Jazz Forum

„Wie die Zeit hinter mir her“

Von
Karl Lippegaus
Erschienen in der Printausgabe im
Juli 2026
Lesezeit ca.
Minuten
Richard Galliano. Foto: Kotoviski photographed by Henryk Kotowski - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0
Richard Galliano. Foto: Kotoviski photographed by Henryk Kotowski - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Im Jahre 1996 erschien E. Annie Proulx’ großer Roman „Accordeon Crimes“. Ein sizilianischer Immi­grant hatte im 19. Jahrhundert ein grünes Akkordeon gebaut, das von der Autorin auf eine Odyssee durch die Vereinigten Staaten geschickt wird. Guy Klucevsek (1947-2025), der kein Genre verschmähte und zur Avantgarde an diesem Instrument zählte, las den Roman. Dann schrieb er eine Proulx gewidmete achtteilige Suite, „Accordion Misdemeanors“, die auf seinem Album „The Well-Tampered Accordion“ zu hören ist.

Klucevsek sah sich weniger als Akkordeonist, sondern mehr als Komponist, mit Einflüssen aus Osteuropa, dem Balkan, Zydeco oder Tex-Mex. Auf seinem Debütalbum „Scenes From A Mirage“ von 1987 oder auf „The
Heart of the Andes“ kommt sein Spiel optimal zur Geltung. Anfangs präsentierte er Tagesschlager auf Hochzeiten und schrieb dann viel fürs moderne Tanztheater. Er zitierte gerne Charles Mingus: „Wenn der weiße Mann etwas entwickeln will, sollte er sich die Polka vornehmen.“ Für ihn komponierte John Zorn das unglaubliche, aus 53 Teilen bestehende „Road Runner“ für Akkordeon solo. Zorns Tzadik-­Label produzierte auch die Gruppe Zakarya aus dem Elsass mit ihrem Avant-Klezmer, über zehn Jahre entstanden fünf starke Alben mit ihrem Bandleader Yves Weyh. Ebenfalls für Tzadik schuf Ted Reichman 2003 mit „Émigré“ eine Hommage an den Fotografen André Kertesz.

Nachdem der Wiener Cyrill Demian sich 1829 seine Erfindung hatte patentieren lassen, die er „Accordion“ getauft hatte, verbreiteten sich die massenhaft hergestellten Handorgeln bald in unzähligen Varianten über den ganzen Globus. Die aus Italien, Deutschland oder Irland nach einer besseren Zukunft ausströmenden Arbeitsemigranten hatten sie im Gepäck. Oder bestellten per Katalog von Victoria in Castelfidardo, von Hohner in Trossingen oder die Harmonikas aus dem sächsischen Klingenthal. Django Reinhardt war als Teenager am Banjo auf den Pariser Musette-Bällen aktiv. 1939 erlebte der Geiger Stéphane Grappelli in einem Londoner Pub einen blinden Akkordeonisten, George Shearing. Auch für Joe Zawinul und Hermeto Pascoal war die Ziehharmonika ihr Einstieg in den Jazz.

Als Sohn eines Akkordeonlehrers wurde Richard Galliano 1950 in Cannes geboren. Früh schon zeigte er Interesse, mit zehn Jahren erhielt er regulären Unterricht. „Als mein Vater mir den ,Hummelflug‘ von Rimski-Korsakow vorspielte, das war wie ein Schock.“ Das erste Album des Amerikaners Art Van Damme empfahl ihm der Vater, der auch ein wenig Jazz mochte. Das zweite Schlüsselerlebnis hatte Richard, als er Le Jazz Brésilien von Sivuca entdeckte: Sambas, Bossas, Forró und Choros. „Junge Franzosen hassten das Ding, wer in der Beat-Ära ein Akkordeon anschleppte, wurde ausgebuht“, erinnert er sich. Erst als Marcel Azzola die Chansons von Jacques Brel begleitete, sei eine gewisse Akzeptanz entstanden. „Um mir etwas zu beweisen“ wagte Galliano sich an Bach-Präludien und -Fugen, bei der Deutschen Grammophon erschienen seine Alben mit Werken von Bach und Vivaldi. Als ihm Astor Piazzolla ein diatonisches Bandoneon verkaufte, erlernte Galliano auch das. Aus dem Musette-Jazz der 1940er Jahre, den Ideen Sivucas und Piazzollas kreierte er seinen Stil: Sein grandioses Album von 1991 heißt „New Musette“ (Label Bleu). Im Duo mit dem Holzbläser Michel Portal durchquerten sie souverän Stile und Genres, zu erleben auf „Blow Up“ (Dreyfus).

