Tatort mit Passport
Sein sonores Tenorsaxofon, ein feines Gefühl für den Zeitgeist und ikonische Filmmusiken machten Klaus Doldinger zum bekanntesten Jazzer Deutschlands. Am 16. Oktober ist er im Alter von 89 Jahren verstorben

An seinen neunten Geburtstag im bayerischen Schrobenhausen, wohin seine Familie aus Wien geflohen war, sollte er sich sein Leben lang erinnern: „Am 12. Mai 1945 habe ich in unserem Dorfgasthof zum ersten Mal Jazzmusik gehört, als die Amerikaner einmarschiert waren. Die hatten eine Combo dabei, die wohl so etwas wie Jazz spielte. Eine namenlose Armyband, aber es war faszinierend.“
Fortan war Klaus Doldinger mit dem Jazz-Virus infiziert, wobei der Zufall auch eine gewisse Rolle spielte: „Als wir dann noch im selben Jahr nach Düsseldorf zogen, wo mein Vater Oberpostdirektor war, wohnten wir in einem Haus, in dem ein Mitbewohner über geheimnisvolle Wege zu sogenannten V-Disks mit Jazzaufnahmen kam, die wir mit Begeisterung hörten. Und so baute sich meine Passion langsam auf. Der Jazz hat mir dabei geholfen, meine Fähigkeit zur Improvisation und Komposition zu entdecken und zu entwickeln.“ Mit elf Jahren schafft er es, mit einer minimalistischen Klavierversion (böse Gerüchte sprechen von einhändig) des Standards „Hänschen Klein“ am Düsseldorfer Robert-Schumann-Konservatorium aufgenommen zu werden – wo er eine solide Ausbildung nicht nur an Klavier und Klarinette, sondern auch in Harmonielehre und Musiktheorie erhält. Alles neben der Schule, versteht sich.
„Später, um 1952, traf ich mich mit ein paar Gleichgesinnten in einem Buchladen zum ,Hot Club Düsseldorf‘. Da Platten etwas Rares waren, spielten wir uns die Sachen vor, hielten kleine Referate, diskutierten. Aus diesen Kreisen entstanden dann die Feetwarmers, die erste Band, mit der ich spielte.“ Der Zeit gemäß Dixieland – Doldinger spielt Klavier, an der Posaune ist Manfred Lahnstein, später Finanzminister unter Helmut Schmidt. „Meinen Spitznamen Oskar kriegte ich, weil in unserer ersten Schulband vier Kläuse waren und ich immer von Oscar Peterson schwärmte.“ Rasch gelten die Feetwarmers als beste deutsche Amateur-Jazzband, der 1955 im „Jazzpodium“ eine „kultivierte und swingende Originalität“ bescheinigt wird. Da hat der Unterprimaner mit Oskar’s Trio schon seine erste eigene Band gegründet, mit der er prompt beim Jazzfestival Brüssel den „Coupe Sidney Bechet“ für sein Klarinettenspiel gewinnt. Das verschafft Doldinger zwar jede Menge Anerkennung in Jazzkreisen, seine Lehrer am Gymnasium interessiert das aber nicht die Bohne: „Auf der Schule wurde ich sehr schlecht benotet, weil ich nachts in Räuberhöhlen gejazzt habe. Angeblich hatte ich nicht die sittliche Reife, die man benötigt, um das Abitur zu machen, und so musste ich die Oberprima wiederholen.“
So klappt’s erst 1957 mit dem Abitur für Klaus Doldinger, der als Pianist mit den Feetwarmers traditionellen Dixieland spielt, während er mit Oskar’s Trio seinen Ruf als Bläser – dem Vorbild Sidney Bechets folgend noch an Klarinette und Sopransax – immer mehr festigt: „Das Saxofon hat mich immer magisch angezogen. Es ist in seiner Ausdrucksform dem Klavier total überlegen, weil es musikalische Gedanken, Emotionen besser als Verlängerung von Gefühlen ausdrückt. Das Klavier neigt mehr zum Statischen – das Saxofon ist da vordergründiger in den Möglichkeiten des Ausdrucks.“ Nachts wird gejazzt, „für 17,50 Mark, einen Teller Reisfleisch und zwei Freibier“, tagsüber studiert, Musikwissenschaft und Tonmeister – was er zwar nie abschließt, ihm im Laufe seines Lebens aber viel nutzen wird.
