Einfach Simone!
Die Sopranistin Simone Kermes über die heilende Kraft der Töne, die Härten des Operngeschäfts und überraschende Parallelen zwischen Barock- und Popmusik

Klischees sind da, um zerstört zu werden. Geht es um jenes der vermeintlich verstaubten Barockmusik, hat Simone Kermes ganze Arbeit geleistet. Im mannigfaltigen Kosmos der führenden Sängerinnen der Gegenwart ist Kermes so etwas wie der Paradiesvogel, Ehrennamen wie „Crazy Queen“ oder „Lady Gaga der Barockmusik“ sprechen für sich. Seit knapp vierzig Jahren steht die dramatische Koloratursopranistin auf den Bühnen und fasziniert dort mit ebenso virtuosen wie rockig pulsierenden Interpretationen in ausladenden Roben.
An einem Tag Anfang April blickt die dramatische Koloratursopranistin mit den blonden Locken erwartungsvoll vom Bildschirm, statt Robe trägt sie einen Kapuzenpullover. „Die Bühne ist meine Bestimmung“, ist Kermes überzeugt. Dabei spielte die Musik in ihrer Familie keine Rolle. 1965 in Leipzig geboren, holte sich Kermes die Klänge als Grundschülerin selbst ins Haus. In der Schulbücherei lieh sie sich Schallplatten aus und lauschte zu Hause der Königin der Nacht oder der Hallen-Arie der Elisabeth aus Wagners „Tannhäuser“.
„Ich war davon vollkommen fasziniert. Ich kannte so etwas ja überhaupt nicht. Schon damals habe ich davon geträumt, diese Musik selbst einmal singen zu können.“ Als sie in ihrem Kinderzimmer sang, wurden die Nachbarn aufmerksam und motivierten ihre Mutter, das Mädchen beim MDR-Kinderchor anzumelden, wo sie professionelle Stimmbildung erhielt, Aufnahmen machte und so ihr Taschengeld verdiente. „Ich wurde als Kind oft nicht richtig wahrgenommen. Aber wenn ich gesungen habe, haben die Leute mir zugehört, und ich wurde geliebt. Letztlich ist das der Grund, warum ich unbedingt Sängerin werden wollte“, gesteht Simone Kermes.
Dennoch brauchte es etliche Wendungen, bevor sie das Singen schließlich zu ihrem Beruf machen konnte. „Als ich zwölf war, ist mein Vater gestorben, und ich bin in der Schule stark abgesackt.“ Nach dem Schulabschluss machte sie eine Ausbildung zur Facharbeiterin für Schreibtechnik, parallel dazu wurde sie sehr früh Mutter. Erst nach einigen Anläufen schaffte sie die Aufnahme an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig bei Helga Forner und verfeinerte ihre Technik bei Lehrern wie Elisabeth Schwarzkopf und Dietrich Fischer-Dieskau. Spätestens mit ihren Siegen beim Mendelssohn-Wettbewerb Berlin 1993 und dem Bach-Wettbewerb Leipzig 1996 gelang ihr der Sprung auf die großen Bühnen.
Von Beginn an galt ihre besondere Liebe dem Barock. Aus Kermes’ Sicht verlangt die Musik dieser Epoche „eine Technik, bei der du alles können musst“. Schon die Kastraten hätten jahrelang ihre Stimmtechnik verfeinert, bevor sie begonnen hätten, barocke Arien zu interpretieren. „Dann aber konnten sie alles singen. Sie hatten eine unglaubliche Kontrolle über ihre Stimme, konnten hohe und tiefe Töne, brillante Triller, schnelle Läufe und Koloraturen meistern und darüber hinaus auch ganz kreativ sein und improvisieren.“ All dies mache den Barock aus, und besonders reize sie die Tatsache, dass jede einzelne Note anders gestaltet werden müsse. „Man kann nicht nur in Phrasen denken. Die Barockmusik lebt von den ständigen Wechseln, und jeder Ton verlangt eine andere Farbgebung, einen anderen Affekt.“ Unabhängig von den technischen Schwierigkeiten ist das für sie vergleichbar mit der Struktur der Popmusik. „Vermutlich liebe ich die Barockmusik deshalb so sehr – weil ich hier eigentlich Popmusik machen kann“, sagt Kermes und lacht.
