sommer die Reihe „Next Generation“, in der sich unter anderem Hayato Sumino aus Tokio vorstellen wird, eine Filmreihe und „The Summit“, ein Forum für Zukunftsfragen mit Gästen aus Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Den Schlusspunkt setzt dann – vielleicht etwas überraschend – am 5. September Bachs h-Moll-Messe mit dem Ensemble Arcangelo unter Jonathan Cohen in der Kirche von Saanen.
Wandel“ lautete das Motto, unter dem die letzten drei Spielzeiten des Gstaad Menuhin Festivals standen – mit den Untertiteln Demut, Transformation und Migration. Es hatte etwas Prophetisches, denn das bedeutende Festival in einer der schönsten Gegenden der Schweiz, im hintersten Berner Oberland, unterzieht sich gerade selbst einem geradezu epochalen Wandel, der mit Migration einhergeht: Nach 23 Jahren hat Christoph Müller die künstlerische Leitung abgegeben, neuer Intendant ist seit November der Geiger Daniel Hope. Der hat sich einiges Neue vorgenommen, knüpft aber mit dem Festivalmotto „Family Matters“ auch an alte Zeiten an. Darum zunächst ein Blick in die Geschichte.
Mitte der 1950er Jahre nahm Yehudi Menuhin mit Familie seinen Wohnsitz in Gstaad. Der US-amerikanische Weltbürger, der bei seinem Tod 1999 in Berlin auch Schweizer und britischer Staatsbürger war, hatte um 1930 herum bei Adolf Busch Unterricht erhalten und als Jugendlicher eine Weile in Basel gewohnt. Die Schweiz war ihm also vertraut. Das Saanenland rings um Gstaad ist alpin, aber nicht hochgebirgig schroff, Gstaad selbst klein, aber weltläufig mit großen Hotels, internationalen Gästen und der Sprachgrenze zur Romandie gleich nebenan. Kaum war Menuhin im Ort, fragte ihn der Kurdirektor, ob er sich nicht vorstellen könne, im Sommer ein paar Konzerte zu spielen. Menuhin konnte und lud für 1957 Maurice Gendron, Benjamin Britten und Peter Pears zu zwei Konzerten in der mittelalterlichen Kirche des Nachbardorfes (und Gemeindezentrums) Saanen ein. 1958 firmierten neun Konzerte, darunter eines mit dem Zürcher Kammerorchester, bereits als „Yehudi-Menuhin-Musiksommer“. 1976 wurde die bislang eher familiäre Organisation auf breitere Füße gestellt – bis heute tragen Sponsoren, Mäzene und Stiftungen einen gewichtigen Teil des Festivals –, ein Jahr später wurde die Menuhin-Musik-Akademie zur Förderung angehender Profimusiker ins Leben gerufen, und seit 1989 können in einem Festivalzelt, das zehn Jahre später durch ein moderneres ersetzt wurde, auch Sinfoniekonzerte stattfinden. 1996 zog sich Menuhin aus der Festivalleitung zurück, und nach einem kurzen Intermezzo unter Gidon Kremer übernahm 1999 Eleanor Hope die künstlerische Leitung. Sie war Menuhins langjährige Sekretärin und später Managerin, arbeitet noch heute als Künstlermanagerin in Wien – und ist die Mutter von Daniel Hope, der dadurch quasi beim Festival in Gstaad aufgewachsen ist.
23 Jahre lang, von 2002 bis 2025, führte Christoph Müller, zuvor Cellist und Manager des Kammerorchesters Basel, das Menuhin Festival Gstaad sehr erfolgreich, fast 28.000 Besucher in den sieben Festivalwochen 2025 bedeuteten einen neuen Rekord. Und nun, zur 70. Ausgabe des Festivals, kehrt die Leitung sozusagen in den Schoß der Familie Menuhin zurück. Hope ist ein umtriebiger Tausendsassa, der neben seiner Solistenkarriere mehrere Chef- und Beraterposten in Zürich und San Francisco, Dresden und Bonn ausfüllt. Dass er außerdem noch das Festival in Gstaad auf hohem Niveau hält und weiterentwickelt, ist ihm trotzdem zuzutrauen.
An der Grundstruktur rüttelt er nicht, die ist ja auch bewährt: Im Zentrum stehen hochkarätig besetzte Kammermusikkonzerte in den stimmungsvollen Kirchen von Saanen und den umliegenden Dörfern sowie Sinfoniekonzerte im Festivalzelt von Gstaad. Das fasst 1800 Besucher und hat sich als praktikabel erwiesen, ist und bleibt aber eine Notlösung. Schon lange soll es durch ein festes Konzerthaus (finanziert durch die Gemeinde) ersetzt werden, doch der Baubeginn verzögert sich seit Jahren.
75 Konzerte stehen in diesem Sommer zwischen 16. Juli und 5. September auf dem Programm, unter den Gästen finden sich Zubin Mehta und Pinchas Zukerman, die das Festival mit dem Zürcher Kammerorchester (und Daniel Hope an der Geige) eröffnen werden, Daniil Trifonov und András Schiff, Regula Mühlemann und Steven Isserlis, das Royal Philharmonic Orchestra London unter Vasily Petrenko und das Budapest Festival Orchestra unter Iván Fischer. Die Nachwuchsarbeit in der Menuhin Festival Academy, die mittlerweile vier Teilakademien für Dirigenten, Pianisten, Streicher und Sänger umfasst, bleibt ein wichtiger Bestandteil, ebenso die Kinder- und Jugendarbeit, Workshops und interaktive Formate. Auch das Gstaad Festival Orchestra gibt es weiterhin, ein aus Profis zusammengestelltes Orchester, mit dem die Nachwuchsdirigenten proben können, das aber auch eigene Programme unter Leitung seines Chefdirigenten Jaap van Zweden erarbeitet. Außerdem gibt es Orchesterwochen für Jugendliche und für Amateurmusiker.
Neu hinzu kommen in diesem Sommer die Reihe „Next Generation“, in der sich unter anderem Hayato Sumino aus Tokio vorstellen wird, eine Filmreihe und „The Summit“, ein Forum für Zukunftsfragen mit Gästen aus Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Den Schlusspunkt setzt dann – vielleicht etwas überraschend – am 5. September Bachs h-Moll-Messe mit dem Ensemble Arcangelo unter Jonathan Cohen in der Kirche von Saanen.



