Bayreuth

Magnet in der Provinz

Von
Christoph Vratz
Erschienen in der Printausgabe im
August 2026
Lesezeit ca.
Minuten
Festspielbesucher im Sommer 1895. Foto: …trialsanderrors, CC BY 2.0
Festspielbesucher im Sommer 1895. Foto: …trialsanderrors, CC BY 2.0

Es herrscht großes Gewusel. In der ganzen Stadt, besonders aber am Bahnhof. Seit etwas mehr als zwanzig Jahren ist Bayreuth ans bayerische Eisenbahnnetz angeschlossen. Nun arbeitet man unter Hochdruck an einem neuen Bahnhofsgebäude.

König Ludwig II. ist bereits vorab zu einigen Proben erschienen. In Kürze sollen die ersten Festspiele von Bayreuth eröffnen. Es ist der August des Jahres 1876. „Am 6. abends wohnte Ludwig II. mit Wagner allein in der Fürstenloge der Generalprobe von ‚Rheingold‘ bei“, erinnert sich die Sopranistin Lilli Lehmann, „und fuhr dann durch die illuminierte Stadt im geschlossenen Wagen, ich glaube sogar mit heruntergelassenen Gardinen.“ Königliche Hoheit, zugleich größter Finanzier der Festspiele, möchte am liebsten unerkannt bleiben. Am 12. August erreicht auch der deutsche Kaiser Wilhelm I. nebst Gattin in seinem Sonderzug das fränkische Städtchen. Überraschend entsteigt er dem Waggon in Zivil. Wagner eilt zur Begrüßung herbei, ganz in Schwarz gekleidet, aber mit weißen Handschuhen. Auch Kaiser Dom Pedro II. von Brasilien wird zur Premiere erwartet. Kofferträger und Kutscher verlangen Höchstpreise.

Eine Stadt voller Erwartung. Als „ein großes Irrenhaus“ bezeichnet George Bernard Shaw Bayreuth im Jahr 1889: „Es ist eine verdammt dumme Kleinstadt.“ Wagner aber hat diesen Ort gezielt gewählt, nicht zu groß soll er sein, doch hoffentlich groß genug, um die erwarteten Besucherströme zu bewältigen. Noch gibt es zu wenige Hotelzimmer, Einheimische bieten daher Übernachtungsmöglichkeiten an, so gut es geht, auch in den Gasthäusern geht es hoch her.

1870 war Wagner erstmals in seine künftige Wahlheimat gereist, mit dem Plan, hier ein neues Festspielhaus bauen zu lassen, das ganz ausgerichtet sein sollte auf seine Ideen, vor allem auf den Mischklang zwischen dem Orchester im Graben und den Darstellern auf der Bühne. Schon Jahre zuvor hatte Wagner geschwärmt: „Oh mein unsichtbares, tiefer gelegenes, verklärtes Orchester im Theater der Zukunft.“ Als die Baumaßnahmen starten, geht es zu wie heute: Manches glückt, manches verlangt nach Neujustierung, und die poröse Finanzierung treibt nicht nur Wagner Schweißperlen auf die Stirn. Im August 1875 schließlich legt er sich fest: Am 13. August des Folgejahres soll die Eröffnung stattfinden. In der knappen verbleibenden Zeit wird weiter gewerkelt und geprobt, gebaut und gebangt,

Das neue Festspielhaus sieht man schon von Weitem. Es thront auf dem weitgehend unbewaldeten Hügel außerhalb der Stadt. 14.000 Menschen wohnen in Bayreuth, versorgt von elf Brauereien. Das leibliche Wohl ist auch Thema zwischen den Opernaufführungen: „Während des ganzen Festspiels war das Essen der Hauptgesprächsstoff der Leute“, bemerkt Peter Tschaikowsky. „Koteletts, Bratkartoffeln und Omeletts wurden weitaus eifriger diskutiert als Wagners Musik.“ Tschaikowsky ist einer der Gäste, die bereits Logis genommen haben. Aus seinem Fenster schauend, wundert er sich über die „Prozession von Musikern des Wagnertheaters mit ihrem Dirigenten Hans Richter“.

