Stürmische Liebschaften
Dem französischen Klarinettisten und Saxofonisten Michel Portal zum neunzigsten Geburtstag

Als kulturelle Wüste erlebte Michel Portal als Kind seine südfranzösische Heimatstadt Bayonne, wo er am
27. November 1935 geboren wurde. Die Eltern waren während des Spanischen Bürgerkriegs, nach dem politischen Mord an Michels Großvater, über die Pyrenäen geflohen. Der Vater, der fließend Baskisch sprach, hatte zuerst eine Druckerei und danach ein Café in Bayonne. Michel erinnert sich an viel Musik, die dort lief – Chansons, Jazz, Tangos, baskische Folklore. Sie übertönte wohltuend die Stille und das Schweigen der Eltern. Für Michel bedeutete es die Rettung vor der alltäglichen Banalität, einem lähmenden Milieu, das sich nur in den Sommermonaten mit den vielen Festen aufhellte. Noch heute sagt er: „Die Musik hat mich geheilt.“
Dem scheuen, einsamen Jungen gefiel es auf den Bällen im elterlichen Café. Besessen von Musik und nachdem er etliche Instrumente ausprobiert hatte, bat er um eine Klarinette. Mit zehn Jahren war er in der Blaskapelle aktiv, die sein Großvater leitete. Die Werke von Manuel de Falla und Maurice Ravel liebte er und entdeckte bald auch den Jazz. Die Klänge von Benny Goodman und vor allem von Charlie Parker zogen ihn magisch an. „Als ich Parkers ‚Lover Man‘ im Radio hörte, war das wie ein Schock.“ Auf der Klarinette übte er zu Hause leise vor dem Spiegel, „so fühlte ich mich weniger einsam“. Wie ein alter Bluessänger konnte sie auch klingen, und mit einem Fandango zu Akkordeonbegleitung begeisterte er seine Zuhörer. „Ich machte nie Unterschiede zwischen den Genres. Es gab für mich keine Hierarchie. Parker und Brahms – Musik war für mich immer ein und dasselbe, ein großes Ganzes.“ Begierig sog er alles gleichzeitig auf und vertiefte sich mit zwölf, dreizehn Jahren in das Klarinettenquintett von Mozart, dann entdeckte er für sich das Bandoneon. „Mit ‚La Cumparsita‘ konnte ich die Leute zum Tanzen bringen.“
1953 zog er nach Paris, studierte am Konservatorium und gewann einen Preis nach dem anderen, ohne je dem Jazz abzuschwören. Benny Goodman wurde ein Vorbild, weil er mit Strawinsky und Bartók arbeitete und eine exzellente Jazzband anführte. Die ganze Saxofonfamilie mit Sopran, Alt, Tenor und Bariton lernte Michel und transkribierte die Soli von Charlie Parker oder John Coltrane, um sie nachzuspielen.
„Jazz war nicht meine Kultur. Ich bin kein schwarzer Amerikaner, ich sagte mir: Mach dein eigenes Ding!“
Unermüdlich übte er Klassik, vor allem Mozart und Brahms. Ungemein vielseitig, stieg er zu einem gefragten Studiomusiker für Piaf, Brel und andere Stars auf. Abends jobbte er in Tanzorchestern, sogar im Moulin Rouge und im Zirkus. „Ich war wie ein Chamäleon.“ Aber der Jazz – diese aus dem Stand erfundene Musik – war sein großes Abenteuer. Nur die Jam-Sessions in den Clubs mochte er nicht – das Kräftemessen war ihm zuwider. 1965 war er an François Tusques’ Album „Free Jazz“ beteiligt, im Mai 1968 brach der Tsunami aus, der auch die Musik erfasste: die Studentenrevolten, der Ruf nach Befreiung. Portal rannte auf die Straße im Quartier Latin und blies Saxofon. Die Schreie aus den Hörnern von Ornette Coleman und Albert Ayler kündigten den Free Jazz an, während die Dämme brachen.
Bei Columbia war man 1969 entsetzt über sein wildes Debütalbum „Our Meanings And Feelings“ mit Joachim Kühn am Klavier. Beim Festival in Châteauvallon brachte er eine ergreifende Soloversion von Aylers „Angels“, die Tänzerin Carolyn Carlson improvisierte zu seinen Klängen. Nach dem Album „Alors!!!“ (1970) wollte ihn John Surman für The Trio haben. Nur seine chronische Flugangst stand der internationalen Karriere lange im Weg. In Paris gründete er mit New Phonic Art ein wichtiges Ensemble für Neue Musik, nahm Pierre Boulez’ „Domaines“ auf, worauf Komponisten wie Donatoni, Kagel, Xenakis und Stockhausen ihn einluden und seine Klangpalette erweitern halfen.