Gleichwohl hadert sie damit, oft nur mit dem Barock verbunden zu werden, und versucht, sich von bestimmten Zuschreibungen und Zuspitzungen zu befreien. Da ist zum Beispiel ihr Titel als „Crazy Queen of Baroque“. Ganz aus der Luft gegriffen ist er nicht – schließlich legt Kermes eine wilde Präsenz und kraftvolle Kernigkeit zutage, die den meisten ihrer Kolleginnen fremd ist. Und doch: Kermes fühlt sich zunehmend eingeengt durch diese Definition. Zwar sei der Barock bis heute ihr „absolutes Lieblingsgenre“. „Aber ich singe seit Jahrzehnten auch ganz anderes Repertoire. Das geht völlig unter in der öffentlichen Wahrnehmung.“

Als ebenso störend empfindet sie die Fixierung der Zuschauer auf ihre Bühnenkleidung. Simone Kermes ist fasziniert von Mode, und für jedes musikalische Projekt hat sie gemeinsam mit einer Designer-Freundin ein eigenes Kleid entworfen. Das Kleid wurde Teil der Show, eine stoffgewordene Inszenierung der jeweiligen Musik. War das manchmal eine Verkleidung, ein Schutz? „In gewisser Weise hat mich das natürlich geschützt“, sagt sie, gleichzeitig sei sie immer sie selbst gewesen in den verschiedenen Roben. Irgendwann aber habe es angefangen, dass die Leute sich immer stärker auf die Kleider konzentriert hätten. „Teilweise ging es nur noch darum, was ich dieses Mal anhabe.“ Eine Oberflächlichkeit, die sie irritiert hat, und eine Erwartungshaltung, die sie nicht mehr bedienen möchte. „Natürlich werde ich immer noch schöne Sachen anziehen, die zu mir passen und meiner Persönlichkeit. Aber letztlich bin ich einfach Simone. Ich bin Sängerin und im Inneren ein Mensch, der ungeheuer sensibel ist.“ Ihr Anspruch ist, bei aller technischen Perfektion natürlich und authentisch zu klingen. „Die Stimme ist Spiegel der Seele und ein Weg ins Innere des Menschen.“ Das gibt sie auch in ihren Meisterklassen weiter. Viele junge Sänger würden erst einmal wie eine Kopie ihrer Vorbilder klingen. „Dabei geht es doch darum, die eigene Stimme zu finden und zu erkennen, wer man wirklich ist“, so Kermes. Stimmliche Entwicklung und Persönlichkeitsentfaltung, künstlerische Interpretation und innere Reifung seien untrennbar miteinander verbunden. „Auch ich selbst habe lange nach meiner Stimme gesucht“, erzählt sie.
