Die Freiheit zu entscheiden
Der Pianist Eric Lu über Wettbewerbe, Inspiration und den richtigen Zeitpunkt

Hier wurde Mut belohnt: Im „hohen“ Alter von 27 Jahren trat Eric Lu zum zweiten Mal beim Warschauer Chopin-Wettbewerb an – und gewann triumphal. Seitdem spielt er in den großen Konzertsälen der Welt, einen Termin fürs Interview in seiner Wahlheimat Berlin zu finden, war nicht einfach. Lu wurde als Sohn einer chinesischen Mutter und eines taiwanesischen Vaters in Massachusetts geboren und studierte am Curtis Institute in Philadelphia. Er ist ein ruhiger, netter Gesprächspartner. Direkt vor ihm ging der Schauspieler Armin Rohde durchs Café, und er zog viele Blicke auf sich. Den „Starpianisten“ Eric Lu erkannte offensichtlich niemand der Gäste.
Eric, werden Sie manchmal auf der Straße erkannt?
Das ist mir nur ein paarmal passiert, in England, in Japan und in Polen, soweit ich mich erinnere. Aber hier nie. Das vermisse ich auch nicht.
Sind Sie ein Adrenalin-Junkie - dass Sie so viele Wettbewerbe gespielt haben?
Das waren gar nicht viele. Seit ich zwanzig war, habe ich nur einen einzigen gespielt. Die meisten Pianisten, die ich kenne, machen jedes Jahr oder jedes zweite einen Wettbewerb.
Ihr erster großer Wettbewerb war der Chopin-Wettbewerb vor elf Jahren?
Ja, das war mein erster als „Erwachsener“. Ich wollte einfach sehen, wo ich stehe. Ich hab als Teenager viel Chopin gespielt, ich hatte das Repertoire drauf, ich wollte es einfach ausprobieren. Ich hatte gehofft, ich könnte es vielleicht ins Halbfinale schaffen. Ich war sehr glücklich über den vierten Platz. Das war eine wichtige Erfahrung.
Dann haben Sie zwei Jahre später, 2017, den Deutschen Pianistenpreis gewonnen und 2018 den großen Wettbewerb in Leeds. Danach ging Ihre Karriere doch gut los. Warum sind Sie dann noch mal in Warschau angetreten?
Darauf gibt’s keine einfache Antwort. Da müssten wir weiter ausholen und über die Musikindustrie sprechen. Um es kurz zu machen: Ich denke, die Musikindustrie ist sehr begrenzt im Hinblick auf internationale Karrieren für Pianisten, wenn man in guten Sälen mit guten Orchestern spielen will. Oft werden da jedes Jahr dieselben Leute eingeladen.
Bis sie 85 oder 90 sind.
Richtig. Diese Realität des Geschäfts wurde mir sehr bewusst. Und ich bin auch über die Entwicklung des Musiklebens nicht glücklich. Die kommerzielle Seite wird immer dominanter. Image, Verkaufbarkeit, spezielles Repertoire, Entertainment-Aspekte, um Konzerttickets zu verkaufen … Ich möchte einen Weg gehen, „old-school“, als seriöser Musiker, der sich dem großartigen klassischen Repertoire widmet. Meine Karriere lief gut, auch wenn die Pandemie einiges abgeschnitten hat, die kam genau nach Leeds. Und trotzdem hatte ich das Gefühl: Um mein Ziel zu erreichen, eine, sagen wir, stabile, gute Karriere auf lange Sicht zu haben und mit den besten Orchestern in den besten Sälen zu spielen, reicht das nicht. Deshalb musste ich beim Chopin-Wettbewerb mitmachen. Na ja, ich musste nicht. Aber ich war bereit, das Spiel mitzuspielen. Und das war hart. Ich war hin- und hergerissen für lange Zeit. Soll ich mitmachen, soll ich nicht mitmachen? Ich hab fast jeden Tag darüber nachgedacht, fast zwei Jahre lang. Und war fast so weit, nicht mitzumachen. Aber dann hab ich mir gesagt: Ich habe so intensiv an diesem Repertoire gearbeitet, man lebt nur einmal. Es ist einfach so, dass der Chopin-Wettbewerb einen einzigartigen Platz in der Klavierwelt hat. Es ist der wichtigste Preis. Er hat die meisten Follower im Internet, er erreicht enorm viele Leute, so viele wie kein anderer Wettbewerb in der Klassikwelt. Das hat für mich auch gezählt, dass ich vor so vielen Menschen spielen konnte. Als ich zum ersten Mal teilgenommen habe, war ich siebzehn, da war ich noch nicht reif genug als Musiker und als Pianist, um mich auf einer so großen Bühne zu präsentieren. Ich glaube, ich habe mich in diesen zehn Jahren musikalisch und künstlerisch sehr entwickelt.
