Ein Neuerer am Pult
Er glaubt an die heilende Kraft der Musik und liebt kaum etwas mehr als Überraschungen. François Leleux hat viel vor mit der Kammerakademie Potsdam

Wann haben Sie im Konzert das letzte Mal gestaunt? Wann sind Sie gar so richtig überrascht worden? Bei etablierten Konzertgängern ist das kindliche Staunen von einst oft längst einer anspruchsvollen Routine gewichen, die Formate sind vertraut, die Stückauswahl ist ebenso wie die der Künstler und Komponisten meist wenig überraschend.
François Leleux möchte das ändern und Momente erschaffen, die vermeintliche Gewissheiten aus den Angeln heben und Raum öffnen für neue Entdeckungen. Seit dieser Saison ist der französische Oboist und Dirigent Künstlerischer Leiter der Kammerakademie Potsdam und damit Nachfolger von Antonello Manacordo bei einem der führenden Kammerorchester Europas. Der Gestaltungswille von Leleux in seinem neuen Amt scheint enorm. „Meine Eltern sind jetzt 82 und 84 und fit wie Dreißigjährige. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“, sagt Leleux, lacht laut und blickt erwartungsvoll in die Kamera.
1971 in Nordfrankreich geboren, wuchs er in einer Großfamilie als zweites von insgesamt sieben Geschwistern auf. Als er mit viereinhalb Jahren eine Präsentation von Instrumenten an der Musikschule besuchte, fiel ihm sofort die Oboe ins Auge. Aus anfangs recht profanen Gründen: „Damals ging das gerade los mit den elektronischen Spielzeugen, und diese Oboe hatte überall so schöne Klappen und Knöpfe – das hat mir gefallen“, erzählt Leleux und lacht. „So ein Ding möchte ich haben“, sagte er zu seinen Eltern, und mit fünf erhielt er bereits seinen ersten Unterricht. In den folgenden Jahren übte er „sehr viel und gern“, wie er erzählt. Schnell galt er als musikalisches Wunderkind, mit vierzehn ging er ans Konservatorium in Paris, mit achtzehn wurde er Erster Solo-Oboist an der Bastille-Oper. Mit neunzehn Jahren gewann er den ARD-Musikwettbewerb, drei Jahre später wechselte er abermals als Solo-Oboist zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, wo gerade Lorin Maazel als Chefdirigent begann. Eine Weltkarriere im Zeitraffer.
Dabei war Leleux schon bald nicht mehr nur als Oboist erfolgreich. Auch als Dirigent erhielt er zunehmend Angebote, und längst arbeitet er regelmäßig mit Orchestern wie den Bamberger Symphonikern, dem hr-Sinfonieorchester und der Camerata Salzburg zusammen. Aus seiner Sicht bedingt das eine das andere. Unzählige Dirigenten hat er von seinem Platz im Orchester aus erlebt, hat ihre Körpersprache studiert und ihre Ausstrahlung gespürt. „Ich habe sehr viel beobachtet und dabei unglaublich viel gelernt“, sagt Leleux. Dadurch habe er einen sehr feinen Sinn dafür entwickelt, „was die Orchestermusiker technisch und musikalisch von einem Dirigenten erwarten“, und eine klare Vorstellung davon, „wie man eine Gruppe von Musikern von A nach B“ bringe.
