Das Wort hat die Basstrommel
Zum Tode des großen Schlagzeugers Jack DeJohnette (1942-2025). Seine wichtigsten Aufnahmen und Auszüge aus Interviews

Sunset Studios, Los Angeles im Mai ’71. Holzflöten, Handtrommeln, E-Piano, Orgel, Wah-Wah-Pedal, Drums … Ein Toningenieur hat Jack DeJohnette und Keith Jarrett etwas Studiozeit geschenkt. Keith ist zum letzten Mal an den Keyboards zu hören. Ihre gemeinsame Zeit im Charles Lloyd Quartet liegt gerade hinter ihnen, nun spielen sie bei Miles Davis, mit dem sie „Live-Evil“ und „Live at the Fillmore“ aufnahmen. Musik entsteht wie aus dem Nichts, flüchtige Momente, improvisierte Skizzen.
Keith Jarrett & Jack DeJohnette: Ruta & Daytia (1971). Sounds of Peru
Miles hatte viele Talente, er kannte sich in der Musik und im Leben gut aus. „Geht nicht“ war nicht Teil seines Vokabulars.
Er sagte zu uns: „Klar, mach mal, warum nicht? Finde einen Weg!“ Miles zeigte uns, was es heißt, spontan zu sein. Er mochte Regeln, aber er folgte immer seiner Intuition. Als Musiker hat man die Option, Dinge passieren zu lassen, die außerhalb unserer Kontrolle liegen. Miles sagte zwar: „Spiel mal das“ oder „Nee, finde was anderes!“, doch er vertraute uns, er appellierte an unsere Kreativität. So war ich aufgewachsen in Chicago, wo ich in Doo-wop-Gruppen sang und beim [schwarzen Musikerkollektiv] AACM war. Ich mag Musiker, die unabhängig denken und sich fordern. Ja, greif zu, dehne dich aus, experimentiere!“
Jack DeJohnette: Pictures (1976). Picture 1
1975 wirken Jack und Keith an Kenny Wheelers Album „Gnu High“ mit. Dann bietet Manfred Eicher Jack DeJohnette ein Soloalbum an. Nur Schlagzeug, lediglich bei einigen Stücken ist John Abercrombies Gitarre zu hören – kein großes amerikanisches Label hätte das riskiert. Eicher und sein kleines Team machen all die Feinheiten hörbar; anders als auf Jacks ersten Alben richtet sich der Fokus auf die Details der Klänge.
Ich mag das Wort „Jazz“ nicht, die Musik hat sich so weit verästelt. Sie finden heute Jazzeinflüsse bei Sting oder bei Youssou N’Dour und Salif Keita. Deren Musik höre ich und viel Brasilianisches. Beim Jazzfestival in Leverkusen spielen Take 6, Delta-Blues und Popgruppen. Wo soll man die Trennungslinien ziehen? Was ist denn heute noch Jazz? Sind es Art Blakey und seine Jazz Messengers? Ist es das Standards Trio von Keith Jarrett?
New Directions: One Handed Woman (1978)
„Die einarmige Frau“ ist eine kollektive Improvisation mit Jacks Gruppe New Directions. Dafür engagierte er den feurigen Trompeter Lester Bowie aus dem Art Ensemble of Chicago, den er aus seinen Anfangsjahren kannte.
Es gibt heute nicht genug Musiker in den USA, die wirklich innovativ sind. In Europa sieht das anders aus. In den letzten Jahrzehnten, als so viele Amerikaner hier spielten, mussten die jungen Musiker hier nicht mehr nur von Schallplatten lernen. Es gibt sehr gute Leute wie John Surman, mit dem ich etliche Male zusammengearbeitet habe. Oder Jan Garbarek, Jon Christensen, Bobo Stenson, Palle Danielsson, um nur einige zu nennen. Als wir mit George Adams das Album „Sound Suggestions“ machten, hörte ich einen, Heinz Sauer heißt er. Wow, ich fand ihn hervorragend, für mich ist er Weltklasse. Man soll immer die Ohren offen halten für neue Talente, egal wo sie herkommen. Verborgene Schönheiten wachsen im eigenen Hinterhof, aber viele sehen das nicht.
Special Edition: Tin Can Alley (1980). Pastel Rhapsody
Die Eigenkomposition ist typisch für den Sound seiner Special-Edition-Gruppen. Die Holzbläser John Purcell und Chico Freeman finden hierfür warme Farbkombinationen.