Das Einsickern der Ziehharmonika in die Popularmusik vieler Länder beschreibt Christoph Wagner in zwei reich bebilderten Büchern. „Zydeco“ heißt die Musik der Schwarzen aus Südwest-Louisiana und „Cajun“ die der Weißen. Clifton Chenier war der König des Zydeco, beim Spielen trug er eine funkelnde Krone, über vier Stunden agierte er an seiner achtzehn Kilo schweren Hohner. Wie er und sein Bruder Cleveland am Waschbrett miteinander duettierten, das hatte starke afrikanische Wurzeln. Ab den 1980er Jahren reaktivierte man in Pop und Rock die aus der Mode gekommene Quetsche: Grace Jones posierte für „I’ve seen that face before“, der Hitversion von Piazzollas „Libertango“, mit einem Akkordeon.  Auch die New-Wave-Fraktion entdeckte für sich den „Öko-Synthie“, für den man keine Steckdose braucht.

Die Aficionados fahnden heute wie Detektive nach Vinylschätzen alter Meister wie Jo Privat und Joss Baselli. Ende der 1920er Jahre war das Akkordeon nur sporadisch im Jazz zu hören, dank Le Bal Musette zuerst mehr in Paris als in den USA. Mit den Tziganes wie etwa den Brüdern Ferret kamen die Gitarren, die Gus Viseur und Tony Murena begleiteten. Viseur (1915-1974), gebürtig aus Belgien, zählt zu den größten Solisten seiner Epoche, er schrieb Klassiker wie „Swing Valse“ und „Flambée montalbanaise“. Viseur begleitete Edith Piaf in der Ersteinspielung von „L’Accordéoniste“. In den Cafés des Pariser Viertels Ménilmontant trat er auf, gastierte später auch in den USA und wird oft in einem Atemzug genannt mit Tony Murena aus dem Piemont. Fünfhundert Stücke soll Murena komponiert haben, darunter das geniale „Indifférence“. Tziganes-Feeling und Valse Musette fusioniert auch der Jüngste in diesem Triumvirat, Jo Privat.

„Es ist ein bizarres Instrument im Jazz, ich weiß. Man weiß einfach, dass es nie wie ein Saxofon klingen wird.“ (Lanny Dijay)

Barfüßig betritt Vincent Peirani mit seinem Blutsbruder Émile Parisien am Sopransaxofon die Bühne, mit „Song of Medina“ von Sidney Bechet bringen sie jeden Saal zum Kochen. Wie für Galliano ist auch für Peirani, Jahrgang 1980, das Akkordeon das Hauptins­trument. Er hat viele Preise gewonnen, mit sechzehn Jahren den des Pariser Conservatoire National Supérieur. In Vincents Heimatstadt Nizza gastierte 1945 ein gewisser Orlando DiGirolamo alias Lanny Dijay – ein großer Unbekannter. 1981 tauchte er plötzlich wieder auf Kip Hanrahans Debütalbum „Coup de tête“ auf: Mit seinem „La Tosca“-Akkordeon begleitet er Carla Bley im „India Song“. Lanny Dijay sagte, das Akkordeon habe „ganz spezifische Eigenheiten, die es zu nutzen gilt“.

Von Jean-Louis Matinier zeigen besonders die Alben mit dem Tarkovsky Quartett das souveräne, zum Stilprinzip erhobene Abbiegen von Traditionen. Matinier studierte besonders die russischen Vorläufer. Luciano Berio schrieb ein Konzert für Akkordeon. Hans Hassler, 1945 in Chur geboren, ist ein Tausendsassa als Pianist, Klarinettist, Anglist, Musikwissenschaftler und Toningenieur. Der Titel unserer Story stammt von ihm: „Wie die Zeit hinter mir her.“ Das Knopfakkordeon verführt dazu, sehr schnell zu spielen. Hasslers Debütalbum hieß „sehr schnee sehr wald sehr“ (Intakt, 2007). Auch der Wuppertaler Rüdiger Carl überrascht mit Freestyle-untypischen Klängen, die einen aufschrecken wie seltsame Geräusche im Wald. Ein weiter Weg führt vom unbeschwerten Swing einer Alice Hall zu den Experimenten von Pauline Oliveros und Andrea Parkins.