Mittlerweile ist Simone Kermes an einem Punkt im Leben angelangt, an dem sie gerne alles in der Hand hat. Sie konzipiert die Programme, verhandelt über Rechte und schreibt die Begleittexte; eine Agentur oder einen Manager hat sie schon lange nicht mehr. Im Zuge ihrer Selbstbestimmheit hat sie sich auch zunehmend aus dem Feld der Oper verabschiedet – dabei wurde sie im Laufe ihrer Karriere als Konstanze oder Donna Anna, als Alcina oder Rodelinda an vielen großen Häusern gefeiert. Ihr Blick auf diese Welt aber ist heute überaus kritisch. „Das Operngeschäft ist ein wirklich hartes Pflaster, und ich war darin immer mit meinen Leistungen und meiner Kreativität unterfordert“, sagt Kermes. Als bejubelte Gastsängerin habe sie viel Neid und Mobbing unter Kolleginnen erlebt, und auch die angestrebte Einheit der verschiedenen Künste sei nur selten aufgegangen. „Letztlich habe ich insgesamt vielleicht drei wunderbare Produktionen erlebt, bei denen ich wirklich glücklich war und alles funktioniert und gestimmt hat: die Regie, das Dirigat, die Kollegen, das Bühnenbild, die Kostüme, das Licht, die Atmosphäre, die Energie … Ganz oft hatte ich das Gefühl, nicht alles geben zu können, was ich kann.“
Ihre Ehrlichkeit hat es ihr nicht unbedingt einfach gemacht. „Ich habe immer gesagt, was ich denke“, sagt Simone Kermes, und es habe viele Kollegen und Dirigenten gegeben, die sie als zu stark empfunden hätten und Angst vor ihr hatten. Deshalb konzentriert sie sich inzwischen auf ihre eigenen Projekte. „Mit meinen Shows und meinen Konzeptalben konnte ich frei von negativen Energien meine künstlerischen Ideen umsetzen.“ Und dabei dachte sie oft über enge Genregrenzen hinaus. Mal traf der Barock auf italienische Schlager, Chansons und Pop-Einflüsse, mal sang sie Cover-Versions von Rammstein, Sting oder Udo Jürgens.
Auch auf ihrem neuen Album „La Luce“ bleibt Simone Kermes ihrem Ruf als passionierte Grenzgängerin treu und zelebriert die stilistische Vielfalt in Begleitung von Orchester und Chor der Warschauer Kammeroper, dirigiert von Julien Salemkour. Neben virtuosen Barockarien wie Händels „Verso già l’alma col sangue“ aus „Aci, Galatea e Polifemo“ oder „Sonno, se pur sei sonno“ aus „Tito Manlio“ von Antonio Vivaldi sowie klassischen Stücken, darunter Mozarts Konzertarie „Vorrei spiegarvi, oh Dio“, finden sich darauf auch Werke aus der europäischen Filmmusik. Kermes, die sich selbst als „Filmfreak“ bezeichnet, hat sich hier ganz von ihrem Gefühl leiten lassen. Ein Beispiel ist das „Concerto en mi mineur“ aus dem Film „The Double Life of Véronique“, ein Stück von Zbigniew Preisner, das Kermes schon als Jugendliche beeindruckt hat. „In dem Film singt die herzkranke Sängerin dieses Stück im Konzert und stirbt während ihres Gesangsvortrags. Diese Szene hat mich damals so tief berührt, dass mir klar war: Irgendwann möchte ich diese Musik singen.“ Ebenso interpretiert Kermes auf dem Album zwei Vokalisen, einmal aus „Once Upon a Time in the West“ von Ennio Morricone, einmal aus „The Ninth Gate“ von Wojciech Kilar, und schlägt den Bogen schließlich ins amerikanische Musiktheater. So steht „Glitter and Be Gay“ aus „Candide“ von Leonard Bernstein ebenso auf dem Programm wie „One Day I’ll Fly Away“ von Joe Sample und Will Jennings.