Knapp zweitausend Besucher pilgern nach Bayreuth, um die beiden ersten Zyklen des nun vollendeten „Ring des Nibelungen“ zu verfolgen, darunter 270 Künstler, überwiegend Musiker, Literaten und Theaterschaffende. Neben Peter Tschaikowsky begegnen wir unter anderem Edvard Grieg, Charles-Marie Widor, Augusta Holmès, César Cui als Korrespondent der Petersburger „Russischen Zeitung“ und Camille Saint-Saëns, der in „L’anneau du Nibelung et les représentations de Bayreuth“ ausführlich seine Premierenerfahrungen darlegt: Er spricht vom „Triumph der bühnentechnischen Illusion“ in diesem „Paradies der Zukunftskunst“. Außerdem lobt er das Festspielhaus, das – im Gegensatz zu den Pariser Theatern – nicht „eine der Zerstreuung und Schaulust dienende Stätte“ sei. „Unbestreitbar“ sei dieses neue Theater „ein Gewinn, der in Zukunft überall nutzbar gemacht werden sollte“. Schon mit der ersten Szene im „Rheingold“ wird allen Besuchern klar: Hier geschieht etwas für das Theater vollkommen Neues. „Kein Menschenauge vorher hatte je ein solches Bühnenbild gesehen“, schwärmt einer der Besucher, in diesem Fall ein Maler.

Dass Wagners Kunst nicht nur grenzenlos bewundert, sondern um sie auch leidenschaftlich gerungen wird – im wahren Wortsinn –, beweist schon vor Festspielbeginn Alfred Pringsheim, studierter Mathematiker und Physiker, späterer Professor in München und ab 1905 Schwiegervater von Thomas Mann. Pringsheims Hobby ist die Musik, insbesondere die von Richard Wagner. Höhepunkte aus Wagners Opern, darunter den Schluss aus der „Götterdämmerung“, transkribiert er für Klavierduo. Dank eines beachtlichen finanziellen Hintergrunds fördert er die Bayreuther Festspiele nach Kräften. Pringsheim ist 25 Jahre alt und verkehrt regelmäßig in der Villa Wahnfried, Wagners Privatdomizil. Eines Abends kommt es in einem Bayreuther Lokal zu einem hitzigen Wortgefecht mit einem Anti-Wagnerianer. Pringsheim fühlt sich provoziert, gerät in Rage und wirft voller Zorn einen Bierkrug auf seinen Widersacher: „In den Straßen von Bayreuth fließt bereits Blut!“, kabeln prompt die Journalisten in alle Welt. Pringsheim wird fortan „Schoppenhauer“ genannt. Richard Wagner ist über dieses tatkräftige Bekenntnis zu seinen Gunsten „not amused“. Cosima erklärt den Übeltäter zur unerwünschten Person, und Pringsheim erhält nie wieder eine Einladung nach Bayreuth.

Schon drei Jahre vor Eröffnung der Festspiele war ein besonders eifriger Wagner-Verehrer nach Bayreuth gepilgert: Anton Bruckner. Da die Villa Wahnfried ebenso eine große Baustelle war wie das Festspielhaus, wohnte Wagner in einer luxuriösen Mietwohnung, als Bruckner im September 1873 dort an des Meisters Tür klopfte. Auf Wagners Schreibtisch türmten sich Partituren, eigene, aber auch fremde, deren Urheber um die Gunst Wagners warben.

Lilli Lehmann (Mitte) als Rheinmädchen, 1876; rechte Seite: Marie Haupt als Walküre, 1876

Über die Bayreuther Begegnungen ist viel berichtet worden, vor allem viel Anekdotisches. Von Schnupftabak und viel Bier ist die Rede. Bruckner bietet Wagner seine zweite und dritte Sinfonie zur Ansicht an. Völlig berauscht, will sich Bruckner anschließend gar nicht mehr erinnern, welche der beiden Sinfonien Wagner letztlich als Widmungsgeschenk akzeptiert hat. Also geht Bruckner schriftlich auf Nummer sicher. „Symfonie in D moll, wo die Trompete das Thema beginnt“, schreibt Bruckner auf einen Zettel. Wagner retourniert diesen Zettel prompt mit den Worten: „Ja! Ja! Herzlichen Gruss! Richard Wagner.“

Was Wagner wirklich über seinen ergebenen Jünger aus Österreich gedacht hat, gehört zu den Nebelzonen der Forschung. Fest steht: Außer einigen Freitickets für Bayreuth hat sich Wagner Bruckner gegenüber nie anerkennend gezeigt. Zur Einweihung des Festspielhauses 1876 reist der notorisch scheue Bruckner erneut an, doch die Zusammenkünfte in der Villa Wahnfried möchte er eigentlich lieber meiden …