Das Album „Vagabonde Blu“ (2014) von Frode Haltli aus Norwegen ragt wie ein riesiger Eisberg hervor. Haltli gelingt es, sehr subtil ungeheure Tiefe und endlose Weite zu evozieren, seine Musik und seine Band nennt er Avant-Folk. Viele Komponisten schrieben Werke für ihn, mit dem Saxofonisten Trygve Seim hat er seit Langem ein Duo, das einen beseelten nordischen Kammer-Jazz spielt. Haltli interessieren viele Arten von Musik, doch wird daraus kein Stilmix, sondern alles ist das kreative Resultat einer langen Suche. „Ich habe ein Instrument, das nirgendwohin passt – oder überallhin. Ich habe Klassik studiert, bin aber vor allem in der Neuen Musik und mit meiner Band aktiv. Improvisieren mag ich sehr, verfüge über mannigfaltige Techniken und Bezüge, ob Jazz oder Folk.“

Auch Luciano Biondini, 1971 in Spoleto/Umbrien geboren, hat die Fisarmonica von ihren Klischees befreit. Klassisch ausgebildet, wandte er sich erst mit 23 Jahren dem Jazz zu. „Ich wusste bis dahin nicht so recht, dass es diese Musik überhaupt gab, eine neue Welt tat sich auf.“ Geprägt wie so viele durch die Bandoneonistas Astor Piazzolla und Dino Saluzzi, zählt für ihn Keith Jarrett zu den größten Improvisatoren. Mit neunzehn Jahren rührte Biondini das Akkordeon eine ganze Weile nicht mehr an: „Es gab keine Jobs, ich musste in der Fabrik arbeiten.“ Dann erlebte ein Kumpel aus der Fabrik ein Konzert von Richard Galliano und sagte ihm: „Das kannst du auch!“ 2011 erschien von Biondinis Trio mit Michel Godard (Tuba) und Lucas Niggli (Percussion) „What Is There, What Is Not“: Wie im Klanglabor schaut man drei Alchemisten über die Schulter, Welten prallen aufeinander. 2001 entstand mit dem Klarinettisten Gabriele Mirabassi und Biondini an seinem kostbaren Knopfakkordeon von Victoria das Album „1-0 (uno a zero)“, eine furiose Hommage an den Brasilianer Pixinguinha. 2014 brachte er nach „Prima Del Cuore“ sein zweites Soloalbum, „Senza Fine“, heraus.

Gianni Coscia erblickte vor 95 Jahren in Alessandria/Piemont das Licht der Welt. Er freut sich, dass jetzt sein erstes (!) Soloalbum „La Violetera“ fertig ist. „Wie alle meine Platten enthält es eine Geschichte, die die Geschichte meines Lebens ist“, verrät er verschmitzt lächelnd. Coscia, der sich im Spiel treiben lassen und zarte Dinge in der Schwebe halten kann, erzählt diesmal sechzehn kleine Jazz-Storys. Im Kopf hatte er als „Schlüsselreiz“ den Sound des Stan-Kenton-Orchesters aus den Fünfzigern. „In jenen Jahren war das Akkordeon im Jazz auf dem Index.“ An zwei Nachmittagen – in den Pausen zu einem Album mit seinem Duopartner, dem Klarinettisten Gianluigi Trovesi – setzte Gianni sich allein vors Mikrofon. Coscia war einer der Ersten in Italien, die Piazzolla spielten, während man in Jazzclubs spottete: „Bring uns ‚La Cumparsita‘!“ Er ist ein sensibler Improvisator und perfekter Begleiter mit souveränem Duktus, zu hören ist das auf den viel gelobten, zeitlos schönen Alben mit Trovesi bei ECM: „In cerco di cibo“, „Round About Weill“, „Frère Jacques – Round About Offenbach“ und „La misteriosa musica della Regina Loana“. Es sind tiefgründige Exkurse, vertonte Begebenheiten, stille Reflexionen. „Ich wollte nie beeindrucken, ich hätte es auch nicht gekonnt“, sagt Gianni Coscia.

Last not least ein Ungetüm am Schifferklavier: Wie eine Naturgewalt kommt Antonello Salis aus Sardinien daher, ein Rodeoreiter an seiner Fisarmonica. Stürmisch das Temperament, überschäumend, voller Pathos. Anto­nello singt beim Spielen gerne mit und segelt hart am Wind durch zerklüftete Gefilde. Im Stück „Sogni Caraibici“ gipfelte sein Duoalbum „Lester“ (Soul Note, 1988) mit dem brasilianischen Percussionisten Naná Vasconcelos, das nichts von seiner Faszination verloren hat.