„Ich habe die Musiken gewählt, nicht nur eine. Ich wollte alles. Das trug mir Lob und Tadel ein. Ich hab’s oft gehört, dieses Sprichwort: ‚Qui embrasse trop mal étreint.‘ (Wer zu viel küsst, umklammert schlecht.) Ich erntete viel Kritik, aber auch viel Applaus.“
Zwei Helden und die Liebe zum Kino
1960 erlebte er live, wie John Coltrane im Pariser Olympia für seine langen Soli ausgepfiffen wurde. Michel verstand die Reaktionen nicht und bewunderte, wie Trane stoisch weiter seinen Weg ging. Auch Miles Davis und dessen Wille zur ständigen Erneuerung imponierten ihm. „Miles ist ein Klangregisseur, der die Musik inszeniert und in Echtzeit umwandelt, seine Band gleicht einem Labor.“ Die atmosphärische Tonspur zu „Fahrstuhl zum Schafott“ von 1958 mit Jeanne Moreau mochte er besonders. Für den Film „Balles Perdues“ von 1983 entwickelte er Miles’ „Fahrstuhl“-Konzeption weiter. Für über fünfzig Filme hat Portal zwischen 1967 und 2015 neue Maßstäbe in der Kinomusik gesetzt: stets innovativ, sparsam und unkonventionell. Oft ist sein Beitrag wie halb begraben unter Sprachfetzen und Geräuschen, man müsste die Musik mal neu herausbringen. Aber einige Filme sind auf YouTube zu finden. Für „Le Retour de Martin Guerre“ bekam er den César für die beste Filmmusik. Ein Geheimtipp ist die Tonspur zu „L’Ombre Rouge“, mit Glück ist sie noch irgendwo auf Vinyl zu finden. „Viele Regisseure erwarten von dir vorab schon Resultate, während ich daran gewöhnt bin, im Studio durchs Experimentieren ein Klima für den Film zu finden.“ Portals Filmmusik ist die große Unbekannte in seinem Oeuvre, aber sie hat die Zeiten besser überdauert als die Filme. Zeitlos schön ist „Une Histoire du Vent“ von Joris Ivens, in dem die Musik eine tragende Rolle hat: ein alter, schwer asthmatischer Mann – von Ivens kurz vor seinem Tod noch selbst gespielt – versucht in China das Unmögliche, nämlich den Wind, das Unsichtbare zu filmen. Auch auf „Max mon amour“ von Ôshima kann Portal stolz verweisen. Zusammen mit sieben anderen Neueinspielungen 1994/95 kam es später auf das Album „Cinéma(s)“.
Die Bassklarinette und das imaginäre Afrika
Anfangs dachte er, das Stück sei von Bach. Eric Dolphys berühmte Soloversion von „God Bless The Child“ inspirierte Portals Bassklarinettenspiel. „Der Jazz ist eine der seltenen Musiken, wo sich alles erneuert. Das Repertoire ist ständig in Bewegung. Ruh dich bloß nicht auf deinen Lorbeeren aus, sagte ich mir. Der Jazz ist das unbekannte innere Land, aus dem extreme Gefühle hervorbrechen.“ Eines seiner besten Alben wurde 1980 „Dejarme solo!“, was „Lasst mich allein!“ heißt. Die Musiker waren nicht ins Studio gekommen, also legte er allein los und schuf per Overdubbing ein Ensemble aus Klarinetten, Percussion und Bandoneon. Das Finale „Bat Sarrou“ wurde als Trailer fürs französische Fernsehen TF1 ein Hit. Sieben Jahre später erschien „Turbulence“ mit dem grandiosen Opener „Mozambic“, basierend auf Mino Cinélus Percussion. (Portal wollte es anfangs weglassen, weil es ihm „zu kommerziell“ schien!) In der Zusammenarbeit mit afrikanischen Regisseuren wie Gaston Kaboré kam Portal seiner Sehnsucht nach einem imaginären Afrika auf die Spur. Dieses Anderswo zeigt vor allem das Album „Burundi“ (2000), wieder mit Mino Cinélus Percussion und dem Didgeridoo von Stephen Kent. Portal ist oft am besten, wenn er Gast ist und nicht viel vorbereiten musste.