Die ersten Bayreuther Festspiele wirken auf Komponisten verschiedener Länder wie ein Magnet. „Bayreuth beherbergte nun alles, was mit Musik zu tun hatte, was sich dafür interessierte und was so tat, als verstände es etwas davon, oder als protegiere es die Kunst“, so Lilli Lehmann in ihren Erinnerungen „Mein Weg“. Die Gründe für das zahlreiche Erscheinen sind unterschiedlich. Persönliche Bewunderung wie im Falle Bruckner? Sicherlich! Doch selbst, wer Wagners Werk und seiner Person kritisch gegenübersteht, findet sich auf dem Grünen Hügel ein. Tschaikowsky etwa schreibt seinem jüngeren Bruder Modest ungefiltert: „Vom Musikalischen her ist das unglaublicher Blödsinn.“ Nach dem Besuch der „Götterdämmerung“ gesteht er: „Ich fühle mich wie aus dem Gefängnis entlassen. Vielleicht sind die ‚Nibelungen‘ ein Meisterwerk, doch wohl nie hat es etwas quälend Langatmigeres gegeben als dieses unendliche Stück.“ In seiner offiziellen „Ring“-Kritik für „Russkije Wjedomosti“ gibt sich Tschaikowsky allerdings vergleichsweise milde. Er erkennt vor allem die Besonderheit des Ortes an – und ahnt, dass Bayreuth noch die Folgegenerationen umtreiben wird.

Edvard Grieg hat sein Bayreuth-Ticket vom Leiter seines Musikverlages C. F. Peters in Leipzig, Max Abraham, erhalten – als „kleines Extrahonorar in Form eines Billetts zur Nibelungen-Aufführung“. Außerdem darf Grieg die Generalproben besuchen. In Bayreuth angekommen, berichtet er bereits am 6. August 1876 vom „sanft abfallenden Hügel“: „Die Aussicht von der Terrasse ist schön. Das Äußere des Gebäudes ist dagegen wenig ansprechend. Es sieht nüchtern und plump aus, im Wesentlichen aufgrund des über die Fassade hoch hinausragenden spitzdachigen, speicherartigen Hintergebäudes, das die Bühne mit ihrer komplizierten Maschinerie enthält.“ Ähnlich wie Saint-Saëns erwähnt Grieg die neuartige „Orchestergrube“ und erkennt ihren Zukunftswert, da „die Gesangsstimmen besser zu ihrem Recht kommen, das gesprochene Wort besser aufgenommen wird und das Orchester, wenngleich etwas gedämpft, doch als eine harmonisch geschlossene Ganzheit erklingt“.

Grieg ist beeindruckt. In sehr detaillierten Briefen, die in der Zeitung „Bergenposten“ abgedruckt werden, schildert er seine Erfahrungen mit der Erstaufführung des „Rings“, der „erfüllt“ ist „von kühner Originalität und tragischer Größe“: Er beschreibt Szene und Solisten, die Handlung sowie die Qualitäten der Musik. Schließlich bilanziert er: Wagner habe in Bayreuth einen „neuen, bedeutungsvollen Abschnitt in der Kunstgeschichte eingeweiht“. Griegs Urteil ist differenziert. Es folgt nicht allein dem Gefühl von Überwältigung, sondern basiert vor allem auf genauem Hinhören. In der Leitmotivtechnik erkennt Grieg plastische Signale, die dem Publikum Orientierung bieten und dabei helfen sollen, die Handlung besser nachzuvollziehen.

Natürlich befindet sich unter den prominenten Betrachtern vor Ort auch Wagners (nur zwei Jahre älterer) Schwiegervater Franz Liszt. Schon 1875 hat er einige Proben verfolgt, nun ist er seit dem 1. August 1876 wieder in der Stadt und wohnt in einem der Gästezimmer der Villa Wahnfried. Bei allen offiziellen und inoffiziellen Veranstaltungen ist er dabei, so auch bei einem Fünfhundert-Personen-Bankett am 18.
August im Restaurant direkt neben dem Festspielhaus. Inzwischen 64 Jahre alt, übt Liszt immer noch eine Faszination auf Frauen aus. Hier ein Lächeln, dort ein Kusshändchen. Doch er wird in diesem Umfeld weniger als Künstler, sondern vor allem als der Ermöglicher von Richard Wagner wahrgenommen. Ob er sich ausgenutzt fühlt? Seine Fast-Ehefrau Carolyne von Sayn-Wittgenstein jedenfalls behauptet, Bayreuth sei Gift für ihn – und die Wagners sowieso.