Entstanden sind die Aufnahmen bereits während der Corona-Pandemie. „Für mich war das zu Beginn grauenhaft“, sagt Kermes. Kurz zuvor erst war ihr Album „Inferno e paradiso“ veröffentlicht worden, ein Album, auf dem Kermes auf außergewöhnliche Weise Popsongs als Barockarien arrangiert hatte. Eine große Konzerttour stand an, dann wurden alle Konzerte abgesagt. „Es ist damals plötzlich alles zerbrochen, und ich konnte nichts tun. Ich hatte keine Orientierung mehr und habe keinen Sinn mehr gesehen, wie es weitergeht“, so Kermes. Dann aber kam die Anfrage des Warschauer Orchesters für eine Aufnahme. „Mir hat das damals Hoffnung gegeben“, sagt Kermes, und diese Hoffnung wollte sie auch programmatisch widerspiegeln. Vielleicht auch deshalb bezeichnet Kermes das Album als die persönlichste Aufnahme, die sie je gemacht hat. „Auf dem Album sind sehr unterschiedliche Werke, die mich seit jüngster Jugend und Kindheit geprägt haben und die für mich alle Licht in sich tragen und Hoffnung. Die Musik hat mir oft in schweren Zeiten geholfen, und ich weiß nicht, was ich ohne sie gemacht hätte. Ich habe viel Schlimmes erlebt in meinem Leben. Mein Vater ist sehr früh gestorben, es gab Schicksalsschläge, schlimme Erfahrungen, gescheiterte Ehen … Die Musik hat mich immer getröstet und mir Kraft gegeben. Die Botschaft, niemals aufzugeben und die Hoffnung nicht zu verlieren, möchte ich weitergeben.“ Ihr Mittel dazu ist ihre Stimme. „Man fragt sich ja, warum man auf der Welt ist und was das ist, der Sinn des Lebens“, so Kermes. Für sich hat sie erkannt: „Es geht um den Ausdruck. Darum, spirituell und seelisch etwas zu geben mit der Musik.“
Diese Erkenntnis möchte Kermes auch an die nächste Generation weitergeben. An der Musikhochschule in Lübeck führt sie gerade ihre erste Regiearbeit durch und erarbeitet mit Studenten Händels „Alcina“. Sie kümmert sich um die Bühne, das Licht, die Requisiten und die Ausstattung, die Sängerinnen tragen ihre Roben von einst, und Simone Kermes lässt alles einfließen, was sie in den vergangenen Jahrzehnten verinnerlicht hat. Für sie schließt sich damit ein Bogen. „In Lübeck habe ich das Gefühl, dass sich jetzt alles komprimiert. Es ist wie eine Stabübergabe an die nächste Generation, ein Loslassen der alten Zeit und ein Weitergeben und Weiterleben meiner Kunst.“
Klischees sind da, um zerstört zu werden. Geht es um jenes der vermeintlich verstaubten Barockmusik, hat Simone Kermes ganze Arbeit geleistet. Im mannigfaltigen Kosmos der führenden Sängerinnen der Gegenwart ist Kermes so etwas wie der Paradiesvogel, Ehrennamen wie „Crazy Queen“ oder „Lady Gaga der Barockmusik“ sprechen für sich. Seit knapp vierzig Jahren steht die dramatische Koloratursopranistin auf den Bühnen und fasziniert dort mit ebenso virtuosen wie rockig pulsierenden Interpretationen in ausladenden Roben.
An einem Tag Anfang April blickt die dramatische Koloratursopranistin mit den blonden Locken erwartungsvoll vom Bildschirm, statt Robe trägt sie einen Kapuzenpullover. „Die Bühne ist meine Bestimmung“, ist Kermes überzeugt. Dabei spielte die Musik in ihrer Familie keine Rolle. 1965 in Leipzig geboren, holte sich Kermes die Klänge als Grundschülerin selbst ins Haus. In der Schulbücherei lieh sie sich Schallplatten aus und lauschte zu Hause der Königin der Nacht oder der Hallen-Arie der Elisabeth aus Wagners „Tannhäuser“.
„Ich war davon vollkommen fasziniert. Ich kannte so etwas ja überhaupt nicht. Schon damals habe ich davon geträumt, diese Musik selbst einmal singen zu können.“ Als sie in ihrem Kinderzimmer sang, wurden die Nachbarn aufmerksam und motivierten ihre Mutter, das Mädchen beim MDR-Kinderchor anzumelden, wo sie professionelle Stimmbildung erhielt, Aufnahmen machte und so ihr Taschengeld verdiente. „Ich wurde als Kind oft nicht richtig wahrgenommen. Aber wenn ich gesungen habe, haben die Leute mir zugehört, und ich wurde geliebt. Letztlich ist das der Grund, warum ich unbedingt Sängerin werden wollte“, gesteht Simone Kermes.