Und wie war es, nach zehn Jahren wiederzukommen? War das nicht ein merkwürdiges Gefühl?
Es war sehr merkwürdig. Überhaupt wieder in einen Wettbewerb zu gehen, war komisch für mich, ich war das nicht mehr gewohnt. Der Druck, den ich gespürt habe, war enorm. In der Vorbereitung, aber auch während des Wettbewerbs, der ja über drei Wochen geht.
Aber Sie waren doch große Auftritte in großen Konzertsälen gewohnt?
Das kann man nicht vergleichen. Weil es ein Wettbewerb ist. Man spielt nicht einfach nur ein Konzert. Ich hatte von allen Teilnehmern vermutlich am meisten zu verlieren. Weil ich eben schon eine Karriere hatte.
Warum sind die Wettbewerbe so wichtig?
Ich weiß es nicht. Und ich wünschte, es wäre nicht so. Aber so erlebe ich die Klassikwelt, das sind die Realitäten. Es gibt so viele Wettbewerbe auf der Welt, darunter einige sehr berühmte, aber trotzdem: Chopin ragt absolut heraus. Wettbewerbe sind wichtig. Ich weiß nicht, ob ich ohne den Sieg in Leeds überhaupt eine Karriere hätte starten können. Vorher hatte ich ein paar Konzerteinladungen, vor allem in Polen – wegen des Wettbewerbs 2015 – und einige in den USA. Aber das konnte man nicht internationale Karriere nennen. Nach Leeds fand ich meine erste Konzertagentur, und es begann die Zusammenarbeit mit dem Label Warner. Aber seit dem Sieg in Warschau ist es wirklich so, wie ich es erwartet habe. Jetzt kommen Einladungen auf einem völlig anderen Niveau.
Aber nicht alle Warschauer Sieger haben eine große Karriere gemacht - wie Ihr ehemaliger Lehrer Dang Thai Son, der 1980 gewonnen hat.
Das ist 46 Jahre her. In den letzten fünfzehn Jahren ist der Chopin-Wettbewerb noch viel wichtiger geworden – durchs Internet. Aber wenn Sie die Karrieren der großen Pianisten durchgehen, dann sehen Sie, welchen Einfluss der Chopin-Wettbewerb hat. Und was meinen ehemaligen Lehrer betrifft, da gab es eine ganze Reihe von Gründen, warum es nicht funktioniert hat. Er kam aus Vietnam, und es war kurz nach dem Vietnam-Krieg, er studierte in Russland, und es herrschte noch der Kalte Krieg, Visa zu bekommen, war schwierig. Pianisten aus Asien waren alles andere als normal. Und dann sorgte Martha Argerich für einen Riesenwirbel, als sie aus der Jury ausschied, weil Ivo Pogorelich nicht zum Sieger gekürt wurde. Das hat alles überlagert. Aber um zum Punkt zurückzukommen: Eine gro-
ße Karriere zu haben und ein großartiger Musiker zu sein – das hat oft wenig miteinander zu tun. Da spielen so viele andere Faktoren eine Rolle. Und ein ganz wichtiger ist ganz simpel: Glück.
Sie glauben wirklich, Ihre Karriere hätte sich nicht mit der Zeit entwickelt?
Ich weiß es nicht. Aber ich kenne viele Beispiele von großartigen Pianisten, wo es nicht funktioniert hat. Die sind dem großen Publikum weitgehend unbekannt. Ich denke, gerade für Künstler wie mich, die sich klassisch auf das seriöse Repertoire konzentrieren, ist es schwierig.

Es heißt oft, bei Wettbewerben gewinnen die, die besonders spektakulär spielen, oder die Kompromisskandidaten – und die Juroren schanzen ihren Schülern die Preise zu.
Natürlich gibt es das. Aber im Chopin-Wettbewerb ist das weitgehend ausgeschlossen. Da sitzen siebzehn Juroren, das Bewertungssystem ist sehr strikt und transparent, es ist schwer für einen einzelnen Juror, das Ergebnis zu manipulieren durch Ausreißerbewertungen. Der Chopin-Wettbewerb ist der einzige große Wettbewerb, bei dem jede Bewertung eines jeden Jurors veröffentlicht wird.
Stimmt es, dass Sie vor dem Halbfinale eine Fingerverletzung hatten und erkältet waren?
Das stimmt. Ich war drauf und dran aufzugeben. Aber irgendwie habe ich durchgepowert.
Kann man solch einen Wettbewerb auch genießen?