Heute geht seine Solistentätigkeit mit jener des Dirigenten oft Hand in Hand. „Ich spiele sechzig Prozent der Zeit als Solist und dirigiere achtzig Prozent – das ist möglich, weil ich oft als dirigierender Solist auftrete“, sagt Leleux. Er selbst erlebt das als Bereicherung. „Dadurch, dass ich selbst spiele, habe ich einen besseren Zugang zur Musik. Ich erlebe sie quasi auf meiner eigenen Haut, das ist ein großer Vorteil beim Dirigieren.“ Seine Arbeit mit dem Orchester vergleicht Leleux mit der am Instrument. „So wie ich mich als Oboist einem anderen Rohr am Instrument anpassen muss, so erlebe ich das auch als Dirigent. Jedes Orchester ist ein bisschen anders und reagiert anders. Da muss ich meine Körpersprache entsprechend darauf einstellen.“
Letztlich aber gehe es immer darum, die musikalische Botschaft zu vermitteln, die man habe. Um die zu ergründen, widmet sich Leleux – ganz gleich ob als Oboist oder als Dirigent – intensiv der Partitur und geht gleichsam mit ihrem Schöpfer ins Gespräch. „Ich stelle mir dann viele Fragen. Warum hat er hier ein Sforzato geschrieben, warum steht dort diese Bindung, warum spielen hier nur die Streicher, was bezweckt diese Artikulationsbezeichnung, warum sind es hier auf einmal zehn Takte statt zuvor acht …?“ Jedes kleine Detail sei für ihn ein kleines Geheimnis, das er versuche, durch das Studium der Partitur zu entschlüsseln. Für Leleux gleicht dieser Prozess dem schrittweisen Lösen eines reizvollen Rätsels. „Das ist wahnsinnig spannend. Man kann stundenlang über der Partitur sitzen und sich fragen, was das Ziel des Komponisten war, nicht nur musikalisch, auch philosophisch.“
Für die Suche nach Antworten im inneren Dialog mit einem Beethoven, Mozart oder Haydn hat Leleux viel gelernt aus den echten Gesprächen mit zeitgenössischen Komponisten. „Was ich dabei am Interessantesten fand, ist, dass die Komponisten meist überhaupt nicht so pedantisch sind, wie die Vertreter der historischen Aufführungspraxis es uns manchmal glauben machen wollen“, sagt Leleux. Für ihn ist das vergleichbar mit einer Religion, bei der die Jünger deutlich ideologischer unterwegs seien als der Kern selbst. Seine Erkenntnis: „Die Komponisten sind viel offener als die Extremisten, die sie verteidigen wollen.“ Beethoven zum Beispiel werde aus seiner Sicht häufig missverstanden. „Ich bin überzeugt davon, dass Beethoven nicht mit einem festen Tempo gespielt werden muss. Seine Musik ist so launisch und emotional, da schränkt ein zu regelmäßiges Tempo nur ein.“
Die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Musik hat Leleux schon früh fasziniert. „Moderne Musik war für mich schon immer das Wichtigste. Man muss in die Zukunft investieren, und das ist die moderne Musik“, sagt Leleux. Schon als Neunzehnjähriger steckte er Preisgelder in Auftragskompositionen, heute setzt er gezielt zeitgenössische Kompositionen aufs Programm und gibt sein Wissen als Professor an der Hochschule für Musik und Theater in München an seine Studenten weiter.
In Potsdam möchte Leleux nun „sehr viel Neues probieren“ und Konzerte auf eine andere Art veranstalten. Was das konkret bedeutet? „Ich möchte, dass das Konzert ein sozialer Treffpunkt wird in der Stadt, dass alle Potsdamer den Konzertsaal als eigenes Wohnzimmer erleben, in dem sie auch vor und nach dem Konzert etwas erleben und sich wohlfühlen.“ Die Idee: Schon eine Stunde vor den Hauptkonzerten finden im Foyer im Viertelstundentakt Minikonzerte etwa von örtlichen Schulmusikern statt, im Anschluss ans große Konzert mischen sich die Musiker unter die Zuschauer und sind bei einem Glas Wein offen für Gespräche.
Im Konzert selbst beginnt die Veränderung, schon bevor nur der erste Ton erklingt. Der Konzertsaal ist für Leleux ein heiliger Raum, der den Rahmen bereitet für ein einzigartiges Kunsterlebnis. Entsprechend stört ihn alles, was von der Musik ablenkt – etwa das Klatschen des Publikums, wenn die Musiker auf die Bühne kommen, oder das Stimmen des Orchesters vor Beginn der Aufführung. „Wenn ich als Zuhörer in einem Orchesterkonzert sitze, höre ich vor dem Konzert oft, wie Musiker während des Stimmens noch eben ihr Solo vom nächsten Auftritt proben. Das finde ich schrecklich“, sagt Leleux. Im Theater wäre es schließlich auch undenkbar, dass der Schauspieler noch eben den Hamlet zitiere, bevor er den Faust spiele.