Im Jahre 1996 erschien E. Annie Proulx’ großer Roman „Accordeon Crimes“. Ein sizilianischer Immi­grant hatte im 19. Jahrhundert ein grünes Akkordeon gebaut, das von der Autorin auf eine Odyssee durch die Vereinigten Staaten geschickt wird. Guy Klucevsek (1947-2025), der kein Genre verschmähte und zur Avantgarde an diesem Instrument zählte, las den Roman. Dann schrieb er eine Proulx gewidmete achtteilige Suite, „Accordion Misdemeanors“, die auf seinem Album „The Well-Tampered Accordion“ zu hören ist.

Klucevsek sah sich weniger als Akkordeonist, sondern mehr als Komponist, mit Einflüssen aus Osteuropa, dem Balkan, Zydeco oder Tex-Mex. Auf seinem Debütalbum „Scenes From A Mirage“ von 1987 oder auf „The
Heart of the Andes“ kommt sein Spiel optimal zur Geltung. Anfangs präsentierte er Tagesschlager auf Hochzeiten und schrieb dann viel fürs moderne Tanztheater. Er zitierte gerne Charles Mingus: „Wenn der weiße Mann etwas entwickeln will, sollte er sich die Polka vornehmen.“ Für ihn komponierte John Zorn das unglaubliche, aus 53 Teilen bestehende „Road Runner“ für Akkordeon solo. Zorns Tzadik-­Label produzierte auch die Gruppe Zakarya aus dem Elsass mit ihrem Avant-Klezmer, über zehn Jahre entstanden fünf starke Alben mit ihrem Bandleader Yves Weyh. Ebenfalls für Tzadik schuf Ted Reichman 2003 mit „Émigré“ eine Hommage an den Fotografen André Kertesz.

Nachdem der Wiener Cyrill Demian sich 1829 seine Erfindung hatte patentieren lassen, die er „Accordion“ getauft hatte, verbreiteten sich die massenhaft hergestellten Handorgeln bald in unzähligen Varianten über den ganzen Globus. Die aus Italien, Deutschland oder Irland nach einer besseren Zukunft ausströmenden Arbeitsemigranten hatten sie im Gepäck. Oder bestellten per Katalog von Victoria in Castelfidardo, von Hohner in Trossingen oder die Harmonikas aus dem sächsischen Klingenthal. Django Reinhardt war als Teenager am Banjo auf den Pariser Musette-Bällen aktiv. 1939 erlebte der Geiger Stéphane Grappelli in einem Londoner Pub einen blinden Akkordeonisten, George Shearing. Auch für Joe Zawinul und Hermeto Pascoal war die Ziehharmonika ihr Einstieg in den Jazz.

Als Sohn eines Akkordeonlehrers wurde Richard Galliano 1950 in Cannes geboren. Früh schon zeigte er Interesse, mit zehn Jahren erhielt er regulären Unterricht. „Als mein Vater mir den ,Hummelflug‘ von Rimski-Korsakow vorspielte, das war wie ein Schock.“ Das erste Album des Amerikaners Art Van Damme empfahl ihm der Vater, der auch ein wenig Jazz mochte. Das zweite Schlüsselerlebnis hatte Richard, als er Le Jazz Brésilien von Sivuca entdeckte: Sambas, Bossas, Forró und Choros. „Junge Franzosen hassten das Ding, wer in der Beat-Ära ein Akkordeon anschleppte, wurde ausgebuht“, erinnert er sich. Erst als Marcel Azzola die Chansons von Jacques Brel begleitete, sei eine gewisse Akzeptanz entstanden. „Um mir etwas zu beweisen“ wagte Galliano sich an Bach-Präludien und -Fugen, bei der Deutschen Grammophon erschienen seine Alben mit Werken von Bach und Vivaldi. Als ihm Astor Piazzolla ein diatonisches Bandoneon verkaufte, erlernte Galliano auch das. Aus dem Musette-Jazz der 1940er Jahre, den Ideen Sivucas und Piazzollas kreierte er seinen Stil: Sein grandioses Album von 1991 heißt „New Musette“ (Label Bleu). Im Duo mit dem Holzbläser Michel Portal durchquerten sie souverän Stile und Genres, zu erleben auf „Blow Up“ (Dreyfus).