Dennoch brauchte es etliche Wendungen, bevor sie das Singen schließlich zu ihrem Beruf machen konnte. „Als ich zwölf war, ist mein Vater gestorben, und ich bin in der Schule stark abgesackt.“ Nach dem Schulabschluss machte sie eine Ausbildung zur Facharbeiterin für Schreibtechnik, parallel dazu wurde sie sehr früh Mutter. Erst nach einigen Anläufen schaffte sie die Aufnahme an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig bei Helga Forner und verfeinerte ihre Technik bei Lehrern wie Elisabeth Schwarzkopf und Dietrich Fischer-Dieskau. Spätestens mit ihren Siegen beim Mendelssohn-Wettbewerb Berlin 1993 und dem Bach-Wettbewerb Leipzig 1996 gelang ihr der Sprung auf die großen Bühnen.
Von Beginn an galt ihre besondere Liebe dem Barock. Aus Kermes’ Sicht verlangt die Musik dieser Epoche „eine Technik, bei der du alles können musst“. Schon die Kastraten hätten jahrelang ihre Stimmtechnik verfeinert, bevor sie begonnen hätten, barocke Arien zu interpretieren. „Dann aber konnten sie alles singen. Sie hatten eine unglaubliche Kontrolle über ihre Stimme, konnten hohe und tiefe Töne, brillante Triller, schnelle Läufe und Koloraturen meistern und darüber hinaus auch ganz kreativ sein und improvisieren.“ All dies mache den Barock aus, und besonders reize sie die Tatsache, dass jede einzelne Note anders gestaltet werden müsse. „Man kann nicht nur in Phrasen denken. Die Barockmusik lebt von den ständigen Wechseln, und jeder Ton verlangt eine andere Farbgebung, einen anderen Affekt.“ Unabhängig von den technischen Schwierigkeiten ist das für sie vergleichbar mit der Struktur der Popmusik. „Vermutlich liebe ich die Barockmusik deshalb so sehr – weil ich hier eigentlich Popmusik machen kann“, sagt Kermes und lacht.
Gleichwohl hadert sie damit, oft nur mit dem Barock verbunden zu werden, und versucht, sich von bestimmten Zuschreibungen und Zuspitzungen zu befreien. Da ist zum Beispiel ihr Titel als „Crazy Queen of Baroque“. Ganz aus der Luft gegriffen ist er nicht – schließlich legt Kermes eine wilde Präsenz und kraftvolle Kernigkeit zutage, die den meisten ihrer Kolleginnen fremd ist. Und doch: Kermes fühlt sich zunehmend eingeengt durch diese Definition. Zwar sei der Barock bis heute ihr „absolutes Lieblingsgenre“. „Aber ich singe seit Jahrzehnten auch ganz anderes Repertoire. Das geht völlig unter in der öffentlichen Wahrnehmung.“

Als ebenso störend empfindet sie die Fixierung der Zuschauer auf ihre Bühnenkleidung. Simone Kermes ist fasziniert von Mode, und für jedes musikalische Projekt hat sie gemeinsam mit einer Designer-Freundin ein eigenes Kleid entworfen. Das Kleid wurde Teil der Show, eine stoffgewordene Inszenierung der jeweiligen Musik. War das manchmal eine Verkleidung, ein Schutz? „In gewisser Weise hat mich das natürlich geschützt“, sagt sie, gleichzeitig sei sie immer sie selbst gewesen in den verschiedenen Roben. Irgendwann aber habe es angefangen, dass die Leute sich immer stärker auf die Kleider konzentriert hätten. „Teilweise ging es nur noch darum, was ich dieses Mal anhabe.“ Eine Oberflächlichkeit, die sie irritiert hat, und eine Erwartungshaltung, die sie nicht mehr bedienen möchte. „Natürlich werde ich immer noch schöne Sachen anziehen, die zu mir passen und meiner Persönlichkeit. Aber letztlich bin ich einfach Simone. Ich bin Sängerin und im Inneren ein Mensch, der ungeheuer sensibel ist.“ Ihr Anspruch ist, bei aller technischen Perfektion natürlich und authentisch zu klingen. „Die Stimme ist Spiegel der Seele und ein Weg ins Innere des Menschen.“ Das gibt sie auch in ihren Meisterklassen weiter. Viele junge Sänger würden erst einmal wie eine Kopie ihrer Vorbilder klingen. „Dabei geht es doch darum, die eigene Stimme zu finden und zu erkennen, wer man wirklich ist“, so Kermes. Stimmliche Entwicklung und Persönlichkeitsentfaltung, künstlerische Interpretation und innere Reifung seien untrennbar miteinander verbunden. „Auch ich selbst habe lange nach meiner Stimme gesucht“, erzählt sie.