„Auch ein Konzert ist eine Show, hat eine Botschaft und ein kostbares Material. Deshalb möchte ich, dass als Erstes die Musik die Ohren trifft, nicht das laute Klatschen“, sagt Leleux. Um das zu erreichen, wird jenseits der Bühne gestimmt und das Licht bereits gedimmt, bevor er und die Musiker die Bühne betreten und sich in der Stille auf ihre Stühle setzen. Dann gibt Leleux ein Zeichen, und die Musik beginnt.
Das Ziel bei alledem ist für Leleux immer eine Vertiefung der Musik. „Ich glaube sehr stark an die gemeinsame Konzentration und die Einheit von Menschen in einem Raum. Wenn wir zum Beispiel einen langsamen Satz spielen und das Orchester einen schönen Puls hat, werden sich die Herzen der Menschen in der Geschwindigkeit anpassen“, ist Leleux überzeugt. Dabei habe die Musik eine psychische Kraft, die heilen könne. „Die Musik kann dabei helfen, den Geist vom Körper zu befreien. Im schönsten Fall geschieht genau das im Konzert, sowohl bei den Musikern als auch beim Publikum.“
Auch was das Programm selbst anbelangt, hat sich Leleux Neuerungen vorgenommen. Deutlich mehr Zeitgenossen möchte er ins Programm holen, aber ohne dass die unter sich bleiben. „Ich halte nicht viel davon, einerseits rein moderne Programme zu haben und dann wieder nur Brahms und Schubert. Stattdessen sollte die Musik von heute mit den Klassikern gemischt werden“, sagt Leleux. „Diese immer gleichen Symphonien müssen durchbrochen werden.“ Lieber möchte er sein Publikum überraschen und zum Neu-Hören und -Denken anregen. Wie das funktionieren kann, hat er gleich beim Eröffnungskonzert der aktuellen Saison gezeigt, bei dem er Werke von Joseph Haydn, Hector Berlioz und dem Zeitgenossen Nicolas Bacri kombiniert hat. Der Titel seines Antrittskonzerts: „Überraschungen“. „Ich glaube, wir sind alle große Kinder und brauchen Überraschungen.“ Erlebe ein Erwachsener eine schöne Überraschung, fühle er sich auf einmal wieder wie ein Kind. Ebendiesen Zustand zu erreichen, sei die Aufgabe von Kunst.
Wann haben Sie im Konzert das letzte Mal gestaunt? Wann sind Sie gar so richtig überrascht worden? Bei etablierten Konzertgängern ist das kindliche Staunen von einst oft längst einer anspruchsvollen Routine gewichen, die Formate sind vertraut, die Stückauswahl ist ebenso wie die der Künstler und Komponisten meist wenig überraschend.
François Leleux möchte das ändern und Momente erschaffen, die vermeintliche Gewissheiten aus den Angeln heben und Raum öffnen für neue Entdeckungen. Seit dieser Saison ist der französische Oboist und Dirigent Künstlerischer Leiter der Kammerakademie Potsdam und damit Nachfolger von Antonello Manacordo bei einem der führenden Kammerorchester Europas. Der Gestaltungswille von Leleux in seinem neuen Amt scheint enorm. „Meine Eltern sind jetzt 82 und 84 und fit wie Dreißigjährige. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“, sagt Leleux, lacht laut und blickt erwartungsvoll in die Kamera.
1971 in Nordfrankreich geboren, wuchs er in einer Großfamilie als zweites von insgesamt sieben Geschwistern auf. Als er mit viereinhalb Jahren eine Präsentation von Instrumenten an der Musikschule besuchte, fiel ihm sofort die Oboe ins Auge. Aus anfangs recht profanen Gründen: „Damals ging das gerade los mit den elektronischen Spielzeugen, und diese Oboe hatte überall so schöne Klappen und Knöpfe – das hat mir gefallen“, erzählt Leleux und lacht. „So ein Ding möchte ich haben“, sagte er zu seinen Eltern, und mit fünf erhielt er bereits seinen ersten Unterricht. In den folgenden Jahren übte er „sehr viel und gern“, wie er erzählt. Schnell galt er als musikalisches Wunderkind, mit vierzehn ging er ans Konservatorium in Paris, mit achtzehn wurde er Erster Solo-Oboist an der Bastille-Oper. Mit neunzehn Jahren gewann er den ARD-Musikwettbewerb, drei Jahre später wechselte er abermals als Solo-Oboist zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, wo gerade Lorin Maazel als Chefdirigent begann. Eine Weltkarriere im Zeitraffer.