Als sich die ersten Bayreuther Festspiele dem Ende neigen, herrscht am Bahnhof abermals Chaos. Lilli Lehmann schreibt: „War das einst markgräfliche Nest schon schwer zu erreichen, weil ihm jedwede gute Eisenbahnverbindung fehlte, so wurde die Abfahrt geradezu lebensgefährlich.“ Die Stadt leert sich. Bis 1882. Ein Jahr vor Wagners Tod finden die zweiten Festspiele statt. Inzwischen hat er seinen „Parsifal“ vollendet und die gesamte Konzeption der Oper explizit auf die Bayreuther Verhältnisse zugeschnitten. Daher sind diese Festspiele allein dem neuen „Parsifal“ vorbehalten. Wieder begegnet man dem Komponisten-Who’s-who der damaligen Zeit. Der Name Camille Saint-Saëns steht ebenso auf der Gästeliste wie die seiner französischen Kollegen Vincent d’Indy, Ernest Chausson und Leo Delibes. Auch Gabriel Fauré und André Messager finden sich ein, dazu Hugo Wolf, Eugen d’Albert und Wilhelm Kienzl. Ein Jahr später ist es Gustav Mahler, der nach einer „Parsifal“-Vorstellung gesteht: „Als ich, keines Wortes fähig, aus dem Festspielhaus heraustrat, da wusste ich, dass mir das Größte, Schmerzlichste aufgegangen war und dass ich es unentweiht mit mir durch mein ganzes Leben tragen werde.“

Richard Wagner hat von Anfang an auf die Exklusivität von Bayreuth gesetzt. Nur an diesem Ort, so viel ist ihm vom ersten Moment an klar, lassen sich seine originären Vorstellungen von der Oper als Gesamtkunstwerk einfangen. Neben allen ästhetischen und auch musikpädagogischen Erfahrungen, die Bayreuth bietet, ist dies ein Ort der Inspiration, vor allem für die Komponisten, von denen sich viele nach ihrer Heimkehr mit den gesammelten Erfahrungen künstlerisch auseinandersetzen, nachahmend, distanzierend, bewundernd, weiterführend.

Es herrscht großes Gewusel. In der ganzen Stadt, besonders aber am Bahnhof. Seit etwas mehr als zwanzig Jahren ist Bayreuth ans bayerische Eisenbahnnetz angeschlossen. Nun arbeitet man unter Hochdruck an einem neuen Bahnhofsgebäude.

König Ludwig II. ist bereits vorab zu einigen Proben erschienen. In Kürze sollen die ersten Festspiele von Bayreuth eröffnen. Es ist der August des Jahres 1876. „Am 6. abends wohnte Ludwig II. mit Wagner allein in der Fürstenloge der Generalprobe von ‚Rheingold‘ bei“, erinnert sich die Sopranistin Lilli Lehmann, „und fuhr dann durch die illuminierte Stadt im geschlossenen Wagen, ich glaube sogar mit heruntergelassenen Gardinen.“ Königliche Hoheit, zugleich größter Finanzier der Festspiele, möchte am liebsten unerkannt bleiben. Am 12. August erreicht auch der deutsche Kaiser Wilhelm I. nebst Gattin in seinem Sonderzug das fränkische Städtchen. Überraschend entsteigt er dem Waggon in Zivil. Wagner eilt zur Begrüßung herbei, ganz in Schwarz gekleidet, aber mit weißen Handschuhen. Auch Kaiser Dom Pedro II. von Brasilien wird zur Premiere erwartet. Kofferträger und Kutscher verlangen Höchstpreise.

Eine Stadt voller Erwartung. Als „ein großes Irrenhaus“ bezeichnet George Bernard Shaw Bayreuth im Jahr 1889: „Es ist eine verdammt dumme Kleinstadt.“ Wagner aber hat diesen Ort gezielt gewählt, nicht zu groß soll er sein, doch hoffentlich groß genug, um die erwarteten Besucherströme zu bewältigen. Noch gibt es zu wenige Hotelzimmer, Einheimische bieten daher Übernachtungsmöglichkeiten an, so gut es geht, auch in den Gasthäusern geht es hoch her.