Zum Genießen ist so ein Wettbewerb nichts. Man denkt den ganzen Tag nur an die Stücke, man übt und geht sie durch. Ich hab das Internet ausgeschaltet, ich hab mich komplett auf die Musik fokussiert.
Gehen Sie gerne auf die Bühne?
Ja und nein. Es ist kompliziert. Ich bin keiner von denen, die nie nervös werden und einfach rausgehen und ihren Spaß haben. Es gibt Momente der Inspiration auf der Bühne, wo man sich eins fühlt mit der Musik. Dass das Publikum im Saal ist, hilft einem, an diesen Punkt zu kommen. Und das ist etwas, was man im normalen Leben nicht erleben kann – oder im Übungsraum. Das verschafft mir letztendlich die größte Zufriedenheit als Künstler. Aber oft bin ich sehr nervös. Und voller Zweifel, bevor ich auf die Bühne gehe. Ich fürchte, das wird immer so bleiben.
Kam dieses Gefühl auch in Warschau auf, dass Sie auf dem Podium saßen und spürten, jetzt bin ich mit dem Publikum verbunden und eins mit der Musik?
Sagen wir so: Ich hab das Beste aus der Situation gemacht. Es war für mich unmöglich zu erwarten, dass ich auf der Bühne einen Moment dieses Glücksgefühls spüren würde. Ich hatte noch nie in meinem ganzen pianistischen Leben solch einen Druck gespürt. Mein Mittel dagegen war, mich komplett auf die Musik zu konzentrieren. Ich hab versucht, durch die Musik zu leben in jedem Moment, den ich auf der Bühne war.
Bei der Deutschen Grammophon ist ein Album mit Mitschnitten Ihrer Auftritte in Warschau erschienen? Konnten Sie da noch nachbessern?
Nein, das ist der reine Mitschnitt.
Und was denken Sie, wenn Sie das hören?
Wenn es eine „normale“ CD wäre, hätte ich noch einige Änderungen vorgenommen. Ich hätte auch einen anderen Flügel gewählt.
Nun ist es für die Ewigkeit konserviert.
Na ja, ich kann nichts dagegen tun. Es ist ein Dokument.
Würden Sie auch viel Chopin spielen ohne den Chopin-Wettbewerb?
Absolut. Er ist nicht meine Nummer eins, aber er ist definitiv einer meiner Lieblingskomponisten. Ich fühle mich sehr wohl, wenn ich Chopin spiele. Mehr als bei Bach, auch wenn ich Bach als Komponisten mehr bewundere.
Eigentlich ist es doch unfair, dass es keinen Schubert-Wettbewerb und keinen Brahms-Wettbewerb gibt.
Das wäre toll. Aber die Geschichte ist anders gelaufen. Es ist der einzige große Wettbewerb, der ausschließlich einem Komponisten gewidmet ist. Dass ausgerechnet der der wichtigste geworden ist, ist in der Tat seltsam.
Sie haben bislang sechs CDs gemacht …
Aber wirklich meine Projekte waren nur die drei für Warner, die Chopin-Préludes, die Schubert-Sonaten und jetzt die Impromptus. Das sind die drei, bei denen ich Kontrolle hatte über das, was passiert.
Diese drei Alben liegen repertoiremäßig sehr nah beieinander.
Mein Konzertrepertoire ist breiter. Ich denke, bei den Aufnahmen muss ich mich nicht beeilen. Ich habe Zeit. Ich möchte nur Werke aufnehmen, bei denen ich das Gefühl habe … nein, eigentlich fühlt man sich nie bereit. Sagen wir: für die ich mich in diesem Moment am meisten bereit fühle. Solche Stücke brauchen viel Zeit – um über sie nachzudenken, mit ihnen zu leben, sie oft auf der Bühne zu spielen. Man muss sie oft aufführen, bis man das Gefühl hat, man kommt der Vorstellung näher, wie man die Musik eigentlich hören will.
Wie entscheiden Sie, was Sie erarbeiten und aufnehmen aus der Fülle des Repertoires?
Die ersten vier Impromptus von Schubert habe ich oft gespielt im Konzert. Die anderen vier, op. 142, viel seltener. Aber die kenne ich natürlich auch schon seit vielen Jahren. Es fühlte sich richtig an, sie zusammen aufzunehmen. Aber wie Sie sagen: Das Klavierrepertoire ist so riesig, es ist schwer zu entscheiden. Ich spiele, was ich im Moment am meisten mag. Und von dem ich das Gefühl habe, da kann ich am meisten geben.
Geben Sie den Veranstaltern ein Saisonprogramm vor?
