Das Salz in der der Festival-Suppe
Beim Klavier-Festival Ruhr beginnt eine Residenz an einem ungewöhnlichen Ort in Essen

Wie ein sanft von innen leuchtendes Schneckenhaus erhellt der „Palace of Projects“ die Halle des ehemaligen Salzlagers der Kokerei Zollverein. Zwischen schroffen Betonwänden wirkt die spiralförmige Installation des Künstlerehepaars Ilya und Emilia Kabakov ebenso zart wie präsent: eine Holzlattenkonstruktion, bespannt mit lichtdurchlässigem Nylon. Das begehbare Kunstwerk umfasst Entwürfe und Ideen für eine bessere Welt: „Projekte zur Verbesserung des Lebens anderer Menschen“, „zur Stimulierung der Kreativität“ und „zur Vervollkommnung des Individuums“ – verteilt auf sechzehn Kammern.
Wo solche Träume ein Zuhause finden, ist auch die flüchtige Kunst der Musik gut aufgehoben. Das Klavier-Festival Ruhr hat das ehemalige Salzlager in diesem Jahr zu einer zentralen Spielstätte gemacht: Von 72 Konzerten in 17 Städten an Rhein und Ruhr finden zehn in diesem Teil des UNESCO-Welterbes im Essener Norden statt. Musikalisch gesprochen, verschiebt sich damit ein Akzent im Profil des Festivals. Das Treffen international gefragter Pianisten, sonst vor allem in den großen Konzerthäusern der Region und malerischen kleinen Spielstätten wie Schloss Herten oder Schloss Horst zu Gast, geht einen weiteren Schritt in Richtung Industriekultur. Die Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg-Nord, beim Festival seit Jahren etabliert, erhält Gesellschaft aus Essen.
Das Team um die Intendantin Katrin Zagrosek kündigt für 2026 erstmals eine „Residenz“ im Salzlager an. Hier soll „das Herz des Festivals schlagen“, mit zehn Veranstaltungen zwischen dem 13. Juni und dem 2. Juli. Die Intendantin erwähnt im Gespräch die Sehnsucht nach mehr Stetigkeit, nach selbst gestalteten Rahmenbedingungen. Wer als Gastveranstalter von einem Konzertort zum nächsten wandert, muss sich immer neuen Häusern und Bühnen anpassen. Maximal fünfhundert Plätze können in der Halle im Essener Norden eingerichtet werden, neben dem „Palace of Projects“. Die Philharmonie Essen, die im vergangenen Jahr noch sechsmal als Spielort vorkam, ist mit ihren knapp zweitausend Plätzen jetzt nur noch dreimal vertreten.
Das offizielle Eröffnungskonzert des Klavier-Festivals Ruhr fand am 7. Mai im Konzerthaus Dortmund statt, doch Anfang und Ende der Festspielsaison sind nicht mehr klar konturiert. Einst als „Bochumer Klaviersommer“ mit der Idee gestartet, das kulturelle Sommerloch zu füllen, war das Festival ein klar umrissener Terminblock. In der Schlussphase des 2023 verstorbenen Intendanten Franz Xaver Ohnesorg breitete sich die Reihe immer weiter über das Jahr aus. Die Kernspielzeit von Anfang Mai bis Mitte Juli ist zwar geblieben – zugleich haben Education-Projekte im Frühjahr und Sonderkonzerte im Herbst den Konzertkalender deutlich gedehnt.
In dieser weit ausgreifenden Struktur soll die Residenz im Salzlager ein neuer Konzentrationspunkt sein. Eine „Cembalo-Lounge“ rückt zum Auftakt am 13. und 14. Juni die Vielseitigkeit des Tasteninstruments in den Mittelpunkt. Nicht zufällig spricht der französische Cembalist Jean Rondeau gelegentlich vom „Chamäleon“: Er zeigt das Cembalo gerne als Instrument, das nicht nur in die Vergangenheit, sondern ebenso in die Gegenwart gehört. Diese Spannweite spiegelt sein Programm „Sisyphus“ am Sonntagabend. Eine feste Werkfolge gibt es nicht: Rondeau verschränkt barocke Werke von Bach und Couperin mit Musik von György Ligeti und freien Improvisationen.
Zunächst bleibt es jedoch ganz beim Barock. Am Samstagnachmittag spielt Rondeau Werke von Louis Couperin, Jean-Philippe Rameau, François Couperin und Pancrace Royer. Abends führt sein französisch-amerikanischer Kollege Justin Taylor unter dem Titel „Bach und Italien“ von der Kontrapunktkunst des deutschen Meisters hin zur italienischen Cembalotradition mit ihren Toccaten und Variationen.