1870 war Wagner erstmals in seine künftige Wahlheimat gereist, mit dem Plan, hier ein neues Festspielhaus bauen zu lassen, das ganz ausgerichtet sein sollte auf seine Ideen, vor allem auf den Mischklang zwischen dem Orchester im Graben und den Darstellern auf der Bühne. Schon Jahre zuvor hatte Wagner geschwärmt: „Oh mein unsichtbares, tiefer gelegenes, verklärtes Orchester im Theater der Zukunft.“ Als die Baumaßnahmen starten, geht es zu wie heute: Manches glückt, manches verlangt nach Neujustierung, und die poröse Finanzierung treibt nicht nur Wagner Schweißperlen auf die Stirn. Im August 1875 schließlich legt er sich fest: Am 13. August des Folgejahres soll die Eröffnung stattfinden. In der knappen verbleibenden Zeit wird weiter gewerkelt und geprobt, gebaut und gebangt,

Das neue Festspielhaus sieht man schon von Weitem. Es thront auf dem weitgehend unbewaldeten Hügel außerhalb der Stadt. 14.000 Menschen wohnen in Bayreuth, versorgt von elf Brauereien. Das leibliche Wohl ist auch Thema zwischen den Opernaufführungen: „Während des ganzen Festspiels war das Essen der Hauptgesprächsstoff der Leute“, bemerkt Peter Tschaikowsky. „Koteletts, Bratkartoffeln und Omeletts wurden weitaus eifriger diskutiert als Wagners Musik.“ Tschaikowsky ist einer der Gäste, die bereits Logis genommen haben. Aus seinem Fenster schauend, wundert er sich über die „Prozession von Musikern des Wagnertheaters mit ihrem Dirigenten Hans Richter“.

Knapp zweitausend Besucher pilgern nach Bayreuth, um die beiden ersten Zyklen des nun vollendeten „Ring des Nibelungen“ zu verfolgen, darunter 270 Künstler, überwiegend Musiker, Literaten und Theaterschaffende. Neben Peter Tschaikowsky begegnen wir unter anderem Edvard Grieg, Charles-Marie Widor, Augusta Holmès, César Cui als Korrespondent der Petersburger „Russischen Zeitung“ und Camille Saint-Saëns, der in „L’anneau du Nibelung et les représentations de Bayreuth“ ausführlich seine Premierenerfahrungen darlegt: Er spricht vom „Triumph der bühnentechnischen Illusion“ in diesem „Paradies der Zukunftskunst“. Außerdem lobt er das Festspielhaus, das – im Gegensatz zu den Pariser Theatern – nicht „eine der Zerstreuung und Schaulust dienende Stätte“ sei. „Unbestreitbar“ sei dieses neue Theater „ein Gewinn, der in Zukunft überall nutzbar gemacht werden sollte“. Schon mit der ersten Szene im „Rheingold“ wird allen Besuchern klar: Hier geschieht etwas für das Theater vollkommen Neues. „Kein Menschenauge vorher hatte je ein solches Bühnenbild gesehen“, schwärmt einer der Besucher, in diesem Fall ein Maler.

Dass Wagners Kunst nicht nur grenzenlos bewundert, sondern um sie auch leidenschaftlich gerungen wird – im wahren Wortsinn –, beweist schon vor Festspielbeginn Alfred Pringsheim, studierter Mathematiker und Physiker, späterer Professor in München und ab 1905 Schwiegervater von Thomas Mann. Pringsheims Hobby ist die Musik, insbesondere die von Richard Wagner. Höhepunkte aus Wagners Opern, darunter den Schluss aus der „Götterdämmerung“, transkribiert er für Klavierduo. Dank eines beachtlichen finanziellen Hintergrunds fördert er die Bayreuther Festspiele nach Kräften. Pringsheim ist 25 Jahre alt und verkehrt regelmäßig in der Villa Wahnfried, Wagners Privatdomizil. Eines Abends kommt es in einem Bayreuther Lokal zu einem hitzigen Wortgefecht mit einem Anti-Wagnerianer. Pringsheim fühlt sich provoziert, gerät in Rage und wirft voller Zorn einen Bierkrug auf seinen Widersacher: „In den Straßen von Bayreuth fließt bereits Blut!“, kabeln prompt die Journalisten in alle Welt. Pringsheim wird fortan „Schoppenhauer“ genannt. Richard Wagner ist über dieses tatkräftige Bekenntnis zu seinen Gunsten „not amused“. Cosima erklärt den Übeltäter zur unerwünschten Person, und Pringsheim erhält nie wieder eine Einladung nach Bayreuth.