Für Rezitale ja, zumindest versuche ich es. Für Orchesterkonzerte habe ich eine Repertoireliste. Aber auch da versuche ich, die Auswahl einzuschränken.
Wie entscheiden Sie, was Sie als Nächstes erarbeiten wollen?
Man muss das Stück lieben, das ist das Wichtigste. Zweitens muss es in ein Programm passen. Und drittens muss ich das Gefühl haben, ich bin bereit und kann das Beste geben. Es gibt Stücke, wo ich das Gefühl habe, die sind reif, und Stücke, wo ich denke, da warte ich noch. Das ist es eigentlich.
Haben Sie die meisten Stücke der großen Komponisten schon einmal durchgespielt?
Ich kenne das meiste vom Hören. Es kommt einfach der Punkt, wo ich mich an ein Stück setze und beginne. Und die anderen bleiben für später.
Und wie lange dauert es, bis Sie an den Punkt kommen, dass Sie es im Konzert präsentieren wollen?
Das hängt vom Stück ab – und natürlich davon, was sonst noch im Leben passiert. Aber bevor ich bereit bin, zum ersten Mal auf die Bühne zu gehen, das dauert viele Monate. Und wenn man es dann aufführt, dann geht die Beschäftigung mit dem Stück auf einer anderen Ebene weiter. Die Zeit bis zur ersten Aufführung ist nur ein kleiner Teil dieses Prozesses. Ich schätze, ich muss ein Stück mindestens zehnmal aufgeführt haben, ehe ich beginne, eine Vorstellung davon zu bekommen, was ich tue und was ich mit dem Werk erreichen will. Weil ich dann das Stück erst wirklich kenne.
Die Besucher sollten also vorher darauf achten, ob Sie das Stück schon häufiger gespielt haben?
(lacht) Wahrscheinlich schon.
Lieben Sie diese Probenarbeit?
Natürlich, das ist die Essenz des Lebens als Künstler. Diese intensive Beschäftigung mit den Stücken ist der wichtigste Prozess, und das wird vermutlich mein ganzes Leben lang so bleiben.
Auch weil sie nicht mit Stress oder Druck verbunden ist.
Genau.
Macht es in der Beziehung einen Unterschied, ob Sie einen Soloabend geben oder mit einem Orchester auftreten?
Eigentlich nicht. Es sind unterschiedliche Herausforderungen. Aber ich mag beides, ich versuche, eine gute Balance hinzubekommen. Musikalisch hat man bei einem Rezital natürlich viel mehr Einfluss auf das Ergebnis. Und es ist länger. Man kann dem Publikum unterschiedliche Stücke präsentieren. Mit einem Orchester hat man außerdem meist wenig Probenzeit. Allerdings ist es auch schön, auf der Bühne mit anderen gemeinsam Musik zu erleben und zu kommunizieren.
Sie reisen im Moment enorm viel. Kommen Sie zwischen den Proben und Konzerten überhaupt dazu, neues Repertoire zu erarbeiten?
Auf einer intensiven Tour oder vor wichtigen Konzerten konzentriere ich mich auf die Stücke, die ich spielen muss. Sonst hätte ich das Gefühl, ich würde mein Gehirn und meine Finger überfordern. Aber natürlich muss man Zeit finden, sich die nächsten Stücke zu erarbeiten. Und noch andere Dinge zu tun und nicht nur zu üben. Es ist eine Herausforderung.
Ist das Leben jetzt so schön, wie Sie es sich erträumt haben?
Auf die Dauer will ich nicht so viele Konzerte spielen. Ich sehe Pianisten, die hundert Konzerte im Jahr geben. Ich denke, für mich wären weniger besser. Wir werden sehen. Aber das ist genau das, was ich erreichen wollte: die Freiheit zu haben zu entscheiden. Wenn die Karriere nicht auf einem bestimmten Niveau ist, hast du schlichtweg nicht die Freiheit zu wählen.
Alfred Brendel hat mal gesagt, dass man früh in seinem Leben die Komponisten wählen sollte, die einen für den Rest seines Lebens begleiten werden. Er hat das getan, ebenso Mitsuko Uchida, die ja auch eine Art Mentorin für Sie war.
Ich stimme zu. Man kann nicht alle Komponisten gleich gut machen. Und eine tiefe Verbindung mit fünfzehn oder zwanzig Komponisten aufzubauen, ist sehr schwierig. Vielleicht ist es nicht so, dass man wählen muss. Es passiert automatisch, dass man bestimmte Komponisten häufiger spielt als andere. Qualität geht über Quantität. Alfred Brendel, Mitsuko Uchida, Radu Lupu, Arcadi Volodos, das sind die Pianisten, die ich am meisten bewundere. Sie alle haben sich auf die Musik konzentriert, zu der sie die größte Affinität gespürt haben.