Doldingers elegante Fusion-Weltläufigkeit traf immer wieder den Nerv der Zeit
Dafür läuft’s mit der eigenen Band ausgezeichnet – so gut, dass Doldinger 1960 mit Oskar’s Trio durch die USA tourt und, wie Mike Hennessey 1995 berichtete, „als erste – und so weit ich weiß, einzige – deutsche Gruppe im legendären Birdland Club in New York auftritt“. Es bleibt nicht das einzige Glück in diesem für Doldinger so wichtigen Jahr: Er wird Ehrenbürger von New Orleans und gewinnt beim Düsseldorfer Amateur Jazz Festival gleich fünf erste Preise. Außerdem heiratet er Inge Beck, die ein erfolgreiches Mannequin ist. „Der Gedanke, irgendwann als Musiker eine Familie wirtschaftlich am Leben zu erhalten, erschien mir zuerst selbst abwegig. Ohne das Geld meiner Frau hätten wir uns die ersten Jahre nicht über Wasser halten können“, erinnerte sich Doldinger an die mühsamen frühen Jahre als Profimusiker: „Das Ganze war ein langer Weg mit vielen Kurven. Ich musste viel Geduld mitbringen.“
Das Tenorsaxofon wird nun sein wichtigstes Instrument, dafür saugt er Einflüsse aus allen Richtungen auf, von Coleman Hawkins, Ben Webster und Lester Young bis zu Charlie Parker, Stan Getz, Sonny Rollins und Ornette Coleman. Gleichzeitig wächst sein Interesse an modernem Jazz und Rhythm & Blues. Als er 1962 sein Klaus Doldinger Quartet mit Ingfried Hoffmann (Orgel), Helmut Kandelberger (Bass) und Klaus Weiss (Drums) gründet, beginnt eine Erfolgsgeschichte sondergleichen. Genauer gesagt, zwei – nämlich die von Doldinger und die von Siegfried E. Loch. Der ist gerade 21, frischbestallter Jazz-Label-Manager bei Philips und hat noch nie ein Studio von innen gesehen. Seine erste Scheibe mit Doldinger, der dafür zu Bossa Nova überredet werden muss, kommt wider Erwarten beim Publikum gut an. Es folgt 1963 die LP „Doldinger – Jazz Made in Germany“, die Siggi Loch auf Anhieb in zwanzig Länder verkauft. „Die Platte war ein großer Erfolg – dieses Etikett ,Jazz Made In Germany‘ war wohl ein großer Anreiz für ausländische Käufer“, so Doldinger: „Unsere Musik war für damalige Verhältnisse absolut progressiv, bei den meisten war ja eher der weiße Cool Jazz angesagt, wir machten schwarzen Jazz mit lateinamerikanischen Elementen.“
Es folgen Goethe-Tourneen für den neuen deutschen Jazz-Export-Schlager um die halbe Welt. Auch die Werbeindustrie beginnt sich für Doldinger zu interessieren, der allmählich ins Filmgeschäft rutscht. „Als ich Mitte der 60er Jahre anfing, für kleinere und Ende der 60er Jahre für größere Filmprojekte zu arbeiten, war das für mich ein Novum. Ich war doch sehr in meiner eigenen musikalischen Welt gefangen und musste erst lernen, mich überhaupt auf eine ganz andere musikalische Ebene zu begeben.“ Letztlich sei es aber nicht so schwierig gewesen, weil er dank Siggi Loch auch als musikalischer Leiter an vielen Beat-Produktionen für das „Starclub“-Label habe mitwirken können, was doch sehr weit vom Jazz entfernt gewesen sei. Und dann gibt es da noch einen gewissen Paul Nero, der es zwischen 1964 und 1970 auf immerhin elf LPs bringt. „Der Paul Nero war nur ein Etikett. Wir haben da Rock gespielt, und ich wollte nicht, dass diese Musik, die mir viel Spaß machte, unter dem Namen Doldinger lief, ich hatte gerade meine ersten Jazzplatten herausgebracht“, erzählte er 1996. „Ich spielte alles, was damals so geschätzt wurde – jede Menge Soul, Rock ’n’ Roll, alles Mögliche von Stevie Wonder, den Walker Brothers, Aretha Franklin. Ich hätte da immer weitermachen können, wir waren sehr erfolgreich. Aber der Erfolg schien mir zu klar programmiert, und ich liebe das Risiko.“

Das Risiko hieß Lindenberg: „Udo war damals genau der Richtige. Er war der Mann der Stunde, er stieg in mein Quartett ein und stand mir auch zur Seite, als ich mein neues Projekt Motherhood begann. Und daraus entstand später Passport.“ Mit Lindenberg sei damals ein Hauch von 68 in seine Band geweht, an ihm selbst seien jene wilden Jahre eher schnell vorbeigezogen. „Wir haben in den 50er Jahren schon viele Kämpfe ausgetragen, um unsere Musik überhaupt machen zu können. Ab Mitte der 60er war ich ständig auf Tour, und auch dadurch, dass wir in vielen verschiedenen Ländern spielten, empfanden wir ein kosmopolitisches Grundgefühl.“
Genau dieses Gefühl übersetzte Klaus Doldinger mehr als fünfzig Jahre lang immer wieder neu für Passport in Sounds, deren elegante Fusion-Weltläufigkeit sowohl den jeweiligen Nerv der Zeit traf als auch stets Doldingers unverwechselbare Handschrift trug. Gegen gute Unterhaltung hatte der Düsseldorfer, der seit 1968 bei München lebte, nämlich überhaupt nichts, was man noch heute regelmäßig im Fernsehen hören kann. Als er 2005 den Adolf-Grimme-Preis für sein Lebenswerk erhielt, formulierte die Jury: „Klaus Doldinger gelingt es, durch die meisterhafte Beherrschung seines Fachs – der Komposition und der Tonbearbeitung – Musik zu einem eigenen akustischen Hauptdarsteller zu formen, der dem Zuschauer untrennbar mit den Schauspielern in Erinnerung bleibt. Aus der großen Anzahl herausragender Kompositionen, mit denen Klaus Doldinger das Fernsehen bereichert hat, nennen wir die Musik für ,Das Boot‘ und ,Die unendliche Geschichte‘ sowie die Titelmelodien zu ,Liebling Kreuzberg‘ und ,Tatort‘.“
Dass sein Name oft nur mit dem „Tatort“-Jingle in Verbindung gebracht wird, ärgerte ihn nicht: „Es gibt Hunderte von Filmkomponisten, von denen redet überhaupt niemand. Daher sehe ich das ganz locker, weil ich weiß, dass der Jazz nie ein ganz breites Publikum erreichen wird.“ Zumal Doldinger sich dem Vernehmen nach bei jeder „Tatort“-Ausstrahlung über einen „Fuffi“ in seine Kasse freuen durfte. Aber das hatte sich der umtriebige Musiker auch redlich verdient: „In den Anfangsjahren haben wir doch alle geschuftet, das war wie Arbeit im Bergwerk: jede Nacht acht Stunden spielen!“