Dabei war Leleux schon bald nicht mehr nur als Oboist erfolgreich. Auch als Dirigent erhielt er zunehmend Angebote, und längst arbeitet er regelmäßig mit Orchestern wie den Bamberger Symphonikern, dem hr-Sinfonieorchester und der Camerata Salzburg zusammen. Aus seiner Sicht bedingt das eine das andere. Unzählige Dirigenten hat er von seinem Platz im Orchester aus erlebt, hat ihre Körpersprache studiert und ihre Ausstrahlung gespürt. „Ich habe sehr viel beobachtet und dabei unglaublich viel gelernt“, sagt Leleux. Dadurch habe er einen sehr feinen Sinn dafür entwickelt, „was die Orchestermusiker technisch und musikalisch von einem Dirigenten erwarten“, und eine klare Vorstellung davon, „wie man eine Gruppe von Musikern von A nach B“ bringe.
Heute geht seine Solistentätigkeit mit jener des Dirigenten oft Hand in Hand. „Ich spiele sechzig Prozent der Zeit als Solist und dirigiere achtzig Prozent – das ist möglich, weil ich oft als dirigierender Solist auftrete“, sagt Leleux. Er selbst erlebt das als Bereicherung. „Dadurch, dass ich selbst spiele, habe ich einen besseren Zugang zur Musik. Ich erlebe sie quasi auf meiner eigenen Haut, das ist ein großer Vorteil beim Dirigieren.“ Seine Arbeit mit dem Orchester vergleicht Leleux mit der am Instrument. „So wie ich mich als Oboist einem anderen Rohr am Instrument anpassen muss, so erlebe ich das auch als Dirigent. Jedes Orchester ist ein bisschen anders und reagiert anders. Da muss ich meine Körpersprache entsprechend darauf einstellen.“
Letztlich aber gehe es immer darum, die musikalische Botschaft zu vermitteln, die man habe. Um die zu ergründen, widmet sich Leleux – ganz gleich ob als Oboist oder als Dirigent – intensiv der Partitur und geht gleichsam mit ihrem Schöpfer ins Gespräch. „Ich stelle mir dann viele Fragen. Warum hat er hier ein Sforzato geschrieben, warum steht dort diese Bindung, warum spielen hier nur die Streicher, was bezweckt diese Artikulationsbezeichnung, warum sind es hier auf einmal zehn Takte statt zuvor acht …?“ Jedes kleine Detail sei für ihn ein kleines Geheimnis, das er versuche, durch das Studium der Partitur zu entschlüsseln. Für Leleux gleicht dieser Prozess dem schrittweisen Lösen eines reizvollen Rätsels. „Das ist wahnsinnig spannend. Man kann stundenlang über der Partitur sitzen und sich fragen, was das Ziel des Komponisten war, nicht nur musikalisch, auch philosophisch.“
Für die Suche nach Antworten im inneren Dialog mit einem Beethoven, Mozart oder Haydn hat Leleux viel gelernt aus den echten Gesprächen mit zeitgenössischen Komponisten. „Was ich dabei am Interessantesten fand, ist, dass die Komponisten meist überhaupt nicht so pedantisch sind, wie die Vertreter der historischen Aufführungspraxis es uns manchmal glauben machen wollen“, sagt Leleux. Für ihn ist das vergleichbar mit einer Religion, bei der die Jünger deutlich ideologischer unterwegs seien als der Kern selbst. Seine Erkenntnis: „Die Komponisten sind viel offener als die Extremisten, die sie verteidigen wollen.“ Beethoven zum Beispiel werde aus seiner Sicht häufig missverstanden. „Ich bin überzeugt davon, dass Beethoven nicht mit einem festen Tempo gespielt werden muss. Seine Musik ist so launisch und emotional, da schränkt ein zu regelmäßiges Tempo nur ein.“
Die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Musik hat Leleux schon früh fasziniert. „Moderne Musik war für mich schon immer das Wichtigste. Man muss in die Zukunft investieren, und das ist die moderne Musik“, sagt Leleux. Schon als Neunzehnjähriger steckte er Preisgelder in Auftragskompositionen, heute setzt er gezielt zeitgenössische Kompositionen aufs Programm und gibt sein Wissen als Professor an der Hochschule für Musik und Theater in München an seine Studenten weiter.