Mit Unterrichten kenne ich mich nicht aus. Aber etwas weitervermitteln, das muss man sich aneignen. Es ist wichtig, dass die Musiker ihre individuelle Stimme entdecken, um mit ihrem Geist in Kontakt zu kommen. Sie sollten nicht aggressiv rüberkommen, aber sie müssen etwas aussagen, das die Hörer anzieht. Nicht zwanghaft versuchen, die Energiequelle anzuzapfen. Aber das finden, was wir „deeper self“ nennen, und es ausströmen lassen. Manche Künstler haben Angst vor Originalität. Sie befürchten, nicht engagiert zu werden, wenn sie nicht wie dieser oder jener klingen. Das ist ein großes Hindernis für junge Talente.
Jack DeJohnette und Gary Peacock: Voice from the Past – Paradigm (1981). Ode for Tomten
Mit Gary Peacock, Jan Garbarek und Tomasz Stanko findet ein Tanz wie am Rande eines Vulkans statt. „Voice From The Past“ ist eines der großen ECM-Alben, mit einer echten Aura. Mit einem ausrangierten Schlagzeugset im Keller der Großmutter in Chicago hatte alles angefangen.
Ich verfüge über verschiedenste Spielarten und wähle je nach Bedarf aus, was mir passend erscheint. Ich spiele die Musik, und die Musik spielt mich. Meine Intuition lenkt mich, rasch das Nötige zu finden. Ich gehe auf eine Entdeckungsreise, während die Musik sich entwickelt. Das macht Spaß, weil man nie weiß, was dabei rauskommen wird.
Jack DeJohnette und John Abercrombie: Timeless (1974). Timeless
Jack mit den beiden Stahlbesen. Wie das unterschwellige Rumoren der verstreichenden Zeit. Wie das verstärkte Geräusch in einer Sanduhr.
Wir arbeiten mit dem Klang, der zu einer Farbe, einer Vibration wird. Es ruft etwas wach in uns. Sagen wir so: Die Kommunikation verläuft auf einer nonverbalen Ebene, in einer Art universeller Sprache. Man kann sich durch Zeichensprache verständigen, durch Blicke und Gesten, und so ist es auch mit Musik – wenn sie einen anspricht. Da findet Kommunikation auf seelischer Ebene statt, über die Gefühle und den Verstand. Wichtig ist, dass man zu den Herzen vordringt. Das ist eine schwierige Aufgabe in der Instrumentalmusik. Denn anders als bei Vokalmusik, wo der Text einen lenkt, ist man mit unserer Musik allein. Man kann freier assoziieren, und so interagieren improvisierende Musiker und Publikum. Natürlich spüre ich deutlich, wenn und ob Leute mir zuhören, wodurch eine Verbindung entsteht.
Standards Trio, Vol. 1 (1983). God bless the child
Im Keith Jarrett Trio, auch bekannt als Standards Trio, arbeitete Jack von 1983 bis 2014. Es wurde eines der erfolgreichsten Trios der Jazz-Geschichte. Keith erzeugt mit Jack und Gary einen unwiderstehlichen Gospel-Groove. Tolle Schläge auf der Snaretrommel. Der Billie-Holiday-Klassiker ist kaum wiederzuerkennen, das Gebet ekstatisch – eine Viertelstunde lang!
Wir kommunizieren auf den Ebenen von Klang, Rhythmus und Harmonik. Beim Musikhören kommen einem Bilder, das ist ein tolles Gefühl, unbeschreiblich. Es ist der ultimative Ausdruck: wenn etwas über das bloß Subjektive hinausreicht und man es nicht benennen muss.
Standards Trio, Vol. 2 (1983). If I should lose you
Die Schlagstöcke. Zum Finale aus der ersten Session ein wahnwitziges Drumsolo, im Trio sind sie später eher knapp bemessen.
Das schönste Kompliment, das mir jemand nach einem Konzert machen kann, ist, wenn er sagt: „Ich weiß nicht, was es war, aber es hat mir sehr gefallen. Ich habe es stark gefühlt und bekam etwas zurück.“ Wenn ich das höre, denke ich, gut, dann war ich da oben nicht allein. Wir sind alle füreinander da. Im Studio ist es nicht anders, nur dass du da dein eigenes Publikum bist.
Special Edition: Album Album (1984). Monk’s Mood
„Album Album“ ist ein ambitioniertes Autoporträt, das Jack en détail konzipierte, über all die Facetten seiner früheren Bands reflektierend.
Mit Keith spiele ich dynamisch, damit meine ich, ich richte mich nach der Raumakustik, denn ein Schlagzeug kann leicht zu laut sein. Ich will auch leise klingen, um auch diese Aspekte meines Stils zur Geltung zu bringen. Es ist ja schließlich ein Klaviertrio, es ist „akustische“ Musik. Ich habe über viele Jahre gelernt, auf unterschiedliche Spielorte zu reagieren. Übrigens, so einige große Trommler spielten auch Klavier: Max Roach, Philly Joe Jones, Victor Lewis ... Sie reagieren sensibel auf die Solisten, und als Pianist [Jack bekam mit vier Jahren Klavierunterricht] habe ich auch dafür ein Gefühl entwickelt.