Hier wurde Mut belohnt: Im „hohen“ Alter von 27 Jahren trat Eric Lu zum zweiten Mal beim Warschauer Chopin-Wettbewerb an – und gewann triumphal. Seitdem spielt er in den großen Konzertsälen der Welt, einen Termin fürs Interview in seiner Wahlheimat Berlin zu finden, war nicht einfach. Lu wurde als Sohn einer chinesischen Mutter und eines taiwanesischen Vaters in Massachusetts geboren und studierte am Curtis Institute in Philadelphia. Er ist ein ruhiger, netter Gesprächspartner. Direkt vor ihm ging der Schauspieler Armin Rohde durchs Café, und er zog viele Blicke auf sich. Den „Starpianisten“ Eric Lu erkannte offensichtlich niemand der Gäste.
Eric, werden Sie manchmal auf der Straße erkannt?
Das ist mir nur ein paarmal passiert, in England, in Japan und in Polen, soweit ich mich erinnere. Aber hier nie. Das vermisse ich auch nicht.
Sind Sie ein Adrenalin-Junkie - dass Sie so viele Wettbewerbe gespielt haben?
Das waren gar nicht viele. Seit ich zwanzig war, habe ich nur einen einzigen gespielt. Die meisten Pianisten, die ich kenne, machen jedes Jahr oder jedes zweite einen Wettbewerb.
Ihr erster großer Wettbewerb war der Chopin-Wettbewerb vor elf Jahren?
Ja, das war mein erster als „Erwachsener“. Ich wollte einfach sehen, wo ich stehe. Ich hab als Teenager viel Chopin gespielt, ich hatte das Repertoire drauf, ich wollte es einfach ausprobieren. Ich hatte gehofft, ich könnte es vielleicht ins Halbfinale schaffen. Ich war sehr glücklich über den vierten Platz. Das war eine wichtige Erfahrung.
Dann haben Sie zwei Jahre später, 2017, den Deutschen Pianistenpreis gewonnen und 2018 den großen Wettbewerb in Leeds. Danach ging Ihre Karriere doch gut los. Warum sind Sie dann noch mal in Warschau angetreten?
Darauf gibt’s keine einfache Antwort. Da müssten wir weiter ausholen und über die Musikindustrie sprechen. Um es kurz zu machen: Ich denke, die Musikindustrie ist sehr begrenzt im Hinblick auf internationale Karrieren für Pianisten, wenn man in guten Sälen mit guten Orchestern spielen will. Oft werden da jedes Jahr dieselben Leute eingeladen.
Bis sie 85 oder 90 sind.
Richtig. Diese Realität des Geschäfts wurde mir sehr bewusst. Und ich bin auch über die Entwicklung des Musiklebens nicht glücklich. Die kommerzielle Seite wird immer dominanter. Image, Verkaufbarkeit, spezielles Repertoire, Entertainment-Aspekte, um Konzerttickets zu verkaufen … Ich möchte einen Weg gehen, „old-school“, als seriöser Musiker, der sich dem großartigen klassischen Repertoire widmet. Meine Karriere lief gut, auch wenn die Pandemie einiges abgeschnitten hat, die kam genau nach Leeds. Und trotzdem hatte ich das Gefühl: Um mein Ziel zu erreichen, eine, sagen wir, stabile, gute Karriere auf lange Sicht zu haben und mit den besten Orchestern in den besten Sälen zu spielen, reicht das nicht. Deshalb musste ich beim Chopin-Wettbewerb mitmachen. Na ja, ich musste nicht. Aber ich war bereit, das Spiel mitzuspielen. Und das war hart. Ich war hin- und hergerissen für lange Zeit. Soll ich mitmachen, soll ich nicht mitmachen? Ich hab fast jeden Tag darüber nachgedacht, fast zwei Jahre lang. Und war fast so weit, nicht mitzumachen. Aber dann hab ich mir gesagt: Ich habe so intensiv an diesem Repertoire gearbeitet, man lebt nur einmal. Es ist einfach so, dass der Chopin-Wettbewerb einen einzigartigen Platz in der Klavierwelt hat. Es ist der wichtigste Preis. Er hat die meisten Follower im Internet, er erreicht enorm viele Leute, so viele wie kein anderer Wettbewerb in der Klassikwelt. Das hat für mich auch gezählt, dass ich vor so vielen Menschen spielen konnte. Als ich zum ersten Mal teilgenommen habe, war ich siebzehn, da war ich noch nicht reif genug als Musiker und als Pianist, um mich auf einer so großen Bühne zu präsentieren. Ich glaube, ich habe mich in diesen zehn Jahren musikalisch und künstlerisch sehr entwickelt.