In Potsdam möchte Leleux nun „sehr viel Neues probieren“ und Konzerte auf eine andere Art veranstalten. Was das konkret bedeutet? „Ich möchte, dass das Konzert ein sozialer Treffpunkt wird in der Stadt, dass alle Potsdamer den Konzertsaal als eigenes Wohnzimmer erleben, in dem sie auch vor und nach dem Konzert etwas erleben und sich wohlfühlen.“ Die Idee: Schon eine Stunde vor den Hauptkonzerten finden im Foyer im Viertelstundentakt Minikonzerte etwa von örtlichen Schulmusikern statt, im Anschluss ans große Konzert mischen sich die Musiker unter die Zuschauer und sind bei einem Glas Wein offen für Gespräche.
Im Konzert selbst beginnt die Veränderung, schon bevor nur der erste Ton erklingt. Der Konzertsaal ist für Leleux ein heiliger Raum, der den Rahmen bereitet für ein einzigartiges Kunsterlebnis. Entsprechend stört ihn alles, was von der Musik ablenkt – etwa das Klatschen des Publikums, wenn die Musiker auf die Bühne kommen, oder das Stimmen des Orchesters vor Beginn der Aufführung. „Wenn ich als Zuhörer in einem Orchesterkonzert sitze, höre ich vor dem Konzert oft, wie Musiker während des Stimmens noch eben ihr Solo vom nächsten Auftritt proben. Das finde ich schrecklich“, sagt Leleux. Im Theater wäre es schließlich auch undenkbar, dass der Schauspieler noch eben den Hamlet zitiere, bevor er den Faust spiele.
„Auch ein Konzert ist eine Show, hat eine Botschaft und ein kostbares Material. Deshalb möchte ich, dass als Erstes die Musik die Ohren trifft, nicht das laute Klatschen“, sagt Leleux. Um das zu erreichen, wird jenseits der Bühne gestimmt und das Licht bereits gedimmt, bevor er und die Musiker die Bühne betreten und sich in der Stille auf ihre Stühle setzen. Dann gibt Leleux ein Zeichen, und die Musik beginnt.
Das Ziel bei alledem ist für Leleux immer eine Vertiefung der Musik. „Ich glaube sehr stark an die gemeinsame Konzentration und die Einheit von Menschen in einem Raum. Wenn wir zum Beispiel einen langsamen Satz spielen und das Orchester einen schönen Puls hat, werden sich die Herzen der Menschen in der Geschwindigkeit anpassen“, ist Leleux überzeugt. Dabei habe die Musik eine psychische Kraft, die heilen könne. „Die Musik kann dabei helfen, den Geist vom Körper zu befreien. Im schönsten Fall geschieht genau das im Konzert, sowohl bei den Musikern als auch beim Publikum.“
Auch was das Programm selbst anbelangt, hat sich Leleux Neuerungen vorgenommen. Deutlich mehr Zeitgenossen möchte er ins Programm holen, aber ohne dass die unter sich bleiben. „Ich halte nicht viel davon, einerseits rein moderne Programme zu haben und dann wieder nur Brahms und Schubert. Stattdessen sollte die Musik von heute mit den Klassikern gemischt werden“, sagt Leleux. „Diese immer gleichen Symphonien müssen durchbrochen werden.“ Lieber möchte er sein Publikum überraschen und zum Neu-Hören und -Denken anregen. Wie das funktionieren kann, hat er gleich beim Eröffnungskonzert der aktuellen Saison gezeigt, bei dem er Werke von Joseph Haydn, Hector Berlioz und dem Zeitgenossen Nicolas Bacri kombiniert hat. Der Titel seines Antrittskonzerts: „Überraschungen“. „Ich glaube, wir sind alle große Kinder und brauchen Überraschungen.“ Erlebe ein Erwachsener eine schöne Überraschung, fühle er sich auf einmal wieder wie ein Kind. Ebendiesen Zustand zu erreichen, sei die Aufgabe von Kunst.


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