„Nobody knew what Jack knew and could do what he could do simultaneously.“
Keith Jarrett
Gary Peacock: Tales Of Another (1977). Vignette
Wieder ist Jacks Beckenarbeit zu bewundern. Und ein hörbar beflügelter Keith Jarrett am Klavier. Durch Manfred Eicher kamen sie wieder zusammen, es war im Grunde die Geburtsstunde des zweiten Jarrett-Trios. Gary Peacock wollte eine gemeinsame Tournee, doch Jarrett zögerte noch und war voll auf seine Solo-Performances konzentriert. 1983 nahmen sie in zwei Tagen in New York auf Anregung Eichers zwei Standards-Alben auf, spätere Veröffentlichungen waren in der Mehrzahl Live-Mitschnitte wie der folgende aus München.
Standards Trio: Live (1985). The Way You Look Tonight
Die drei verständigen sich durch Blicke, als würden sie die Gedanken des anderen lesen. Jack findet verblüffende Akzente, kommentiert jede Klavierpassage punktgenau. Am Ende ein unbegleitetes Trommelsolo, eines seiner eindrucksvollsten auf Platte.
Braque, Picasso, Cézanne und Seurat formten eine Clique und lernten voneinander. Man kann heute noch erkennen, wie die Querverbindungen verliefen. Aber es geht darum, seine eigene Stimme zu finden. Du hast deine Stimme, die sich mit den Jahren verändert, so ist es auch in der Musik. Man strebt nach Individualität, manche legen sich sogar einen neuen Namen zu; aber einzigartig sein, darauf kommt es doch an, wir sind ja keine Massenprodukte.
Standards Trio: Still Live (1986). The Song Is You
Snaredrum und Hi-Hat. Jack schickt Donner und Blitze, Sturm und Hagel. Um Jarrett noch mehr in Ekstase zu bringen? Dessen physische Reserven scheinen unerschöpflich. Viel Dynamik, leise Schläge auf dem Ride-Cymbal, Snare-Signale in großen zeitlichen Abständen. Jeder Schlag ist millimetergenau bemessen. Jack DeJohnette gelang fast alles – auf Anhieb. Ein One-take-man. So wie es groovt, könnte es auch in jedem Club laufen. Bis Jacks Solo den großen Flieger vom Himmel holt.
Standards Trio: Changeless (1987). Endless
Die Paukenschlegel machen „Endless“ zum hypnotischen Erlebnis. Das ganze Album ist wieder frei improvisiert, unglaublich.
Standards Trio: Standards in Norway (1989)
Die Becken. Jack markiert das höllische Tempo mit dem Ride-Cymbal, variiert es mit anderen Becken. Es zischt wie das Surfen auf einer endlos langen Welle, alles klingt wie aus einem Guss, die Zeit vergeht wie im Fluge. Keith Jarrett johlt am Ende vor Freude und dankt damit Jack.
Standards Trio: Whisper Not (2000). Poinciana
Zwei Alben nahm Jack DeJohnette als Pianist auf. Im Jarrett-Trio spielten alle drei Klavier. Jacks frühes Idol Ende der 50er Jahre war der Drummer im Ahmad Jamal Trio, der noble Vernel Fournier: die Verkörperung von Präzision und Empathie. Ihr Hit wurde „Poinciana“, als das herauskam, war Jack 16. Die Version des Standards Trios übertrifft wie so oft das Original.
Standards Trio: My Foolish Heart (Live at Montreux) (2001). Ain’t Misbehavin’
It’s swingtime in Montreux. Keith kommt auf die verrückte Idee, Fats Wallers alten Hit zu reaktivieren. Jack legt gleich noch mal nach und wird in „Honeysuckle Rose“ gleichsam zu „Gene Krupa Superstar“. Die scheppernde Snare und die Basstrommel. Keith jubelt am Ende vor Freude. Jack hatte dieses immense Wissen, die gesamte Geschichte des Jazzschlagzeugs im Kopf präsent. Drei im Bebop-Fieber: Keith ist wie im siebten Himmel – dank der Trommeln. Den berühmten Satz von Thelonious Monk: „Make the drummer sound good!“ wussten er und Gary jederzeit in die musikalische Tat umzusetzen. Keith: „Wir lebten vor langer Zeit zusammen in diesem Stamm und hatten diese Sprache. Und wenn wir sie nicht praktizieren, ist sie relativ verloren.“ Das Standards Trio sorgte über drei Jahrzehnte dafür, dass dieses Wissen nicht verloren ging – nicht zuletzt dank der Schlagkunst des großen Jack DeJohnette.
Alle Alben sind bei ECM Records erschienen.