Und wie war es, nach zehn Jahren wiederzukommen? War das nicht ein merkwürdiges Gefühl?
Es war sehr merkwürdig. Überhaupt wieder in einen Wettbewerb zu gehen, war komisch für mich, ich war das nicht mehr gewohnt. Der Druck, den ich gespürt habe, war enorm. In der Vorbereitung, aber auch während des Wettbewerbs, der ja über drei Wochen geht.
Aber Sie waren doch große Auftritte in großen Konzertsälen gewohnt?
Das kann man nicht vergleichen. Weil es ein Wettbewerb ist. Man spielt nicht einfach nur ein Konzert. Ich hatte von allen Teilnehmern vermutlich am meisten zu verlieren. Weil ich eben schon eine Karriere hatte.
Warum sind die Wettbewerbe so wichtig?
Ich weiß es nicht. Und ich wünschte, es wäre nicht so. Aber so erlebe ich die Klassikwelt, das sind die Realitäten. Es gibt so viele Wettbewerbe auf der Welt, darunter einige sehr berühmte, aber trotzdem: Chopin ragt absolut heraus. Wettbewerbe sind wichtig. Ich weiß nicht, ob ich ohne den Sieg in Leeds überhaupt eine Karriere hätte starten können. Vorher hatte ich ein paar Konzerteinladungen, vor allem in Polen – wegen des Wettbewerbs 2015 – und einige in den USA. Aber das konnte man nicht internationale Karriere nennen. Nach Leeds fand ich meine erste Konzertagentur, und es begann die Zusammenarbeit mit dem Label Warner. Aber seit dem Sieg in Warschau ist es wirklich so, wie ich es erwartet habe. Jetzt kommen Einladungen auf einem völlig anderen Niveau.
Aber nicht alle Warschauer Sieger haben eine große Karriere gemacht - wie Ihr ehemaliger Lehrer Dang Thai Son, der 1980 gewonnen hat.
Das ist 46 Jahre her. In den letzten fünfzehn Jahren ist der Chopin-Wettbewerb noch viel wichtiger geworden – durchs Internet. Aber wenn Sie die Karrieren der großen Pianisten durchgehen, dann sehen Sie, welchen Einfluss der Chopin-Wettbewerb hat. Und was meinen ehemaligen Lehrer betrifft, da gab es eine ganze Reihe von Gründen, warum es nicht funktioniert hat. Er kam aus Vietnam, und es war kurz nach dem Vietnam-Krieg, er studierte in Russland, und es herrschte noch der Kalte Krieg, Visa zu bekommen, war schwierig. Pianisten aus Asien waren alles andere als normal. Und dann sorgte Martha Argerich für einen Riesenwirbel, als sie aus der Jury ausschied, weil Ivo Pogorelich nicht zum Sieger gekürt wurde. Das hat alles überlagert. Aber um zum Punkt zurückzukommen: Eine gro-
ße Karriere zu haben und ein großartiger Musiker zu sein – das hat oft wenig miteinander zu tun. Da spielen so viele andere Faktoren eine Rolle. Und ein ganz wichtiger ist ganz simpel: Glück.
Sie glauben wirklich, Ihre Karriere hätte sich nicht mit der Zeit entwickelt?
Ich weiß es nicht. Aber ich kenne viele Beispiele von großartigen Pianisten, wo es nicht funktioniert hat. Die sind dem großen Publikum weitgehend unbekannt. Ich denke, gerade für Künstler wie mich, die sich klassisch auf das seriöse Repertoire konzentrieren, ist es schwierig.

Es heißt oft, bei Wettbewerben gewinnen die, die besonders spektakulär spielen, oder die Kompromisskandidaten – und die Juroren schanzen ihren Schülern die Preise zu.
Natürlich gibt es das. Aber im Chopin-Wettbewerb ist das weitgehend ausgeschlossen. Da sitzen siebzehn Juroren, das Bewertungssystem ist sehr strikt und transparent, es ist schwer für einen einzelnen Juror, das Ergebnis zu manipulieren durch Ausreißerbewertungen. Der Chopin-Wettbewerb ist der einzige große Wettbewerb, bei dem jede Bewertung eines jeden Jurors veröffentlicht wird.
Stimmt es, dass Sie vor dem Halbfinale eine Fingerverletzung hatten und erkältet waren?
Das stimmt. Ich war drauf und dran aufzugeben. Aber irgendwie habe ich durchgepowert.
Kann man solch einen Wettbewerb auch genießen?