Das Einsickern der Ziehharmonika in die Popularmusik vieler Länder beschreibt Christoph Wagner in zwei reich bebilderten Büchern. „Zydeco“ heißt die Musik der Schwarzen aus Südwest-Louisiana und „Cajun“ die der Weißen. Clifton Chenier war der König des Zydeco, beim Spielen trug er eine funkelnde Krone, über vier Stunden agierte er an seiner achtzehn Kilo schweren Hohner. Wie er und sein Bruder Cleveland am Waschbrett miteinander duettierten, das hatte starke afrikanische Wurzeln. Ab den 1980er Jahren reaktivierte man in Pop und Rock die aus der Mode gekommene Quetsche: Grace Jones posierte für „I’ve seen that face before“, der Hitversion von Piazzollas „Libertango“, mit einem Akkordeon.  Auch die New-Wave-Fraktion entdeckte für sich den „Öko-Synthie“, für den man keine Steckdose braucht.

Die Aficionados fahnden heute wie Detektive nach Vinylschätzen alter Meister wie Jo Privat und Joss Baselli. Ende der 1920er Jahre war das Akkordeon nur sporadisch im Jazz zu hören, dank Le Bal Musette zuerst mehr in Paris als in den USA. Mit den Tziganes wie etwa den Brüdern Ferret kamen die Gitarren, die Gus Viseur und Tony Murena begleiteten. Viseur (1915-1974), gebürtig aus Belgien, zählt zu den größten Solisten seiner Epoche, er schrieb Klassiker wie „Swing Valse“ und „Flambée montalbanaise“. Viseur begleitete Edith Piaf in der Ersteinspielung von „L’Accordéoniste“. In den Cafés des Pariser Viertels Ménilmontant trat er auf, gastierte später auch in den USA und wird oft in einem Atemzug genannt mit Tony Murena aus dem Piemont. Fünfhundert Stücke soll Murena komponiert haben, darunter das geniale „Indifférence“. Tziganes-Feeling und Valse Musette fusioniert auch der Jüngste in diesem Triumvirat, Jo Privat.

„Es ist ein bizarres Instrument im Jazz, ich weiß. Man weiß einfach, dass es nie wie ein Saxofon klingen wird.“ (Lanny Dijay)

Barfüßig betritt Vincent Peirani mit seinem Blutsbruder Émile Parisien am Sopransaxofon die Bühne, mit „Song of Medina“ von Sidney Bechet bringen sie jeden Saal zum Kochen. Wie für Galliano ist auch für Peirani, Jahrgang 1980, das Akkordeon das Hauptins­trument. Er hat viele Preise gewonnen, mit sechzehn Jahren den des Pariser Conservatoire National Supérieur. In Vincents Heimatstadt Nizza gastierte 1945 ein gewisser Orlando DiGirolamo alias Lanny Dijay – ein großer Unbekannter. 1981 tauchte er plötzlich wieder auf Kip Hanrahans Debütalbum „Coup de tête“ auf: Mit seinem „La Tosca“-Akkordeon begleitet er Carla Bley im „India Song“. Lanny Dijay sagte, das Akkordeon habe „ganz spezifische Eigenheiten, die es zu nutzen gilt“.

Von Jean-Louis Matinier zeigen besonders die Alben mit dem Tarkovsky Quartett das souveräne, zum Stilprinzip erhobene Abbiegen von Traditionen. Matinier studierte besonders die russischen Vorläufer. Luciano Berio schrieb ein Konzert für Akkordeon. Hans Hassler, 1945 in Chur geboren, ist ein Tausendsassa als Pianist, Klarinettist, Anglist, Musikwissenschaftler und Toningenieur. Der Titel unserer Story stammt von ihm: „Wie die Zeit hinter mir her.“ Das Knopfakkordeon verführt dazu, sehr schnell zu spielen. Hasslers Debütalbum hieß „sehr schnee sehr wald sehr“ (Intakt, 2007). Auch der Wuppertaler Rüdiger Carl überrascht mit Freestyle-untypischen Klängen, die einen aufschrecken wie seltsame Geräusche im Wald. Ein weiter Weg führt vom unbeschwerten Swing einer Alice Hall zu den Experimenten von Pauline Oliveros und Andrea Parkins.