Klassische Klavier-Recitals spielen der ukrainische Van-Cliburn-Preisträger von 2013, Wadym Kholodenko, die aus Georgien stammende Pianistin Mariam Batsashvili und der dem Festival seit Jahrzehnten verbundene András Schiff. Klavier und Live-Elektronik kombinieren Giorgi Gigashvili mit Nikala Zubiashvili, Vicky Chow mit Tristan Perich und Francesco Tristano mit Marialy Pacheco. Am 20. Juni rückt ein „Brazilian Jazz Summer“ brasilianische Rhythmen in den Fokus, am 21. Juni ist Helge Schneider mit einem frei improvisierten Abend zu Gast. Vor jedem Konzert bieten Werkstattgespräche im Möbelloft Gelegenheit zum Austausch über Programm und Hintergründe.
Die Liste der beteiligten Künstlerinnen und Künstler zeigt, wie weit das stilistische Spektrum reicht. Mindestens ebenso prominent wie die Namen der Musikerinnen und Musiker tauchen in den Ankündigungen allerdings die der Partnergastronomie und der Brauerei auf. Damit folgt das Festival einem verbreiteten Trend, Musik als Teil eines umfassenden „Erlebnisraums“ zu präsentieren. Auf die Frage, ob dies als zeitgemäße Öffnung zu lesen ist oder als Zeichen, dass die Konzerte ohne kulinarische Flankierung nicht mehr attraktiv erscheinen, antwortet die Intendantin Katrin Zagrosek: „Die Musik steht ganz klar im Mittelpunkt. Aber diese Reihe ist so konzipiert, dass unsere Gäste sich eingeladen fühlen sollen, bereits zwei Stunden vor Konzertbeginn einzutreffen. Sie können dann im Möbelloft an den Künstlergesprächen teilnehmen und das Gelände erkunden. Wir möchten dazu eine hochkarätigere Gastronomie anbieten als nur Salzbrezeln oder irgendwelche verpackten Häppchen.“
An Gelegenheiten zum Verweilen wird es im Salzlager also nicht fehlen. Was bleibt, ist die Frage, welche Rolle der künstlerische Kern im Gesamtbild spielt. Das Alphabet der beteiligten Pianistinnen und Pianisten herunterzubeten – von A wie Argerich bis Z wie Zimerman –, scheint nicht mehr zur Kommunikationslinie des Festivals zu gehören. Gleichwohl ist das künstlerische Aufgebot eindrucksvoll geblieben. Pierre-Laurent Aimard spielt in der Philharmonie Essen (9. Juli), die Jazzpianistin Diana Krall mit ihrer Band in der Grugahalle (4. Juli), und das Abschlusskonzert in Bochum liegt in den Händen von Grigory Sokolov (21. Juli). Am Ende sind diese Künstlerinnen und Künstler das Salz in der Suppe.
Wie ein sanft von innen leuchtendes Schneckenhaus erhellt der „Palace of Projects“ die Halle des ehemaligen Salzlagers der Kokerei Zollverein. Zwischen schroffen Betonwänden wirkt die spiralförmige Installation des Künstlerehepaars Ilya und Emilia Kabakov ebenso zart wie präsent: eine Holzlattenkonstruktion, bespannt mit lichtdurchlässigem Nylon. Das begehbare Kunstwerk umfasst Entwürfe und Ideen für eine bessere Welt: „Projekte zur Verbesserung des Lebens anderer Menschen“, „zur Stimulierung der Kreativität“ und „zur Vervollkommnung des Individuums“ – verteilt auf sechzehn Kammern.
Wo solche Träume ein Zuhause finden, ist auch die flüchtige Kunst der Musik gut aufgehoben. Das Klavier-Festival Ruhr hat das ehemalige Salzlager in diesem Jahr zu einer zentralen Spielstätte gemacht: Von 72 Konzerten in 17 Städten an Rhein und Ruhr finden zehn in diesem Teil des UNESCO-Welterbes im Essener Norden statt. Musikalisch gesprochen, verschiebt sich damit ein Akzent im Profil des Festivals. Das Treffen international gefragter Pianisten, sonst vor allem in den großen Konzerthäusern der Region und malerischen kleinen Spielstätten wie Schloss Herten oder Schloss Horst zu Gast, geht einen weiteren Schritt in Richtung Industriekultur. Die Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg-Nord, beim Festival seit Jahren etabliert, erhält Gesellschaft aus Essen.
Das Team um die Intendantin Katrin Zagrosek kündigt für 2026 erstmals eine „Residenz“ im Salzlager an. Hier soll „das Herz des Festivals schlagen“, mit zehn Veranstaltungen zwischen dem 13. Juni und dem 2. Juli. Die Intendantin erwähnt im Gespräch die Sehnsucht nach mehr Stetigkeit, nach selbst gestalteten Rahmenbedingungen. Wer als Gastveranstalter von einem Konzertort zum nächsten wandert, muss sich immer neuen Häusern und Bühnen anpassen. Maximal fünfhundert Plätze können in der Halle im Essener Norden eingerichtet werden, neben dem „Palace of Projects“. Die Philharmonie Essen, die im vergangenen Jahr noch sechsmal als Spielort vorkam, ist mit ihren knapp zweitausend Plätzen jetzt nur noch dreimal vertreten.