Zum Genießen ist so ein Wettbewerb nichts. Man denkt den ganzen Tag nur an die Stücke, man übt und geht sie durch. Ich hab das Internet ausgeschaltet, ich hab mich komplett auf die Musik fokussiert.
Gehen Sie gerne auf die Bühne?
Ja und nein. Es ist kompliziert. Ich bin keiner von denen, die nie nervös werden und einfach rausgehen und ihren Spaß haben. Es gibt Momente der Inspiration auf der Bühne, wo man sich eins fühlt mit der Musik. Dass das Publikum im Saal ist, hilft einem, an diesen Punkt zu kommen. Und das ist etwas, was man im normalen Leben nicht erleben kann – oder im Übungsraum. Das verschafft mir letztendlich die größte Zufriedenheit als Künstler. Aber oft bin ich sehr nervös. Und voller Zweifel, bevor ich auf die Bühne gehe. Ich fürchte, das wird immer so bleiben.
Kam dieses Gefühl auch in Warschau auf, dass Sie auf dem Podium saßen und spürten, jetzt bin ich mit dem Publikum verbunden und eins mit der Musik?
Sagen wir so: Ich hab das Beste aus der Situation gemacht. Es war für mich unmöglich zu erwarten, dass ich auf der Bühne einen Moment dieses Glücksgefühls spüren würde. Ich hatte noch nie in meinem ganzen pianistischen Leben solch einen Druck gespürt. Mein Mittel dagegen war, mich komplett auf die Musik zu konzentrieren. Ich hab versucht, durch die Musik zu leben in jedem Moment, den ich auf der Bühne war.
Bei der Deutschen Grammophon ist ein Album mit Mitschnitten Ihrer Auftritte in Warschau erschienen? Konnten Sie da noch nachbessern?
Nein, das ist der reine Mitschnitt.
Und was denken Sie, wenn Sie das hören?
Wenn es eine „normale“ CD wäre, hätte ich noch einige Änderungen vorgenommen. Ich hätte auch einen anderen Flügel gewählt.
Nun ist es für die Ewigkeit konserviert.
Na ja, ich kann nichts dagegen tun. Es ist ein Dokument.
Würden Sie auch viel Chopin spielen ohne den Chopin-Wettbewerb?
Absolut. Er ist nicht meine Nummer eins, aber er ist definitiv einer meiner Lieblingskomponisten. Ich fühle mich sehr wohl, wenn ich Chopin spiele. Mehr als bei Bach, auch wenn ich Bach als Komponisten mehr bewundere.
Eigentlich ist es doch unfair, dass es keinen Schubert-Wettbewerb und keinen Brahms-Wettbewerb gibt.
Das wäre toll. Aber die Geschichte ist anders gelaufen. Es ist der einzige große Wettbewerb, der ausschließlich einem Komponisten gewidmet ist. Dass ausgerechnet der der wichtigste geworden ist, ist in der Tat seltsam.
Sie haben bislang sechs CDs gemacht …
Aber wirklich meine Projekte waren nur die drei für Warner, die Chopin-Préludes, die Schubert-Sonaten und jetzt die Impromptus. Das sind die drei, bei denen ich Kontrolle hatte über das, was passiert.
Diese drei Alben liegen repertoiremäßig sehr nah beieinander.
Mein Konzertrepertoire ist breiter. Ich denke, bei den Aufnahmen muss ich mich nicht beeilen. Ich habe Zeit. Ich möchte nur Werke aufnehmen, bei denen ich das Gefühl habe … nein, eigentlich fühlt man sich nie bereit. Sagen wir: für die ich mich in diesem Moment am meisten bereit fühle. Solche Stücke brauchen viel Zeit – um über sie nachzudenken, mit ihnen zu leben, sie oft auf der Bühne zu spielen. Man muss sie oft aufführen, bis man das Gefühl hat, man kommt der Vorstellung näher, wie man die Musik eigentlich hören will.
Wie entscheiden Sie, was Sie erarbeiten und aufnehmen aus der Fülle des Repertoires?
Die ersten vier Impromptus von Schubert habe ich oft gespielt im Konzert. Die anderen vier, op. 142, viel seltener. Aber die kenne ich natürlich auch schon seit vielen Jahren. Es fühlte sich richtig an, sie zusammen aufzunehmen. Aber wie Sie sagen: Das Klavierrepertoire ist so riesig, es ist schwer zu entscheiden. Ich spiele, was ich im Moment am meisten mag. Und von dem ich das Gefühl habe, da kann ich am meisten geben.
Geben Sie den Veranstaltern ein Saisonprogramm vor?
Für Rezitale ja, zumindest versuche ich es. Für Orchesterkonzerte habe ich eine Repertoireliste. Aber auch da versuche ich, die Auswahl einzuschränken.
