Mittendrin statt nur dabei
Als Statistin in der Arena di Verona

Seit hundertdrei Jahren ist die Open-Air-Bühne der Arena di Verona Anziehungspunkt für Opernliebhaber und alle, die es werden wollen – an 52 Spielabenden für rund 15.000 Zuschauer pro Vorstellung. Die Ausmaße der Bühne – 47 Meter breit und 39 Meter tief – und der Aufwand hinter den Kulissen werden erst richtig greifbar, wenn man backstage in das fast zweitausend Jahre alte Amphitheater eintaucht. Für die opulent ausgestatteten Opernproduktionen stehen neben den Sängern, dem Chor und dem Orchester oft bis zu fünfhundert Statisten auf der Bühne. Ob zusätzlich Pferde oder Esel engagiert werden, hängt von der jeweiligen Produktion ab. Mehr als 1.500 Mitarbeiter sorgen in jeder Saison für einen reibungslosen Ablauf der Aufführungen in und rund um das ehrwürdige Gemäuer, das die Piazza Bra im malerischen Verona dominiert. Dort, wo einst vermutlich Gladiatoren und Löwen auf ihren letzten Kampf warteten, befinden sich heute Garderoben, Kostüme, Schminkutensilien und Requisiten. Die Kulissen lagern vor der Arena und werden entweder per Kran auf die Bühne gehoben oder während der Vorstellung von wieselflinken Bühnenarbeitern verschoben.
Die Sonne brennt an diesem Augusttag erbarmungslos auf das Pflaster der Piazza Bra. Schweiß bricht aus, als mir eine von sechzig Schneiderinnen, die sich um die Kostüme der Protagonisten kümmern, vier Lagen Röcke aus grober Baumwolle und eine safrangelbe Bluse reicht. Außerdem schnürt mich die Ankleiderin in ein Korsett und macht es mit wenigen Stichen und Schnitten passend für meine Figur. Eine der freundlichen Damen an den Schminkspiegeln sorgt für Farbe im Gesicht, und schon verwandle ich mich in eine Bäuerin in der legendären „Carmen“-Inszenierung von Franco Zeffirelli. Die Einweisung in die Produktion, die seit mehr als dreißig Jahren als Publikumshit läuft, ist erstaunlich kurz. Stage Director Yamal Das Irmich hält sich knapp mit Informationen für die Journalistin, die sich als Statistin versucht: „Alles ist durchchoreografiert, das kleinste Detail, das nicht klappt, fällt auf. Und niemals ins Publikum sehen.“ Die Aufregung bei der Bühnennovizin wird durch die mahnenden Worte nicht geringer. Die Ausmaße der Bühne sind furchteinflößend, die Stufen, die zum Ort des Geschehens führen, sind steil, die Temperaturen von 33 Grad noch um zwanzig Uhr herausfordernd. Ich bin aber nicht allein: Francesca, Tänzerin und erfahrene Statistin der Arena, bringt mich sicher auf die Bühne und flüstert mir Instruktionen zu: „Wir warten hier, dann laufen wir nach vorn, dann nach rechts …“ Applaus brandet auf, der Dirigent hebt den Taktstock. Die nächsten Stunden – ich darf in drei der vier Akten auf der Bühne stehen – folge ich der Veroneserin auf Schritt und Tritt, am liebsten klammere ich mich aber an ihre Hand. Ich laufe vorbei an Teppichhändlern, „unterhalte“ mich mit Brezelverkäufern, winke mit Blumen und Fahnen, flirte mit Toreros, tanze Polonaise, spiele eine Betrunkene und trinke aus leeren Weinbechern. „Immer in Bewegung bleiben“, lautet die Devise. Der Orchestergraben kommt mehrmals gefährlich nah, und ich sehe mich schon mit gerafften Röcken auf die Trompeten stürzen. Doch erstaunlicherweise läuft alles wie geschmiert – und langsam beginnt es, Spaß zu machen. Ich beobachte meine professionell agierenden Statistenkollegen, lausche, wie Don José und Carmen in ihrer toxischen Beziehung um Liebe ringen, winke den Picadores und Toreros freudig mit einem bunten Fähnchen zu und wage ein Tänzchen unter Francescas strengem Blick. Und ich schaue selbstverständlich niemals ins Publikum. Dort, wo ich die 15.000 Zuschauer vermute, ist es sowieso schwarz. Selbst beim tosenden Schlussapplaus ist das Publikum nicht wirklich erkennbar. Emsige Helfer schälen mich hinterher aus dem Kostüm, und ich schlüpfe erleichtert in ein federleichtes Sommerkleid.