Das Album „Vagabonde Blu“ (2014) von Frode Haltli aus Norwegen ragt wie ein riesiger Eisberg hervor. Haltli gelingt es, sehr subtil ungeheure Tiefe und endlose Weite zu evozieren, seine Musik und seine Band nennt er Avant-Folk. Viele Komponisten schrieben Werke für ihn, mit dem Saxofonisten Trygve Seim hat er seit Langem ein Duo, das einen beseelten nordischen Kammer-Jazz spielt. Haltli interessieren viele Arten von Musik, doch wird daraus kein Stilmix, sondern alles ist das kreative Resultat einer langen Suche. „Ich habe ein Instrument, das nirgendwohin passt – oder überallhin. Ich habe Klassik studiert, bin aber vor allem in der Neuen Musik und mit meiner Band aktiv. Improvisieren mag ich sehr, verfüge über mannigfaltige Techniken und Bezüge, ob Jazz oder Folk.“

Auch Luciano Biondini, 1971 in Spoleto/Umbrien geboren, hat die Fisarmonica von ihren Klischees befreit. Klassisch ausgebildet, wandte er sich erst mit 23 Jahren dem Jazz zu. „Ich wusste bis dahin nicht so recht, dass es diese Musik überhaupt gab, eine neue Welt tat sich auf.“ Geprägt wie so viele durch die Bandoneonistas Astor Piazzolla und Dino Saluzzi, zählt für ihn Keith Jarrett zu den größten Improvisatoren. Mit neunzehn Jahren rührte Biondini das Akkordeon eine ganze Weile nicht mehr an: „Es gab keine Jobs, ich musste in der Fabrik arbeiten.“ Dann erlebte ein Kumpel aus der Fabrik ein Konzert von Richard Galliano und sagte ihm: „Das kannst du auch!“ 2011 erschien von Biondinis Trio mit Michel Godard (Tuba) und Lucas Niggli (Percussion) „What Is There, What Is Not“: Wie im Klanglabor schaut man drei Alchemisten über die Schulter, Welten prallen aufeinander. 2001 entstand mit dem Klarinettisten Gabriele Mirabassi und Biondini an seinem kostbaren Knopfakkordeon von Victoria das Album „1-0 (uno a zero)“, eine furiose Hommage an den Brasilianer Pixinguinha. 2014 brachte er nach „Prima Del Cuore“ sein zweites Soloalbum, „Senza Fine“, heraus.

Gianni Coscia erblickte vor 95 Jahren in Alessandria/Piemont das Licht der Welt. Er freut sich, dass jetzt sein erstes (!) Soloalbum „La Violetera“ fertig ist. „Wie alle meine Platten enthält es eine Geschichte, die die Geschichte meines Lebens ist“, verrät er verschmitzt lächelnd. Coscia, der sich im Spiel treiben lassen und zarte Dinge in der Schwebe halten kann, erzählt diesmal sechzehn kleine Jazz-Storys. Im Kopf hatte er als „Schlüsselreiz“ den Sound des Stan-Kenton-Orchesters aus den Fünfzigern. „In jenen Jahren war das Akkordeon im Jazz auf dem Index.“ An zwei Nachmittagen – in den Pausen zu einem Album mit seinem Duopartner, dem Klarinettisten Gianluigi Trovesi – setzte Gianni sich allein vors Mikrofon. Coscia war einer der Ersten in Italien, die Piazzolla spielten, während man in Jazzclubs spottete: „Bring uns ‚La Cumparsita‘!“ Er ist ein sensibler Improvisator und perfekter Begleiter mit souveränem Duktus, zu hören ist das auf den viel gelobten, zeitlos schönen Alben mit Trovesi bei ECM: „In cerco di cibo“, „Round About Weill“, „Frère Jacques – Round About Offenbach“ und „La misteriosa musica della Regina Loana“. Es sind tiefgründige Exkurse, vertonte Begebenheiten, stille Reflexionen. „Ich wollte nie beeindrucken, ich hätte es auch nicht gekonnt“, sagt Gianni Coscia.

Last not least ein Ungetüm am Schifferklavier: Wie eine Naturgewalt kommt Antonello Salis aus Sardinien daher, ein Rodeoreiter an seiner Fisarmonica. Stürmisch das Temperament, überschäumend, voller Pathos. Anto­nello singt beim Spielen gerne mit und segelt hart am Wind durch zerklüftete Gefilde. Im Stück „Sogni Caraibici“ gipfelte sein Duoalbum „Lester“ (Soul Note, 1988) mit dem brasilianischen Percussionisten Naná Vasconcelos, das nichts von seiner Faszination verloren hat.

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