Schon drei Jahre vor Eröffnung der Festspiele war ein besonders eifriger Wagner-Verehrer nach Bayreuth gepilgert: Anton Bruckner. Da die Villa Wahnfried ebenso eine große Baustelle war wie das Festspielhaus, wohnte Wagner in einer luxuriösen Mietwohnung, als Bruckner im September 1873 dort an des Meisters Tür klopfte. Auf Wagners Schreibtisch türmten sich Partituren, eigene, aber auch fremde, deren Urheber um die Gunst Wagners warben.

Lilli Lehmann (Mitte) als Rheinmädchen, 1876; rechte Seite: Marie Haupt als Walküre, 1876

Über die Bayreuther Begegnungen ist viel berichtet worden, vor allem viel Anekdotisches. Von Schnupftabak und viel Bier ist die Rede. Bruckner bietet Wagner seine zweite und dritte Sinfonie zur Ansicht an. Völlig berauscht, will sich Bruckner anschließend gar nicht mehr erinnern, welche der beiden Sinfonien Wagner letztlich als Widmungsgeschenk akzeptiert hat. Also geht Bruckner schriftlich auf Nummer sicher. „Symfonie in D moll, wo die Trompete das Thema beginnt“, schreibt Bruckner auf einen Zettel. Wagner retourniert diesen Zettel prompt mit den Worten: „Ja! Ja! Herzlichen Gruss! Richard Wagner.“

Was Wagner wirklich über seinen ergebenen Jünger aus Österreich gedacht hat, gehört zu den Nebelzonen der Forschung. Fest steht: Außer einigen Freitickets für Bayreuth hat sich Wagner Bruckner gegenüber nie anerkennend gezeigt. Zur Einweihung des Festspielhauses 1876 reist der notorisch scheue Bruckner erneut an, doch die Zusammenkünfte in der Villa Wahnfried möchte er eigentlich lieber meiden …

Die ersten Bayreuther Festspiele wirken auf Komponisten verschiedener Länder wie ein Magnet. „Bayreuth beherbergte nun alles, was mit Musik zu tun hatte, was sich dafür interessierte und was so tat, als verstände es etwas davon, oder als protegiere es die Kunst“, so Lilli Lehmann in ihren Erinnerungen „Mein Weg“. Die Gründe für das zahlreiche Erscheinen sind unterschiedlich. Persönliche Bewunderung wie im Falle Bruckner? Sicherlich! Doch selbst, wer Wagners Werk und seiner Person kritisch gegenübersteht, findet sich auf dem Grünen Hügel ein. Tschaikowsky etwa schreibt seinem jüngeren Bruder Modest ungefiltert: „Vom Musikalischen her ist das unglaublicher Blödsinn.“ Nach dem Besuch der „Götterdämmerung“ gesteht er: „Ich fühle mich wie aus dem Gefängnis entlassen. Vielleicht sind die ‚Nibelungen‘ ein Meisterwerk, doch wohl nie hat es etwas quälend Langatmigeres gegeben als dieses unendliche Stück.“ In seiner offiziellen „Ring“-Kritik für „Russkije Wjedomosti“ gibt sich Tschaikowsky allerdings vergleichsweise milde. Er erkennt vor allem die Besonderheit des Ortes an – und ahnt, dass Bayreuth noch die Folgegenerationen umtreiben wird.

Edvard Grieg hat sein Bayreuth-Ticket vom Leiter seines Musikverlages C. F. Peters in Leipzig, Max Abraham, erhalten – als „kleines Extrahonorar in Form eines Billetts zur Nibelungen-Aufführung“. Außerdem darf Grieg die Generalproben besuchen. In Bayreuth angekommen, berichtet er bereits am 6. August 1876 vom „sanft abfallenden Hügel“: „Die Aussicht von der Terrasse ist schön. Das Äußere des Gebäudes ist dagegen wenig ansprechend. Es sieht nüchtern und plump aus, im Wesentlichen aufgrund des über die Fassade hoch hinausragenden spitzdachigen, speicherartigen Hintergebäudes, das die Bühne mit ihrer komplizierten Maschinerie enthält.“ Ähnlich wie Saint-Saëns erwähnt Grieg die neuartige „Orchestergrube“ und erkennt ihren Zukunftswert, da „die Gesangsstimmen besser zu ihrem Recht kommen, das gesprochene Wort besser aufgenommen wird und das Orchester, wenngleich etwas gedämpft, doch als eine harmonisch geschlossene Ganzheit erklingt“.