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Im Konzert
Einmal fragte ich Portal vor einem großen Auftritt in Köln, was er spielen wolle. „Ich weiß es nicht, das hängt von der Frau ab, die in der ersten Reihe sitzt, von ihrem gelben Kleid, wie sie da auf dem Stuhl sitzt.“ Er lachte. Ein Musiker muss für den Südfranzosen auch ein wenig Komödiant sein, „ein komplettes Chamäleon“. Ich fragte ihn, ob ihn die Musik im Restaurant nicht störe, und er meinte, „Oh je, das ist für mich wie ein Hund, der vor meinem Teller steht!“. Ein Freund erzählte mir, er habe mal den ganzen Tag x-mal seine schwierigen Stücke geprobt, um dann kurz vor Konzertbeginn zu erfahren: „Wir lassen das alles weg, es geht bei null los.“ Das Eintauchen ins große Unbekannte – „Jetzt wird improvisiert, ich bin Improvisator, ich kann und will mich nicht festlegen“ – geht in kleinen Besetzungen am besten: Duos, Trios, Quartette liebt Portal sehr. Über zwanzig Musiker zählt er auf, die alle seine Duopartner waren. Hat er endlich geeignete Partner gefunden, werden sie im Bestfall wie Freunde, eine Familie. „Improvisieren heißt „Ça passe ou ça casse“. Es geht immer auf Biegen und Brechen.
La solitude
Die Einsamkeit sei etwas, für das man bezahlen müsse, sagt Michel Portal. Durchs Musizieren stieg die Joie de vivre in ihm auf. Eigentlich sei er immer ein Solitär gewesen, voller Ängste und Zweifel, obwohl er im Gespräch humorvoll und lebensbejahend wirkt. Von Alter und Tod will der jetzt Neunzigjährige nichts hören, das sei einfach zu schrecklich. Lange vorher sagte er mir einmal: „Jetzt sitze ich hier mit Ihnen und gebe immer noch ein Interview.“ Den Suizid eines engen Freundes aus der Sturm-und-Drang-Zeit, des Bassisten Beb Guérin, hat er nie verwunden. „Aber in Pension gehen? Niemals.“ Bücher und Platten sind wie Freunde, er liest und hört viel, querbeet. Er geht selten aus, scheut die Menge, obwohl er seit Langem direkt am Jardin du Luxembourg wohnt. Wohin ihn die Musik als Nächstes tragen wird? „Ich bin erfüllt von vielem, habe viele Fächer in mir, die sich öffnen können, je nachdem, welche Idee plötzlich auf mich zufliegt.“ Improvisieren ist etwas sehr Fragiles, und wenn er spürt, dass nicht alle voll bei der Sache sind, verliert er etwas die Lust. „Mit einem Kerl abends Musik machen, der vorher zehn Stunden lang im Zug schlechte Laune hatte? Geht gar nicht!“ Seine Mitspieler haben ihr geistiges Gepäck, mit ihnen kann es sehr weit gehen, während mit anderen in zwei Sekunden die Luft raus ist.
Unerwartete Begegnungen
Die Chansonnière Barbara rief ihn oft gegen zwei Uhr nachts an. „Ich sagte mir, das ist die Telefonauskunft.“ Sie redeten viel über Gott und die Welt. Mit der Varietészene hat er ansonsten keine guten Erfahrungen gemacht. „Morgens antreten, hier sind 16 Takte auf der Bassklarinette. Und au revoir.“ Mit Barbara war das anders, eine Freundschaft entwickelte sich. Scheu und nervös betraten beide 1964 die Philips-Studios. Michel fragte sie nach den Noten. Es gab keine, sie habe alles im Kopf. „Also gut, sagte ich, du singst das Chanson, ich höre zu und improvisiere auf dem Altsaxofon.“ Im September 1964 entstand so Barbaras berühmtes Chanson „Pierre“. Später klappte es noch mal, als sie „Göttingen“ aufnahmen. „Es ging sehr schnell, sie war baff.“
Mit dem Akkordeonisten Richard Galliano war er Jahrzehnte im Duo unterwegs. „Richard ist ungeheuer vielseitig, er passt sich blitzschnell einer Situation an. Hier die Klassik, da der Jazz. Und in der Mitte Piazzolla.“ Auch mit dem Holzbläser Louis Sclavis traf er oft zusammen, die beiden wurden ad nauseam als Vater und Sohn der „folklore imaginaire“ etikettiert. Portal verweist auf Unterschiede im Ton. Und wartet immer, wenn sich Kontrapunkte ergeben, dann fließe der Strom. „In der Musikerfamilie gibt es einige, mit denen man auf ewig ein Rendezvous hat.“ Mit anderen Kollegen gab es Egoprobleme, Neid, Missgunst … „Es reicht nicht, nur zu spielen, man muss geben, der Musik helfen.“
Den Pianisten Martial Solal hatte er ganz früh in Biarritz mal erlebt und sich gesagt, mit diesem Meister würde er wohl nie zusammenkommen. Dann aber entstanden zwei spannende Alben, eines davon heißt treffend „Fast Mood“ (1999). Einmal schrieb ihm der Bassist Miroslav Vitous: „Das Problem mit dir ist, dass du nicht weißt, wie großartig du bist.“ In einigen Wochen erscheint bei ECM ihr erstaunliches Duoalbum „Mountain Call“. Vitous meets Portal. Ein neues Kapitel hat schon beginnen. Bon anniversaire, Monsieur Portal!