Mittlerweile ist Simone Kermes an einem Punkt im Leben angelangt, an dem sie gerne alles in der Hand hat. Sie konzipiert die Programme, verhandelt über Rechte und schreibt die Begleittexte; eine Agentur oder einen Manager hat sie schon lange nicht mehr. Im Zuge ihrer Selbstbestimmheit hat sie sich auch zunehmend aus dem Feld der Oper verabschiedet – dabei wurde sie im Laufe ihrer Karriere als Konstanze oder Donna Anna, als Alcina oder Rodelinda an vielen großen Häusern gefeiert. Ihr Blick auf diese Welt aber ist heute überaus kritisch. „Das Operngeschäft ist ein wirklich hartes Pflaster, und ich war darin immer mit meinen Leistungen und meiner Kreativität unterfordert“, sagt Kermes. Als bejubelte Gastsängerin habe sie viel Neid und Mobbing unter Kolleginnen erlebt, und auch die angestrebte Einheit der verschiedenen Künste sei nur selten aufgegangen. „Letztlich habe ich insgesamt vielleicht drei wunderbare Produktionen erlebt, bei denen ich wirklich glücklich war und alles funktioniert und gestimmt hat: die Regie, das Dirigat, die Kollegen, das Bühnenbild, die Kostüme, das Licht, die Atmosphäre, die Energie … Ganz oft hatte ich das Gefühl, nicht alles geben zu können, was ich kann.“
Ihre Ehrlichkeit hat es ihr nicht unbedingt einfach gemacht. „Ich habe immer gesagt, was ich denke“, sagt Simone Kermes, und es habe viele Kollegen und Dirigenten gegeben, die sie als zu stark empfunden hätten und Angst vor ihr hatten. Deshalb konzentriert sie sich inzwischen auf ihre eigenen Projekte. „Mit meinen Shows und meinen Konzeptalben konnte ich frei von negativen Energien meine künstlerischen Ideen umsetzen.“ Und dabei dachte sie oft über enge Genregrenzen hinaus. Mal traf der Barock auf italienische Schlager, Chansons und Pop-Einflüsse, mal sang sie Cover-Versions von Rammstein, Sting oder Udo Jürgens.