Das offizielle Eröffnungskonzert des Klavier-Festivals Ruhr fand am 7. Mai im Konzerthaus Dortmund statt, doch Anfang und Ende der Festspielsaison sind nicht mehr klar konturiert. Einst als „Bochumer Klaviersommer“ mit der Idee gestartet, das kulturelle Sommerloch zu füllen, war das Festival ein klar umrissener Terminblock. In der Schlussphase des 2023 verstorbenen Intendanten Franz Xaver Ohnesorg breitete sich die Reihe immer weiter über das Jahr aus. Die Kernspielzeit von Anfang Mai bis Mitte Juli ist zwar geblieben – zugleich haben Education-Projekte im Frühjahr und Sonderkonzerte im Herbst den Konzertkalender deutlich gedehnt.
In dieser weit ausgreifenden Struktur soll die Residenz im Salzlager ein neuer Konzentrationspunkt sein. Eine „Cembalo-Lounge“ rückt zum Auftakt am 13. und 14. Juni die Vielseitigkeit des Tasteninstruments in den Mittelpunkt. Nicht zufällig spricht der französische Cembalist Jean Rondeau gelegentlich vom „Chamäleon“: Er zeigt das Cembalo gerne als Instrument, das nicht nur in die Vergangenheit, sondern ebenso in die Gegenwart gehört. Diese Spannweite spiegelt sein Programm „Sisyphus“ am Sonntagabend. Eine feste Werkfolge gibt es nicht: Rondeau verschränkt barocke Werke von Bach und Couperin mit Musik von György Ligeti und freien Improvisationen.
Zunächst bleibt es jedoch ganz beim Barock. Am Samstagnachmittag spielt Rondeau Werke von Louis Couperin, Jean-Philippe Rameau, François Couperin und Pancrace Royer. Abends führt sein französisch-amerikanischer Kollege Justin Taylor unter dem Titel „Bach und Italien“ von der Kontrapunktkunst des deutschen Meisters hin zur italienischen Cembalotradition mit ihren Toccaten und Variationen.
Klassische Klavier-Recitals spielen der ukrainische Van-Cliburn-Preisträger von 2013, Wadym Kholodenko, die aus Georgien stammende Pianistin Mariam Batsashvili und der dem Festival seit Jahrzehnten verbundene András Schiff. Klavier und Live-Elektronik kombinieren Giorgi Gigashvili mit Nikala Zubiashvili, Vicky Chow mit Tristan Perich und Francesco Tristano mit Marialy Pacheco. Am 20. Juni rückt ein „Brazilian Jazz Summer“ brasilianische Rhythmen in den Fokus, am 21. Juni ist Helge Schneider mit einem frei improvisierten Abend zu Gast. Vor jedem Konzert bieten Werkstattgespräche im Möbelloft Gelegenheit zum Austausch über Programm und Hintergründe.
Die Liste der beteiligten Künstlerinnen und Künstler zeigt, wie weit das stilistische Spektrum reicht. Mindestens ebenso prominent wie die Namen der Musikerinnen und Musiker tauchen in den Ankündigungen allerdings die der Partnergastronomie und der Brauerei auf. Damit folgt das Festival einem verbreiteten Trend, Musik als Teil eines umfassenden „Erlebnisraums“ zu präsentieren. Auf die Frage, ob dies als zeitgemäße Öffnung zu lesen ist oder als Zeichen, dass die Konzerte ohne kulinarische Flankierung nicht mehr attraktiv erscheinen, antwortet die Intendantin Katrin Zagrosek: „Die Musik steht ganz klar im Mittelpunkt. Aber diese Reihe ist so konzipiert, dass unsere Gäste sich eingeladen fühlen sollen, bereits zwei Stunden vor Konzertbeginn einzutreffen. Sie können dann im Möbelloft an den Künstlergesprächen teilnehmen und das Gelände erkunden. Wir möchten dazu eine hochkarätigere Gastronomie anbieten als nur Salzbrezeln oder irgendwelche verpackten Häppchen.“
An Gelegenheiten zum Verweilen wird es im Salzlager also nicht fehlen. Was bleibt, ist die Frage, welche Rolle der künstlerische Kern im Gesamtbild spielt. Das Alphabet der beteiligten Pianistinnen und Pianisten herunterzubeten – von A wie Argerich bis Z wie Zimerman –, scheint nicht mehr zur Kommunikationslinie des Festivals zu gehören. Gleichwohl ist das künstlerische Aufgebot eindrucksvoll geblieben. Pierre-Laurent Aimard spielt in der Philharmonie Essen (9. Juli), die Jazzpianistin Diana Krall mit ihrer Band in der Grugahalle (4. Juli), und das Abschlusskonzert in Bochum liegt in den Händen von Grigory Sokolov (21. Juli). Am Ende sind diese Künstlerinnen und Künstler das Salz in der Suppe.