Auch in diesem Sommer stehen wieder Statisten auf der Bühne. Das 103. Arena di Verona Opera Festival setzt auf Giuseppe Verdis „La traviata“. Das Paris der Belle Époque mit dem Moulin Rouge wird in den Bühnenbildern von Juan Guillermo Nova, dem Lichtdesign von Fabio Barettin und den Kostümen von Stefano Ciammitti auf die riesige Bühne gezaubert. Die Regie führt der Schotte Paul Curran, ein Debütant in der Arena. Er war ein enger Mitarbeiter von Baz Luhrmann in der Entstehungsphase des Musicalfilms „Moulin Rouge“, an Opulenz wird es also nicht fehlen. Selbstverständlich mangelt es dem ehemaligen Leiter der Norwegischen Nationaloper nicht an Respekt vor der Aufgabe: „Die Arena ist ein einzigartiger Ort, viele Zuschauer erleben hier zum ersten Mal in ihrem Leben Oper. Ich empfinde es als Verpflichtung, ihr Erlebnis so packend und bewegend zu gestalten, dass es für viele der erste von zahlreichen weiteren Opernabenden wird.“
Wie immer sind herausragende Sänger engagiert, um – ohne Mikrofon – das Rund der Arena mit ihren Stimmen zu füllen. Unter den vier Darstellerinnen der Violetta ist auch eine Verona-Debütantin: die Italienerin Martina Russomanno, die in diesem Sommer auch in Salzburg in Mozarts „Lucio Silla“ zu erleben sein wird. Als Alfredo ist – neben drei Kollegen – Yusif Eyvazov zum ersten Mal in dieser Partie in der Arena zu erleben.
Und auch die Restaurants auf der Piazza Bra rüsten sich bereits für den Ansturm der Arenabesucher nach jeder Vorstellung. Meist ist es dann weit nach Mitternacht, und das Publikum strömt auf den Platz. Die Hauptdarsteller schreiten noch später an den zahlreichen dicht besetzten Tischen vorbei, und ehrfurchtsvoll erheben sich alle Besucher zu Standing Ovations. Für mich gab es die nicht, aber ein Erlebnis war mein Auftritt in der Arena allemal!
Seit hundertdrei Jahren ist die Open-Air-Bühne der Arena di Verona Anziehungspunkt für Opernliebhaber und alle, die es werden wollen – an 52 Spielabenden für rund 15.000 Zuschauer pro Vorstellung. Die Ausmaße der Bühne – 47 Meter breit und 39 Meter tief – und der Aufwand hinter den Kulissen werden erst richtig greifbar, wenn man backstage in das fast zweitausend Jahre alte Amphitheater eintaucht. Für die opulent ausgestatteten Opernproduktionen stehen neben den Sängern, dem Chor und dem Orchester oft bis zu fünfhundert Statisten auf der Bühne. Ob zusätzlich Pferde oder Esel engagiert werden, hängt von der jeweiligen Produktion ab. Mehr als 1.500 Mitarbeiter sorgen in jeder Saison für einen reibungslosen Ablauf der Aufführungen in und rund um das ehrwürdige Gemäuer, das die Piazza Bra im malerischen Verona dominiert. Dort, wo einst vermutlich Gladiatoren und Löwen auf ihren letzten Kampf warteten, befinden sich heute Garderoben, Kostüme, Schminkutensilien und Requisiten. Die Kulissen lagern vor der Arena und werden entweder per Kran auf die Bühne gehoben oder während der Vorstellung von wieselflinken Bühnenarbeitern verschoben.