Auch auf ihrem neuen Album „La Luce“ bleibt Simone Kermes ihrem Ruf als passionierte Grenzgängerin treu und zelebriert die stilistische Vielfalt in Begleitung von Orchester und Chor der Warschauer Kammeroper, dirigiert von Julien Salemkour. Neben virtuosen Barockarien wie Händels „Verso già l’alma col sangue“ aus „Aci, Galatea e Polifemo“ oder „Sonno, se pur sei sonno“ aus „Tito Manlio“ von Antonio Vivaldi sowie klassischen Stücken, darunter Mozarts Konzertarie „Vorrei spiegarvi, oh Dio“, finden sich darauf auch Werke aus der europäischen Filmmusik. Kermes, die sich selbst als „Filmfreak“ bezeichnet, hat sich hier ganz von ihrem Gefühl leiten lassen. Ein Beispiel ist das „Concerto en mi mineur“ aus dem Film „The Double Life of Véronique“, ein Stück von Zbigniew Preisner, das Kermes schon als Jugendliche beeindruckt hat. „In dem Film singt die herzkranke Sängerin dieses Stück im Konzert und stirbt während ihres Gesangsvortrags. Diese Szene hat mich damals so tief berührt, dass mir klar war: Irgendwann möchte ich diese Musik singen.“ Ebenso interpretiert Kermes auf dem Album zwei Vokalisen, einmal aus „Once Upon a Time in the West“ von Ennio Morricone, einmal aus „The Ninth Gate“ von Wojciech Kilar, und schlägt den Bogen schließlich ins amerikanische Musiktheater. So steht „Glitter and Be Gay“ aus „Candide“ von Leonard Bernstein ebenso auf dem Programm wie „One Day I’ll Fly Away“ von Joe Sample und Will Jennings.
Entstanden sind die Aufnahmen bereits während der Corona-Pandemie. „Für mich war das zu Beginn grauenhaft“, sagt Kermes. Kurz zuvor erst war ihr Album „Inferno e paradiso“ veröffentlicht worden, ein Album, auf dem Kermes auf außergewöhnliche Weise Popsongs als Barockarien arrangiert hatte. Eine große Konzerttour stand an, dann wurden alle Konzerte abgesagt. „Es ist damals plötzlich alles zerbrochen, und ich konnte nichts tun. Ich hatte keine Orientierung mehr und habe keinen Sinn mehr gesehen, wie es weitergeht“, so Kermes. Dann aber kam die Anfrage des Warschauer Orchesters für eine Aufnahme. „Mir hat das damals Hoffnung gegeben“, sagt Kermes, und diese Hoffnung wollte sie auch programmatisch widerspiegeln. Vielleicht auch deshalb bezeichnet Kermes das Album als die persönlichste Aufnahme, die sie je gemacht hat. „Auf dem Album sind sehr unterschiedliche Werke, die mich seit jüngster Jugend und Kindheit geprägt haben und die für mich alle Licht in sich tragen und Hoffnung. Die Musik hat mir oft in schweren Zeiten geholfen, und ich weiß nicht, was ich ohne sie gemacht hätte. Ich habe viel Schlimmes erlebt in meinem Leben. Mein Vater ist sehr früh gestorben, es gab Schicksalsschläge, schlimme Erfahrungen, gescheiterte Ehen … Die Musik hat mich immer getröstet und mir Kraft gegeben. Die Botschaft, niemals aufzugeben und die Hoffnung nicht zu verlieren, möchte ich weitergeben.“ Ihr Mittel dazu ist ihre Stimme. „Man fragt sich ja, warum man auf der Welt ist und was das ist, der Sinn des Lebens“, so Kermes. Für sich hat sie erkannt: „Es geht um den Ausdruck. Darum, spirituell und seelisch etwas zu geben mit der Musik.“
Diese Erkenntnis möchte Kermes auch an die nächste Generation weitergeben. An der Musikhochschule in Lübeck führt sie gerade ihre erste Regiearbeit durch und erarbeitet mit Studenten Händels „Alcina“. Sie kümmert sich um die Bühne, das Licht, die Requisiten und die Ausstattung, die Sängerinnen tragen ihre Roben von einst, und Simone Kermes lässt alles einfließen, was sie in den vergangenen Jahrzehnten verinnerlicht hat. Für sie schließt sich damit ein Bogen. „In Lübeck habe ich das Gefühl, dass sich jetzt alles komprimiert. Es ist wie eine Stabübergabe an die nächste Generation, ein Loslassen der alten Zeit und ein Weitergeben und Weiterleben meiner Kunst.“
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