Wie entscheiden Sie, was Sie als Nächstes erarbeiten wollen?
Man muss das Stück lieben, das ist das Wichtigste. Zweitens muss es in ein Programm passen. Und drittens muss ich das Gefühl haben, ich bin bereit und kann das Beste geben. Es gibt Stücke, wo ich das Gefühl habe, die sind reif, und Stücke, wo ich denke, da warte ich noch. Das ist es eigentlich.
Haben Sie die meisten Stücke der großen Komponisten schon einmal durchgespielt?
Ich kenne das meiste vom Hören. Es kommt einfach der Punkt, wo ich mich an ein Stück setze und beginne. Und die anderen bleiben für später.
Und wie lange dauert es, bis Sie an den Punkt kommen, dass Sie es im Konzert präsentieren wollen?
Das hängt vom Stück ab – und natürlich davon, was sonst noch im Leben passiert. Aber bevor ich bereit bin, zum ersten Mal auf die Bühne zu gehen, das dauert viele Monate. Und wenn man es dann aufführt, dann geht die Beschäftigung mit dem Stück auf einer anderen Ebene weiter. Die Zeit bis zur ersten Aufführung ist nur ein kleiner Teil dieses Prozesses. Ich schätze, ich muss ein Stück mindestens zehnmal aufgeführt haben, ehe ich beginne, eine Vorstellung davon zu bekommen, was ich tue und was ich mit dem Werk erreichen will. Weil ich dann das Stück erst wirklich kenne.
Die Besucher sollten also vorher darauf achten, ob Sie das Stück schon häufiger gespielt haben?
(lacht) Wahrscheinlich schon.
Lieben Sie diese Probenarbeit?
Natürlich, das ist die Essenz des Lebens als Künstler. Diese intensive Beschäftigung mit den Stücken ist der wichtigste Prozess, und das wird vermutlich mein ganzes Leben lang so bleiben.
Auch weil sie nicht mit Stress oder Druck verbunden ist.
Genau.
Macht es in der Beziehung einen Unterschied, ob Sie einen Soloabend geben oder mit einem Orchester auftreten?
Eigentlich nicht. Es sind unterschiedliche Herausforderungen. Aber ich mag beides, ich versuche, eine gute Balance hinzubekommen. Musikalisch hat man bei einem Rezital natürlich viel mehr Einfluss auf das Ergebnis. Und es ist länger. Man kann dem Publikum unterschiedliche Stücke präsentieren. Mit einem Orchester hat man außerdem meist wenig Probenzeit. Allerdings ist es auch schön, auf der Bühne mit anderen gemeinsam Musik zu erleben und zu kommunizieren.
Sie reisen im Moment enorm viel. Kommen Sie zwischen den Proben und Konzerten überhaupt dazu, neues Repertoire zu erarbeiten?
Auf einer intensiven Tour oder vor wichtigen Konzerten konzentriere ich mich auf die Stücke, die ich spielen muss. Sonst hätte ich das Gefühl, ich würde mein Gehirn und meine Finger überfordern. Aber natürlich muss man Zeit finden, sich die nächsten Stücke zu erarbeiten. Und noch andere Dinge zu tun und nicht nur zu üben. Es ist eine Herausforderung.
Ist das Leben jetzt so schön, wie Sie es sich erträumt haben?
Auf die Dauer will ich nicht so viele Konzerte spielen. Ich sehe Pianisten, die hundert Konzerte im Jahr geben. Ich denke, für mich wären weniger besser. Wir werden sehen. Aber das ist genau das, was ich erreichen wollte: die Freiheit zu haben zu entscheiden. Wenn die Karriere nicht auf einem bestimmten Niveau ist, hast du schlichtweg nicht die Freiheit zu wählen.
Alfred Brendel hat mal gesagt, dass man früh in seinem Leben die Komponisten wählen sollte, die einen für den Rest seines Lebens begleiten werden. Er hat das getan, ebenso Mitsuko Uchida, die ja auch eine Art Mentorin für Sie war.
Ich stimme zu. Man kann nicht alle Komponisten gleich gut machen. Und eine tiefe Verbindung mit fünfzehn oder zwanzig Komponisten aufzubauen, ist sehr schwierig. Vielleicht ist es nicht so, dass man wählen muss. Es passiert automatisch, dass man bestimmte Komponisten häufiger spielt als andere. Qualität geht über Quantität. Alfred Brendel, Mitsuko Uchida, Radu Lupu, Arcadi Volodos, das sind die Pianisten, die ich am meisten bewundere. Sie alle haben sich auf die Musik konzentriert, zu der sie die größte Affinität gespürt haben.
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