Die Sonne brennt an diesem Augusttag erbarmungslos auf das Pflaster der Piazza Bra. Schweiß bricht aus, als mir eine von sechzig Schneiderinnen, die sich um die Kostüme der Protagonisten kümmern, vier Lagen Röcke aus grober Baumwolle und eine safrangelbe Bluse reicht. Außerdem schnürt mich die Ankleiderin in ein Korsett und macht es mit wenigen Stichen und Schnitten passend für meine Figur. Eine der freundlichen Damen an den Schminkspiegeln sorgt für Farbe im Gesicht, und schon verwandle ich mich in eine Bäuerin in der legendären „Carmen“-Inszenierung von Franco Zeffirelli. Die Einweisung in die Produktion, die seit mehr als dreißig Jahren als Publikumshit läuft, ist erstaunlich kurz. Stage Director Yamal Das Irmich hält sich knapp mit Informationen für die Journalistin, die sich als Statistin versucht: „Alles ist durchchoreografiert, das kleinste Detail, das nicht klappt, fällt auf. Und niemals ins Publikum sehen.“ Die Aufregung bei der Bühnennovizin wird durch die mahnenden Worte nicht geringer. Die Ausmaße der Bühne sind furchteinflößend, die Stufen, die zum Ort des Geschehens führen, sind steil, die Temperaturen von 33 Grad noch um zwanzig Uhr herausfordernd. Ich bin aber nicht allein: Francesca, Tänzerin und erfahrene Statistin der Arena, bringt mich sicher auf die Bühne und flüstert mir Instruktionen zu: „Wir warten hier, dann laufen wir nach vorn, dann nach rechts …“ Applaus brandet auf, der Dirigent hebt den Taktstock. Die nächsten Stunden – ich darf in drei der vier Akten auf der Bühne stehen – folge ich der Veroneserin auf Schritt und Tritt, am liebsten klammere ich mich aber an ihre Hand. Ich laufe vorbei an Teppichhändlern, „unterhalte“ mich mit Brezelverkäufern, winke mit Blumen und Fahnen, flirte mit Toreros, tanze Polonaise, spiele eine Betrunkene und trinke aus leeren Weinbechern. „Immer in Bewegung bleiben“, lautet die Devise. Der Orchestergraben kommt mehrmals gefährlich nah, und ich sehe mich schon mit gerafften Röcken auf die Trompeten stürzen. Doch erstaunlicherweise läuft alles wie geschmiert – und langsam beginnt es, Spaß zu machen. Ich beobachte meine professionell agierenden Statistenkollegen, lausche, wie Don José und Carmen in ihrer toxischen Beziehung um Liebe ringen, winke den Picadores und Toreros freudig mit einem bunten Fähnchen zu und wage ein Tänzchen unter Francescas strengem Blick. Und ich schaue selbstverständlich niemals ins Publikum. Dort, wo ich die 15.000 Zuschauer vermute, ist es sowieso schwarz. Selbst beim tosenden Schlussapplaus ist das Publikum nicht wirklich erkennbar. Emsige Helfer schälen mich hinterher aus dem Kostüm, und ich schlüpfe erleichtert in ein federleichtes Sommerkleid.

Auch in diesem Sommer stehen wieder Statisten auf der Bühne. Das 103. Arena di Verona Opera Festival setzt auf Giuseppe Verdis „La traviata“. Das Paris der Belle Époque mit dem Moulin Rouge wird in den Bühnenbildern von Juan Guillermo Nova, dem Lichtdesign von Fabio Barettin und den Kostümen von Stefano Ciammitti auf die riesige Bühne gezaubert. Die Regie führt der Schotte Paul Curran, ein Debütant in der Arena. Er war ein enger Mitarbeiter von Baz Luhrmann in der Entstehungsphase des Musicalfilms „Moulin Rouge“, an Opulenz wird es also nicht fehlen. Selbstverständlich mangelt es dem ehemaligen Leiter der Norwegischen Nationaloper nicht an Respekt vor der Aufgabe: „Die Arena ist ein einzigartiger Ort, viele Zuschauer erleben hier zum ersten Mal in ihrem Leben Oper. Ich empfinde es als Verpflichtung, ihr Erlebnis so packend und bewegend zu gestalten, dass es für viele der erste von zahlreichen weiteren Opernabenden wird.“
Wie immer sind herausragende Sänger engagiert, um – ohne Mikrofon – das Rund der Arena mit ihren Stimmen zu füllen. Unter den vier Darstellerinnen der Violetta ist auch eine Verona-Debütantin: die Italienerin Martina Russomanno, die in diesem Sommer auch in Salzburg in Mozarts „Lucio Silla“ zu erleben sein wird. Als Alfredo ist – neben drei Kollegen – Yusif Eyvazov zum ersten Mal in dieser Partie in der Arena zu erleben.
Und auch die Restaurants auf der Piazza Bra rüsten sich bereits für den Ansturm der Arenabesucher nach jeder Vorstellung. Meist ist es dann weit nach Mitternacht, und das Publikum strömt auf den Platz. Die Hauptdarsteller schreiten noch später an den zahlreichen dicht besetzten Tischen vorbei, und ehrfurchtsvoll erheben sich alle Besucher zu Standing Ovations. Für mich gab es die nicht, aber ein Erlebnis war mein Auftritt in der Arena allemal!