Grieg ist beeindruckt. In sehr detaillierten Briefen, die in der Zeitung „Bergenposten“ abgedruckt werden, schildert er seine Erfahrungen mit der Erstaufführung des „Rings“, der „erfüllt“ ist „von kühner Originalität und tragischer Größe“: Er beschreibt Szene und Solisten, die Handlung sowie die Qualitäten der Musik. Schließlich bilanziert er: Wagner habe in Bayreuth einen „neuen, bedeutungsvollen Abschnitt in der Kunstgeschichte eingeweiht“. Griegs Urteil ist differenziert. Es folgt nicht allein dem Gefühl von Überwältigung, sondern basiert vor allem auf genauem Hinhören. In der Leitmotivtechnik erkennt Grieg plastische Signale, die dem Publikum Orientierung bieten und dabei helfen sollen, die Handlung besser nachzuvollziehen.

Natürlich befindet sich unter den prominenten Betrachtern vor Ort auch Wagners (nur zwei Jahre älterer) Schwiegervater Franz Liszt. Schon 1875 hat er einige Proben verfolgt, nun ist er seit dem 1. August 1876 wieder in der Stadt und wohnt in einem der Gästezimmer der Villa Wahnfried. Bei allen offiziellen und inoffiziellen Veranstaltungen ist er dabei, so auch bei einem Fünfhundert-Personen-Bankett am 18.
August im Restaurant direkt neben dem Festspielhaus. Inzwischen 64 Jahre alt, übt Liszt immer noch eine Faszination auf Frauen aus. Hier ein Lächeln, dort ein Kusshändchen. Doch er wird in diesem Umfeld weniger als Künstler, sondern vor allem als der Ermöglicher von Richard Wagner wahrgenommen. Ob er sich ausgenutzt fühlt? Seine Fast-Ehefrau Carolyne von Sayn-Wittgenstein jedenfalls behauptet, Bayreuth sei Gift für ihn – und die Wagners sowieso.

Als sich die ersten Bayreuther Festspiele dem Ende neigen, herrscht am Bahnhof abermals Chaos. Lilli Lehmann schreibt: „War das einst markgräfliche Nest schon schwer zu erreichen, weil ihm jedwede gute Eisenbahnverbindung fehlte, so wurde die Abfahrt geradezu lebensgefährlich.“ Die Stadt leert sich. Bis 1882. Ein Jahr vor Wagners Tod finden die zweiten Festspiele statt. Inzwischen hat er seinen „Parsifal“ vollendet und die gesamte Konzeption der Oper explizit auf die Bayreuther Verhältnisse zugeschnitten. Daher sind diese Festspiele allein dem neuen „Parsifal“ vorbehalten. Wieder begegnet man dem Komponisten-Who’s-who der damaligen Zeit. Der Name Camille Saint-Saëns steht ebenso auf der Gästeliste wie die seiner französischen Kollegen Vincent d’Indy, Ernest Chausson und Leo Delibes. Auch Gabriel Fauré und André Messager finden sich ein, dazu Hugo Wolf, Eugen d’Albert und Wilhelm Kienzl. Ein Jahr später ist es Gustav Mahler, der nach einer „Parsifal“-Vorstellung gesteht: „Als ich, keines Wortes fähig, aus dem Festspielhaus heraustrat, da wusste ich, dass mir das Größte, Schmerzlichste aufgegangen war und dass ich es unentweiht mit mir durch mein ganzes Leben tragen werde.“

Richard Wagner hat von Anfang an auf die Exklusivität von Bayreuth gesetzt. Nur an diesem Ort, so viel ist ihm vom ersten Moment an klar, lassen sich seine originären Vorstellungen von der Oper als Gesamtkunstwerk einfangen. Neben allen ästhetischen und auch musikpädagogischen Erfahrungen, die Bayreuth bietet, ist dies ein Ort der Inspiration, vor allem für die Komponisten, von denen sich viele nach ihrer Heimkehr mit den gesammelten Erfahrungen künstlerisch auseinandersetzen, nachahmend, distanzierend, bewundernd, weiterführend.

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